{"id":1021,"date":"2004-01-21T11:52:34","date_gmt":"2004-01-21T10:52:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1021"},"modified":"2013-03-10T11:53:18","modified_gmt":"2013-03-10T10:53:18","slug":"uber-das-wunschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/01\/21\/uber-das-wunschen\/","title":{"rendered":"\u00dcber das W\u00fcnschen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Was wir uns w\u00fcnschen&#8220; &#8211; nat\u00fcrlich durfte dieser Schreibimpuls in einem &#8222;Kurs f\u00fcr Jahresendzeitmuffel&#8220; nicht fehlen! Egal, wie skeptisch, kritisch, oder belustigt man auf den kalendarischen Start in ein neues Jahr schauen mag: Irgendwo kommen sie doch um die Ecke, kleine und gro\u00dfe W\u00fcnsche, Unzufriedenheiten, Sehns\u00fcchte nach Ver\u00e4nderung. Zum neuen Jahr gibt&#8217;s f\u00fcr kurze Zeit die kollektive &#8222;Lizenz zum W\u00fcnschen&#8220;, man darf in die Vollen gehen, auch Tr\u00e4ume und Verr\u00fccktheiten aussprechen, ohne damit den Eindruck zu erwecken, mit dem eigenen Leben uneins zu sein, gar ein &#8222;Problemkind&#8220;, das seine M\u00f6glichkeiten nicht zu nutzen versteht und immer nur w\u00fcnscht und jammert.<\/p>\n<p>Mein eigenes Verh\u00e4ltnis zum W\u00fcnschen ist zwiesp\u00e4ltig und schwankend. Lange Zeit meinte ich, keine W\u00fcnsche zu haben. Mit dem zufrieden zu sein, was ist, schien mir die einzig richtige Haltung. Dankbarkeit empfinden f\u00fcr das Gl\u00fcck, nicht zu hungern, eine angenehme Wohnung zu haben, eine Arbeit, die mir Freude macht. Mit zunehmendem Alter kommt auch die Dankbarkeit dazu, noch halbwegs gesund zu sein &#8211; ist es nicht geradezu unversch\u00e4mt, noch spezielle, ganz pers\u00f6nliche W\u00fcnsche zu haben? Klar, den Weltfrieden kann man sich w\u00fcnschen &#8211; aber sonst?<\/p>\n<p>Manchmal dann der Sprung auf die andere Seite: &#8222;Was du nicht erf\u00fchlen kannst, das wirst du nicht erjagen!&#8220;. Schon Goethe sah das W\u00fcnschen, das auch ein Hineinf\u00fchlen in die Erf\u00fcllung umfasst, als Energie an, die uns zu Taten treibt. Was sollte mich bewegen, auch nur einen Handschlag zu tun, wenn ich rundum gl\u00fccklich und zufrieden bin, wenn der Status Quo mir als die beste aller m\u00f6glichen Welten erscheint? Ich kenne das aus Zeiten relativ gesicherter Existenz, alles ist eigentlich optimal, kein Drucktermin dr\u00fcckt, keine Gefahr droht &#8211; und prompt h\u00e4nge ich herum und schlage die Zeit tot, w\u00e4hrend untergr\u00fcndig ein Gef\u00fchl der Unzufriedenheit w\u00e4chst. Die gro\u00dfe Langeweile zeigt ihr grau-schwarzes Gesicht, etwas fehlt und ich sp\u00fcre kaum mehr, dass ich lebe. Ganz sch\u00f6n verr\u00fcckt!<\/p>\n<p>Die Ablehnung des W\u00fcnschens bedeutete f\u00fcr mich einen Weg zur Gelassenheit: Wenn ich nichts w\u00fcnsche, sondern die Sonne daf\u00fcr lobe, dass sie morgens aufgeht, kann ich auch nicht entt\u00e4uscht sein, wenn sich meine W\u00fcnsche nicht erf\u00fcllen. In der Auseinandersetzung mit dem Buddhismus verst\u00e4rkte sich diese Sicht der Dinge noch einmal: Alles Leben ist Leiden, sagte Buddha, und meinte damit die Tatsache, dass sich alles Errungene wieder verfl\u00fcchtigt und wir dann unausweichlich an den Verlusten leiden. Zeitweise unterf\u00fctterte diese Lehre meine ganz pers\u00f6nliche Wunschlosigkeit mit einem zitierf\u00e4higen \u00dcberbau, zeitweise sp\u00fcrte ich auch eine heftige Ablehnung gegen\u00fcber dieser und allen anderen spirituellen Lehren, die immer auch eine Art Welt\u00fcberwindung durch Entsagung vertreten. Wie lebensfeindlich! Etwas f\u00fcr Zahnlose, die auf Freuden und L\u00fcste verzichten, um jeglicher Entt\u00e4uschung und jedem Schmerz auszuweichen &#8211; nicht mein Ding!<\/p>\n<p>Nun bin ich selbst schon etliche Z\u00e4hne los. Gerade neulich ist mir beim Salatessen einer abgebrochen, der war schon einige Zeit tot, obwohl erst k\u00fcrzlich neu \u00fcberkront. Und selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcnsche ich mir jetzt irgendwoher eine Geldspritze, damit ich mir den Zahnersatz leisten kann. (Gottlob sieht man die L\u00fccke nicht, wenn ich nicht sehr breit lache.) Und wenn ich schon mal grad dabei bin: Ein gro\u00dfer Flachbildschirm t\u00e4te meinen Augen richtig gut. Der 19-Z\u00f6ller, der vor mir steht, ist schon ziemlich betagt und kundige Freunde raten mir dringend, nicht l\u00e4nger so viele Stunden t\u00e4glich in diese Strahlenkanone zu starren. Der Stuhl, auf dem ich sitze, war zwar vor sechs Jahren der letzte Schrei, da hab ich mal richtig Geld ausgegeben! Aber heute entspricht er nicht mehr den Erkenntnissen \u00fcber ergonomisches Sitzen. Und das ist nicht nur Marketing, sondern richtig wahr: er kippt bei Bedarf \u00fcberall hin und vieles l\u00e4sst sich einstellen, nur kippt er eben leider nicht nach vorne, verhindert also das &#8222;dynamische Sitzen&#8220;. Mein Mausarm und mein R\u00fccken lassen mich sp\u00fcren, was damit gemeint ist.<\/p>\n<p>Reine Abwehrw\u00fcnsche bis hierher. W\u00fcnsche, die den nat\u00fcrlichen Verfall des K\u00f6rpers und seine Abnutzungen und Leiden aufgrund zeittypischer Nutzungen abwehren und r\u00fcckg\u00e4ngig machen wollen. Sie zu leugnen, ist fast unm\u00f6glich, aber auch sie lassen sich ablehnen: Warum nicht gegen\u00fcber dem Verfall Gelassenheit \u00fcben? Ist er doch letztlich unvermeidlich, warum also dagegen ank\u00e4mpfen? Ein Freund von mir praktiziert lange schon diese Philosophie und ich bewundere ihn manchmal daf\u00fcr. Allerdings kann ich ihm nicht folgen, m\u00fcsste mich in einer Weise selbst verleugnen, die Schaden an meiner Seele bedeuten w\u00fcrde. Gesund und schmerzfrei will ich schon sein, mindestens!<br \/>\nWieder jung?<\/p>\n<p>Und sonst? Wie weit w\u00fcrde ich in diesem W\u00fcnschen gehen? Mal angenommen, die sprichw\u00f6rtliche Fee erscheint und bietet mir an: &#8222;Du kannst den K\u00f6rper wieder haben, den du mit f\u00fcnfundzwanzig hattest &#8211; entscheide dich JETZT!&#8220;. Was w\u00fcrde ich tun?<\/p>\n<p>DAS w\u00fcrde ich ablehnen. Zwar mit einer gewissen Wehmut, aber ohne Z\u00f6gern und Zweifeln. Nicht, weil ich etwas dagegen h\u00e4tte, gesund, schlank, sch\u00f6n und straff zu sein, ohne mich gro\u00df darum bem\u00fchen zu m\u00fcssen. Sondern weil ich wei\u00df, dass &#8222;ich&#8220; in sehr weit gehendem Sinne dieser K\u00f6rper BIN, dieser fast f\u00fcnfzig-j\u00e4hrige, nicht mehr ganz so schlanke, nicht mehr ganz gesunde und deutlich weniger straffe K\u00f6rper. Die Wissenschaft (und zwar die &#8222;herrschende&#8220; UND die &#8222;alternative&#8220;) tut immer so gro\u00dfartig, wenn wieder einmal f\u00fcr irgend eine urmenschliche Qualit\u00e4t im Denken, F\u00fchlen, Welt.wahrnehmen eine messbare &#8222;materielle Entsprechung&#8220; gefunden wird, irgendwelche Botenstoffe, ein &#8222;Bauchgehirn&#8220;, Licht-Quanten, die aus den Zellen strahlen oder was immer. Ich brauche dazu keine Beweise, denn ich BIN es ja jeden Tag. Zwanzig Minuten Yoga-\u00dcben versetzt mich in einen v\u00f6llig anderen Zustand, Treppen-Steigen f\u00fchlt sich anders an, wenn ich dreimal die Woche ins Fitness-Center gehe, f\u00fcnf Kilo Gewichtsunterschied \u00e4ndern sp\u00fcrbar mein Lebensgef\u00fchl, genauso wie das Wetter, das Rauchen, die Ern\u00e4hrungsweise, die Jahreszeit und vieles vieles mehr. Und all das Viele in seinen tausend Qualit\u00e4ten sp\u00fcre ich heute anders, sehr viel intensiver in Leid UND Lust, als mit f\u00fcnfundzwanzig. Deshalb sag ich zur Fee ganz ruhig: nein danke! Erbarme dich doch statt meiner der Leserschaft von Fit-for-Fun!<\/p>\n<p>Was also w\u00fcnsche ich mir noch, mal abgesehen von den &#8222;Erhaltungsbed\u00fcrfnissen&#8220;? Wenn ich so \u00fcberlege und mir dies und das vorstelle, merke ich, dass es schwer f\u00e4llt, zu W\u00fcnschen jenseits solcher Verteidigungen eines Status Quo zu kommen. Allenfalls will ich dann noch mehr Sicherheit und Bequemlichkeit &#8211; also mehr Geld, ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen, um das ich nicht immer neu k\u00e4mpfen muss. Alles keine &#8222;richtigen&#8220; W\u00fcnsche, sondern reine Rationalit\u00e4t, auf die Zukunft und den Erhalt der &#8222;M\u00f6glichkeiten&#8220; gerichtet.<\/p>\n<p>Richtiges W\u00fcnschen ist ein F\u00fchlen. Der gedankliche Radar richtet sich spontan auf irgend etwas und ein warmes, sonniges Gef\u00fchl durchstr\u00f6mt mich, vom Herzen ausgehend. Im letzten Sommer hatte ich dieses Gef\u00fchl, als mich ein Freund f\u00fcr ein paar Wochen coachte und ich ernsthaft dazu kam, mir f\u00fcr das, was mir in der Arbeit am meisten Freude macht, auch richtig Zeit zu nehmen &#8211; und zwar inmitten der &#8222;Hauptarbeitszeit&#8220; des Tages! Ich plante die Schreibimpulse-Kurse morgens zwischen zehn und zw\u00f6lf, und erst dann widmete ich mich meinen Webdesign-Kunden. Heute hab&#8216; ich dasselbe Gef\u00fchl auch beim Gedanken daran, wieder gestalterisch zu arbeiten, &#8222;Bilder der Liebe&#8220; herzustellen, die ich mir selber gern an die Wand h\u00e4ngen w\u00fcrde und sie als Grafik-Serien online zu verkaufen. Wenn ich soweit komme, das vormittags anzugehen, wird es sich realisieren &#8211; bis dahin nehme ich mir manchmal diese &#8222;wichtige Zeit&#8220;, um Diary zu schreiben. Nicht so oft, wie ich es mir w\u00fcnsche, schlie\u00dflich muss ich Geld verdienen, aber oft genug, um &#8222;am Ball&#8220; zu bleiben, in Kontakt mit diesem warmen Gef\u00fchl, das vom Herzen kommt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Was wir uns w\u00fcnschen&#8220; &#8211; nat\u00fcrlich durfte dieser Schreibimpuls in einem &#8222;Kurs f\u00fcr Jahresendzeitmuffel&#8220; nicht fehlen! Egal, wie skeptisch, kritisch, oder belustigt man auf den kalendarischen Start in ein neues Jahr schauen mag: Irgendwo kommen sie doch um die Ecke, kleine und gro\u00dfe W\u00fcnsche, Unzufriedenheiten, Sehns\u00fcchte nach Ver\u00e4nderung. 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