{"id":1020,"date":"2004-01-15T11:42:55","date_gmt":"2004-01-15T10:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1020"},"modified":"2013-03-10T11:48:40","modified_gmt":"2013-03-10T10:48:40","slug":"das-menschliche-dilemma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/01\/15\/das-menschliche-dilemma\/","title":{"rendered":"Das menschliche Dilemma"},"content":{"rendered":"<p>Neuerdings sind Benimm-Kurse wieder angesagt, lese ich in der Zeitung. Junge Leute lernen freiwillig die Regeln gesellschaftlichen Umgangs, die Handhabung verschiedenster Essbestecke an kompliziert gedeckten Tafeln und die Reihenfolge, wer wen wem zuerst vorstellt. Meine Generation hatte diesen ganzen &#8222;unspontanen&#8220; und &#8222;heuchlerischen&#8220; Schmodder dereinst abgeschafft, total begeistert vom g\u00e4nzlich Formlosen: ungezwungen und echt wollten wir sein, frei und ungebunden &#8211; eben &#8222;locker drauf&#8220;. Feste waren nur noch Ansammlungen einander fremder Menschen, die selber zusehen mussten, was sie miteinander anfangen &#8211; oder eben nicht. Unmengen Alkohol und laute Musik ersetzten Programm und Gastgeber, Nudelsalat wurde gern in Kinderbadewannen angerichtet, und wenn jemand zu Besuch kam, sagte man allenfalls: Da dr\u00fcben ist der K\u00fchlschrank!<\/p>\n<p>Im pers\u00f6nlichen Umgang waren Offenheit und Ehrlichkeit oberste Werte, auch wenn die Wahrheit weh tat. Besitzanspr\u00fcche in der Liebe galten als S\u00fcnde: wie k\u00f6nnte ein Mensch einen anderen besitzen? Mit welchem Recht sollte einer dem anderen vorschreiben d\u00fcrfen, was er oder sie zu tun oder zu lassen h\u00e4tte? Wir waren stolz auf unsere &#8222;offenen Beziehungen&#8220;, auch wenn die sich im Wesentlichen in &#8222;Beziehungsdiskussionen&#8220; ersch\u00f6pften: N\u00e4chtelange Gespr\u00e4che \u00fcber legitime oder illegitime Anspr\u00fcche, jeder auf der Suche nach N\u00e4he, Z\u00e4rtlichkeit und Verstehen, die so in immer weitere Ferne r\u00fcckten.<\/p>\n<p>Alles lange her. Diese Zeit hat mich gepr\u00e4gt, ihre Sichtweisen bilden den &#8222;historischen Hintergrund&#8220; meiner Bewertungsskalen, und eigene Ver\u00e4nderungen sp\u00fcre ich daran, wenn sie auf einmal nicht mehr stimmen. Mit zunehmendem Alter und wachsender Lebenserfahrung geschehen Umwertungen, die ich mir fr\u00fcher nie h\u00e4tte tr\u00e4umen lassen. Dass ich mich mal nach Regeln und Konventionen, nach blo\u00dfer H\u00f6flichkeit sehne, ist zum Beispiel so eine Ver\u00e4nderung. Sowas galt uns als wertlose &#8222;Sekund\u00e4rtugend&#8220;, die auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte geh\u00f6rt. Warum Freundlichkeit heucheln, wenn es mir nicht danach ist? Warum ein Essen loben, dass mir nicht schmeckt? Das ist doch dann eine glatte L\u00fcge! (emp\u00f6rtes Stirnrunzeln&#8230;).<\/p>\n<p>Wahrheit in allen Situationen kann man solange ungebrochen fordern, wie man jung genug ist, von der Welt und vom Mitmenschen nur das Beste zu erwarten. Vielleicht nicht gleich, aber sp\u00e4testens, wenn sie vom falschen Bewusstsein und anderen Gro\u00df\u00fcbeln endlich befreit ist. (Wir arbeiteten dran&#8230;) Damit einher geht ein Selbstverst\u00e4ndnis, das sich immer im Recht, immer auf der Seite des Guten w\u00e4hnt. Kein Grund also, mit dem ICH hinterm Berg zu halten: Ich will, ich denke, ich meine, ich brauche &#8211; ich, ich, ICH!<\/p>\n<p>Mir scheint, mit zunehmendem Alter sortieren sich die Menschen dann in zwei Schubladen: die einen behalten diese Sicht der Dinge bei, koste es, was es wolle. Das eigene Handeln, Wollen und Meinen ist immer irgendwie zu rechtfertigen, und die Anderen sind entweder gut oder b\u00f6se. Mit den Guten ist man befreundet, die anderen werden bek\u00e4mpft. Und immer wieder &#8211; leider leider! -wird ein Freund als B\u00f6ser erkannt und muss aussortiert werden. Am Ende wird so jemand zwangsl\u00e4ufig sehr einsam, verkn\u00f6chert und verbittert, bleibt aber rechthaberisch bis zum letzten Atemzug, dem Pflegepersonal ein Graus.<\/p>\n<p>Die Anderen schauen genauer hin, erkennen in den Augenblicken drastischen Scheiterns, dass das B\u00f6se, Widrige, Unfriedliche und Unversch\u00e4mte nicht nur bei den Anderen zu finden ist. Sondern ebenso, und zwar nicht zu knapp, im eigenen Zentrum: Ich will, ich brauche, ich erwarte von dir, dass du&#8230; es mag harmlos anfangen, doch es f\u00fchrt mit staunenswerter Geschwindigkeit in vielerlei Abgr\u00fcnde: Unterdr\u00fcckung, Streit, Wut, Hass, Krieg. Besonders deprimierend daran ist, dass es die ureigensten und an sich nicht kritisierbaren Lebensbed\u00fcrfnisse sind, die sich als Wurzel des \u00dcbels erweisen, sobald ich sie als Anspruch und Erwartung dem Mitmenschen aufdr\u00fccke: der Wunsch nach Sicherheit und Stabilit\u00e4t, nach Wahrgenommen-Werden und Resonanz, nach N\u00e4he, Z\u00e4rtlichkeit und Erotik, nach Geliebt- und Gebraucht-Werden. All diese wundersch\u00f6nen Dinge werden gerade NICHT erreicht, wenn ich meine Bed\u00fcrftigkeit an die erste Stelle setze und den Anderen als Mittel sehe, mir zu verschaffen, wonach es mich verlangt.<\/p>\n<p>Ein unl\u00f6sbares Dilemma, nur vom menschlichen Geist wahrnehmbar. Entweder man unterdr\u00fcckt Andere, beschr\u00e4nkt ihre Freiheit und Lebendigkeit &#8211; oder sich selbst.<\/p>\n<p>(Stimmt nicht? Warum dann zum Beispiel dieses genervte Gef\u00fchl, wenn jemand redet und redet und gar nicht mehr aufh\u00f6rt? Er\/sie lebt doch nur das urmenschliche Verlangen nach Beachtung aus &#8211; ist daran irgend etwas falsch?)<\/p>\n<p>Weil wir das Dilemma als solches erkennen k\u00f6nnen und aus diesem Erkennen die Sehnsucht entsteht, den Schauplatz des gesamten Leiden-schaffenden Geschehens zu verlassen, sich zumindest irgendwie heraus zu halten, nannte Nietzsche den Geist &#8222;bio-negativ&#8220;. Denn wer vom Bazillus dieser &#8222;Sicht der Dinge&#8220; angekr\u00e4nkelt ist, wird sich nicht mehr ungebrochen in den Kampf ums eigene Gl\u00fcck st\u00fcrzen, es nicht mehr wollen und damit auch nicht mehr k\u00f6nnen. Also werden sich Andere erfolgreicher fortpflanzen und den weiteren Lauf der Welt bestimmen.<\/p>\n<p>&#8222;Zivilisierte&#8220; Gesellschaften, die mit all den bed\u00fcrftigen, lebensgierigen und liebes-sehns\u00fcchtigen Individuen irgendwie funktionieren m\u00fcssen, haben zum Zweck halbwegs friedlichen Miteinanders die Sekund\u00e4rtugenden entwickelt und Benimm-Regeln etabliert. (H\u00f6fliche Konversation verteilt die Redezeit gleichm\u00e4\u00dfig, egal, WAS gesagt wird und WER es sagt) Ritualisierter Umgang, feste Formen, Recht und Gesetz, Ehe und Familie, Tradition und Gewohnheit: All das bringt nichts Wahres ins Falsche, aber l\u00e4sst die Karre irgendwie weiter laufen.<\/p>\n<p>Immerhin! Das jugendliche &#8222;Hau weg den Schei\u00df&#8220; ist mir jedenfalls vergangen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuerdings sind Benimm-Kurse wieder angesagt, lese ich in der Zeitung. 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