{"id":1019,"date":"2004-01-14T11:38:10","date_gmt":"2004-01-14T10:38:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1019"},"modified":"2015-12-12T15:16:43","modified_gmt":"2015-12-12T14:16:43","slug":"schreiben-hilft-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/01\/14\/schreiben-hilft-aber-wie\/","title":{"rendered":"Schreiben hilft &#8211; aber wie?"},"content":{"rendered":"<p>Eine Kursteilnehmerin stellte k\u00fcrzlich die Frage nach dem Schreiben als einem &#8222;Sich auskotzen&#8220;. Alles mal rauslassen, was auf der Seele liegt und schmerzt, einfach mal hemmungslos jammern, klagen, schimpfen &#8211; ist das nicht befreiend und erleichternd? Reinigend wie ein Gewitter nach einer langen staubigen D\u00fcrre?<\/p>\n<p>Wer noch kaum Schreibpraxis hat, wird vielleicht gerade diesen Zugang w\u00e4hlen. F\u00fcr den Moment f\u00fchlt es sich wom\u00f6glich auch gut an &#8211; aber dann? Ist damit etwas gewonnen, wenn ich irgendwelche Leiden und Schwierigkeiten, sowie alle negativen Gef\u00fchle, die damit zusammenh\u00e4ngen, in die Tasten flie\u00dfen lasse? Ich spreche jetzt nicht vom Ver\u00f6ffentlichen, sondern einzig vom Aufschreiben, vom &#8222;heraus schreiben&#8220; &#8211; ist es dann weg oder gebessert?<\/p>\n<p>Gestern war mir das egal. Ich war bereit, zu jammern. Mein letzter Artikel begann urspr\u00fcnglich mit der \u00dcberschrift &#8222;Ich will auf den Arm!&#8220; und das entsprach genau meinem aktuellen Gef\u00fchl am Ende einer etwas depressiven Phase. Dann aber merkte ich, dass es nicht m\u00f6glich war, einfach abzubilden, was in mir w\u00fchlte, nicht einmal &#8222;nur f\u00fcr mich&#8220;. Zu sehr ist mir in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen, dass Worte und S\u00e4tze ein magisches Handeln sind. Mit allem, was ich niederschreibe, erschaffe oder verfestige ich eine Realit\u00e4t. Solange sich die Gedanken als frei flie\u00dfender Strom im Kopf bewegen, ist alles plastisch, \u00e4nderbar von Augenblick zu Augenblick. Wenn ich aber hinschreibe &#8222;X ist ein Eumel!&#8220; oder &#8222;mein Chef macht mich krank!&#8220; oder auch &#8222;ich f\u00fchl mich so beschissen und leide unter XYZ&#8220;, dann hab&#8216; ich mich fortan mit einer Realit\u00e4t auseinander zu setzen, die nach Konsequenzen verlangt: Was tu ich jetzt? Wie begegne ich in Zukunft diesen Eumeln? Was muss ich \u00e4ndern, um mich vom Leiden zu befreien?<\/p>\n<p>Vermutlich benutzen viele das Schreiben genau daf\u00fcr: Realit\u00e4t fassbar machen, sich damit auseinander setzen und etwas \u00e4ndern. Oft ist das aber genau der Weg, erst richtig ins Leiden hinein zu kommen. Bliebe es beim Gedankenstrom, w\u00fcrde dieser sich binnen kurzer Zeit mit gro\u00dfer Sicherheit von selber andere Themen suchen, er kann gar nicht anders. Stimmungen und Gef\u00fchle als &#8222;Schreibimpulse&#8220; wechseln so schnell wie das Wetter in der Eifel. Besser, ich passe einen ab, der mich nach vorne bringt &#8211; und &#8222;vorne&#8220; ist immer da, wo ich mich wieder besser f\u00fchle!<\/p>\n<p>Also alles ignorieren, was nervt? Das nicht. Es geht einfach nicht &#8211; nicht, solange ich in den entsprechenden Gef\u00fchlen und Gedanken kreise, nicht im &#8222;Raum des Leidens&#8220;, der seine Schreibimpulse setzt wie alle anderen Lebensr\u00e4ume. Was raus will, muss raus &#8211; aber WAS ist DAS? Dieses &#8222;Etwas&#8220; kann ich in bestimmten Grenzen frei w\u00e4hlen. Und stelle fest: der schlichte &#8222;tagebuchartige&#8220; Bericht aus dem Leben w\u00e4re die schlechteste Wahl, w\u00fcrde nur meine miesen Empfindungen noch verst\u00e4rken und mein Selbstmitleid vergr\u00f6\u00dfern. Statt dessen k\u00f6nnen &#8222;Randaspekte&#8220; wirklich gut tun &#8211; und diese erschlie\u00dfen sich mittels anderer &#8222;Textsorten&#8220;. Der Artikel &#8222;Schlimmer als Mundgeruch&#8220; handelt zum Beispiel von Bed\u00fcrftigkeit: Es h\u00e4tte eine Aufz\u00e4hlung werden k\u00f6nnen von allem, was ich gerade entbehre, wonach es mich verlangt, was ich zu brauchen meine, um mich wieder besser zu f\u00fchlen (auch das l\u00e4sst sich so abstrakt formulieren, dass keinerlei Intimit\u00e4ten verletzt werden). Statt dessen ist es &#8211; und zwar ganz &#8222;von selber&#8220; &#8211; eine kleine, selbstironisch-zynische &#8222;Brandrede&#8220; geworden. Ein kurzer, dichter Text rund um den &#8222;Randaspekt&#8220;: Was mich hindert, einfach mal so zu jammern und zu klagen. Diese &#8222;Hinderungen&#8220; werden durch den Kakao gezogen und zum Abschuss frei gegeben, dem gro\u00dfen Gel\u00e4chter \u00fcber menschliche Schw\u00e4chen \u00fcberantwortet. Als Negativbild dieser &#8222;Demontage&#8220; wird das Leiden, das sie ausgel\u00f6st hat, sichtbar &#8211; jedoch ohne definiert und damit fest-geschrieben zu werden. Hinterher f\u00fchlte ich mich um Klassen besser! Konnte wieder \u00fcber mich lachen, die Luft war wieder frisch und schon bald floss der Gedankenstrom weiter zu anderen, begl\u00fcckenderen Themen.<\/p>\n<p>Das ist nicht die einzige &#8222;Methode&#8220;. Es gibt andere, zum Beispiel die direkte, ins Extrem gesteigerte &#8222;Brandrede an das B\u00f6se&#8220;, oder, unauff\u00e4llig aber wirksam, die Darstellung einer belastenden Angelegenheit in der dritten Person: als w\u00e4re ich lediglich Journalistin und berichtete \u00fcber etwas, das mich selber gar nichts angeht.<\/p>\n<p>Es ist recht neu f\u00fcr mich, das eigene Schreiben so zu rationalisieren und zu analysieren. Schlie\u00dflich habe ich mir diese &#8222;Methoden&#8220; nicht ausgedacht. Sie sind mir zugewachsen, einfach aufgetaucht in all den Jahren, in denen mir das Schreiben zur selbstverst\u00e4ndlichen Geste geworden ist: als Selbstausdruck, zur Gewinnung von Klarheit, zur Bearbeitung jeglicher Formen von Leiden, zur Lebensbew\u00e4ltigung ganz allgemein. Durch die Schreibimpulse-Kurse bin ich auf einmal gefragt: WIE und WARUM schreibst du eigentlich? Warum so und nicht anders? Zu Beginn kam ich mir dabei vor wie der Tausendf\u00fc\u00dfler, den man fragt, wie er denn seine vielen Beine beim Gehen ordnet. Dabei ist es zum Gl\u00fcck nicht geblieben: wo gefragt wird, entstehen auch Antworten, eine st\u00e4ndige Praxis l\u00e4sst sich tats\u00e4chlich &#8222;von au\u00dfen&#8220; ansehen und in Worte fassen. Ob allerdings meine Antworten auch f\u00fcr Andere n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen, m\u00fcssen diese Anderen f\u00fcr sich selber ausprobieren. Schreibend! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kursteilnehmerin stellte k\u00fcrzlich die Frage nach dem Schreiben als einem &#8222;Sich auskotzen&#8220;. Alles mal rauslassen, was auf der Seele liegt und schmerzt, einfach mal hemmungslos jammern, klagen, schimpfen &#8211; ist das nicht befreiend und erleichternd? Reinigend wie ein Gewitter nach einer langen staubigen D\u00fcrre? 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