{"id":101,"date":"2007-10-28T11:49:55","date_gmt":"2007-10-28T09:49:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/10\/28\/wie-romantische-liebe-zum-beziehungselend-wird\/"},"modified":"2015-08-19T10:41:36","modified_gmt":"2015-08-19T08:41:36","slug":"wie-romantische-liebe-zum-beziehungselend-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/10\/28\/wie-romantische-liebe-zum-beziehungselend-wird\/","title":{"rendered":"Wie romantische Liebe zum Beziehungselend wird"},"content":{"rendered":"<p>Ab und an lese ich in Foren mit, in denen Menschen vom Leiden an ihren Liebespartnern berichten. Auch f\u00fcr viele Printmedien ist das verbreitete Beziehungselend ein niemals endendes, immer aufs Neue viele Leserinnen anziehendes Thema. Garniert wird das Ganze oft mit Zeitgeist-Analysen: zwar st\u00fcnde Romantik hoch im Kurs (Treue, Zweisamkeit, Family Values), doch nehme die Lebensdauer der Beziehungen st\u00e4ndig ab. Anscheinend werde der Mitmensch nurmehr konsumiert, um dann bei Nichtgefallen ausgetauscht zu werden. Was ja auch nicht wundert: Liebespartner brauchen einander nicht mehr zum \u00dcberleben. Lange schon haben wir die Sicherung der Existenz ans soziale Netz und andere Institutionen delegiert. Warum also bei jemandem verweilen, mit dem es nur noch Konflikt, gegenseitige Vorw\u00fcrfe, Schuldgef\u00fchle und Miesepetrigkeiten aller Art zu erleben gibt?<!--more--><\/p>\n<h2>Der Weg Richtung H\u00f6lle<\/h2>\n<p>Oft frage ich mich, ob es eigentlich so etwas wie einen FORTSCHRITT in diesen Beziehungsfragen geben kann, der \u00fcber das individuelle Bewusstsein hinaus reicht? Ich bin da pessimistisch, denn an sich ist \u00fcber die Dramen der Zweierbeziehung alles gesagt. Kaum ein Gebiet ist derart umf\u00e4nglich in Ratgeberb\u00fcchern verhackst\u00fcckt worden, doch scheint es gar nichts zu nutzen, wie viel man \u00fcber diese Dinge wei\u00df. Der \u00fcbliche Ablauf einer Beziehung bleibt im wesentlichen gleich:  Erst die Phase der Verliebtheit, in der die &#8222;rosa Brille&#8220; den Blick auf den real existierenden Partner weitgehend verstellt. Wir erleben nicht IHN (bzw. SIE), sondern das, was wir ertr\u00e4umen und von einer Liebesbeziehung erwarten. F\u00fcr alles, was in diesen Erwartungshorizont nicht passt, sind wir weitgehend blind. L\u00e4sst der &#8222;Rausch&#8220; dann nach, tritt der reale Mensch, wie er wirklich ist, in den Blick &#8211; und der Kampf beginnt. Anstatt die eigenen Erwartungen einer kritischen Sichtung zu unterziehen, wird versucht, den Partner zu dem zu machen, was er sein soll. Solange die rosa Brille ihren Dienst tat, war das Gegen\u00fcber eine Quelle der Freude und des Genie\u00dfens, jetzt wird Druck ausge\u00fcbt, subtil oder offen: \u00c4ndere dich, sonst verlasse ich dich!<\/p>\n<p>Warum ist das so? Es sind doch alles erwachsene Menschen, sollte man denken. Wer glaubt denn allen Ernstes, das ein anderer Mensch durch sein so oder anders sein den eigenen Seelenfrieden gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnte? Wie kann es geschehen, dass das Gef\u00fchl der N\u00e4he und Vertrautheit auf einmal dazu f\u00fchrt, dass der eben noch Geliebte nun unter der \u00dcberschrift der Liebe mit einem Verhaltenskorsett \u00fcberzogen wird, das tief in seinen Lebensstil eingreift?<\/p>\n<p><strong>Eckhart Tolle<\/strong> f\u00fchrt in seinem Buch <a title=\"Amazon-Werbelink\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3933496535?ie=UTF8&amp;tag=daswildegarte-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3933496535\">&#8222;JETZT! Die Kraft der Gegenwart.&#8220; <\/a><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" style=\"border: medium none  ! important; margin: 0px ! important\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=daswildegarte-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3933496535\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/> das Dilemma, in das viele Beziehungen hinein schlittern, auf einen einzigen Punkt zur\u00fcck:  Solange der Mensch mit seinem Verstand identifiziert ist, bezieht er sein Selbstgef\u00fchl von au\u00dfen. Das Ich-Gef\u00fchl ist abh\u00e4ngig von der Rolle in der Gesellschaft, von Erfolg und Scheitern, von Besitz und Status. Das vom Verstand geschaffene Selbst (&#8222;Ego&#8220;) f\u00fchlt sich zwangsl\u00e4ufig unsicher und sucht deshalb fortw\u00e4hrend nach Dingen, mit denen es sich identifizieren kann. Trotzdem bleibt die Empfindung von Mangel und Bed\u00fcrftigkeit immer bestehen, denn alles, was man gewinnen kann, ist ja nicht sicher: es kann wieder verloren gehen &#8211; und wer bin ich dann?<\/p>\n<p>Verliebt man sich, erscheint das zun\u00e4chst als Erl\u00f6sung vom Mangelzustand. Tolle schreibt: <\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;All die anderen Dinge, aus denen du bislang deinen Selbstwert bezogen hast, r\u00fccken nun im Vergleich in den Hintergrund. Du hast jetzt einen einzigen Bezugspunkt, der sie alle ersetzt, der deinem Leben Sinn verleiht und \u00fcber den du deine Identit\u00e4t bestimmst: die Person, in die du &#8222;verliebt&#8220; bist. Du bist nicht l\u00e4nger ein nicht verbundenes Fragment in einem lieblosen Universum, es scheint zumindest so. Deine Welt hat jetzt einen Mittelpunkt: die geliebte Person. Die Tatsache, dass dieses Zentrum au\u00dferhalb deiner selbst liegt und du also immer noch dein Selbstgef\u00fchl von au\u00dfen beziehst, erscheint zuerst bedeutungslos. Wichtig ist vielmehr, dass die unterschwelligen Gef\u00fchle von Unvollkommenheit, Angst, Mangel und Unerf\u00fclltheit, die f\u00fcr den Egozustand so charakteristisch sind, auf einmal nicht mehr da sind &#8211; oder etwa doch? Haben sie sich aufgel\u00f6st oder existieren sie unterhalb der gl\u00fccklichen Oberfl\u00e4chen-Realit\u00e4t weiter?&#8220; (S.161)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Leider ja!  Man nennt es Liebe, doch immer \u00f6fter taucht das Gegenteil von Liebe in der Partnerschaft auf: Verlust\u00e4ngste, Kontrollbed\u00fcrfnisse, Eifersucht, \u00c4rger, Angst, Schmerz und Mangel treten auf, sobald das Verhalten des Partners die Bed\u00fcrfnisse des Egos (das immer um seine Existenz f\u00fcrchtet) nicht mehr befriedigt. Abh\u00e4ngiges Klammern wird jetzt mit Liebe verwechselt &#8211; und der Partner hat nichts mehr zu lachen! Tolle analysiert den Verlauf als Suchtgeschehen:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Genau wie bei jeder anderen Art von Sucht bist du high, solange die Droge verf\u00fcgbar ist<\/em> (= solange der Partner nur das tut und zeigt, was genehm erscheint. ck.), <em>aber unweigerlich kommt der Moment, in dem die Droge bei dir nicht mehr wirkt. Wenn all die schmerzhaften Gef\u00fchle wiederkommen, dann f\u00fchlst du sie sogar noch st\u00e4rker als vorher, ja du siehst dann obendrein deinen Partner als Ursache dieser Gef\u00fchle an. Das bedeutet, du projizierst nach au\u00dfen und greifst dann den anderen mit all der heftigen Gewaltt\u00e4tigkeit an, die Teil deines Schmerzes ist&#8220;. <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich erinnere mich an hoch emotional durchdiskutierte N\u00e4chte, an Tr\u00e4nen und Vorw\u00fcrfe, Verzweiflung und Hass, den ich doch gleichzeitig gar nicht wahrhaben wollte: Wir lieben uns doch! Wie kann es dazu kommen, dass nun alles so sperrig ist? Dass er mich nicht mehr ok findet, wie ich bin, sondern will, dass ich anders werde? Oder umgekehrt: warum zum Teufel ist er nicht bereit, diese kleine \u00c4nderung MIR ZULIEBE zu vollziehen? Er liebt mich nicht mehr, sonst w\u00e4re ich ihm das wert!<\/p>\n<p>Ich erinnere mich aber auch an kleine &#8222;Momente der Erleuchtung&#8220;, in denen mitten im \u00fcber Tage und Wochen hingezogenen &#8222;Beziehungs-Clinch&#8220; auf einmal alles, wor\u00fcber gerade noch erbittert gestritten wurde, von mir abfiel: EINIGUNG (\u00fcber gegenseitige Anspr\u00fcche, Erwartungen, etc.) war pl\u00f6tzlich unn\u00f6tig, wir waren ja schon zusammen! Oh, welche Entspannung&#8230; und wie sch\u00f6n, wenn dieser Moment sogar geteilt wird!<\/p>\n<h2>Beziehungsgesch\u00e4ft und Beziehungskonto<\/h2>\n<p>Das \u00dcbliche ist das allerdings nicht. Normalerweise zog sich der Beziehungsstress \u00fcber Monate, manchmal Jahre hin. Jeder versuchte, die eigenen Bed\u00fcrfnisse durchzusetzen und erwartete vom  Partner, dass er sich  &#8222;aus Liebe&#8220; anpasste. Eine Haltung, die der Liebe nach und nach den Boden entzieht.  Der Andere wird zum &#8222;Anspruchsgegner&#8220;, die Beziehung zum <strong>Gesch\u00e4ft:<\/strong> hier verbiege ich mich dir zuliebe ein wenig, daf\u00fcr unterl\u00e4sst du etwas anderes, weil ich damit nicht leben kann. Das <strong>&#8222;Beziehungskonto&#8220;<\/strong> wird wichtiger Teil der gemeinsamen Realit\u00e4t und unbemerkt erschafft man so die Sehnsucht nach dem Ende. Denn wenn ich nicht so leben kann, wie es mir entspricht, weil ER es anders will, dann denke ich immer \u00f6fter an die Zeit &#8222;danach&#8220;, in der ich endlich wieder die sein kann, die ich bin, und mein Leben so leben, wie es mir gut tut. Vielleicht sogar mit der Chance, jemanden zu finden, dem ich gefalle, wie ich bin, und f\u00fcr den ich mich nicht erst m\u00fchsam \u00e4ndern und selbst beschr\u00e4nken muss.<\/p>\n<p>Alles in allem brauchte ich bis Mitte vierzig und mehrere langj\u00e4hrige &#8222;Clinch-Beziehungen&#8220;, um all das hinter mir zu lassen. Dann war es durch, ganz ohne dass ich daf\u00fcr neue intellektuelle Anstrengungen machen musste. Es war offensichtlich keine Sache des Wissens, sondern eine des Seins: M\u00e4nner bedeuten in meinem Leben seitdem eine Bereicherung, keine Beschr\u00e4nkung mehr. Wer mich liebt, muss mich nehmen, wie ich bin &#8211; ja was denn sonst?<\/p>\n<p>Ausschlaggebend f\u00fcr die Qualit\u00e4t einer Beziehung ist das, was ich hier und jetzt mit meinem Partner erlebe &#8211; nicht das, was er ansonsten so tut, wie er wohnt, wen er au\u00dfer mir noch mag und trifft, wie er sein Leben gestaltet, wie er arbeitet oder wie viel Geld er macht. Und wenn er nicht da ist, gehe ich ebenso meiner Wege und unternehme, wonach mir gerade ist &#8211; wie k\u00e4me er dazu, mich darin zu behindern und zu beschr\u00e4nken? (Er liebt mich doch!)<\/p>\n<p>Und seltsamerweise geht das ohne jeden &#8222;Beziehungsstress&#8220; ab! Wer sein So-Sein ganz selbstverst\u00e4ndlich lebt und gar nicht als &#8222;Verhandlungsmasse&#8220; begreift, l\u00e4sst offensichtlich im Gegen\u00fcber gar nicht die Idee aufkommen, dass es lohnen k\u00f6nnte, an irgend welchen Schr\u00e4ubchen zu drehen, um in bestimmte Richtungen umzuerziehen. Dieselbe Entspannung genie\u00dfen aber auch meine Partner: einzig, wenn mir der Liebste ein Leiden klagt, w\u00fcrde ich auf Dinge hinweisen, deren Ver\u00e4nderung vielleicht helfen k\u00f6nnte. Ansonsten darf er sein, wie er ist, denn so liebe ich ihn ja, daf\u00fcr muss mir nicht jedes Detail seines Lebensstils gefallen.<\/p>\n<p>So komme ich heute zum Schluss: nicht die sogenannte &#8222;Liebe&#8220;, in der der Partner und sein Wohlverhalten meinen Seelenfrieden garantieren soll, macht gl\u00fccklich, sondern eher eine Grundhaltung wahrer Freundschaft: den Freund liebt man mit all seinen Ecken und Kanten, man droht ihm nicht mit &#8222;Verlassen&#8220;, wenn er sich nicht \u00e4ndert, sondern genie\u00dft einfach das, was man an ihm sch\u00e4tzt, was den wahren Grund f\u00fcr die Freude am Zusammensein ausmacht.<\/p>\n<p>Diese Lehre entsteht aus <strong>Leiden und Scheitern<\/strong>. Scheitern im Bem\u00fchen, den eigenen Kopf durchzusetzen, bzw. im mehrfachen Erleben dessen, was aus einer Liebesbeziehung wird, wenn sie zum &#8222;Beziehungsgesch\u00e4ft&#8220; verk\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Insofern glaube ich nicht, dass es da je einen &#8222;kollektiven Fortschritt&#8220; geben kann. Immer wieder texten die Liedermacher:  &#8222;ich liebe dich, ich brauche dich, ich kann nicht ohne dich leben!&#8220; &#8211; S\u00e4tze, bei denen es mir kalt den R\u00fccken runter l\u00e4uft angesichts der  besungenen und auch noch gefeierten psychischen Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>[\u00dcber Liebe, Erotik, Beziehung schreibe ich auch im <a title=\"Erotik-Blog\" href=\"http:\/\/www.lustgespinst.de\/\">Lustgespinst<\/a>.]<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab und an lese ich in Foren mit, in denen Menschen vom Leiden an ihren Liebespartnern berichten. 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