{"id":1007,"date":"2013-02-07T13:32:42","date_gmt":"2013-02-07T12:32:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1007"},"modified":"2013-02-07T13:40:15","modified_gmt":"2013-02-07T12:40:15","slug":"verfuehrt-vom-leeren-boot-zur-abhaengigkeit-von-menschen-systemen-und-geraeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/02\/07\/verfuehrt-vom-leeren-boot-zur-abhaengigkeit-von-menschen-systemen-und-geraeten\/","title":{"rendered":"Verf\u00fchrt vom &#8222;leeren Boot&#8220;: Zur Abh\u00e4ngigkeit von Menschen, Systemen und Ger\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p>Eine ZEN-Geschichte:<\/p>\n<blockquote><p>  \u201cEin Mann ruderte an einem sehr nebligen Morgen sein Boot stromaufw\u00e4rts. Pl\u00f6tzlich sah er ein anderes Boot stromabw\u00e4rts kommen, das keine Anstalten machte auszuweichen. Es kam ihm genau entgegen. Er rief: `Vorsicht! Vorsicht!\u00b4, aber das Boot fuhr genau in seins hinein, das fast sank. Der Mann war au\u00dfer sich und begann die andere Person anzuschrein, ihr geh\u00f6rig die Meinung zu sagen. Aber als er genau hinschaute, sah er, da\u00df in dem anderen Boot \u00fcberhaupt niemand war. Es stellte sich heraus, da\u00df das Boot sich gel\u00f6st hatte und stromabw\u00e4rts trieb. All sein \u00c4rger schwand, und er lachte und lachte.\u201d<\/p>\n<p>(Thich Nhat Hahn: Innerer Friede \u2013 \u00c4u\u00dferer Friede &#8211; via <a href=\"http:\/\/abraxandria.de\/post\/2006\/09\/20\/irrefuehrende-wahrnehmung\/\">Abraxandria<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese kleine Erz\u00e4hlung soll uns die Erkenntnis vermitteln, dass es nicht das Geschehen selbst ist, das Gef\u00fchle wie Wut, \u00c4rger und schlimmstenfalls Hass entstehen l\u00e4sst, sondern die Annahme, da sei jemand, der uns das Geschehen absichtsvoll zumutet, warum auch immer.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n\u00dcblicherweise wird die Geschichte genutzt, um zu einer Haltung zu kommen, die auch im anderen Menschen das &#8222;leere Bot&#8220; erkennt: Jeder tut ja in jedem Moment genau das, was aus der je individuellen Historie heraus als das Machbare und Erforderliche erscheint. Zwar kann man oft tun, was man will, aber nicht bestimmen, was man wollen soll. So gesehen bin ich nie &#8222;pers\u00f6nlich gemeint&#8220;, wenn irgend jemand mich (vermeintlich oder tats\u00e4chlich) angreift oder missachtet &#8211; er kann ja nicht anders, wei\u00df es nicht besser, ist gefangen in seinem beschr\u00e4nkten So-Sein, das keine Alternative kennt. <\/p>\n<p>Es ist sehr entspannend, zu dieser Sicht der Dinge zu kommen! Heute will ich die Lehre vom &#8222;leeren Boot&#8220; aber mal in einen anderen Kontext stellen: <\/p>\n<p>Die Geschichte der Neuzeit l\u00e4sst sich lesen als zunehmende Befreiung des Individuums von althergebrachten Zw\u00e4ngen, Abh\u00e4ngigkeiten und einschr\u00e4nkenden Traditionen. Aus der St\u00e4nde-Gesellschaft wurde die B\u00fcrgerliche, der funktionale Rechts- und Sozialstaat trat an die Stelle von Adel, K\u00f6nig und Kirche. Wo wir von konkreten Mitmenschen und deren Wohl- oder \u00dcbel-wollen abh\u00e4ngig waren, ersetzten wir diese oft leidvoll erlebten Abh\u00e4ngigkeiten durch abstrakte, allgemeing\u00fcltige Systeme, die uns mit dem versorgen, was wir nach wie vor brauchen. Heute haben wir gesetzlich gesicherte Anspr\u00fcche und sind nicht mehr vom Wohlverhalten in Clan und Familie abh\u00e4ngig. Welch eine Befreiung! Sogar das Paar als die kleinste Einheit menschlichen Zusammenseins basiert (in der Regel) nicht mehr auf alternativlosen wirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern gr\u00fcndet allein in Gef\u00fchl und Gefallen, in der freien, jederzeit k\u00fcndbaren Entscheidung des Individuums. <\/p>\n<h2>Endlich frei?<\/h2>\n<p>Heute sind wir nun soweit, dass wir uns den m\u00f6glicherweise nervigen Mitmenschen weitgehend vom Hals halten k\u00f6nnen, wenn wir das wollen. Als Webworkerin, die \u00fcber das Netz arbeitet, sehe ich praktisch nur noch Leute, mit denen ich mich aus freiem Willen verabrede. Zwar gehe ich noch ins L\u00e4dchen oder in den Supermarkt, um Waren des t\u00e4glichen Bedarfs zu besorgen, doch selbst die k\u00f6nnte ich mir bringen lassen, wenn mir das zu stressig w\u00e4re. Wen es dann doch noch ab und zu nach einem &#8222;Bad in der Menge&#8220; gel\u00fcstet, dem bietet die Event-Kultur alles N\u00f6tige in 1000 Varianten: folgenloses, unverbindliches Miteinander bzw. Nebeneinander f\u00fcr ein paar Stunden. <em>(Ich pers\u00f6nlich pr\u00e4feriere die \u00f6ffentliche Sauna zur Befriedigung meines Affenfelsen-Bedarfs)<\/em>.<\/p>\n<p>Soviel Freiheit war nie, einerseits. Den Mitmenschen haben wir entmachtet, uns daf\u00fcr aber massiv in die Abh\u00e4ngigkeit von Systemen und Ger\u00e4ten begeben. Gestern hab&#8216; ich das mal wieder schmerzlich bemerkt, als auf einmal <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/02\/06\/gruslig-ein-tag-ohne-internet\/\">&#8222;mein Internet kaputt&#8220;<\/a> war. Abgeschnitten von allem, was meine Arbeit, meine Versorgung, meine \u00d6konomie und den Gro\u00dfteil meiner t\u00e4glichen Kommunikation ausmacht, f\u00fchlte ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen: zur\u00fcck geworfen auf meine physische Existenz, die allerdings auch in Gefahr geriete, w\u00fcrde &#8222;das System&#8220; mal allgemein versagen und nicht nur bei mir. Die paar Freunde, die ich im Nahraum erreichen k\u00f6nnte, w\u00e4ren in genau derselben, komplett machtlosen Situation. Die Tatsache, dass wir einander nicht brauchen, sondern nur m\u00f6gen, zeigt hier ihre R\u00fcckseite: wir k\u00f6nnten uns gegenseitig auch nicht retten. <\/p>\n<p>Warum haben wir das alles so kommen lassen? Weil es viel angenehmer ist, von einem &#8222;leeren Boot&#8220; abh\u00e4ngig zu sein als von einem Menschen oder Menschengruppen. Unsere Computer, das Internet, das Rechts- und Sozialsystem: Sie alle funktionieren mittels Algorithmen: Wenn dieses vorliegt, folgt jenes &#8211; seelenlos, berechenbar, ohne Ansehen der Person <em>(vom Missbrauch und den Unvollkommenheiten sehe ich jetzt mal ab).<\/em> Da ist niemand, der uns etwas absichtsvoll antut oder zumutet. Wir sind von &#8222;leeren Booten&#8220; umgeben und f\u00fchlen uns damit viel besser und freier als in den alten Abh\u00e4ngigkeiten von konkreten Personen. Gleichzeitig sind wir unfreier und abh\u00e4ngiger denn je &#8211; von unseren Ger\u00e4ten und Systemen, ohne deren Funktionieren wir nicht mehr leben k\u00f6nnen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ZEN-Geschichte: \u201cEin Mann ruderte an einem sehr nebligen Morgen sein Boot stromaufw\u00e4rts. 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