{"id":100,"date":"2007-10-25T10:50:28","date_gmt":"2007-10-25T08:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/10\/25\/das-fallbeil\/"},"modified":"2009-06-16T09:03:24","modified_gmt":"2009-06-16T07:03:24","slug":"das-fallbeil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/10\/25\/das-fallbeil\/","title":{"rendered":"Das Fallbeil"},"content":{"rendered":"<p>Aufstehen, kurz ins Bad, dann r\u00fcber in die K\u00fcche, Espressokanne aussp\u00fclen, neuen Kaffe rein, glatt streichen. Nun das Wasser in die untere H\u00e4lfte, Kanne zusammen drehen, wo ist das Feuerzeug? Ah, hier! Fehlt noch der Milchtopf, ein halber Liter, wie immer. W\u00e4hrend Kaffee und Milch auf sich warten lassen, sp\u00fcle ich ein paar Tassen und Teller von gestern abend. &#8222;Kung fu&#8220; hei\u00dft vollst\u00e4ndige Handlung, sagte mein Ex-Lebensgef\u00e4hrte immer, wenn ich das Sp\u00fclen auf sp\u00e4ter verschob. Lange Zeit sp\u00fclte ich sofort, ganz ohne innere Widerst\u00e4nde, stolz auf &#8222;Kung fu&#8220; und wie weit ich es in den kleinen Dingen gebracht habe. Dann wieder langweilt mich das. Mal einen halben Tag einfach alles abstellen, nur den Monitor als Tor zur Welt anerkennen, mit einem Blick die K\u00fcche als auf dem Weg in die Verwahrlosung erkennen &#8211; huch, will ich das? Bin ich das? Drohe ich, wieder so zu werden? Bl\u00f6dsinn, es gibt keinen Weg zur\u00fcck, selbst wenn ich Sorgen h\u00e4tte, wenn ich leiden w\u00fcrde wie ein Schwein, w\u00fcrde ich doch sp\u00e4testens morgens das dreckige Geschirr sp\u00fclen. Dann erst recht.<!--more--><\/p>\n<p>Mit der physischen Verwahrlosung kann ich h\u00f6chstens noch kokettieren, kleiner privater Protest gegen das Sinnvolle und das Streben danach, obwohl doch am Ende alles aus ist. Mein innerer Kritiker meldet sich zu Wort, kommt mit spirituellen Weisheiten, zeigt mit dem Finger nach oben, doch lass ich mich heute nicht einlullen und kontere mit k\u00fcrzlich angelesenen Erkenntnissen aus der Hirnforschung: hey, es ist doch jetzt bekannt, wie der Geist entsteht! Alles nur komplexe Verschaltung, feuernde Neuronen, Ausweitung der Speicherkapazit\u00e4t, so dass nicht nur das Erleben, sondern auch Bilder dieses Erlebens abgespeichert werden k\u00f6nnen: Voil\u00e1 &#8211; and the universe proudly presents: Bewusstsein, sogar Selbstbewusstsein!  Der &#8222;Beobachter&#8220; als Funktion einer Art zweiten Festplatte &#8211; nettes Feature, aber kein Fahrschein zur Transzendenz. Lass mir also meine kleinen Spiele mit dem Sinnlosen und sei froh, dass ich nicht wirklich abdrifte, sondern brav weiter funktioniere. Nicht mal die Laune sinkt.<\/p>\n<p>&#8222;Da ist ein Knoten!&#8220;, sagte neulich mein Liebster, als er sich liebevoll an meiner linken Brust zu schaffen machte. Ich registrierte f\u00fcr einen Moment das Sausen des Fallbeils, blickte in den Abgrund, der sich da auftat, und dachte: <em>Aha, nun geht es also los, ab jetzt ist Schluss mit lustig!<\/em> Sagte dann zu ihm: &#8222;Na, da muss ich wohl in den n\u00e4chsten Tagen mal zum Arzt&#8220; und signalisierte, dass mir ein Themawechsel gut passen w\u00fcrde. Dem Sterben entgehe ich nicht, das stimmt. Aber soll ich mir deshalb diese sch\u00f6ne geile Stunde vermiesen lassen? Ich \u00e4nderte meine Haltung, richtete mich auf und umarmte ihn. Seine H\u00e4nde interessierten sich weiter f\u00fcr meine Br\u00fcste, w\u00e4hrend ich meine Entschlossenheit beobachtete, vom Abgrund abzusehen, mich abzuwenden, einfach einzutauchen ins Allt\u00e4gliche &#8211; schlie\u00dflich kann ich mir mittlerweile meine Geistesinhalte weitgehend w\u00e4hlen, wof\u00fcr soll das gut sein, wenn nicht f\u00fcr solche Gelegenheiten? Ich w\u00fcrde mich sp\u00e4ter k\u00fcmmern, jetzt sollte gef\u00e4lligst alles weiter gehen wie gewohnt.<\/p>\n<p>&#8222;Hm &#8211; es war wohl nur das zusammen gedr\u00fcckte Gewebe in der anderen Stellung!&#8220; Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Ich sah das Fallbeil wieder im Nichts verschwinden. Und tsch\u00fcss &#8211; bis demn\u00e4chst!  So oder so \u00e4hnlich wird es also sein, wenn ich die &#8222;finale Diagnose&#8220; vernehme, das &#8222;Urteil&#8220;, das ja doch immer schon gef\u00e4llt ist seit ich geboren bin. F\u00fcr die kurze Minute hab&#8216; ich mich ganz gut gehalten, stelle ich anerkennend fest. Gleichzeitig ist da aber zuviel Erleichterung, als dass ich mir meines inneren Friedens allzu sicher sein k\u00f6nnte. Nun, es wird Gelegenheit geben, die Erfahrung zu vertiefen, das ist sicher.<\/p>\n<p>Der Kaffee ist jetzt fertig, die Milch kurz vor dem \u00dcberkochen. Beides f\u00fclle ich in die Thermoskanne, die ich mit ins Zimmer nehmen werde. Dann treibt meine Schwachblase mich nochmal kurz ins Bad: Himmel, schon wieder ist das Klo verstopft! Jetzt habe ich die Wahl, die Sch\u00fcssel \u00fcber den Tag immer wieder mit Wasser voll laufen zu lassen und das beste zu hoffen, oder ich greife mit dem ganzen Arm in die Schei\u00dfe und bereinige das Hindernis mechanisch.  Letzteres w\u00e4re wohl eher &#8222;Kung fu&#8220;, vollst\u00e4ndige Handlung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufstehen, kurz ins Bad, dann r\u00fcber in die K\u00fcche, Espressokanne aussp\u00fclen, neuen Kaffe rein, glatt streichen. Nun das Wasser in die untere H\u00e4lfte, Kanne zusammen drehen, wo ist das Feuerzeug? Ah, hier! Fehlt noch der Milchtopf, ein halber Liter, wie immer. 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