{"id":4228,"date":"2024-02-04T11:23:03","date_gmt":"2024-02-04T10:23:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?page_id=4228"},"modified":"2024-02-04T11:23:19","modified_gmt":"2024-02-04T10:23:19","slug":"meditationen-ueber-dies-und-das-wer-bin-ich","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/meditationen-ueber-dies-und-das-wer-bin-ich\/","title":{"rendered":"Meditationen \u00fcber Dies und Das: &#8222;Wer bin ich?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>[Erschienen 1996 im <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/mediwer.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cyberzine &#8222;Missing Link&#8220;<\/a>]<\/p>\n<p>Zuerst glaubte ich, die Frage sei eine provozierendere Form von &#8222;Wie bin ich?&#8220;. &#8218;Erkenne Dich selbst!&#8216; sagten ja schon die Griechen. Also ruhig mal hingeschaut: auf den physischen K\u00f6rper mit seinen verschiedenen Spannungszust\u00e4nden, die Psyche mit ihren Gef\u00fchlen und Stimmungen, schlie\u00dflich die Gedanken, die im Lauf des Tages den Kopf durchwandern.<\/p>\n<p>All dies ist erkl\u00e4rbar. Ja, Erkl\u00e4rungen sind \u00fcberhaupt das, was mir zu allererst in den Sinn kommt: Erkl\u00e4rungen aus der Physiologie, der Psychologie, der Anthropologie, der Biologie, der \u00d6konomie, der Neurowissenschaften, der Vererbungslehre und noch viel viel mehr. Mein gesamtes Leben l\u00e4\u00dft sich locker unter die verschiedenen Erkl\u00e4rungen sortieren, sogar unter mehrere gleichzeitig.<\/p>\n<p>Warum nur besteht mein Yogalehrer immer wieder darauf, wir sollten uns fragen, &#8222;wer wir seien&#8220;? Ist das nicht ganz klar? Sind wir nicht vollkommen erkl\u00e4rt durch all die genannten Wissenschaften? Was mu\u00df da noch gefragt werden?<\/p>\n<h2>Wer fragt?<\/h2>\n<p>Nach l\u00e4ngerem Beobachten all der ver\u00e4nderlichen Ph\u00e4nomene, die man gewohnt ist, einem &#8222;Ich&#8220; zuzuordnen, neige ich immer weniger dazu, dies auch zu tun. Denn eine Erkl\u00e4rung im Sinne einer Wissenschaft hei\u00dft immer &#8222;&#8230;das ist ja nur&#8230;&#8220; und dann folgen die Ursachen und Bedingungen, die nach der jeweiligen Wissenschaft zum entsprechenden Ergebnis f\u00fchren m\u00fcssen. Wo bin da ich? Das ist doch nur&#8230;..!<\/p>\n<p>Wir haben uns so sehr hinterfragt, da\u00df nichts mehr \u00fcbrig geblieben ist, schrieb mir mal jemand. Und doch sagen wir t\u00e4glich &#8222;ich&#8220; und finden nichts Erstaunliches dabei.<\/p>\n<h2>Wer bestimmt, welche Erkl\u00e4rungen stimmen?<\/h2>\n<p>Mit der Zeit stelle ich durch Beobachtungen fest, da\u00df die sich anbietenden Erkl\u00e4rungen des Handelns und der Befindlichkeiten nicht immer die richtigen sind, schon garnicht die Einzigen. Da\u00df ich gerade mal wieder alles hinwerfen k\u00f6nnte und vom Leben in einer Holzh\u00fctte in unber\u00fchrter Natur tr\u00e4ume, ist vielleicht nicht die tiefsitzende Entfremdung des St\u00e4dters, sondern: die Computer-Maus l\u00e4\u00dft sich gerade ausgesprochen schlecht bewegen, h\u00e4ngt dauernd fest, der Himmel drau\u00dfen ist neblig-tr\u00fcb, und das ergibt &#8211; zusammen mit der 3. Mahnung eines Online-Dienstes, dessen Rechnung ich doch schon bezahlt hatte &#8211; ein Gef\u00fchl des \u00dcberdrusses. Die Beispiele lassen sich fortsetzen. Ursachen finden sich massenhaft &#8211; und die eine ist oft so &#8222;stimmig&#8220; wie die andere.<\/p>\n<p>Man kommt bald dahin, sich eine Ursache auszusuchen &#8211; mit erstaunlichen Wirkungen. Besser die beginnende Erk\u00e4ltung als den Turbo-Kapitalismus verantwortlich machen, lieber heute Nacht schlecht geschlafen haben, als die &#8222;Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins&#8220; zur Erkl\u00e4rung mieser Stimmungen heranziehen. Wenn ich die Wahl habe, zu entscheiden, welchen Grund meines aktuellen Zustands ich mir aussuche (f\u00fcr &#8222;wahr&#8220; halte), w\u00e4hle ich besser den kleineren Anla\u00df. Selbst das Verh\u00e4ltnis zu Anderen bessert sich &#8211; auch f\u00fcr ihr Verhalten kann ich harmlose Ursachen w\u00e4hlen und mu\u00df nicht immer gleich heftig reagieren.<\/p>\n<h2>Wer w\u00e4hlt?<\/h2>\n<p>Genau besehen, bin &#8222;ich selbst&#8220; nichts grunds\u00e4tzlich anderes, als das, was als &#8222;Au\u00dfenwelt&#8220; gilt. Meine Gef\u00fchle sind dem Wetter und dem Klima \u00e4hnlich, mein K\u00f6rper der Landschaft, meine Gedanken kreisen wie die Sterne am Himmel. Kein &#8222;Ich&#8220; nirgends. Eine alte Erkenntnis, die in Ost wie West formuliert wurde. Da ist nichts &#8211; oder hast Du was gesehen? (Wenn ja, kannst Du es zeigen?)<\/p>\n<h2>Wer macht?<\/h2>\n<p>Es sieht aber doch so aus, als k\u00f6nnte ich Einflu\u00df aus\u00fcben, mich z.B. entscheiden zwischen aufstehen und liegenbleiben, wenigstens in gewissen Grenzen. Hinterher kann ich dann wieder erkl\u00e4ren&#8230; vorher herrscht der Eindruck, ich m\u00fcsse w\u00e4hlen. Die Hirnforschung hat neuerdings gezeigt, da\u00df die physiologischen Vorbereitungen, um den Arm anzuheben, bereits anlaufen, noch bevor es uns bewu\u00dft wird, da\u00df wir jetzt den Arm heben werden. Man kann sich allerdings noch dagegen entscheiden und den Vorgang abbrechen, sagen die Forscher beruhigend! Was entscheidet da? Und was bereitet das Entscheiden vorher wom\u00f6glich wieder physiologisch vor?<\/p>\n<p>Offenbar kann ich nur sagen: es geschieht etwas und ich kann dabei mitmischen. Lassen wir die Ich-Frage mal beiseite und sehen das &#8222;Mitmischen&#8220; an. Aus all den m\u00f6glichen Bedingungen und Ursachen kann ich etwas ausw\u00e4hlen und dort Aufmerksamkeit, Konzentration, Gef\u00fchl und Gedankenkraft darauf richten, geistig-physisch-psychische Anstrengung. Dann wird der gew\u00e4hlte Aspekt ein wenig kr\u00e4ftiger, verglichen mit all den \u00fcberall bereit stehenden Ursachen m\u00f6glichen Verhaltens. In einer zerstrittenen Firma k\u00f6nnte ich mich z.B. entweder mit dem Chef, mit den Mitarbeitern oder mit irgendeiner Fraktion verb\u00fcnden und so die entsprechende Richtung st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Man lenkt also Energie. Aber wer lenkt? Kann ich mich denn selber an den Haaren aus dem Sumpf ziehen?<\/p>\n<h2>Warum fragen?<\/h2>\n<p>Lange war die Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; nicht sehr interessant. Wirklich wichtig ist das doch nicht, oder? Man tut, was man tun will oder tun mu\u00df, erkl\u00e4rt es mehr oder weniger &#8211; aber immer folgt ein Tag auf den anderen, ganz egal, wie ich mich zu dieser Frage verhalte.<\/p>\n<p>So verging die Zeit und das &#8222;Wer bin ich?&#8220; f\u00fchrte seine Randexistenz als Philosophie-Problem. Lieber noch dachte ich an den Tod, obzwar der Tod als das Schrecklichste gilt. Was immer &#8222;Ich&#8220; sein mag, es wird eines Tages enden, das ist sicher. Und was ist schon der \u00c4rger mit dem Vermieter, was sind die vielgestaltigen &#8222;Probleme&#8220; des t\u00e4glichen Lebens angesichts des Endes? Eine Gelassenheit setzt ein &#8211; ganz ohne da\u00df man sich daf\u00fcr Leber oder Nieren kaputt machen m\u00fc\u00dfte.<\/p>\n<p>Im fortgesetzten Beobachten verschwinden nicht nur die sogenannten Probleme (und damit die Notwendigkeit, vor ihnen wegzulaufen oder selbst ein neues zu kreieren), sondern auch die W\u00fcnsche beginnen sich rar zu machen: Ich schaue den Impulsen zu, wie sie kommen und gehen. Wer sich selbst beobachtet, zum Beispiel den Wunsch, ein tolles, neues, sch\u00f6nes Irgendwas zu kaufen, wird erstaunt bemerken, da\u00df &#8211; sofern man mal einfach abwartet, was geschieht &#8211; nach einiger Zeit der Wunsch pl\u00f6tzlich wieder verschwindet. (Wieviel Geld man da spart und Platz in der Wohnung!)<\/p>\n<h2>Grundlos<\/h2>\n<p>Allerdings: ohne W\u00fcnsche lebt es sich nicht so leicht, wenigstens nicht zu Anfang. Wer nicht st\u00e4ndig zwischen Angriff und Verteidigung hin und hergerissen wird, nicht mehr daran glaubt, da\u00df das Jagen und Sammeln oder \u00fcberhaupt irgendetwas nun endlich das Gl\u00fcck bringt, st\u00f6\u00dft auf eine seltsame Leere. Wenn es keinen Grund gibt, warum bin ich dann t\u00e4tig &#8211; und zwar weit mehr, als es zur blo\u00dfen Lebenserhaltung n\u00f6tig w\u00e4re? Wie ein Scanner sucht der Geist auf allen Ebenen nach m\u00f6glichen Gr\u00fcnden und W\u00fcnschen. Was will ich noch tun? Mich einfach nur wiederholen? Und nochmal und nochmal und nochmal? Der n\u00e4chste Job, die n\u00e4chste Beziehung, die n\u00e4chste Wahl, die n\u00e4chste Umschulungs- und Weiterbildungsma\u00dfnahme, der n\u00e4chste Computer und Windows &#8217;97, &#8217;98, &#8217;99?<\/p>\n<p>Woher dieser Drang, aktiv zu sein? Wenn keine politische Idee, keine Utopie, kein Weltrettungskonzept und kein Konsumwunsch dies mehr rechtfertigt, vern\u00fcnftig erkl\u00e4rt?<\/p>\n<p>So stelle ich also fest, da\u00df ich &#8222;grundlos&#8220; handle, mich ohne Grund aktiv am Weltgeschehen beteilige (denn tue ich das nicht, f\u00fchle ich mich nicht &#8222;im Flu\u00df&#8220; und werde deprimi\u00e9rt). Warum nur? Was treibt mich?<\/p>\n<p>Dann Telepolis, das Netz, der Raum der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten: Anders als im &#8222;real Life&#8220; ist es hier ganz leicht, sich klar zu machen, da\u00df alle diese Umtriebigkeit nur den Wechsel von Spannungszust\u00e4nden in verschiedenen Datenspeichern zur Folge hat. Und doch werden die gleichen Schlachten geschlagen, dieselben Dinge gefeiert, als ginge es um etwas, ja, um die ganze Welt (vom Cyberspace aus gesehen stimmt das ja auch). Es sind die alten Menschen, das alte Spiel, aber mit neuen Regeln und bunteren Karten.<\/p>\n<p>Nun also alle drei Monate ein neuer Web-Browser! Die Netzkultur entfaltet sich, 1000 Blumen bl\u00fchen und verbl\u00fchen, ja, die Geschwindigkeit nimmt zu &#8211; aber nach wie vor k\u00f6nnte ich nicht sagen, da\u00df es irgendwohin geht, bzw. einen Grund hat. Was ist da blo\u00df am Werk? Wer handelt?<\/p>\n<h2>Nichts<\/h2>\n<p>Nichts. Da ist nichts. Es wurde oben schon erw\u00e4hnt. Was ist schon dabei? Unter &#8222;Nichts&#8220; kann man sich nichts vorstellen, das gilt es zu akzeptieren, und schon hat das Ich einen neuen Namen. My name is nobody, why not? Ja, man kann so reden, aber es ist, als ob damit garnichts gesagt w\u00e4re. Offenbar hat &#8211; zumindest f\u00fcr mein widerspenstiges &#8222;Ich&#8220; &#8211; das Nichts keine Bedeutung, denn man kann sich darunter nichts vorstellen. Das macht unzufrieden. Der Verstand will etwas vorstellen. Das Ich will eine Bedeutung. Die Antwort auf die Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; sollte eine Bedeutung haben, bedeutend sein!<\/p>\n<h2>Werte<\/h2>\n<p>Warum eigentlich? Warum braucht das Ich eine Bedeutung? Da k\u00f6nnten jetzt wieder die Wissenschaften kommen: Kampf ums Dasein etc. Aber das lenkt nur ab: Vielleicht sucht das Ich eine Bedeutung, weil es (wer?) vergessen hat, da\u00df es selbst der Deuter ist &#8211; vielleicht gar selbst Sch\u00f6pfer von Bedeutung? Das pa\u00dft auch ganz gut ins aktuelle &#8222;Real Life&#8220;, denn \u00fcberall wird dar\u00fcber geklagt, da\u00df &#8222;die Werte verfallen&#8220;. Das, was wir suchen, verf\u00e4llt, weil wir danach suchen, anstatt es zu pflegen, instandzuhalten, gar mehr werden zu lassen &#8211; wir haben es verlernt. Wenn es unser eigentlicher Job ist, Werte zu schaffen, und wir stattdessen damit besch\u00e4ftigt sind, nach Bedeutung zu suchen, haben wir in der Tat schlechte Karten.<\/p>\n<p>Wir wollen alle geliebt werden, aber wer will lieben? Niemand hat eine Ahnung, wie man von der gew\u00f6hnlichen Ignoranz und dem \u00fcblichen Kosten\/Nutzen-denken zum lieben kommt. Es fragt nicht mal jemand danach, wie das gehen k\u00f6nnte. Offenbar glaubt man, Liebe sei ein Gef\u00fchl, das eben pl\u00f6tzlich da sei oder (meistens) nicht.<\/p>\n<p>Genauso w\u00e4ren viele gern reich, setzen aber nur ein paar Mark beim Samstags-Lotto daf\u00fcr ein. Das GL\u00dcCK soll es bringen!<\/p>\n<p>Ruhm und Ehre werden auch gern genommen &#8211; aber wieviele Menschen bem\u00fchen sich, in irgendeiner Sache wirklich gut zu sein? Stattdessen versucht man, ins Fernsehen zu kommen&#8230;.<\/p>\n<p>Der Verstand will etwas vorstellen. Das Ich will eine Bedeutung Haben diese beiden S\u00e4tze etwas miteinander zu tun? Und was?<\/p>\n<p><span style=\"color: #bc4b92;\">Vielleicht zeigt es mir die Zeit &#8211; gegen Feedback zu diesen &#8218;Meditationen&#8216; hab&#8216; ich nichts &#8211; verspreche aber nicht, zu diskutieren. 18.12.96 <\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Erschienen 1996 im Cyberzine &#8222;Missing Link&#8220;] Zuerst glaubte ich, die Frage sei eine provozierendere Form von &#8222;Wie bin ich?&#8220;. &#8218;Erkenne Dich selbst!&#8216; sagten ja schon die Griechen. 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