{"id":4034,"date":"1999-06-17T12:54:50","date_gmt":"1999-06-17T10:54:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?page_id=4034"},"modified":"2023-12-03T13:05:26","modified_gmt":"2023-12-03T12:05:26","slug":"fragen-und-antworten-faq-zum-digital-diary","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/fragen-und-antworten-faq-zum-digital-diary\/","title":{"rendered":"Fragen und Antworten: FAQ zum Digital Diary (1999)"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder fragen mich Leute nach diesem Tagebuch:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"#warum\">Warum ich es schreibe<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"#f\u00fcrwen\">F\u00fcr wen ich es schreibe.<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#pers\u00f6nlich\">Wie es ist, pers\u00f6nliche Dinge zu ver\u00f6ffentlichen.<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#resonanz\">Ob ich Resonanz bekomme&#8230;<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>und schlie\u00dflich immer wieder die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"#real\">Real Life &amp; Virtual Life.<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<h2 id=\"warum\">Warum?<\/h2>\n<p>Als ich im Fr\u00fchling 1996 meine ersten Webseiten ver\u00f6ffentlichte, orientierte ich mich an traditionellen Formen. Zuerst mit einer kleinen Textsammlung, fast nur mit Gedichten anderer Autoren. Dann \u00fcberkam mich die Lust, meine Erlebnisse und Gedanken \u00fcber das Netz ins Web zu bringen und das <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cyberzine Missing Link<\/a> entstand. Kurze Artikel, verschiedene Rubriken, h\u00fcbsch ordentlich, fast wie ein Printmagazin. Auch an einem &#8222;Webdiary&#8220; schrieb ich mit, eine Kette von miteinander verbundenen Seiten vieler Autoren, die sich alle um das Netz als Thema drehten.<\/p>\n<p>Bald langweilte es mich, designerisch gesehen, mich immer brav an die Struktur von Missing Link zu halten. Wenn mich ein neues Thema bewegte, mu\u00dfte ich u.U. eine neue Rubrik einf\u00fchren &#8211; oft wurde sowas zum Redesign des ganzen Cyberzines, was nur geht, wenn man viel Zeit hat.<\/p>\n<p>Also publizierte ich das Projekt <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/glueck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gl\u00fcck<\/a>. Es hatte keine feste Form mehr, jeder Beitrag ist ein bi\u00dfchen anders gestaltet. Leider hatte es noch einen Namen: mancher Text pa\u00dfte einfach nicht zum Thema &#8222;Gl\u00fcck&#8220;, bzw. nur mit H\u00e4ngen und W\u00fcrgen. Auch wollte ich nicht jeden Text so hoch ansetzen: ein RICHTIGER Kurzessay&#8230; manchmal dr\u00e4ngt es mich nur zu ein paar kurzen Bemerkungen.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1998 h\u00f6rte ich &#8211; mal wieder &#8211; mit dem Rauchen auf und beschlo\u00df, zur Stabilisierung ein Nichtrauchertagebuch im Web zu f\u00fchren. So lernte ich diese Form sch\u00e4tzen, die eigentlich gar keine Form ist: man schreibt, wann und was man will. Das &#8222;was?&#8220; war hier allerdings zu eng gefa\u00dft, das Thema Nicht-Rauchen ist nicht unersch\u00f6pflich und so h\u00f6rte ich nach drei Monaten wieder damit auf (und begann nach einiger Zeit sogar wieder zu rauchen).<\/p>\n<p>Mittlerweile war ich sehr besch\u00e4ftigt, hatte Webdesignauftr\u00e4ge und kam nicht mehr dazu, in meinen Projekten wie bisher weiter zu schreiben. Doch mir fehlte was, und so begann ich dieses allgemeine Tagebuch &#8211; just for fun. Geschrieben hab&#8216; ich n\u00e4mlich schon immer, lange vor Webzeiten, allerdings nie ein Tagebuch. Auch das hier ist kein traditionelles Tagebuch, sondern nur eine recht formlose Form f\u00fcr Texte, die manchmal einfach kommen wollen.<\/p>\n<h2 id=\"f\u00fcrwen\">F\u00fcr wen?<\/h2>\n<p>F\u00fcr mich, f\u00fcr alle, und das hei\u00dft: f\u00fcr niemand. Anders als in der Welt der B\u00fccher und gedruckten Artikel, wo es immer eine Zielgruppe und ein bestimmtes Regal im B\u00fccherladen gibt, l\u00e4\u00dft sich das im Web tats\u00e4chlich verwirklichen. Es kostet nichts au\u00dfer Zeit &#8211; also braucht es auch keine Rechtfertigung und mu\u00df sich schon gar nicht &#8222;rechnen&#8220;.<\/p>\n<p>Aber ich wei\u00df, die Frage geht tiefer. Jahrelang konnte ich f\u00fcr mein eigenes Empfinden nicht &#8222;richtig&#8220; schreiben. Immer war der Gedanke an eine Zielgruppe, ein konkretes Gegen\u00fcber so dominant, da\u00df meine Texte dadurch nicht locker flossen. \u00dcberlegungen wie &#8222;versteht der oder die das auch richtig?&#8220; verleiteten mich zu ungeheuer weitschweifigen Erl\u00e4uterungen und die Texte wirkten gestelzt.<\/p>\n<p>1991 lernte ich meinen Yogalehrer <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/hempel.htm\" target=\"unten\" rel=\"noopener\">Hans Peter Hempel<\/a> kennen. Er ist Professor f\u00fcr Politikwissenschaft und Philosophie an der TU Berlin und schreibt ungeheuer viel. Es gibt kaum ein Thema, das er nicht in Gestalt eines mitteldicken Essays als &#8222;graue Literatur&#8220; an Freunde und Sch\u00fcler verteilt hat. Was den Yoga angeht, fa\u00dfte ich sofort Vertrauen: wenn ein solcher Schreiber und Denker dazu kommt, Yoga zu machen, dann mu\u00df was dran sein!<\/p>\n<p>Schon bald begann ich, ihm Briefe zu schreiben. Keine pers\u00f6nlichen Briefe, sondern Texte \u00fcber mein Erleben im Yoga und \u00fcber nahezu alle Aspekte meines Lebens. Er beantwortete diese Briefe nie, wir sahen uns ja jede Woche &#8211; aber manchmal nahm er Bezug auf die Fragen, die mich bewegten, wenn er vor der \u00dcbungsstunde \u00fcber Yoga sprach.<\/p>\n<p>Ich schrieb diese Briefe \u00fcber Jahre, mal zwei pro Woche, mal nur einen im Monat und lernte auf diese Weise, den Gedanken an das konkrete Gegen\u00fcber zu verlieren. Denn ich schrieb ja nicht an Hans-Peter, sondern an den Yogalehrer in ihm &#8211; und Yoga umfa\u00dft alles, das ganze Leben. Das Schreiben wurde eine Methode der Selbsterforschung, eine gute Art, sich \u00fcber Dinge denkend klar zu werden.<\/p>\n<p>Als einige Jahre sp\u00e4ter die Briefe seltener und seltener wurden, konnte ich auf einmal schreiben: f\u00fcr mich, f\u00fcr alle, f\u00fcr niemand. Ich bin Hans-Peter Hempel unendlich dankbar, der mir durch sein Nicht-Antworten dieses Geschenk gemacht hat.<\/p>\n<h2 id=\"pers\u00f6nlich\">Pers\u00f6nliche Dinge?<\/h2>\n<p>Eine heikle Sache: ganz ohne pers\u00f6nliche Erlebnisse sind Texte wie meine hohl, weil sie ja gerade nicht als journalistisch oder akademisch-philosophisch ausformulierte und entsprechend &#8222;abgest\u00fctzte&#8220; Essays daherkommen. Pers\u00f6nliche Erlebnisse detailgetreu wiederzugeben, ist andrerseits nicht ohne weiteres m\u00f6glich: Freunde (und sogar Feinde), Lebenspartner, Bekannte und Verwandte, alle privaten Online-Kontakte eingeschlossen, haben ein Recht auf Diskretion. Das Web zur intimen Klagemauer oder gar zur \u00d6ffentlichkeits-Waffe zu machen, um eigene negative Gef\u00fchle herauszulassen, halte ich f\u00fcr eine gro\u00dfe Gemeinheit. Sowas ist dann zwar richtig &#8222;spannend&#8220; zu lesen, aber es bedeutet einen kaum zu \u00fcbertreffenden Vertrauensbruch, sobald konkrete Personen erkennbar werden. Daf\u00fcr ist nach wie vor das Tagebuch f\u00fcr die h\u00e4usliche Schublade der richtige Ort &#8211; wenn&#8217;s denn sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Ich gehe also einen <b>Mittelweg<\/b>, der nicht immer leicht ist und der erfordert, da\u00df bestimmte Themen kaum, oder nur sehr allgemein in meinen Texten auftauchen (z.B. konkrete Liebesbeziehungen &#8211; oder w\u00fcrdet Ihr es m\u00f6gen, wenn Eure Freundin oder Ex sich dar\u00fcber im Web ausbreitet?). Lieber lasse ich das Schreiben ganz, als da\u00df ich Texte schreibe, die verletzen k\u00f6nnten, oder Texte, die ich in der Anstrengung schreiben m\u00fc\u00dfte, nicht zu verletzen. Selbst, wenn ich in diesem Kontext nur positive Dinge sagen w\u00fcrde, w\u00e4re auch das ein Verrat an einer privaten Beziehung, ihrem ganz pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chsraum, und deshalb verletzend.<\/p>\n<h2 id=\"resonanz\">Resonanz<\/h2>\n<p>Zu welchen Themen am meisten Resonanz kommt, werde ich oft gefragt. Das h\u00e4ngt nicht vom Thema ab, sondern davon, wie intensiv ich ein Thema bringe, wie sehr ich mich also selbst darauf einlasse. Je mehr ich bei mir selbst bin, desto eher f\u00fchlen sich Andere angesprochen &#8211; eine der sch\u00f6nen Paradoxien im Leben!<br \/>\nManchmal stell&#8216; ich einen Brief auf die Leserbriefseite, seltener gehe ich zitierend darauf ein. Wenn ich mit Namen zitiere oder eine Mail mit Adresse ver\u00f6ffentliche, geschieht das erst nach Absprache. Zitate ohne Namen verwende ich auch so, sofern nicht aus dem Kontext die Person zu erkennen ist.<\/p>\n<h2 id=\"real\">Real &#8211; oder wie?<\/h2>\n<p>Die Rede vom Real Life im Gegensatz zu dem Bereich, der sich \u00fcber Online-Kommunikation abspielt, hat es lange schon gegeben, als ich &#8217;96 so richtig netzaktiv wurde. Erst nahm ich &#8222;RL&#8220; als Modebegriff einer Netzszene wahr, doch bald schon wurde der Begriff Not-wendig. Begriffe bilden sich, wenn man ansonsten mehrere S\u00e4tze der Erl\u00e4uterung br\u00e4uchte, um zu beschreiben, was gemeint ist. DASS &#8218;hier&#8216; etwas neu und deutlich anders ist als eben im gewohnten &#8222;realen Leben&#8220;, ist offenkundig und braucht eine Bezeichnung, zumindest eine Abgrenzung bzw. Negativbestimmung. Das Wort vom RL in Abgrenzung zum weniger gern gebrauchten &#8222;Virtual Life&#8220; ist nicht gl\u00fccklich, denn nat\u00fcrlich ist alles, wie immer es statt findet, ganz wirklich, ganz real. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede:<\/p>\n<p><b>Netzkommunikation<\/b> findet \u00fcber Text und Bild statt. Diese Form grenzt eine ganze Reihe von Aspekten ganz oder teilweise aus, durch die wir normalerweise Informationen \u00fcber den Anderen bekommen: K\u00f6rpersprache, Konstitution, lebendiges Temperament, Mimik, Gestik, Stimme.<br \/>\nDer Vorteil dabei ist, da\u00df die Kommunikation weniger von automatisch einrastenden <b>Schubladen<\/b> belastet ist (der hat so dichte Augenbrauen und erinnert mich an meinen b\u00f6sen Onkel&#8230;). Mal als Vorteil mal als Nachteil zeigt sich die Tatsache, da\u00df in diese L\u00fccke eigene Projektionen gesetzt werden. Gehirn und Gem\u00fct f\u00fcllen die L\u00fccken, ganz ohne unser bewu\u00dftes Zutun. Das ist einerseits sch\u00f6n, denn wer eine positive Grundeinstellung hat, kommuniziert so freier mit Fremden, neigt dazu, sie alle als symphatische und gutwillige Menschen wahrzunehmen. Logisch, da\u00df die Kehrseite Ent-T\u00e4uschung hei\u00dft, wenn man erlebt, wie man in die Pfanne gehauen wird &#8211; gut selbst an solchen Kommunikations-GAUs ist, da\u00df die zugrunde liegenden Abl\u00e4ufe leichter erkennbar sind als im &#8222;realen Leben&#8220;. Denn die Distanz zu Texten ist etwas leichter zu gewinnen, als die gelassene Distanz zu einem realen Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>In der <b>Kommunikation per Text<\/b> und Bild zeigt sich also immer nur ein Teil der Person: mal mit Absicht, weil jemand bestimmte Seiten nicht gern zeigt, oft ganz unabsichtlich. Es gibt Seiten an Menschen, die sich nicht in Texte schreiben (lassen). So kann jemand im Text sehr bestimmt, klar, sogar konfrontierend auftreten, trifft man sie oder ihn aber face-to-face, ist die Person erstaunlicherweise eher verschwommen, kaum in der Lage, eigene Positionen zu kommunizieren, geschweige denn, eine Auseinandersetzung zu f\u00fchren, bei der man die Stimme heben m\u00fc\u00dfte. Oder jemand ist Online ein Mutter-Typ, immer um Harmonie in einer Gruppe bem\u00fcht &#8211; im RL jedoch zeigt sich eine Resignation in Bezug auf Zwischenmenschliches, die stellenweise in Zynismus umschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Online erleben wir also immer nur einen <b>Aspekt der Wahrheit<\/b> &#8211; von daher ist die Bezeichnung &#8222;virtual Life&#8220; garnicht unpassend. Ja, vielleicht bist du so, wie du dich da zeigst &#8211; vielleicht aber auch nicht, bzw. nicht nur!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder fragen mich Leute nach diesem Tagebuch: Warum ich es schreibe. F\u00fcr wen ich es schreibe. Wie es ist, pers\u00f6nliche Dinge zu ver\u00f6ffentlichen. Ob ich Resonanz bekomme&#8230; und schlie\u00dflich immer wieder die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Real Life &amp; Virtual Life. Warum? 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