Claudia am 31. Januar 2001 — 5 Kommentare

Nebel, Traum, Dr.Fine, Webdiarys

Unglaublich eintönig verstreichen die Tage, der neblig-trübe Himmel, das kühle Licht des Monitors, tagein tagaus dasselbe. Vormittags ein Besuch bei den Hühnern, Frischfutter verteilen, Scheiße von der Leiter kratzen, sie ein bißchen anstaunen: wie sind sie doch lebendig! Und wie sie mich ansehen – wie das wohl für sie ist?

Heute hat mich ein Traum in ein anderes Dasein katapultiert. Ich weiß nichts, wirklich gar nichts mehr von diesem Traum, außer dass er auf einer ganz anderen Ebene der Lebensenergie spielte: hoch spannend, erotisch, bis hin zu fast religiöser Ekstase. Eine Gefühlserinnerung, sonst nichts.

Ich lese gerade „Dr.Fine“ von Samuel Shem. Es ist die Geschichte eines Psychoanalytikers, der seit seiner Lehranalyse nicht mehr in der Welt, sondern in deren psychoanalytischer Deutung lebt. Es ist zum Schreien komisch, spannend, tragisch, herzergreifend und bildend, also alles, was man heute von einem Unterhaltungsroman wünschen kann. Und es geht – das tun nur ganz wenige – über diese Ebene hinaus, es vermittelt ein „mehr“, ohne dieses mehr zu benennen.

Ich frage mich immer, was es ist, das bei dem einen Autor sofort in die Geschichte hinein zieht, ohne Zögern und Stolpern, ohne „Längen“, aber doch mit genug Stoff, um die Personen lebendig zu machen, so lebendig, dass sie zu Freunden oder Feinden werden und das eigene Leben tendenziell aus dem Bewußtsein verschwindet. Ein geistiges Wunder, das – je älter ich werde – immer seltener geschieht. Und nur dann, wenn der Autor eine für mein Empfinden vollständig flüssige Sprache spricht, funktioniert es.

Update 2019 / Und hier der verdiente Werbelink:

Dr.Fine bei Amazon

Diarys und Öffentlichkeit

In der CT dieser Woche ist ein Artikel über Webdiarys erschienen, der mal ein bißchen MEHR bringt als das blosse Staunen über den Exhibitionismus der Schreibenden. Die Diary-Szene boomt mittlerweile, Hunderttausende schreiben ihre täglichen Eindrücke auf, manche geben tatsächlich Einblicke in intimste Gedanken und Gefühle, berichten über ihr Liebes- und Sexleben, ihre Ängste und Verrücktheiten. Es hat schon ein bißchen was von „Big Brother für Alphabeten“, keine Frage!

Obwohl ich selber die Ebene des totalen sozialen Outings vermeide, lese ich manches dieser Diarys ganz gern und frage mich gelegentlich, ob das nicht doch ein Übergangsphänomen ist: Wenn die Netzkompetenz der breiten Massen weiter wächst, werden viele das Suchen & Finden lernen und spasseshalber die Namen ihrer Freunde, Kollegen, Bekannten und Verwandten recherchieren. (Man glaubt ja gar nicht, was Google.com alles findet!) Und dann wird es immer öfter passieren, dass jemand mit einem selbstentblößenden Tagebuch morgens von seinem Arbeitskollegen wütend empfangen wird, weil er oder sie sich tags zuvor im Web allzu deutlich über den neuesten Streit ausgelassen hat. Damit nicht zu rechnen, ist nicht Mut, sondern Unwissenheit und Naivität, freundlich ausgedrückt. Selbst wer seine Seiten NICHT in den Suchmaschinen anmeldet, wird früher oder später von Robots verdatet, von anderen gelinkt oder die URL wird auch schon mal ganz unwissentlich von Lesern weiter verbreitet. (In meiner Referenzliste mit den automatisch erfaßten Adressen, WOHER die Leser kommen, fand ich schon manche Website, von deren „Öffentlichkeit“ der Verfasser sicher nichts ahnte.)

In jüngeren Jahren hätte ich vielleicht die Ansicht vertreten, dass totale Offenheit überall und zu jeder Zeit – also auch in der Öffentlichkeit – das anzustrebende Ideal sei. Davon bin ich allerdings weggekommen, denn: Was ich ausspreche, gar aufschreibe und in die weite Netzwelt schicke, gewinnt auch ganz ohne Absicht einen gewissen Ewigkeitswert. Schubladen in fremden Köpfen werden errichtet, die so ohne weiteres nicht mehr wegzukriegen sind – auch wenn das Ereignis, das mich gerade bewegt, meine Leiden und Freuden und meine Gedanken darüber morgen schon wieder ganz anderns aussehen mögen. Auf diese Weise baue ich mit an der eigenen Unfreiheit, mache mich erreichbar und definierbar – doch das bin ich nicht!

Diary-Schreiben ist für mich eher eine Form, Distanz zu mir selbst zu gewinnen. Wenn ich an ganz konkreten Dingen leide, die mit meinen Nächsten zusammen hängen, fühle ich natürlich den Impuls, zu schreiben. Doch gerade die Anforderung, Intimität und Privatheit niemals zu verraten, unterstützt mich dabei, das Konkrete auf eine allgemeinere Ebene zu heben. Es bringt mich weg vom Kreisen im eigenen psychischen Sumpf und damit ist der Hauptzweck schon erreicht.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Nebel, Traum, Dr.Fine, Webdiarys“.

  1. Diesen Text finde ich sehr schön! Viel zu lange habe ich schon kein Buch mehr gelesen. Aber ich kenne den Punkt der möglichst baldigen Annäherung an die von den Autoren beschriebenen Personen und Geschichten. Es ist toll, wie manche von ihnen es verstehen, die Leser in den Bann zu ziehen. Und die Analogie zum Traum (ich denke, es war so gemeint) ist schön beschrieben. Das Erlebnis werden viele teilen.

    Ich blogge auch schon eine Weile. Meine Gründe, meine Gefühlswelt nicht allzu sehr zu entblößen, sind andere als die, die du beschrieben hast. Ich hab erst vorgestern einen Google Home Mini installiert. Bedenkenlos. Obwohl ich doch im Wohnzimmer schon so’n Ding von Amazon stehen habe, das auf den weithin bekannten Namen Alexa hört. :-) Meine Angst vor Datenmissbrauch war noch nie sonderlich ausgeprägt, trotz all der Fallstricke und Gefahren, die mir auch nicht gänzlich verborgen geblieben sind. Vielleicht liegt das am Alter? Meine Neugierde siegt über meine Bedenken. So würde ich es zusammenfassen. Ich gehöre nicht zu den Deutschen, die angeblich ja so technik- bzw. zukunftsfeindlich sein sollen. Solche Zuweisungen an uns Deutsche halte ich ohnehin für schwer nachvollziehbar.

    Allerdings gibt es diese Grenzen. Ich würde über sexuelle Erlebnisse oder Träume niemals bloggen. Aber genauso wenig über Erfahrungen, die wir hier zu Hause machen, seit wir einen inzwischen doch ziemlich alten Menschen pflegen. Das sind inzwischen fast 5 Jahre und wir kommen manchmal an unsere Grenzen. Außer den leider häufigeren Erfahrungen mit unserem Ortskrankenhaus kann man darüber im Blog nichts lesen. Manchmal würde ich gern und dann wieder hält mich der Gedanke zurück, dass auch das viel zu intim ist und deshalb privat bleiben sollte.

    Übrigens habe ich heute einen tollen Text des dieser Tage verstorbenen Journalisten und Autors Michael Jürgs gelesen. Wahrscheinlich hast du sein eben erst entstandenes Essay im Handelsblatt auch schon gelesen. Für alle Fälle hier der Link: http://bit.ly/2L94mVo

    LG Horst

  2. Lieber Horst,
    das ist ja witzig! Du hast einen Artikel aus dem Januar 2001 (meiner Zeit in Mecklenburg) kommentiert. Hier in Berlin hab ich natürlich keine Hühner und die Tage sind derzeit auch nicht „neblig trüb“. :-) Ich übertrage gerade Uralt-Diary-Beiträge, die noch mit einer anderen Technik entstanden sind, in WordPress. Und dabei hatte ich einmal kurz vergessen, das damalige Datum zu setzen.

    Evtl. nehme ich deinen Text zu Technik-Affinität und Grenzen in einen neuen Post über „Bloggen heute“ – damit man nicht weiter im Jahr 2001 darüber diskutieren muss… :-)

    Aber schön, dass so ein alter Text noch inspiriert! Jetzt binde ich erstmal das Buch ein….

  3. Das ist witzig. 20 Jahre ist dieser Text fast alt. Da war ich noch nicht dabei. Jedenfalls hat mir der Text sehr gefallen.

  4. hallo Claudia, hallo Ihrs:)

    …Diary-Schreiben ist für mich eher eine Form,
    …Distanz zu mir selbst zu gewinnen. Wenn ich
    …an ganz konkreten Dingen leide, die mit meinen
    …Nächsten zusammen hängen, fühle ich natürlich
    …den Impuls, zu schreiben.

    …Doch gerade die Anforderung, Intimität und
    …Privatheit niemals zu verraten, unterstützt
    …mich dabei, das Konkrete auf eine allgemeinere
    …Ebene zu heben.

    …Es bringt mich weg vom Kreisen im eigenen
    …psychischen Sumpf und damit ist der Hauptzweck
    …schon erreicht….

    alte Texte sind eher „versunkene Perlen“ als
    ungeeignete Bleiwüsten:). ich bin hier schon ein
    paar Tage länger zu Gast, schätze die Autorin
    ebenso wie die immer wiederkehrenden Kommentatoren/Innen;
    erkenne in vielem eigene Dinge wieder und dies
    verstärkt das Gefühl, möglicherweise besteht
    das „Internet“ doch nicht aus nur einem einzigen
    Großrechner, der es sich zur Aufgabe gemacht hat
    mich in den sicheren Wahnsinn zu treiben.

    hurra, noch lebe ich:)

    via utube höre ich grade Herrn Lesch:

    „Raumfahrt ist sauteuer, 20.000 Euro pro Kilogramm Masse
    sind angesagt um 1 Kg ins Weltall zu befördern.“

    Mithin wären also schlappe- (ich wiege zur Zeit ca 80 davon)
    1.600.000.– Euronen fällig um mir dieses zweifelhafte
    Vergnügen zu gönnen.

    die hab ich nich.

    gemessen an dem sind die Kosten für ein freies Vagabundieren
    im Netz der Netze relativ gering. und gerade dieses „flanieren
    in der Unendlichkeit der Sach- und Sinnbezüge bereitet mir immer
    noch ein unerschöpfliches Mass an Vergnuegen.

    waren es in grauer Vorzeit Webseiten (homepages) wie
    „missing link“, „kaschemme“, „also sprach zarathustra“
    der hamburger Philosophie Netzletter (Philweb),
    die Liste „Netzliteratur“ und ähnliche Großbaustellen
    der textafinen Gesellschaft so sind es heute eher
    die bewegtbebilderten tontragenden Erzeugnisse auf u-tube
    und ähnlichen Plattformen der nachkommenschaft altgriechischer
    Agoren.

    es ist immer noch alles im fluss, die quelle wird nur mit
    gegen den strom schwimmen erreicht und angesichts der sich
    summierenden überstandenen winter lässt die Lust meinerseits
    zu dieser zu gelangen sichtlich nach.

    es ist auch angenehm einfach mal mit der Strömung, einfach
    treiben lassen. katzen, kochrezepte, alternatives stromgewinnen
    meine güte, die Liste ist endlos ;).

    was wollt ich eigentlich..
    ah.. ahm..
    äh.

    ja.
    ich bin auch da:)
    (ab und an)

    gruesse aus dem remstal
    ingo

  5. Hallo Ingo,
    toll, dass du auch noch da bist und diesem alten Text als „Perle“ die Ehre erweist! Ja, dauernd gegen den Strom schwimmen ist auch verdammt anstrengend – und so langsam sind da halt auch mal die Jungen dran. Die ja derzeit ganz gut loslegen…

    Den Lesch hab ich auch gesehen, finde ihn in der Gesamtschau super, im Detail schwächelt das Format, wenn man ihn zum Professor Weiß-Alles zu allem und jedem macht.

    Youtube finde ich auch immer wieder interessant. Grade hat Sascha Lobo das Internet wieder mal als „größte Bildungsmaschine“ gerühmt – recht hat er und bezog sich dabei speziell auf Youtube. Grade sichte ich, was es da so zum Thema „Recherche“ gibt – toll!

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