Diese Reise durchs Web bringt Euch nicht nur zu vielen interessanten Philosohie-Sites, sondern ist auch eine - wirklich ganz kurze - Einführung in die Philosophie seit Beginn der Neuzeit. (Leider gehen viele Links mittlerweile ins Leere...)

Vom Sinn des Lebens zum Regenwurmglück?

„Ihre Verbindung zum Netzwerk wurde getrennt. Soll sie wiederhergestellt werden?" Zum siebten Mal an diesem Vormittag werde ich unsanft aus der Arbeit gerissen. Verdammt, gestern erst mußte ich den Tag dafür opfern, Windows95 auf meinem vollgestopften Computer so zu beschleunigen, daß es endlich (fast) so schnell läuft wie 3.11. Vorgestern hat sich mein Web-Browser für ‘out of time’ erklärt und mir blieb nichts anderes übrig als zur teuersten Zeit das neue Update vom Netz herunterzuladen.

Wenn ich all die Zeit zusammenrechne, die ich damit verbringe, mein Equipment auf dem Stand zu halten, komme ich ohne Probleme auf einen halben Jahresurlaub. Und wenn dann alles funktioniert sitze ich vor dem Monitor, warte und warte, die Daten tröpfeln bitweise durch die Leitung, ich stehe im Netzstau und verfalle unaufhaltsam in die tiefsten Tiefen der Sinnfragen: Wozu das alles? Was tue ich hier? Ist das die richtige Weise, das Leben vor dem Tod zu verbringen?

Anstatt einen Spaziergang im Grünen zu machen, in die Sonne zu blinzeln und ein wenig über den Sinn des Daseins zu meditieren, klicke ich auf die Taste „Verbindung wiederherstellen". Im Netz der Netze sollen sich Antworten auf alle Fragen finden lassen - ist es nicht der große Geist der zusammenwachsenden Menschheit?

Bei Lycos, einer der weltweit größten Suchmaschinen, gebe ich frischfröhlich „Philosophie" als Suchbegriff ein. 4067 Dokumente werden mir angeboten, unter "Philosophy" gar 64.709. Selber schuld, wenn ich so allgemein frage! Ich versuche „meaning of life" - und wieder kann ich aus dem Vollen schöpfen: mehr als 40.000 Dokumente mit den Wörtern ‘meaning’ und ‘life’ (dazu blendet mir freundlicherweise Lycos die Anzeige einer Lebensversicherung ein). Ich fange einfach mal an zu stöbern und lande gleich den ersten Treffer: „Was ist das Problem? Hat das Leben einen Sinn?", fragt Professor Donna Summerfield von der Carbondale-Universität in Illinois und führt mich in verständlicher Sprache in die Weltsicht des Existenzialismus ein, einer philosophischen Bewegung, die Mitte unseres Jahrhundert populär wurde (zur Erinnerung: man trug nur noch schwarz und rauchte filterlose Gauloises-Zigaretten).

Das Leben ist absurd, sagten Existenzialisten wie Sartre und Camus, denn unsere endliche Existenz mit ihren alltäglichen Aktivitäten ist angesichts des gleichgültigen Universums ohne jede Bedeutung. Der Mensch muß sich den Sinn selbst geben - in eigener Verantwortung und Freiheit. Als Beispiel für die Absurdität des Lebens dient der berühmte griechische Mythos von Sisyphus, dem Mann, der von den Göttern dazu verurteilt war, einen schweren Stein immer wieder den Berg hinauf zu wäzen, nur um ihn wieder herunterrollen zu sehen. Ja, ja, genauso ist es - so geht es mir, wenn ich immer wieder die neuesten Programmversionen installiere, die neue Fehler mitbringen, Fehler, an die ich mich bis zum nächsten Update mühsam gewöhnt habe, das dann wieder andere Fehler produziert!

Wer Lust hat, tiefer in den Existentialismus einzusteigen, dem sei die Albert-Camus-Seite aus der Sammlung AL+I (Authors, Links + Infos) von Robert Daeley empfohlen). Neben einer Kurzbiographie von Camus finden sich hier eine Menge Links zu anderen Camus- und Existenzialismus-Quellen. Anschauenswert auch Katharena Eiermanns mehrfach preisgekrönte Existenzialismus-Seite „The Realm of Existentialism". Neben einigen Essays zu den Grundlagen des Existentialismus sind die wesentlichen Philosophen und Autoren mit Kurzbeschreibungen von Leben und Werk, Textauszügen und Photos zu finden, darunter Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Camus, Sartre, Dostojewsky, Rilke, Kafka, u.a..

Weil es mir im Moment aber partout nicht gelingen will, dem Leben vor dem Monitor einen Sinn zu geben, surfe ich weiter ins Principia Cybernetica Web der Freien Universität in Brüssel. Auf der Seite „Was ist der Sinn des Lebens?" begrüßt mich die große Frage, die mich hergelockt hat, und eine schnelle Antwort: „Sinn des Lebens ist es, die Fähigkeiten (fitness) zu vergrößern". Na, wer sagt’s denn, es gibt also kaum etwas Sinnvolleres, als Soft- und Hardware aufzurüsten, die Festplatten zu pflegen, neue Features zu erlernen und so meine Möglichkeiten zu erweitern - wie beruhigend!

In der Einführung in die Principia Cybernetica lese ich, daß im Zeitalter der Information die Systemtheorie und die Kybernetik als Wissenschaften von der Organisation und Kommunikation sich daran machen, endlich die großen Fragen der Philosophie zu beantworten: „Wer bin ich? Was ist wahres Wissen, was gut und böse?" Die Philosophie der Principia Cybernetica (PCP) beruft sich auf die Evolution, die als fortschreitender Prozeß der Selbstorganisation gesehen wird, der auf Variation und natürlicher Auslese der jeweils ‘fittesten Konfiguration’ basiere. Die Evolution erzeuge kontinuierlich Komplexität und mache die Systeme anpassungsfähiger, indem sie ihnen immer mehr Möglichkeiten gibt, ihre jeweilige Umwelten zu kontrollieren. Wahres Wissen ist demnach das Wissen um gut funktionierende Modelle, um die jeweils beste Konfiguration (!). Richtiges Handeln bedeutet, alles zu tun, um langfristig immer kompetenter zu werden, wobei die Tragfähigkeiten der Systeme Gesellschaft und Ökosphäre berücksichtigt werden müssen. Soweit die kurze Einführung, wer mehr will, kann Tage mit diesem Server verbringen, so weit verschachtelt sind die Inhalte, so umfangreich die Texte und Links zu PCP-Ressourcen. Zum Glück erleichtern eine Suchmaschine und eine ‘clickable map’ die Navigation.

Nackt durch eine belebte Straße laufen

Eine weitere Seite unter dem Titel „Sinn des Lebens" stammt von Paul Hess und ist mit einigen Audio-Schnipseln angereichert. Berührt man die Überschrift, sagt eine sanfte Männerstimme: „Ohne das Leben wäre die Frage sinnlos." Wie wahr! Hier ist jedenfalls ein Ort, an dem ich gefordert bin, die Frage nach dem Sinn selbst zu beantworten. Die gesammelten Antworten anderer sind zu besichtigen, zum Beispiel ist es der Sinn von Chris Dragans Leben „die größtmögliche Bandbreite von Emotionen zu spüren. Ob das nun bedeutet, nackt durch eine belebte Straße zu laufen oder über einen sentimentalen Film zu weinen, bleibt dir überlassen." Oder Danny Craigs Beitrag: „Der Sinn des Lebens ist ähnlich dem einer leckeren Pizza, die frisch aus dem Ofen kommt. Zögern wir zulange, kann sie kalt werden. Am besten ganz schnell aufessen, sonst bekommen wir vielleicht nur ein winziges Stück davon ab!". Schnell tippe ich noch in die Mail-To-Box, was ich vorher gelernt habe: „Sinn des Lebens ist es, die Fähigkeiten der Systeme zu vergrößern", dann verabschiede ich mich von dieser lockeren Sprüche-Seite.

Bin ich jetzt dem, was ich suchte, nähergekommen? Meine Lesezeichenliste ist jedenfalls gewachsen und ich hab' sie geordnet, mindestens eine halbe Stunde lang! Was für ein gutes Gefühl: Ordnung, Überblick, jederzeit sofortiger Zugriff auf... ja, was eigentlich? Und warum? Irgendwie hab’ ich das ganz vergessen. Komisch, das ist mir im Web schon öfter so gegangen! Egal: einfach da weitermachen, wo ich gerade bin. Was ist überhaupt Wissen?

Der Gründervater der modernen Philosophie, René Descartes, stellte als erster auf ganz neue Art die Frage nach sicherem Wissen. Mit ihm beginnt die ‘Aufklärung’: Das mittelalterlich geschlossene Weltbild, das von Dogmen, die man einfach glauben mußte, zusammengehalten wurde, zerfällt. Vor allem durch die Erfolge der mathematischen Physik kommt der Gedanke auf, daß es auch für das ‘Nachdenken über die Welt’ eine wissenschaftliche Methode geben müsse, die zu sicheren Erkenntnissen führt. Genau wie die Mathematik von einfachen selbstverständlichen Elementen ausgeht ( 1+1=2) und auf ihnen ihre Gebäude errichtet, so bedeutet für Descartes die unmittelbare intuitive Gewißheit „Ich denke, also bin ich" (cogito, ergo sum) einen solchen Grundbaustein des Wissens, von dem man ausgehen kann.

Hm... denke ich eigentlich, wenn ich durchs Web surfe? Und wenn nicht, wo bin ich dann? Descartes jedenfalls hat denkend festgestellt, daß es offenbar zwei Arten von Dingen gibt: solche, die wir anfassen können (‘ausgedehnte Sachen’) und andere, nicht-ausgedehnte, wie eben das Denken.
Ab jetzt hat die Philosophie ein neues Problem: wie kann eine nicht-ausgedehnte Sache überhaupt auf einen Gegenstand wirken? Das hört sich abgedreht an, aber damit ist gemeint: Was ist Geist im Vergleich zum Körper? Wie komm’ ich vom Denken zum Handeln? Plötzlich liegt da ein Abgrund, wo vorher eine Einheit war. Und wer jetzt gut Englisch, Französisch oder gar Latein lesen kann, kann sich da gerne weiter vertiefen, z.B. in die dreisprachige HTML-Edition „Descartes’ Meditationes". Eine Perle für Mathematikfans ist das mit 43 Dateien sehr ausführliche Dokument „Der Problemlöser René" , das Descartes Neuerungen in der Mathematik darstellt bis hin zur Spurensuche im 20.Jahrhundert im Kapitel: Probleme lösen mit dem Computer.

Von der rosa Brille: Gibt es Raum und Zeit?

Nach den Voraussetzungen und Grenzen des Denkens fragt im 18.Jahrhundert der deutsche Philosoph Immanuel Kant, denn die Philosophie war dabei, gegenüber den Methoden mathematisch-wissenschaftlichen Denkens ins Hintertreffen zu geraten. Auf dem Höhepunkt der Aufklärung, als der Glaube herrschte, durch Vernunft seien alle Übel des Lebens zu beseitigen (praktisch hat man die Methode des Köpfens bevorzugt!), zeigt Kant, daß das Denken selbst - auch das mathematische - von vornherein beschränkt ist. Zum Beispiel hat alles, was wir wahrnehmen können, einen Ort im Raum und Anfang und Ende in der Zeit. Raum und Zeit aber sind keine Dinge, sondern Strukturen unseres Geistes, so als hätte man eine farbige Brille auf, durch die alles in der entsprechende Farbe getönt erscheint. Wieso? Man stelle sich nur mal einen absolut leeren grenzenlosen Raum in einer absolut leeren Zeit vor...! Auch Begriffe wie Ursache und Wirkung, Substanz, Eigenschaft, Teil und Ganzes sind solche Kategorien unseres Bewußtseins, die die Welt, in der wir leben, erst schaffen, aber selbst nicht in dem Sinne existieren, wie etwa eine Festplatte existiert.

"Das Ding an sich ist unerkennbar" ist daher eine Grunderkenntnis von Kant. Seinem Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft" ist die wunderbare Homepage von Norman Kemp Smith gewidmet, die ein grandioses Beispiel dafür ist, wie eines Tages vielleicht einmal alle wichtigen Texte im Web zur Verfügung stehen könnten. Sie umfaßt nicht bloß die Inhaltsverzeichnisse zweier Ausgaben, sondern auch eine Volltext-Such-Möglichkeit. Man kann das Buch von Anfang an lesen oder bei einer beliebigen Seite beginnen; geht man nach Inhaltsverzeichnis, so ist jedes einzelne Kapitel und Unterkapitel aufrufbar. Warum gibt es das bloß nicht auf Deutsch?
Denken ist nach Kant bewertendes Verknüpfen einer erfahrbaren Mannigfaltigkeit zu neuen Einheiten - das hat mir gefallen! Ist es nicht das, was wir tun, wenn wir das Web weben? Natürlich nicht, wenn wir bloß ‘herumklicken’, aber dann, wenn wir Homepages mit Inhalten kreieren, wenn wir aus den Millionen von Seiten auswählen, was uns gefällt, in neuer Form verbinden und zur Verfügung stellen - noch viel mehr, wenn so Kontakte entstehen und spielerisch Netze an Menschen und Inhalten entlang wachsen, die es so noch nie gegeben hat?

Genug geschwärmt: Wer noch Lust auf eine richtige Brandrede von Kant hat, lese die „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" . Hier outet sich Kant gar als früher Feminist: „Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigten sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen". Im schweizerischen Netzhaus-Verlag, dem wir diesen Volltext-Artikel verdanken, ist auch eine Kant-CD-ROM online bestellbar.

Zertrümmerung: Philosophieren mit dem Hammer

``Leib bin ich und Seele - so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die Kinder reden? Aber der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und Nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe". So spricht der wortgewaltige Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra", einem ‘Buch für Alle und Keinen’ das in voller Länge in der Textsammlung des deutschen Gutenbergprojekts vorliegt. Nietzsche nannte sein Denken ein ‘Philosophieren mit dem Hammer’ und mit diesem Hammer versucht er, alle aus seiner Sicht leib- und lebensfeindlichen Züge aus Philosophie und Religion zu zertrümmern: das abstrakt-objektive Denken der Wissenschaften ebenso wie alle Heilslehren, die mit Jenseits- und Hinterwelten argumentieren. Priester, Gelehrte, Fürsten greift er ebenso an, wie er gegen das ‘grüne Weideglück der Menge’ polemisiert. Für ihn gibt es keinen wie auch immer gearteten ‘höheren Sinn’, es gibt nur die faktische Welt der Wirklichkeit, die deshalb als unendlich wertvoll betrachtet werden müsse.
Ausgerechnet bei denjenigen, die ihren Leib stundenlang auf dem Stuhl vor dem Monitor absetzen, um in Cyber-Welten zu verschwinden, deren Wirklichkeit zumindest fraglich ist, hat Nietzsche eine große Fangemeinde. Kaum ein Philosoph wird auf so vielen liebevoll gepflegten Homepages verehrt! Herausragend die Nietzsche-Sektion bei Katharena Eiermann, wo zur Einstimmung das Intro aus „Also sprach Zaratustra" von Richard Strauss erklingt. Auf Mausklick sind Zufalls-Zitate aus dem Zarathustra abrufbar, ausgewählte Texte („Der wissenschaftliche Geist", „Logik der Träume", u.a.) locken den Leser und eine Liste „Fantastic Nietzsche Web-Sites" erfreut alle, die eine Nietzsche-Rundreise im Netz unternehmen möchten. Gar 35 Nietzsche-Links versammelt die Nietzsche-Seite von Douglas Thomas an der kalifornischen Annenberg School for Communication, die mit 12350 gezählten Hits seit März ’96 stark nachgefragt wird. Hier findet sich viel Stoff für Lehrende und Lernende, eine Nietzsche-Discussion-List, Buchbesprechungen, Artikel über Nietzsche und natürlich biographische und bibliographische Materialien. Ein vollständiges Verzeichnis der Werke auf Deutsch verdanken wir Bernd Heinisch, auf dessen Homepage ein philosophisches Kulturforum namens Ahimsa entsteht. Nicht unerwähnt bleiben soll die „Pirate Nietzsche Page" von Jack Miller. Der Autor setzt sich in eigenen Essays mit der Bedeutung von Nietzsche im Zeitalter des Cyberspace auseinander, lesenswert!

Wenn sich der Geist blamiert hat, was dann?

Wer hat nicht schon erlebt, wie jemand in brillanter Rede ein vernünftiges Argument ans andere reiht und man spürt doch ganz genau: er will mir nur eine ‘reinwürgen? Mit Nietzsche, der immer danach fragte, was für Interessen hinter den Lehren, hinter der jeweiligen Moral stehen, ist die Psychologie auf die philosophische Bühne getreten, der Geist hat sich rettungslos blamiert. Martin Heidegger, der vielleicht einflußreichste Philosoph unseres Jahrhunderts, wendet sich dagegen, nach dieser Zertrümmerung der Systeme die Welt nun neu aus dem Denken zu erklären. Man soll lieber nach dem Ausgelassenen fragen, nicht denken im Sinn von Entwerfen, sondern eher so, wie man einem Musikstück zuhört, bei dem nicht bloß die Töne, sondern auch die Lücken wichtig sind.

Philosophie ist immer die Frage nach den Voraussetzungen des Denkens und Heidegger macht klar, daß wir - bevor wir überhaupt zum Denken kommen - schon auf bestimmte Weise in der Welt stehen, nämlich als Wesen, die wissen, daß sie sterben werden. Und das hat Folgen! Heidegger versucht zu erkennen, was in der Geschichte eigentlich wirklich abgelaufen ist und weiter abläuft, während die Menschen den Illusionen der verschiedenen Glaubenssyteme anhingen, darunter der Glaube, man könne die Welt aus der Vernunft ordnen. Technik z.B. ist für ihn nicht etwas, das der Mensch für seine Zwecke entwirft und nutzt, sondern ein Prozeß, der fast naturwüchsig voranschreitet, dem wir uns also nicht einfach entziehen können, wenn wir das wollten.

Heidegger auf seinen verschlungenen Denkwegen zu folgen ist ein Abenteuer, das man mit Gewinn auf der abwechslungsreichen Homepage „Ereignis" beginnt, wo wirklich vielfältige teils kommentierte Heidegger-Quellen zusammengetragen sind. Einem Katheder-Philosophen würden allerdings angesichts der Auswahl die Haare zu Berge stehen: neben Mailing-Listen, Bibliographien, Essays über Heidegger und einer Heidegger-Chronologie findet sich auch ein Gedicht von Maria Bonn und der Aufsatz „Träumen Menschen von Elektrischen Schafen?". Wer eine kurze Zusammenfassung vorzieht, ist mit der Heidegger-Seite von K.Eiermann bestens bedient. Aktuelles zur Dekonstruktion, wie Heideggers Denken auch genannt wird, präsentiert das teils deutschsprachige E-Zine Foreign Body, besonders lesenswert hier der tiefschürfende siebenseitige Essay von Michael Schumann: „Heidegger und das Tier" und „Dekonstruktion ist nicht das, was Du denkst" von Geoffrey Bennington.

Nach dem Ende der Geschichte: Kosmisches Gespräch oder Regenwurmglück?

„Jeder ist zugleich Mund, der an den Bildern saugt, und After, der das Gesagte unverdaut an die Bilder zurückgibt". Das drastische Bild stammt von Vilém Flusser, dem 1991 viel zu früh verstorbenen Propheten der „Telematischen Gesellschaft". Flusser sah mit den neuen Medien einen „Kampf um die Schaltpläne" kommen: Wird die Macht in den Händen weniger Sender konzentriert sein, die das Volk mit zerstreuenden Bildern berieseln, auf daß es im Dämmerzustand eines Regenwurmglücks versinkt? Oder wird ein demokratisches Spiel entstehen, in dem jeder mit jedem durch Bilder und Worte einen „kosmischen Dialog" führen kann? Beide Möglichkeiten hielt er für gleich wahrscheinlich, machte aber kein Geheimnis daraus, wo seine Sympathien liegen.

Wenn ich heute ins Web schaue, sehe ich noch die Vielen mit den Vielen kommunizieren und - manchmal - die spannenden demokratischen Spiele spielen, die Flusser gemeint haben mag (man sehe sich nur mal die wundervoll kreativen und teils sehr philosophischen Beiträge zum 1.Internet-Literaturwettbewerb auf der Olaf-Koch-Homepage an). Je populärer das Netz wird, desto interessanter wird es aber auch für die Giganten des Kommerzes, die nur ihre Bilder, Filme und Waren an ein Massenpublikum verteilen wollen - Regenwurmglück. Was sich letztlich durchsetzt, ist nicht planbar oder von irgend jemandem zu verordnen, denn das Netz entwickelt sich chaotisch, ohne eine lenkende Vernunft. Damit ist es das beste Beispiel für die Postmoderne, wie die Zeit - unsere Zeit! - nach dem Ende des Glaubens an die Denksysteme genannt wird.
(Fragen & Antworten ) Wenn die Welt zu komplex ist, um sie noch zu durchschauen, wenn kein Denksystem uns die Werte vorgibt, kann auch keine Geschichte mehr gemacht werden - die Geschichte ist zu Ende. Nicht mehr geistige Systeme sind das bestimmende, sondern technische: die Kybernetik löst die Philosophie ab (und kümmert sich darum, daß die Systeme immer fitter werden...).

Fatale Technik, Hyperkommunikation, Realitätschock

Ja wenn das so ist, was machen dann die Philosophen, frag’ ich mich? Sie beobachten und schreiben - und zwar nicht wenig. Man braucht nur mal in den postmodernen Magazinen und E-Zines zu stöbern und wird fast zugeschüttet mit Materialien. In beispielhafter Großzügigkeit stellt z.B. Postmodern Culture sämtliche Nummern seit September 1990 mit allen Artikeln im Volltext ins Netz. Ähnlich CTHEORY, ein internationales Journal für Theorie, Technologie und Kultur, das sich mit allen Aspekten der Postmoderne auseinander setzt. Mark Nunes bezieht hier in seinem Artikel „Baudrillard in Cyberspace: Internet, Virtuality and Postmodernity" das Denken Baudrillards, eines der bekanntesten Postmodernen, auf die Entwicklung des Internet. Baudrillard prägte den Begriff von der „fatalen Technik" - fatal im Sinne von schicksalshaft - wobei der Triumph des Fatalen darin bestehe, daß eine simulierte Welt realer und wichtiger werde als die wirkliche.

Der Begriff der Wirklichkeit wird unbrauchbar, wir befinden uns jetzt in der Hyperrealität. Dort tritt die Hyperkommunikation an die Stelle der Kommunikation: Information bezieht sich nicht mehr auf ein Ereignis in der Welt, sondern auf die Information als Ereignis. (Wenn ich also hier über Web-Seiten schreibe, die auf Artikel verweisen, die sich mit wieder anderen Texten befassen, bin ich schon nicht mehr real, sondern hyperkommunikativ!). Der Körper wird zum Satelliten der neuen Cyberwelt: das heißt, wir laufen nur noch herum, wenn es unbedingt sein muß, in Gedanken längst wieder im Netz, wo wir unsere Homepages, E-Mail-Kontakte und Web-Projekte pflegen, die so viel wichtiger geworden sind, als etwa der Wind, die Bäume, die Farbe der Küchenschränke und Zahnbürsten oder sonst etwas aus der alten Welt.

Textauszüge aus den Büchern Baudrillards sind einzusehen in Collin Brookes und Douglas Browns Projekt Baudrillard. Eine gute kritische Einführung in postmoderne Anschauungen mit vielen weiterführenden Links gibt Professor Friedlander in seiner Site „Why I am not a Postmodernist". In der Panic-Encyclopedia schreibt alles, was in der Szene Rang und Namen hat. Alle, die dauernd oder gelegentlich Panik-Attacken erleben, sind herzlich eingeladen, denn Panik sei die vorherrschende Stimmung in der postmodernen Kultur, so das Editorial. Der Themenbogen reicht von A - Z: vom panischen Alphabet, der panischen Bürokratie, dem panischer Cyberspace über panische Musik, panischen Sex zu panischen Würmern und panischen Zombies.

Paul Virilio, ebenfalls ein bekannter Autor der Postmoderne, befürchtet einen fundamentalen Schock in der menschlichen Realitäts- und Weltwahrnehmung, wenn die Beschleunigung und Globalisierung der Informationsflüsse und gesellschaftlichen Prozesse weiter zunehme. In „Speed and Information: Cyberspace Alarm" spricht er von der Abschaffung des Raumes zugunsten einer globalen Echtzeit, die in den Städten und Nachbarschaften dominieren wird (...seit ich im Netz bin, weiß ich, wann die Amerikaner zu arbeiten anfangen...), ja, er fürchtet um die repräsentative Demokratie, die durch eine Meinungsdemokratie per Mausklick abgelöst werden könnte. Das Schlimmste sei die Zersprengung menschlicher Gemeinschaften - auf sie wirkten die neuen Techniken mit ihrer Echt-Zeit-Interaktion wie eine Atombombe auf Materie. Erste Anzeichen für die Wahrheit seiner Prophezeiungen sieht Virilio in der Massenarbeitslosigkeit und im allgemeinen Abbau von festen Arbeitsverhältnissen zugunsten der Auftragsarbeit.

Ein neues Zuhause des Geistes?

Im postmodernen Philosophiebrunnen zu schöpfen bedeutet nun nicht, nur mit Verlust- und Untergangsszenarien konfrontiert zu werden. Im Gegenteil: im Netz tummelt sich ein buntes Völkchen von utopisch-orientierten Cyber-Fans, Punks und Techno-Freaks, die gerade das glücklich stimmt, was anderen Angst macht. Die Welt als globales Dorf, Freiheit und Mitbestimmung, eigenverantwortliches kreatives Arbeiten in wechselnden vernetzten Zusammenhängen, herrschaftsfreie Räume, das Chaos als sich selbst organisierende Ordnung - wer kennt nicht die wunderbaren Zukunftsvisionen, die - nachdem doch die Geschichte gerade zu Grabe getragen wurde - uns wieder das Paradies ausmalen?

Nicholas Negroponte, der Gründer des Massachusetts Institute of Technology MIT (Deutsche Kurzdarstellung), gehört zu den Vordenkern der Bewegung. Wir befinden uns bereits im Postinformationszeitalter, weil „der wahre Wert eines Netzwerkes sich weniger in seinem Informationsgehalt, als in seinem Gemeinschaftssinn beweist", so Negroponte in seinem Buch „Beeing Digital", das auch in einer Online-Fassung vorliegt. Kontakt, Kommunikation, Gemeinschaft seien die Hits der Postinformationszeit, ein neues, weltweites Sozialgefüge entstehe und eine neue Allgemeinsprache, mit der man sich über Grenzen hinweg verständigen könne. ( ;-) etwa so? :-)) Wer eintauchen will in die chaotischen Netze der virtuellen Gemeinschaften bekommt alles Nötige und noch viel mehr auf den Seiten Virtual Worlds Resources - Virtual Communities : Neuigkeiten aus der Szene, eine Unmenge Hintergrundmaterial, Artikel, FAQs, Kritiken und natürlich Verbindungen zu vielen virtuellen Gemeinschaften.

Die hymnische Cyberspace - Unabhängigkeitserklärung von John Perry Barlow beginnt mit den klingenden Worten: „Regierungen der industrialisierten Welt, Ihr trägen Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes... Unsere Welt ist eine Welt, die gleichzeitig nirgendwo und überall ist, aber Körper leben hier keine!" Richtig mitreißend, dieser Text - aber irgend etwas stimmt hier nicht, etwas stört: die Augen werden langsam viereckig, ich bin müde, muß mich dringend bewegen... - ach ja, es ist mein eigener Körper, der seit Stunden auf dem Stuhl sitzt und immer ungeduldiger darauf wartet, daß ich aus dem neuen Geist-Zuhause zurückkehre. Ob die Visionäre der Internet-Community dieses Problem noch einmal lösen werden? Den Philosophen jedenfalls geht der Stoff sicher nicht so bald aus.

© CKlinger