"Was vor drei Jahrzehnten radikale Avant- gardelyrik war
- die konkrete
und die visuelle
Poesie - , hat sich im Online- Uni- versum zur ge- sprochenen Sprache ent- wickelt. In dessen Plaudersalons lebt der Geist des "lechts" und rinks" ganz und gar "unvelwech- serbar" auf. Alles wird klein ge- schrieben, leichter präziser Wortwitz prä- feriert, man schreibt und spricht in einem: Nie dagewesen. Und wie sie lebt, die Literatur!"


Peter Glaser

Am 23. September werden in Hamburg die Gewinner des 1.Internet-Literaturwettbewerbs der ZEIT prämiert. Hier die 'hautnah' erlebte Geschichte:

60 KByte Internet-Literatur zum Ersten!

Kann die Jury gezippte Dateien automatisch auspacken? Sind CGI-Scripts erlaubt? Und Java-Applets? Dürfen nur HTML 2.0 oder auch 3.0-Features verwendet werden? Die ZEIT, eben fünfzig geworden, hatte gemeinsam mit IBM Deutschland zum "1.Internet-Literaturwettbewerb" geladen und sah sich vor Fragen gestellt, die auch mit jahrzehntelangen Erfahrungen in der Literaturkritik nicht ganz einfach zu beantworten sind. Ein Spiel mit Schrift, Satz, Bild und Grafik war gefordert, die Ausdrucksformen und technischen Möglichkeiten des Internets, z.B. Email, Newsgroups, Hyperlinks, sollten kreativ genutzt werden - aber bitte nicht zu doll! Das Ergebnis müsse nach wie vor Literatur sein, welche Art Literatur sei allerdings völlig offen, so die Ausschreibung. Die ausgesetzten Preise konnten sich sehen lassen: 10.000 Mark, zwei bessere Notebooks und ein Internet-Account waren geeignet, auch Kreative zum literarischen Werk zu verlocken, die sich bisher eher im weltweiten Netz als auf Literaturwettbewerben heimisch fühlten.

Geile Internet-Faxen oder Literatur?

In der neuen Online-ZEIT entwickelte sich bald eine heftige Diskussion um die Wettbewerbsbedingungen, die zeitweise in kräftige Polemik ausartete. Nur 60 KByte sollte ein Beitrag einschließlich Grafik (!) umfassen dürfen, ungefähr der Datenmenge einer gedruckten ZEIT-Seite entsprechend. Welch eine Zumutung für Menschen, deren Gigabyte-Festplatten aus allen Nähten platzen! Mancher Teilnehmer machte sich einen Spaß daraus, die Veranstalter mit immer spitzfindigeren Fragen zu konfrontieren ("Wußten Sie, daß 1 KB auf meinem Rechner nicht unbedingt 1 KB auf Ihrem Rechner sein muß?") um deren Ahnungslosigkeit in technischen Belangen vorzuführen. Einer beschimpfte die JurorInnen gar in bester FLAME-Manier als "Lordsiegelbewahrer der deutschen Kulturburschwasie" und bezeichnete die Ausschreibung als Farce. Ob es um Literatur gehe, oder darum, wer die geilsten Internet-Faxen machen könne, wollte ein anderer wissen. Teile der Netzgemeinde befürchteten offensichtlich, daß "Leute, die keine Ahnung vom Internet haben," ihren traditionellen Literaturbegriff dem neuen Medium aufdrücken wollten, während die eher von der Gutenberggalaxis her kommenden LiteratInnen die Angst umtrieb, durch technische Hürden in ihren Ausdrucksmöglichkeiten auf Null reduziert zu werden.

Zwischen den Extremen mühten sich die zahlreichen Teilnahmewilligen wochenlang darum, die Ausschreibungsvorgaben soweit zu klären, daß man endlich zur kreativen Tat schreiten konnte. Denn auch jenseits aller Polemik stellte sich die Frage: Was ist Internet-Literatur? Ganz 'gewöhnliche' Literatur im Internet? Oder ein multimediales Ereignis aus Video, Sound, Animationen und Interaktivität? Muß bloß ein bisher linearer Text in Hypertext verschachtelt oder als Email eingesendet werden? Ist nicht eigentlich das große weite Web schon das ABSOLUTE BUCH? Damit die Bäume nicht gleich in den Himmel wuchsen, hatte sich die ZEIT für die 'kleine Form' entschieden und das hieß konkret: 20 KB Text, 40 KB Grafik und 8 KB HTML-Code um das Werk Web-fähig darzustellen, kein Film, kein Ton, kein Java! Der Literaturbegriff des Wettbewerbs wolle seine Herkunft aus der Redaktion einer Wochenzeitung nicht verleugnen, hieß es fast entschuldigend auf der Seite "Fragen und Antworten". Links sollten nur innerhalb der zum Beitrag gehörenden Seiten gestattet sein, also nicht hinaus in die große weite Welt führen. Das 'absolute Buch' müsse auf spätere Wettbewerbe warten. Allzu kleinteilige technische Fragen wurden mit einer Gummiklausel beantwortet: Einsender von HTML-Seiten hätten sich so zu verhalten, wie das Web-Entwickler üblicherweise tun, also ihre Beiträge so abzufassen, daß sie auf der Mehrzahl der gängigen Browser ein akzeptables Ergebnis liefern - Ende, aus.

Die Jury: Angst vor dem Computer?

Daß die Wellen der Empörung anfänglich so hoch schlugen, hatte sich die ZEIT-Redaktion zum großen Teil selbst eingebrockt: Es mußte provozierend wirken, wie vier der fünf Mitglieder der hochkarätig besetzten Jury dem erstaunten Online-Publikum vorgestellt wurden: Für Prof. Dr. Reinhard Baumgart, freier Schriftsteller, Kritiker und Literaturprofessor in Berlin, seien Computer ein Rätsel, war da zu lesen. Robin Detje, freier Autor und Zeitredakteur, habe zwar einen Power PC, schaffe es aber nicht, MacTCP zu konfigurieren; Iris Radisch, früher bei der TAZ, jetzt ZEIT-Redakteurin und zeitweilig pausierende Leiterin des Literaturressorts, lebe in einem Pferdestall bei Celle und habe Angst vor ihrem 286er Computer; Elke Schmitter, ehemals Chefredakteurin der TAZ, heute freie Autorin, unternehme immerhin seit einiger Zeit zaghafte Schritte in die Welt der Netze. Nur Dieter E.Zimmer, Reporter für Wissenschaftsthemen und Literatur, wurde als ausgefuchster Computerexperte und Multimedia-Rezensent präsentiert - angesichts der deutlichen übermacht der erklärten Computer-Laien ein schwacher Trost. Ob denn diese Menschen darüber urteilen könnten, was Internet-Literatur sei, war die bange Frage, die viele bewegte - wer aber, so könnte man zurückfragen, wäre denn geeigneter gewesen? Webdesigner? Hypertextforscher? Vernetzungsspezialisten?

Das Netz - ein weltweites Stadtteilzentrum

Wer glaubte, die web-gewandten Internet-Literatinnen und Literaten würden es dabei bewenden lassen, ihr Werk abzugeben und bescheiden auf die für Mitte Juli angekündigte Entscheidung der Jury warten, sah sich getäuscht. Das Völkchen, das die ZEIT-Seite "Fragen & Antworten" zur Diskussionsmeile umfunktioniert hatte, entfaltete eine Umtriebigkeit, die alle verblüffte, die mit den Netzgepflogenheiten noch wenig vertraut sind. Als im Laufe des Mai immer mehr Beiträge fertig wurden, veröffentlichten 20 TeilnehmerInnen ihre Werke auf der Hompage des 'allgemeinen Freiberuflers' und Autors Olaf Koch, wo sie noch heute zu bestaunen sind. Die Diskussion in der Online-ZEIT, die anfänglich so sehr um Technisches kreiste, schürfte jetzt inhaltlich tiefer und verbreitete sich gleichzeitig an andere Orte im Web. Burkhard Schnöder, Schriftsteller und freier Journalist aus Berlin-Kreuzberg, organisierte mittels Rundmail gar eine Abstimmung unter den bis dato bekannten TeilnehmerInnen, die - Jury hin, Jury her - ihre Favoriten wählen sollten.

Die Jury nahm all diese Aktivitäten gerührt zur Kenntnis, erstaunt über die "ungewohnt lässige Atmosphäre netztypischer Kuscheligkeit". Das Internet habe etwas sehr Dörfliches, ja Stadtteilzentrumhaftes, dafür aber weltweit, vermerkten die Feuilletonisten nach gemachter Erfahrung. Am Sonntag, den 14.Juli, war es dann endlich soweit (letzter Eintrag eines Teilnehmers auf der Diskussionsseite: "ogottogott jetzt tagen sie, nervösnagnag, ob es was wird? Knöchelklopf, schwitzklebschwitz... wartestöhn...."). Das ganze Wochenende hatte die Jury damit zugebracht, die 184 Beiträge zu sichten und Michael Charlier, charmanter Help-Desk des Wettbewerbs, meldete schon zehn Minuten nach der Entscheidung das Ergebnis: Erste Preisträgerin ist Martina Kieninger mit ihrem Theaterstück "Der Schrank" aus Text und ASCII-Grafik, der zweite Preis geht an die Paralleluniversalisten für ihr illustriertes Hypertext-Labyrinth "Waltraut hält die Welt in Atem", dritter Preisträger ist Olaf Trunschke mit dem Reiseführer "Der Brandenburger Tor", Ulf Reips darf sich über den vierten Preis für sein "Websonett" freuen und den Sonderpreis für Einsender, die sich nicht an die technischen Vorgaben halten wollten, geht an Sven Stillich für sein Prosagedicht "Verwunschlos". .

Das Schweigen der Netz-Family

"Hallo? Ist da jemand?" Betroffen fragte Michael Charlier in der Online-ZEIT, wo denn die "Familie" geblieben sei. Standing Ovations hatte man erwartet oder ein FLAME-Gewitter - aber doch nicht dieses Schweigen im Walde. Nun, geschwiegen wurde nur auf der öffentlichen Diskussions-Mall, untereinander machten viele TeilnehmerInnen ihrem ärger spontan per Email Luft - und wer mit der Entscheidung der Jury einverstanden war, sah wenig Anlaß, sich zu äußern. Die vielfach verspürte Enttäuschung hat unterschiedliche Gründe: wer gutes Webdesign für unverzichtbar hält, wird sich mit den kargen ASCII-Grafiken des ersten Preises kaum anfreunden können. Andere vermissen den Internet-Bezug im zweiten, dritten und fünften Preis oder hätten mehr Innovation in der Form erwartet. Auch die Art, wie wir das Web gewöhnlich nutzen, macht es eher schwer, den prämierten Werken im ersten Hit gerecht zu werden: das schnelle Surfen von Site zu Site während die Telefonrechnung wächst schafft die Erwartung, durch spektakuläre Effekte in Bann gezogen zu werden. Buntes, glitzerndes, bewegtes Webdesign ist mittlerweile an der Tagesordnung, doch solches war in den engen Grenzen der Vorgaben weder machbar noch erwünscht. Wer sich die Zeit nimmt, die Siegerbeiträge noch mal in Ruhe anzusehen, dem erschließen sich die eher subtilen Qualitäten der Werke auf den zweiten Blick. Kommende Wettbewerbe mögen die Frage beantworten, ob auch das technisch fortgeschrittene, alle Möglichkeiten ausreizende Gestalten noch Literatur sein kann.

Internet-Literatur ist möglich...

"Noch nie war es für einen Autor so einfach, dafür zu sorgen daß es beim Leser KLICK macht", Olaf Kochs schnoddriger Kommentar beweist, daß Online-Literatur in jedem Fall ihre guten Seiten hat ;-). Die gestrenge Jury war ebenfalls angetan vom "respektablen handwerklichen Niveau und dem unsentimentalen Grundton der Mehrzahl der Beiträge" und kam zum Schluß, daß Literatur auf dem Internet tatsächlich möglich sei, ja sogar ein lohnendes Gebiet darstelle. Wer hätte das gedacht! Am 23. September, zur öffentlichen Preisverleihung, wird die Jury ihre Entscheidung im Einzelnen begründen. Im Netz wird weiter gestritten, das Schweigen ist den Glückwünschen und inhaltlicher Kritik gewichen und an vielen verschiedenen Orten erscheinen Diskussionsbeiträge: über Literatur, über Technik und über das Netz der Netze - bis zum nächsten Wettbewerb.

Claudia Klinger