Familiäre Atmosphäre mit Vor-und Nachteilen BriefFreud und Leid der Mailing-Liste Webkultur


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"Who webkultur" frag' ich das allzeit auskunftsbereite Listenverwaltungsprogramm und warte gespannt die halbe Minute, die Majordomo für die Antwort braucht. Wieder 'mal will ich wissen, wieviel Unentwegte zur Zeit im Kreis der Liste, am runden Tisch des "Forums Webkultur" ausharren. Immerhin, ganze 136 Leute - mehrheitlich aktive Webberinnen und Webber! Sind das nun viel oder wenig? Wenn ich daran denke, daß in heißen Phasen schon mal zehn Mails pro Tag eintrudeln können, ist das eher viel.


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Forum-Banner Als Verwalterin bekomme ich mit, wenn Leute ein- und aussteigen, ein Feedback, das ich gern mit anderen Listenmitgliedern teilen würde. Im Parlament kommt es vor, daß während einer Rede plötzlich "die Opposition unter Protest den Saal verläßt". Auch im Beziehungsstreß "Blue"kennen viele das wütende Aufspringen, Rausrennen, Türen knallen. Immer sehen das alle - in der Mailingliste seh' es nur ich, leider. Am Anfang hat es mir was ausgemacht, hab mich als Initiatorin tatsächlich für die Stimmung verantwortlich gefühlt, oh heilige Einfalt! Jetzt weiß ich, daß Fluktuation in Mailinglisten normal ist und seh' es gelassener, wenn sich in der Mailbox wieder mal die "Unsubscribe Webkultur" türmen.

Manch einer geht wieder, weil es nicht das Erwartete ist: ein bloßes Info-Medium, wo ab und zu mal jemand eine interessante URL oder einen Literaturhinweis eingibt. Weit gefehlt! Die Liste Webkultur ist viel mehr: eine quicklebendige und stetig wachsende virtuelle Gemeinschaft, einzigartig, erstaunlich, unübertroffen, wunderbar und manchmal eine Horror-Veranstaltung. Es herrscht eben "familiäre Atmosphäre mit Vor- und Nachteilen", wie ein Teilnehmer es treffend nannte.

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Was da so inhaltlich läuft? Im Begrüßungsinfo heißt es "Dies ist ein Diskussionsforum, in dem kreatives Webdesign, Entwicklung und Gestaltung von Webprojekten und die dadurch entstehende Kommunikationskultur wischen "vernetzten" Individuen und Gruppen thematisiert wird". Das kann jede Menge bedeuten, so richtig spannend ist es vor allem für diejenigen, die selbst aktiv das Web mitgestalten. Die Themen neigen dazu, alles und jedes zu umfassen, was nur irgend mit dem Web und mit dem Internet als Ganzes zu tun hat. Web-Awards, das Leiden an der Technik, Datenschutz im Internet, die 'Geschlechterfrage', Copyright, der Info-Gau und die zunehmende Kommerzialisierung, aber auch so geheimnisvolle Gesprächsthemen wie "die virtuelle Mumie", "Tauchanzug und Schmetterling", Telefon im Flur" sind schon dagewesen.

Wer ist denn da sonst noch? fragst Du Dich vielleicht und willst mal neugierig in die Runde gucken. Ein Freund schrieb mir neulich begeistert: "Da ist ja echt die Creme de la Creme des deutschsprachigen Web versammelt". Na, da fühlen wir uns aber geschmeichelt - und ich werde hier den Teufel tun und Namen aufzählen. Daß die Forderung, es möchten hauptsächlich aktive Webgestalter eintreten, dazu führt, daß die Macherinnen und Macher vieler bekannter Sites, Designer und Autoren so mancher Online- und auch Offline- Medien dabei sind, muß niemanden wundern. Es gibt eine Homepageliste der Teilnehmer - allerdings erst im Aufbau - da kann jeder mal sehen, was die Leute für ein Web-Life leben.


Schlagabtausch Wer jetzt glaubt, die Liste Webkultur sei immer eitel Sonnenschein, vergißt, daß "familiäre Atmosphäre" manchmal das Gegenteil von Harmonie ist: so richtig zum Weglaufen. Wir hatten schon heiße Auseinandersetzungen (zuletzt warf man sich Bananen an die virtuellen Köpfe), aber glücklicherweise kommt so ein richtiges Flaming fast nie vor. Auseinandersetzungen kochen hoch, aber auch schnell wieder 'runter. Irgendwie ist allen klar, daß bloßer einfallsloser Schlagabtausch sicher NICHT das ist, was "Webkultur" meint - wenn wir auch nicht genau wissen, was es denn nun genau ist ;-)

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Zuletzt das Wichtigste: Webkultur ist keine reine Talk-Strecke und auch kein akademischer Zirkel (wenn es auch manchmal philosophisch zugeht!). Es wird nicht nur geredet, es entstehen Webseiten, mit denen wir unsere Themen nach außen dokumentieren. Dazu durchforsten engagierte Mitglieder das Gedächnis-File (ein Mitschnitt aller E-Mails) und sammeln Beiträge zu einem bestimmten Thema. Wie dann die so entstehende "Webseite zum Thema X" aussieht, ist (fast) ganz der Fantasie des Einzelnen überlassen. Schöne Beispiel sind die Kriterien für gute Webseiten, die Diskussion rund um einen AWARD, die Liste herausragender Webseiten, und jetzt gerade neu "WWW und HTML". Weil wir auch darüber reden, wie wir im neuen Medium miteinander umgehen, ist die Seite Versuch über die Anrede entstanden. Beeindruckend auch eine ganz spontan entstandene Seite zur letzten Streitigkeit, ich nenn sie mal "Die Bananenseite". Zur Zeit gibt es sogar die ersten Aktivitäten, eine Suchmaschine, bzw. ein durchsuchbares Verzeichnis für Kulturseiten zu kreieren - für dieses große Werk werden noch engagiert Teilnehmer gesucht.

Wenn Du jetzt Lust auf mehr bekommen hast, oder gar einsteigen willst, kannst Du die Infoseiten besuchen. Wer Maillisten noch nicht kennt, möge zuerst die Maillisten-Nettiquette im Mail-Surfer lesen. Aber wundert Euch nicht: Im Zweifel ist dann doch alles ganz anders!

Beste Grüße!Claudia Klinger