Claudia am 04. November 2018 —

Geht gar nicht: Von Trump geträumt

Verdrängung ist auch nicht das Wahre. Seit Wochen ignoriere ich große Teile der Weltpolitik, weil ich keinen Sinn darin sehe, mich ständig folgenlos aufzuregen. Ja, folgenlos, denn was kann ich schon machen gegen Trumps Handelskriege, gegen absurde Sanktionspolitiken, Aufrüstung und ständige Hass-Tiraden gegen lateinamerikanische Flüchtlinge?

Aber anscheinend nützt es nichts, diese Themen einfach nicht weiter zu beachten. Sie sinken dann einfach ins Unterbewusste ab und machen sich von da aus bemerkbar. Heute hab‘ ich tatsächlich von Trump geträumt: ich war Teil eines Teams, das ihn morgens in seinem Büro erwartet. Er kam spät und war stockbesoffen, stank nach Whisky und benahm sich auch entsprechend. Alle hofften auf Momente der Klarheit, um in irgendwelchen wichtigen Anliegen weiter zu kommen – aber nix da, es war unmöglich, ihn rational anzusprechen.
Plötzlich wechselte die Szene und ich sah Putin an seinem Schreibtisch, konzentriert einen Stapel Papiere abarbeitend. Der Schreibtisch selbst fiel mir ins Auge, der war nicht besonders groß, sondern alt, beschädigt und abgewetzt – ganz anders als das riesige Protzmöbel in Trumps Büro, den dieser aber gar nicht erst erreichte.

Ätzend! Ich bin dann zum Glück aufgewacht, doch viel anders sieht die Trumpsche Wirklichkeit ja leider nicht aus. Nur mit dem Unterschied, dass Trump keinen Whisky braucht, um wie ein Besoffener die Welt auf den Kopf zu stellen. Und er ist nicht der Einzige, es steht nicht nur „Amerika first“ auf der Agenda, auch andere Potentaten agieren zunehmend wie die Axt im Walde.

Eine gruslige Welt ist das. Nie hätte ich gedacht, dass es so werden würde nach dem „Ende der Blockkonfrontation“.

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Diskussion

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5 Kommentare zu „Geht gar nicht: Von Trump geträumt“.

  1. Brasilien ist ja der neueste Kandidat in Sachen Rechtsschwenk. Wenn man bedenkt, daß dieses Land die fünft- oder sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt hat, wird einem mulmig. Vielleicht täte man wirklich besser daran, die Schotten dicht zu machen, sich eine ungestörte Restzeit zu gönnen, bis irgendwelche politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Auswirkungen das Refugium irreversibel plattmachen. Aber es geht nicht, wenn man wie ich regelmäßig Radio hört. Nur die Ablenkungen, die ich mir dazudosiere, machen die Situation erträglich. Im Alltag bin ich dankenswerterweise durch meine Arbeit und den engen Zeitrahmen etwas auf Distanz; im Urlaub wie im Moment jedoch prasseln die Bilder und Fakten ungefiltert herab und schmerzen mehr als sonst. Das hätte ich mir auch nie träumen lassen: der Alltag als Analgetikum gegen den konkreten, nachrichteninduzierten Pessimismus und der daraus von dir zur Sprache gebrachten Hilflosigkeit. Zum Glück träumte ich noch nie vom gegenwärtigen POTUS, stattdessen von Liisa, verursacht vielleicht durch den kürzlichen Tod von Robert Basic, der mir im Hirn vermutlich die sterbende Blogosphäre durcheinanderquirlte.

  2. Hi Markus, danke für deinen Kommentar! Du kennst Liisa, dass du von ihr träumen kannst? Ich kenne sie nur „als Blog“ – und bedauere, dass sie kaum noch schreibt. Basics Tod hat mich auch betrübt – und verwundert: er war erst 52! Er hat viele Leute inspiriert, aber Blogs gab es schon lange vor ihm – es klingt in manchen Nachrufen, als hätte er sie erfunden. Naja,diese jungen Menschen halt.. :-)

    Zu den News: Wir lassen sie ja immer noch freiwillig an uns heran! Über Brasilien hab ich gering dosiert mitgelesen, auch vor allem die Spekulationen über die Ursachen. Man könnte an den Menschen wirklich verzweifeln, die immer wieder eindrücklich nach dem Motto verfahren: die dümmsten der Kälber wählen ihre Schlächter selber…

  3. Die andere Traumfigur mit dem als positiv gesehenen Arbeitseifer und dem aufgeräumten Akutschreibtisch…was wäre über die zu sagen?
    Da fällt mir ein: manche sagen, dass alle Personen und Dinge im Traum Teile von einem selbst sind und man könne den Traum aus der Warte eines jeden Dings und einer jeden Figur erzählen. –
    Gruß von Sonja

  4. Was ist los mit unserem Demokratieverständnis? Warum kommen immer mehr Populisten zu Wort und sogar an die Macht? Vielleicht haben viele Leute die Rituale vieler demokratischer Politiker/innen einfach satt? Sie reden und reden. Und dann gibts auch noch die Sonntagsreden, von denen wir (in Deutschland) gestern (zum 9.11.) mal wieder einige anhören durften. Ich habe z.B. Steinmeiers Rede komplett angehört. Wird das den wenigen Augenzeugenberichten noch gerecht, die heute noch von ihren grausamen Schicksalen erzählen? Meiner Meinung nach ganz und gar nicht. Die großen Reden sind alle gehalten. Wir mögen keine weiteren mehr hören. Das wäre vielleicht anders, wenn die Differenz zwischen staatlichem Handeln und diesen Reden nicht so eklatant groß wäre.

    Nehmen wir Trump ruhig mal zum Vergleich. Ganz entspannt, ohne gleich loszuplärren. Und ich sage gleich dazu, dass ich der erste Kritiker dieses organgenen Unmenschen bin.

    Mir steht es nicht zu, die Amerikaner dafür zu kritisieren, dass sie (viele von ihnen) an ihren fatalen Lebensverhältnissen etwas verbessert haben wollen. Das so genannte Establishment hat sie gehört aber nie oder wenn, viel zu wenig für sie getan. Trumps Politik scheint Früchte zu tragen. Die Zahlen zeigen es eindeutig. Da kann man 100x darauf verweisen, dass die jetzige Situation viel mehr auf einem normalen Veränderungszyklus oder auf Obamas Maßnahmen zurückgehen. Trump lässt sich die hervorragende Verfassung der us-amerikanischen Wirtschaftlich zuschreiben. Das würden andere Politiker auch tun.

    Er redet nicht nur wirres und schreckliches Zeug, sondern er handelt in einer vergleichsweise atemberaubenden Art und Weise. Die Maßnahmen, die Ökonomen für falsch halten, kommen bei der Börse offensichtlich prima an. Was auch immer das heißen könnte. Trump vermittelt seinen Anhängern ein neues Gefühl. Das reicht ihnen, um die negativen Seiten – wenn sie diese überhaupt sehen – zu überlagern.

    Und wie ist es in Europa? Wie konnten Wilders, Farrage, Gauland, Salvini, Le Pen, Strache, Rösti und andere rechte Parteichefs so viel Zuspruch bekommen? Warum zeigen unsere Demokratien nach einer langen europäischen Friedensperiode diesen zunehmenden Mangel an Akzeptanz? Warum gibt es Trump oder Bolsonaro?

    Es ist so, dass in jedem Land individuelle Entwicklungen und unterschiedliche Gründe existieren. Aber warum treffen demokratische Alternativen zu den Populisten auf so große Ablehnung? Ich glaube, es liegt daran, dass die Komplexität unserer Welt nicht mehr zu vermitteln ist. Dazu brauchen wir nur Deutschland anzuschauen. Nehmen wir die Flüchtlingskrise, ihre Ursachen und die Möglichkeiten, etwas gegen diese Ursachen zu unternehmen. Nehmen wir den Dieselskandal, Alterssicherung, Klimawandel, Digitalisierung, Pflege, Armut. Schlagworte, die allesamt hochkomplexe und folglich hinsichtlich möglicher Lösungen unweigerlich kontroverse Themen darstellen. Alles steht auch irgendwie miteinander in einem Zusammenhang. Wir wissen das. Aber wir verstehen diese Zusammenhänge nicht und glauben denen nicht, die versuchen, uns diese zu erklären. Das ist der Kern. Wir haben es mit einer schweren Vertrauenskrise zu tun.

    Deshalb wirkt es vermutlich auf viele erfrischend, wenn Menschen von außen auf den Plan treten, die nicht aus dem inneren Zirkel der etablierten Politik stammen. Wenn deren Pulver verschossen ist – das wird bald auch bei Trump sichtbar werden – spitzt sich dieses Problem noch.

    Wir müssen an den Wert der Demokratie glauben. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alles andere mit ihren Vorteilen nicht mithalten kann. Wir wissen eigentlich, dass Demokratie mühsam ist. Wir müssen verstehen (vielleicht neu lernen), dass es zu diesem mühsamen Weg, der Kompromissbereitschaft, Toleranz, Solidarität und Loyalität voraussetzt, keine gute Alternative gibt. Schlechte allemal.

  5. @Sonja: in diesem Fall finde ich beide nicht in mir, trotz ergebnis-offener Introspektion! :-) Dieser Traum war wohl wirklich mehr irgendwelchen News geschuldet, die ich per TV vor dem Einschlafen doch noch mitbekommen habe!

    @Horst: danke für den umfangreichen Text, dem ich durchweg zustimme.

    “ Ich glaube, es liegt daran, dass die Komplexität unserer Welt nicht mehr zu vermitteln ist. „

    Das ist der Kern. Ich hab kürzlich Ähnliches gedacht bezüglich Veränderungen jeder Art: auch wenn sie gewünscht und nicht heiß umstritten sind, ist es ein wahnsinnig aufwändiges, langwieriges und teures Unternehmen, bestimmte Planungen im öffentlichen Raum umzusetzen, z.B. Verkehrsinfrastruktur – und vom Bauen gar nicht erst zu reden: ist es nicht ein Skandal, dass gar nicht mehr so gebaut werden kann, dass KEINE kaum bezahlbaren Mieten rauskommen? Und man packt es ja nicht mal, Reparaturen/Neulegungen von Versorgungsleitungen so zu koordinieren, dass der Boden nicht hintereinander immer wieder aufgerissen wird und eine Straße mit Geschäften so Jahre lang leidet!

    Mit der Komplexität geht etwas Anderes einher, das ich hilfsweise die „Real Life-Vergessenheit“ nenne. Das meint: das Beforschen, Beachten und Bearbeiten aller Verfahren und Vorschriften ist für viele schon das Ganze! Was am Papier/in der Datei korrekt ist, IST korrekt. Für Kontrolle im richtigen Leben bleibt zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit, ich glaube, das fällt bei nicht wenigen zunehmend aus dem Bewusstsein. Kommen dann Beschwerden, werden sie wieder „auf dem Papier“ korrekt bearbeitet – und die Bürger werden schier wahnsinnig vor Ärger, weil sich GANZ REAL immer noch nix tut!

    Ich hoffe wirklich sehr, dass es am Ende nicht darauf hinaus läuft, dass alles erstmal wieder breitflächig kaputt geschlagen werden muss, damit die Dinge wieder zu einer (zwar schrecklichen) aber immerhin einfacheren Praxis zurück finden. Aber genau darauf läuft es untergründig zu, denn „wenn die Rechten ihr Pulver verschossen haben“, dann ist der Außen- oder Innenfeind Schuld – und mit dem wird dann abgerechnet, koste es, was es wolle.