Claudia am 08. September 2018 — 5 Kommentare

Vom Können und Müssen

„Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich nichts, ich kann. Im Grunde genommen bin ich zum ersten Mal frei.“

Die das sagt, ist Kristina Vogel, die Radsportlerin, die seit einem Trainingsunfall im Juni querschnittsgelähmt ist. (Quelle: WAZ) Sie hat insoweit Glück im Unglück, als sie ihre Arme noch bewegen kann – aber trotzdem: Dieser krasse Satz sagt viel über ihr bisheriges Leben!

Laut Wikipedia ist Kristina zweifache Olympiasiegerin, hat elf Weltmeistertitel in der Elite und ist neben der Australierin Anna Meares die bis dato erfolgreichste Bahnradsportlerin. Bis einschließlich 2017 errang sie zudem 21 nationale Titel.

2009 hatte sie schon einmal einen krassen Verkehrsunfall, als sie von einem Zivilfahrzeug der Thüringer Polizei erfasst wurde: Brustwirbel und Handknochen gebrochen, mehrere Zähne verloren, Schnittverletzungen im Gesicht, das teilweise taub blieb. Dennoch feierte sie 2010 ihr Comeback und reihte weiterhin Erfolg an Erfolg.

„Der Druck ist schon enorm“, sagte sie nach ihrem letzten Sieg bei der Bahnrad-WM im März 2018. Und nach der WM in Hongkong 2017: „Jede will mich fallen sehen. Es wird von Wettbewerb zu Wettbewerb schwieriger“. (NTV)

Dies alles hat sie also tun MÜSSEN, jedenfalls sieht sie das heute so. Denn jetzt liegt sie in einem Berliner Krankenhaus und muss gar nichts mehr – außer sich in ihre neue Situation hinein finden. Sie vergleicht sich „mit einem Baby, das lernen muss, sich selber zu drehen und aufzusetzen“ – und fühlt sich dabei frei wie nie zuvor.

Musst du schon oder kannst du noch?

Spitzensportler werden bejubelt und bewundert, doch sie stecken in einem engen Korsett aus alledem, was sie tun müssen, um ihre Erfolge zur erringen und zu halten. Damit stehen sie allerdings nicht alleine. Die Dominanz des „Müssens“ kennen alle Erfolgreichen mit beeindruckenden Karrieren, aber auch viele, die nirgendwo im Rampenlicht stehen und ihre Berufe mehr als Last denn als Lust empfinden.

Wenn das „Müssen“ überhand nimmt und gar kein Ausgleich mehr praktiziert wird, wird das „weiter so“ gefährlich: Unfälle, Krankheit, Burnout – wie das „Müssen“ gestoppt wird, ist im Einzelfall verschieden, doch es passiert auf jeden Fall, wenn wir es nicht selber tun.

Gibt es überhaupt ein Leben ohne „müssen“? Vielleicht für reiche Erben und gut situierte Rentner, aber sicher nicht für ganz normale Menschen mitten im Leben. Wir alle benötigen ein paar Ressourcen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen: für Wohnen, Essen, Kleidung und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mal von den Armen und Armutsgefährdeten abgesehen, für die schon diese Basics ein Problem darstellen, ist es doch merkwürdig, dass jegliches MEHR an Erfolg und Lebensstandard dazu verführt, immer mehr „Müssen“ zu akzeptieren.

Gestiegener Lebensstandard, womöglich ein Ruf, den man zu verlieren hat – wer sich daran mal gewöhnt hat, kann nicht mehr so leicht zurück. Zurück zu den vergleichsweise sorglosen Zeiten in jungen Jahren, als man noch ohne Besitz und Status ein spannendes Leben führte. Zurück in ein Leben mit weniger laufenden Kosten und weniger Arbeit, dafür mit mehr „freier Zeit“.

Ist es nicht verrückt, dass all die Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt nicht dazu geführt hat, dass wir weniger arbeiten? Ganz im Gegenteil werden massenhaft „Überstunden“ gemacht – und keineswegs nur von den Marginalisierten ganz unten, die sich nicht wehren können.

Die derzeit immer wieder hoch kochende Rentendiskussion ist nicht zuletzt deshalb so brisant, weil es offenbar weitgehend normal ist, ein Leben im „Müssen“ zu führen – immer in der Hoffnung und Erwartung, als Rentner dann endlich zu „können“ und nicht mehr zu müssen.

Und das in einem der reichsten Länder der Welt! Vielleicht ist es ja gerade dieser „Reichtum“, der viele so ins „Müssen“ zwingt?

Diskussion

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5 Kommentare zu „Vom Können und Müssen“.

  1. „womöglich ein Ruf, den man zu verlieren hat“.
    Das kenne ich aus meinem Schachsport nur gut genug.
    Ein junger Mann warf mir etwas zu, weil er mich in meinem Alter deplaziert bei einem Turnier sah. Ich wurde aber Zweiter und zementierte damit auch meinen Anspruch weiter.
    Du als Autorin wirst auch nicht hinter deinen Ansprüchen an Dich zurück wollen. Du recherchierst in der Regel gründlichst, wenn Du etwas über gesellschaftsplolitische Zustände postet. Aber auch da bist Du nicht gefeit, mal völlig daneben zu liegen. Wie geht es Dir denn dann damit?

  2. Hi Gerhard,
    sag mal ein Beispiel! Ich erhebe doch meist nicht den Anspruch, den vollen Überblick bzw. den einzig richtigen Blickwinkel zu haben – das würde ich mich gar nicht trauen. Insofern ist die Fallhöhe nicht so groß…

    Beim Schach kenne ich den Ehrgeiz aus jungen Jahren gut. Da war ich 3 Jahre in der „Hessen-Liga Süd“ die einzige Frau neben einer 70plus. Sonntags beim Turnier zittertet ich manchmal und die Verdauung spielte verrückt – aber ich machte so lange weiter, bis ich bei allen bekannt war und sie nicht mehr Kaffee bei mir bestellten. Und bis ich am 1.Brett der 1.Mannschafft gewonnen hatte – der Gegner hat mich extrem unterschätzt und gedacht, man hätte mit mir nur den stärksten Gegner „tot setzen“ wollen… War toll!
    Als das alles keine Rolle mehr spielte, verlor ich ganz plötzlich das Interesse daran, „tote Holzklötze zu schieben“ und hörte auf. Können und müssen waren bei alledem eins – es machte ja auch nur einen Teil des Lebens aus.

  3. Ich Laube, wir MÜSSEN wesentlich weniger als wir denken. ABER dann müssen wir auch bereit sein, den Preis für unsere Freiheit zu bezahlen: Weniger Konsum, weniger Prestige, weniger Dazugehören, was MAN so macht.

  4. Als das alles keine Rolle mehr spielte, verlor ich ganz plötzlich das Interesse daran, „tote Holzklötze zu schieben“ und hörte auf. Können und müssen waren bei alledem eins – es machte ja auch nur einen Teil des Lebens aus.

    hallo Claudia,
    hallo Ihrs:)

    weiter oben gehts um Können und muessen..
    grade Schach (als Sport) ist allerdings so ein „weites Feld“
    dass es als „Spielvariante“ hier bestens zum Stellvertreter unserer
    Leidenschaften taugt.

    es kommt immer drauf an, was man daraus macht, egal ob Beton, Arbeit oder Fahradfahren.. es ist in jedem Zusammenhang im Grunde dasselbe Spiel–allerdings nur dann, wenn es als solches ernst genommen wird.

    ich habe vor ca 20 Jahren mit dem aktiven Schachsport aufgehört,
    meine Konzentrationsfähigkeit liess nach 35-40 Zuegen gewaltig zu wünschen übrig und oft genug vermasselte ich mir die „arbeit“ von
    3-4 Stunden Belagerung, Schwächen suchen, minimalste Stellungsvorteile in verwertbare Kombinationen unmzuwandlen und all das mit vollkommen unpassenden Patzerzügen die das ganze Kartenhaus-Denkgebäude zum Einsturz brachten.

    jetzt aktuell bin ich wieder in einen Schachclub eingetreten,
    betreibe das Spiel allerdings nicht mehr mit „Open-Teilnahme-Absichten“ sondern ausschliesslich nur noch zum Zweck der Freude an einem „königlichen Spiel“ bei dem garantierte Chanchengleichheit
    ab dem ersten Zug ein Grundrecht jedes Spielers ist.

    ich muss mich nicht mehr zwingen, in meiner reichlich knapp bemessenen Freizeit einem Hobby nachzugehen, ganz im Gegenteil, die Ereignisse einer ganzen Woche sorgen oft genug dafür dass ich mich auf die zwei-drei Stunden Schach geradezu freue :).

    Unterscheidet Ihr in eurem Tun wirklich zwischen „müssen“ und „wollen“ ?
    jetzt nicht dieses stumpfsinnige Einerlei das sich aus endlos wiederholten Tagesroutinen zusammensetzt;- nein: bewusste erlebte Tageszeit. Wie geht ihr mit eurer Zeit um, folgt Ihr noch gesteckten Zielen oder lasst ihr den Generalstabsplan zu Hause wenn ihr die Haustür von aussen schliesst? :)

    was müssen wir „wirklich“, ist es nicht eher so, dass nur die wenigsten genau wissen was sie wollen?
    reichlich komplexe Frage bei der ich selber nicht -mehr- genau
    zu einer konkreten Antwort #fähig bin:)

    gruss erstmal
    von der Rems
    ingo

  5. Ähnlich hat es auch ein alter Freund von mir gemacht, der in jungen Jahren regelrecht „im Schach gelebt“ hat, davon auch eine Zeit lang mit mir, Heute spielt er nur noch zu Spass und Entspannung…
    Ich hab da lieber die Gartenarbeit!

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