Claudia am 23. März 2018 — 13 Kommentare

#DeleteFacebook? Noch fehlt die Alternative

Derzeit geistert das Hashtag #DeleteFacebook herum, denn wieder einmal wird skandalisiert, wie Facebook mit den gesammelten Userdaten umgeht. Das haben wir nicht zum ersten mal, doch tatsächlich melden sich wohl nicht viele User ab. Warum? Weil FB offensichtlich gebraucht wird, Datenmissbrauch hin oder her.

Facebook sei alternativlos, schreibt Nimish Dubey dazu und begründet das so:

„Love it or hate it, Facebook has become an integral part of many of our lives. It is a massive platform where one keeps in touch with one’s friends, discovers old friends and of course, makes new ones. It is the place which keeps reminding us of birthdays and anniversaries and sometimes even serves up snazzy videos documenting our friendships on the network. Of course, it has its dark side too – false news, stalking and a whole lot more, but what I am trying to point out is this: for all its faults, Facebook does deliver a significant amount of value. Also, rather importantly, as of now, it has no alternative.“

Ich bin auch skeptisch, ob Initiativen wie #deletefacebook etwas bringen. Die meisten, die das verbreiten, löschen ja nicht mal ihr eigenes Profil. Dass FB jede Menge Daten sammelt, war lange klar, hat aber nicht abgeschreckt. Und seit jeder für mehr Reichweite der eigenen Postings das Werbetool nutzen kann, ist doch auch klar, WIE punktgenau man da das Zielpublikum anhand dieser Daten bestimmen kann. Es ist DIE Methode, mit der FB Geld scheffelt – eine punktuelle „Weitergabe an Dritte“ wird jetzt kaum dazu führen, dass das endet. Insbesondere erscheint mir systemintern völlig normal, dass wirklich JEDER diese Tools nutzen kann, also auch XYZ zur Beeinflussung von Wahlen. Wieso auf einmal der Aufschrei?

Der aktuelle Skandal entzündete sich offenbar an dieser zwielichtigen, wenn nicht gar kriminellen Firma Cambridge Analytica, die von einem Spiele-Entwickler Daten bezog, der diese mit der App „Thisisyourdigitallife“ in FB sammelte. Das Sammeln soll ok gewesen sein, da die User zugestimmt hätten, sagt FB und vermutlich stimmt das. Illegal sei nur die Weitergabe gewesen, womit das Ganze zu einem kriminellen Fall wird, der mit den „normalen Geschäften“ von FB nichts zu tun hätte. Nach ein wenig Aufregung und allerlei Anhörungen wird sich das alles wieder beruhigen, vermute ich.

Der gordische Knoten rund um „Big Data“ ist nicht so leicht zu durchschlagen: Alle wollen Vernetzung und größtmögliche Bequemlichkeit – das geht aber nicht ohne massive Datenerhebung. Individuell zugeschnittene Anzeigen galten mal als das Utopia der Direktwerbung, als wünschenswerte Alternative zu vollgemüllten Briefkästen. Jetzt haben wir das, sind zumindest nah dran, aber nun ist es auch wieder nicht recht, aus nachvollziehbaren Gründen.

Manchmal denke ich: Würden die User bei jeder neuen Datennutzung an den damit verbundenen Einkünften beteiligt, dann hätten wir vielleicht bald eine Art privatwirtschaftlich erzeugtes Grundeinkommen. Wär das nicht was?

***
Dieser Text entstand im wesentlichen als Kommentar zu “Nothing ventured, nothing gained” auf dem Blog von Hennung Uhle. Da er so lang wie ein Blogpost geworden ist, hat er auch hier seine Berechtigung. Und ich ergänze:

Persönlich nutze ich Facebook kaum, vornehmlich zum Posten von Blogartikeln. Man braucht mir also nicht zu schreiben, dass die Plattform doch entbehrlich ist! Denn das gilt offenbar nicht für viele denn:

  • Facebook hat 2,1 Milliarden aktive Nutzer
  • 1,4 Milliarden nutzen die Plattform jeden Tag
  • 277 Millionen nutzen Facebook jeden Tag in Europa
  • Fast 13 Milliarden US$ Umsatz hat Facebook im 4ten Quartal 2017 gemacht
  • WhatsApp wird von 1.5 Milliarden Menschen genutzt
  • 60 Milliarden Nachrichten werden jeden Tag über WhatsApp verschickt

Zahlen zitiert aus AllFacebook: State of Facebook

Und zur Nutzung in Deutschland:

  • 30 Millionen Menschen in Deutschland waren im 1. Quartal 2017 jeden Monat auf Facebook aktiv (da bin ich knapp dabei)
  • 23 Millionen Menschen sind jeden Tag in Deutschland aktiv (hier nicht!)
  • 27 Millionen Menschen nutzen Facebook auf ihrem Mobilgerät (never!)
  • 21 Millionen Menschen davon jeden Tag (die Armen, so ein Stress!)

Zum Schluss nochmal Nimish Dubey:

„Deleting Facebook would be like shutting down a very crowded road because too many accidents occur on it. The road might be dangerous, but a lot of people still use it. And will continue to use it until there is an alternative path. And that is perhaps what the #DeleteFacebook needs to understand.“

Diskussion

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13 Kommentare zu „#DeleteFacebook? Noch fehlt die Alternative“.

  1. Claudia, ich bin nicht auf Facebook. Mit meinen sonstigen Aktivitäten mit dem Rechner bin ich eh zeitlich sehr ausgelastet.
    Meiner Partnerin wurde unlängst Facebook angeraten, weil sie sich so eher mit Keramikern und Liebhaber von Keramik vernetzen könnte. Ich half ihr ein wenig, aber, jetzt durch diese Nachrichten bedingt, will sie wieder raus. Sie ist eh kein Fan von Dauerengagement im Netz bzw. Rechner, von daher ist dieser Schritt naheliegend.

  2. Ja, es gibt immer eine Minderheit, die schreibt: ich bin nicht auf FB, brauche das nicht… In dem Blogpost diskutiere ich allerdings nicht den Nichtbedarf Einzelner, sondern das ganz offensichtliche „FB-für-unverzichtbar-Halten“ von z.B. 23 Millionen täglichen Nutzern in DE.

    Ob man fast „zwingend“ auf FB sein muss, ist auch wahrlich keine nur individuelle Entscheidung, sondern hängt auch stark von der eigenen sozialen Situation ab. Schule, Studium, Kollegen, Kunden, Hobby-Partner – je mehr man hier involviert ist, desto eher wird man zum Außenseiter und muss konkrete Verluste an sozialer Teilhabe tragen, wenn auf FB verzichtet wird. FB „nicht zu brauchen“ ist faktisch fast ein Privileg!

    Deshalb schreibe ich über FB und das Dilemma der Alternativlosigkeit, auch wenn ich selbst drauf pfeiffen könnte und es nur zur Blogpromotion nutze. Jedes Mal, wenn ich dann doch mal dort einlogge stelle ich immer auch fest: da sind Menschen, die ich seit vielen Jahren kenne, die kommunizieren dort und teilen ihre Sachen – von denen ich NULL mitbekomme, weil ich normalerweise nicht dort bin. Auch nicht sooooo schön!

  3. Facebook ist so unentbehrlich wie der Diesel.

  4. Also so ganz alternativlos ist Facebook ja nun auch wieder nicht. Es gibt durchaus freie Alternativen, die zwar nicht ganz so bequem sind. Aber wer ernsthaft wechseln will.

    Diaspora: Positioniert sich ja selbst als FB-Alternative
    https://diasporafoundation.org/

    Friendica:
    https://friendi.ca/

    Es ginge also schon, man müsste nur auch ernsthaft wollen.

  5. @juh: wie ich mehrfach anmerkte: es geht nicht um die, die es NICHT brauchen.

    @Ralph: klar, die gibts, aber weil die vielen anderen nicht dort sind, mit denen der normale FB-User vernetzt ist, bringt das nichts. Was soll eine Plattform für einen Sinn haben, auf der man sich nicht mit Freunden, Bekannten, Online-Bekannten etc. vernetzen kann?

    Die Individualisierung ist offenbar schon so weit fortgeschritten, dass es gar nicht mehr angesagt ist, sich über soziale Mega-Phänomene wie Facebook Gedanken zu machen. Reicht ja, dass es FÜR MICH irrelevant ist…

  6. @Claudia: Klar, wenn die ganze Familie und der komplette Freundes- und Bekanntenkreis ausschließlich auf FB unterwegs ist, hat das natürlich eine sehr starke soziale Sogwirkung. Sich der zu entziehen ist wahrlich nicht einfach.

  7. Deshalb gibt es ja die Meinung, FB sollte nicht „zerschlagen“ oder irgendwie kaputt gemacht werden, sondern eben stärker reguliert.

  8. @Claudia: Es verlassen übrigens durchaus Leute FB wegen dieses Skandals. Zwar nicht so viele, im Mittel wohl etwa 5.800 User / Woche, aber immerhin:

    https://www.washingtonpost.com/news/the-switch/wp/2018/03/23/the-new-technology-that-aspires-to-deletefacebook-for-good

    Nur der Vollständigkeit halber.

  9. Bei FB aussteigen und dazu ausgerechnet einen Twitter-Hashtag verbreiten – das ist beinahe genauso gut wie diese Satire, die vor zwei Tagen die Runde machte.

    Zur Sache hat Fefe bei Meedia ein gutes Interview gegeben.

  10. […] Etwas ausführlicher zum Thema: #DeleteFacebook? Noch fehlt die Alternative […]

  11. Der derzeitige „Skandal“ erinnert mich an die Snowden-„Enthüllungen“. Da habe ich mich auch gewundert, wieso mit einem Mal etwas ein Skandal ist, was doch seit vielen Jahren bekannt und ganz offensichtlich allgemein hingenommen wird.

    Aus dem Jahr 2005(!): „We lost the war“

  12. @Arnd: danke für die guten Links! Die Satire zeigt wieder mal, dass es Satire heute schwer hat: vom Real Life kaum zu unterscheiden!

  13. eigentlich sind wir ja amüsiert, denn das ist doch das Geschäftsmodell von Facebook. Nur die Amerikaner sind erschrocken, denn es könnte ja Trump ermöglicht haben. Wesentliche Daten geben wir selbst nicht preis und stellen uns so da wie wir gesehen werden wollen. Rückmeldung ist die Werbung die wir dann sehen. Und wenn es passt kaufe ich es dann auch. Schade nur dass es meist nie passt wie ich an den Vorschlägen in Amazon sehen. Das interessante ist nur wo geht es hin. Jeder Crowler kann das Netz durchwühlen und wichtiges von mir finden auch hier. Wenn einer wirklich sicher gehen möchte müssen die Kabel gekappt und die Tür zugemauert werden. Aber ein Luftloch würde ich dann doch noch lassen.
    ~Ottmar~

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