Claudia am 03. Februar 2018 — 11 Kommentare

Würziger Käse? Deutsche mögen das nicht!

Gestern an einem kleinen Stand mit tiroler Spezialitäten: ich will den „würzigen Bergkäse“ probieren, als mich der sympathische Verkäufer mit dem Genuss-vor-Reue-Körper anspricht. Lieber so ein bisschen würzig oder richtig würzig? fragt er mich sicherheitshalber. Natürlich will ich RICHTIG WÜRZIG – und der Käse ist dann auch ganz grandios! Endlich ein Käse, bei dem man schmeckt, dass er lange lange gereift ist und mit Sorgfalt und Liebe produziert wurde.

Tiroler Bergkäse

Wir plaudern noch ein bisschen über den Käsegeschmack der Deutschen, der „würzig“ nur in einer so milden Version schätzt, dass man es auch gleich anders nennen könnte. Isso! sagt er, und zuckt bedauernd mit den Schultern.

Warum bloß ist das so? Mir war immer schon aufgefallen, dass eigentlich jede Art Käse in Frankreich besser schmeckt als in Deutschland. Hierzulande einen Camembert zu finden, der auch nach Camembert schmeckt, ist wirklich Glücksache. Sogar optisch aufgemotzte und „französisch“ versprechende Verpackungen enthalten oft nur dieses – mal weiche, mal leicht gummihafte – geschmacksneutrale Irgendwas, das von einem echten Camembert meilenweit entfernt ist.

Camembert

Extra Käse für den deutschen Markt

In der ZDF-Reportage „Nelson Müllers Käse-Check“ (noch bis 1.2.2019 in der Mediathek) ist der Part ab Minute 34 dazu sehr sehenswert. Da lässt Nelson auf der Straße einen französischen und einen deutschen Camembert erst von französischen und dann von deutschen Passanten verkosten. Und wie erwartet sagen die Deutschen zur geschmackvollen französischen Variante: „bisschen zu kräftig“, „würde ich zum Frühstück nicht haben wollen“ – wogegen die Franzosen den deutschen Käse als „charakterlos“ brandmarken.

Im weiteren wird dann noch das Käsewerk von Geramont in den Vogesen gezeigt, wo speziell für den deutschen Markt eine entsprechend geschmacklose Geramontversion hergestellt wird: schnittfest, mit makellos weißer Rinde, ein milder Käse, der „nicht zu sehr nach Käse riecht“ und schon binnen 8 Tagen Reifezeit fertig ist. Danach verändert er weder Aussehen noch Aroma. Toll, oder?

Erwachsene, die beim Kindergeschmack stehen bleiben

Nicht nur beim Käse dominiert die deutsche Empfindlichkeit gegen deutlichen Geschmack: Für viele soll ein Fisch bittschön nicht nach Fisch schmecken, und schon gar nicht danach aussehen. Vom Huhn isst man hierzulande am Liebsten nur die Brust, wenns nicht grad der (selten gewordene) Gummiadler vom Grill ist, der immerhin noch nach Huhn aussieht. Innereien wie Herz, Leber, Niere, die noch in meinen Kindertagen auf dem Speiseplan standen, kommen gar nicht mehr vor. Ihr spezieller Geschmack stößt wohl ab, auch erkennt man an diesen Dingen allzu gut, dass sie mal Organe eines Tiers waren.

Ein Geschmack, der dagegen einen waren Siegeszug quer durch viele Lebensmittel angetreten hat, ist Vanille! Nicht nur Pudding, auch Joghurts, Kuchen, Süßspeisen aller Art, sogar Marmelade und Fruchtaufstrich gibts immer öfter mit vanilliger Zutat. In meiner veganen Phase ist mir erstmalig aufgefallen, wie extrem viel Platz milde Milchprodukte aller Art im Supermarkt einnehmen. Neuerdings kamen Smoothie-Fläschchen dazu und sogar Apfelmus gibts jetzt in kleinen weichen Fläschchen zum aufsaugen!

Weich, weiß, mild, gern vanillig – man kommt kaum an der Erkenntnis vorbei: es ist ein Kindergeschmack, der den Lebensmittelmarkt in Deutschland dominiert. Warum ist das so bzw. warum hat es sich so entwickelt?

Geschmack wird in der Kindheit geprägt. Ich merke das z.B. daran, dass bestimmte Ernährungsweisen, die ich zeitweise zwecks Abnehmen pflegte, irgendwann scheitern: Bei Low Carb vermisse ich auf Dauer die Nudeln allzu sehr, die häufiger Bestandteil der Ernährung im elterlichen Haushalt Ende der 50ger, 60ger und Anfang 70ger waren. Ganz ohne Nudeln fühl‘ ich mich esstechnisch unglücklich. Isso! :-)

Andrerseits gab es zuhause keine Fertiggerichte und es bestand kein Zweifel daran, dass „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“. Das klingt harsch, aber schlimme Erlebnisse mit irgendwelchen Schrecklichkeiten, zu denen ich gezwungen worden wäre, erinnere ich nicht. Meine Mutter verstand es, mir Ungeliebtes wie etwa grünen Salat am Anfang schmackhaft zu machen: Sie produzierte einen „Kindersalat“, den sie einfach mehr zuckerte. Klappte gut und schon bald aß ich den normalen grünen Salat ohne Leidensgefühle mit. Das war allerdigs die Ausnahme, normalerweise gab es dasselbe Essen für alle – egal, was es war. Ich mochte sogar das „Herz-Lungen-Gulasch“ und fand es spannend, als – einmalig! – ein ganzer Schweinekopf verkocht wurde. Was für ein Event! Wirklich gut schmeckten uns nur die Backen, weshalb der Versuch auch nicht wiederholt wurde. (Jahre später sah ich in Frankreich in einer Auslage die vordere Scheibe einer Schweineschnautze als eine Art Sülze – gibts!)

Die drastischen Beispiele sollen zeigen: Wir drei Kinder haben nach und nach alles mitgegessen, was die Erwachsenen aßen. Nicht alles fanden wir toll, aber es gab keine Dramen rund ums Essen, weil es so normal war, dass wir alle dasselbe aßen.

Als ich dann mit 19 mein Elternhaus verließ, gab es nur wenige Dinge, die ich nicht mochte: Oliven, Fenchel, Sardellen – alles Sachen, die es zuhause niemals gegeben hatte. Im Lauf der Jahrzehnte lernte ich dann, auch diese Lebensmittel in bestimmten Zusammenstellungen zu mögen (es hat aber gedauert!). Irgendwelche Unverträglichkeiten plagen mich nicht und heute gibt es nichts (außer Original Kambodschanischer Fischsoße), das ich nicht nochmal essen würde.

Verhindert freie Wahl die Geschmacksentwicklung?

Wenn ich jetzt mal wild spekuliere, woher diese Präferenzen für milden Käse, nicht fischigen Fisch und dergleichen wohl herkommen: Vielleicht, weil viele Kinder der 80ger, 90ger und Nuller-Jahre viel mehr Freiheit hatten, nur das zu essen, was ihnen bereits schmeckt? So entwickelte sich ihr Geschmack kaum weiter. Sie blieben länger bei dem, was schon gut mundet und wurden kaum mehr motiviert, auch Dinge zu essen, die nicht gleich Begeisterung hervor rufen.

Weil aber der Geschmack fürs ganze Leben erheblich durch die Ernährung in Kinder- und Teenyjahren geprägt wird, schlägt das dann auch durch auf den „Geschmack der Deutschen“, wie er heute nun mal ist: Mild, weich, sahnig, wenn süß gern vanillig – und bei Tieren lieber wenig Eigengeschmack.

Schade eigentlich, denn so werden viele Genüsse und leicht zu habende Glücksmomente einfach versäumt.

***

Mal geschaut: der „Tiroler Bauernstandl“ ist eine Marke und hat auch einen Shop – hier mein „würziger Bergkäse“, der Preis bezieht sich 400 Gramm.

Diskussion

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11 Kommentare zu „Würziger Käse? Deutsche mögen das nicht!“.

  1. Mein Favorit beim Käse ist seit Jahren „alter“ Appenzeller. Der ist echt würzig und außer mir mag ihn in der Familie keiner. Es ist wirklich komisch und gleichzeitig sowas von gut, dass sich meine Geschmacksnerven seit meiner Kindheit und Jugend so radikal verändert haben. Früher mochte ich kaum etwas, das herb oder würzig gewesen wäre. Ob Gemüse, Käse, Wein oder Bier, meine Vorlieben haben sich seit einigen Jahren stark verändert. Heute liebe ich Rosenkohl, Schwarzwurzeln, manchmal dicke Bohnen. Ich trinke keinen Wein, der nicht trocken ist, selten mach ich mal eine Ausnahme für einen fruchtigen Kerner (beim Grillen z.B.). Ich liebe richtig herbes Bier (Jever, Becks oder so). Schöner Artikel. Ist echt schade, in kulinarischer Hinsicht nicht viel mehr auszuprobieren. Die, die nie was Neues ausprobieren, bedaure ich manchmal ein wenig. Ich kenne von dieser Sorte einige :-)

  2. Ich vermute, „der Deutsche“ isst seinen Käse am liebsten auf einem Salamibrot. Da stört echter Käse dann eher. Ich vermute weiter, dass diese Käse-Wurschtbrot-Vorliebe eine echt deutsche Eigenart ist, die in Frankreich eher selten anzutreffen ist. PS Meine Oma hat immer am liebsten „Butterkäse“ gekauft, der nach exakt gar nichts geschmeckt hat …

  3. Das Problem beim Käse orte ich weniger bei der Käseproduktion als bei der Art der Aufbewahrung bzw. der Art des Reifens. Käse kann man nicht einfach in den Kühlschrank legen, sondern jeder Käse braucht seine richtige Lagertemperatur. Manche Käse muss man einen Tag vor dem Verzehr die Umgebungstemperatur annehmen lassen, manche lasse ich ein paar Tage heraußen reifen. Ich habe durchaus schon Billig-Camembert aus dem Supermarkt durch richtiges Reifen auf ein annehmbares Geschmacksniveau gebracht. Und wenn man ein gutes Stück reifen Emmentalers in einem feuchten Tuch in seinem Kellerabteil des Kühlschranks aufbewahrt, dann wird das ein Genuss! Übrigens ist es ein großes Problem, dass Käse in Supermärkten oft viel zu früh verkauft wird – das Ablaufdatum sollte mindestens eine Woche überschritten sein … ;-)

  4. Ich habe mal gelesen, dass es Käsesorten für Anfänger und Fortgeschrittene gibt. Wobei gilt: Je ekliger, verdorbener, übelriechender das Produkt, desto fortgeschritten. Es gibt Käsesorten, da wäre die einzige noch vorstellbare Steigerung, dass da Maden drin rumkriechen würden.

    Meine Eltern haben früher manchmal einen Käse namens „Harzer“ gegessen, salopp wie treffend „Stinkerkäse“ genannt. Das Zeug stank bestialisch und machte den Rest des Kühlschrankinhalts gefühlt ungenießbar.

    Ist das nicht gesundheitlich bedenklich, sich natürliche Ekelreflexe abzutrainieren? Wenn ich mich dran gewöhne, dergleichen zu essen, verzehre ich womöglich auch bedenkenlos, was wirklich verdorben ist …

  5. Eine echte Herausforderung für uns wäre die schwedische Delikatesse Surströmming, wo man wohl nicht darum herumkommt, zu behaupten, daß es sich um fauligen Fisch handelt.

  6. Was Werner schrieb , gefällt mir.

  7. Herzlichen Dank für Eure Kommentare! Nett, mal über etwas weniger Brisantes zu plaudern!

    @Horst: Appenzeller ist nicht so meins, dafür empfehle ich Gruyère / Greyerzer – ein SEHR wohlschmeckender Rohmilchkäse. Ansonsten entspricht dein „Spätgeschmack“ meinem, der allerdings schon länger ist, wie er ist. Nur Wein mag ich eigentlich gar nicht, wenn ich ihn auch bei Gelegenheit mitgetrunken habe (auch nur Trockenen).

    Christian: damit triffst du wohl bei einem gewissen Anteil der Bevölkerung ins Schwarze. Wobei verständlich ist, dass würziger Käse unter der würzigen Salami eh nur stören würde…

    @Werner: “ Ich habe durchaus schon Billig-Camembert aus dem Supermarkt durch richtiges Reifen auf ein annehmbares Geschmacksniveau gebracht.“ – Welchen? In der Doku bekam der Billige von Penny immerhin das Votum: bringt den Charakter von Camembert rüber…

    Arnd: Der Harzer kommt mir heute auch milder vor als früher. Ich ess den ab und zu und hab ihn sogar „angemacht“ im Kühlschrank, ohne dass davon etwas auf andere Lebensmittel übergeht. Ekelreflexe bei Käse kenne ich nicht, man sollte halt – insbesondere bei weichem Käse – den richtigen Reifegrad kennen und nicht zu weit überschreiten lassen.

    @Markus: stimmt! Sowas kommt auch in meinem Artikel vor, nämlich die „kambodschanische Fischsoße“: Heißt Prahok, besteht aus winzigen fermentierten Süßwasserfischen aus dem Tongle Sap, und ist selbst in den Nachbarländern Thailand und Vietnam und Miramar verrufen. Ich hab das nur ein einziges Mal probiert – fürchterlich!

    @Gerhard: danke, du sagst ja doch was! Hey, ich hatte schon befürchtet, dich irgendwie vergrätzt zu haben! :-)

  8. @Claudia, ich wüsste nicht, wann Du mich mal vergrätzt haben solltest. Bisher hast Du den besonderen Knopf dafür noch nicht gefunden :-) Obwohl das bei mir eigentlich leicht ist. Ich fühle mich nämlich (gern mal) verletzt.

  9. Der schottische Kochbuchautor Paul Harris schreibt in einem seiner Kochbücher als Einleitung zum Rezept für Haggis:

    „The following recipe is not for the weak of constitution!“

    „Das folgende Rezept ist nichts für schwache Nerven!“[3]

    Die Zubereitung eines Haggis dauert vier bis fünf Stunden.

    Der Magen muss in kaltem Wasser sorgfältig ausgewaschen werden. Dann muss man ihn von innen nach außen drehen und die allerletzten festen Reste der Magensäure und die Magenschleimhaut mit einem Messer abschaben. Um die Magenwand nicht zu verletzen, wird dazu die ungeschliffene Seite der Messerklinge verwendet. Das Herz, die Leber und die Lunge werden in einer leichten Fleischbrühe gar gekocht. Dabei ist darauf zu achten, dass das Ende der Luftröhre, das noch an der Lunge hängt, über den Rand des Kochtopfs gehängt wird und in eine Schüssel abtropfen kann. Wenn das Fleisch gar ist, muss es in kleine Stückchen geschnitten werden. Die Fleischstücke werden mit Salz und Pfeffer gewürzt und mit Muskatnuss, etwas Muskatblüte (Macis), gehackten Zwiebeln, dem Nierenfett und dem Hafermehl vermischt.

    Die Mischung wird in den wieder umgedrehten Magen gefüllt. Er darf nicht ganz gefüllt werden, da das Hafermehl beim Kochen aufquillt und dafür Platz braucht. Der Magen wird mit Küchengarn zugenäht. Dann muss man den Magen mit einer Gabel rundherum einstechen. Macht man das nicht, platzt er beim Kochen, und der Inhalt läuft aus. Der Magen muss mindestens drei Stunden in kochendem Wasser gar werden. Anschließend legt man ihn auf eine Servierplatte und entfernt das Küchengarn. Aufgeschnitten wird der Haggis erst bei Tisch. Der paunch (Bauchansatz) selbst wird nicht gegessen.

  10. @elmar: danke für das erstaunliche Rezept! „Saumagen“ könnte was Ähnliches sein, oder?
    Ich denke mal, geschmacklich ist es keineswegs irgendwie abseitig. Denn ich erinnere Herz-Lungengulasch, Kutteln – schmeckt alles ganz ok. Es ist nur die deutliche Sicht auf Tierteile, die viele abschreckt, vermute ich jedenfalls.

  11. Hallo Frau Klinger, vielen Dank für deinen Besuch an meinem Stand. Ich freue mich sehr, dass dir der würzige Bergkäse geschmeckt hat und danke für diesen interessanten Beitrag.
    Viel Erfolg und bis zum nächsten Mal, der Genuss-vor-Reue-Robert

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