Claudia am 24. Januar 2018 — 6 Kommentare

Der bessere Talk: Schaut doch mal PHOENIX-Runde, z.B. jetzt zur #Groko

Talkshows werden vielfach kritisiert, teilweise in Grund und Boden geschimpft: Kindergarten-Gezänk, Show-Charakter, oberflächliches Themen-Hopping, wahlweise zu willfährige oder zu unverschämte Moderatorinnen – all das meint die Mainstream-Talkshows Anne Will, Maischberger, Maybritt Illner et al und hat seine Berechtigung.

Obwohl ich – eigentlich – gerne Talkshows zu aktuellen Themen sehe, bin ich auch oft unsäglich genervt, insbesondere vom Schlagabtausch der jeweils anwesenden Parteipolitiker, die es oft verunmöglichen (unterstützt durch die Moderation!) irgend ein Thema sinnvoll zu vertiefen. Grade in letzter Zeit hab ich keinen Bock mehr auf dieses aufgeregte, selbstdarstellerische, allzu kämpferische Getue. Es bringt mich in der Meinungsbildung nicht wirklich weiter, also schaue ich da kaum mehr hinnurmehr selten rein.

Ganz anders geht es bei der PHOENIX-Runde zu! Da hab‘ ich schon oft fasziniert zugehört, wie die jeweiligen Themen vielseitig dargestellt und in all ihren schwierigen Aspekten diskutiert werden. In aller Regel debattieren da keine Politiker in Staats- oder Parteiämtern, sondern Journalisten und allerlei Experten, die zur Sache tatsächlich Bedenkenswertes zu sagen haben. Das macht die Sendung wirklich lehrreich und spannend – und solche Kindereien wie sich gegenseitig unterbrechen bzw. immer weiter reden etc. kommen definitiv nicht vor!

Dass die PHOENIX-Runde nicht so viele Zuschauer hat wie die Talks der Hauptsender ist ziemlich typisch: Zwar werden die bekannteren Talks ohne Ende kritisiert, aber die inhaltlich relevanteren, informativen, dafür weniger „unterhaltenden“ Sendungen werden ignoriert.

Wer also mal ein wenig Zeit investieren kann, der sollte jetzt der PHOENIX-Runde eine Chance geben. Grade die gestrige Sendung ist sehr sehenswert, was nicht unbedingt am Titel erkennbar wird:

Das Führungspersonal der GroKo – Geschwächt und angezählt?

Klingt, als gehe es nur ums Personal und der Einstieg lässt das in den ersten 4 Minuten auch weiter befürchten. Aber weit gefehlt! Die Diskutanten – die keineswegs alle einer Meinung sind, aber sachlich debattieren können – kommen sehr schnell zu den Inhalten, die rund um die Regierungsbildung eine Rolle spielen. Oder, fast noch interessanter, leider KEINE Rolle zu spielen scheinen, obwohl die Zukunft unseres derzeit so „prosperierenden“ Landes von ihnen massiv tangiert sein wird.

Der Moderator Alexander Kähler diskutiert mit diesen Gästen:

  • Oswald Metzger – Chefredakteur des EUROPEAN, stellvertr. Vorsitzender der Ludwig-Ehrhardt-Stifung, heute CDU, früher Bündnis-GRÜNE und noch früher mal SPD-Mitglied.
    „Die politische Klasse in Deutschland ruht sich auf der wirtschaftlichen Prosperität aus…. Die Amerikaner machen gerade etwas, was uns ökonomisch massiv zwicken wird…“
  • Melanie Amann – Redakteurin im SPIEGEL Hauptstadtbüro
    „Politik ist doch mittlerweile Politik der kleinen Stellschrauben…“
  • Werner J. Patzelt – Politikwissenschaftler, Professor an der TU Dresden
    „Wir haben eine inhaltliche Entleerung der politischen Debatte, haben uns in politischen Konzepten eingerichet, die lange Zeit tragfähig waren, aber…“.
  • Dr. Thomas Kliche – Politikpsychologe, Professor an der Uni Magdeburg-Stendal
    „Die SPD löffelt jetzt die Suppe aus, die sie sich mit Hartz4 eingebrockt hat…“

Die Sendung gibts nicht nur in der Mediathek, sie wurde auch auf Youtube „gerettet“:

Solche Gespräche schaue ich gerne öfter! Z.B. auch heute wieder um 22.15 Uhr:

Boomente Weltwirtschaft – auf Kosten der Armen
Moderatorin Anke Plättner diskutiert mit ihren Gästen darüber, was gegen die wachsende Vermögensungleichheit getan werden kann und wie eine gerechtere Wirtschaftsordnung aussehen könnte.

Die PHOENIX-Runde

Dienstag bis Donnerstag,
22.15 bis 23.00 Uhr und 0.00 Uhr (Wdh.)

auch als Podcast!

***

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
6 Kommentare zu „Der bessere Talk: Schaut doch mal PHOENIX-Runde, z.B. jetzt zur #Groko“.

  1. Ich sehe mir die Talkshows bei Phoenix auch lieber an, als die in den MSM. Dort geht es nicht nur sachlicher zu, sondern auch die Zusammensetzung der Teilnehmer gefällt mir meistens besser. Mit den Positionen von Oswald Metzger habe ich allerdings immer so meine Probleme. Dass er im Vorstand der Ludwig-Ehrhardt-Stiftung ist, wusste ich bisher nicht. Aber er passt dahin – mit Roland Tichy als Chef des Vorstandes :-) Und dass er unter Weimer als Chefredakteur für den European schreibt, passt ebenfalls in mein Bild, das ich von dieser Publikation hatte. Ich bin aber auch furchtbar.

  2. @Horst: Diskussionen sind m.E. nur gut, wenn Leute mit ganz unterschiedlichen Positionen beteiligt sind. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein, was dieser oder jener Gast meint und sagt – aber spannend fand ich es insgesamt auf jeden Fall! Die von Metzger angesprochene Problematik existiert ja zweifellos – nur die Art, wie er vermutlich dagegen ankämpfen würde (was er ja nicht wirklich ausgeführt hat), gefällt uns nicht, oder?

    Als Antidot hab‘ ich mir grade Lanz angeschaut, obwohl ich ihn ätzend finde und normal NIE zusehe. Aber ich wollte Kevin sehen (DER Gast des Abends, Juso-Vorsitzender und grade Rebell gegen die Linie der Parteiführung), über den ich bisher nur gelesen hatte.

    Und wow, das ist wirklich ein NEUER SOUND – und ein mutiges Herangehen an Themen, die dem Land tatsächlich seit über einem Jahrzehnt als „alternativlos“ dargestellt werden. Zum Glück ist er gleich zuerst dran:

    Bin beeindruckt! Toll auch, wie cool er den nach Skandal und personalisierten Machtkämpfen GIERENDEN Lanz (einfach ekelhaft!) immer wieder pariert und über dessen primitive Stöckchen nicht springt. Klasse! Vielleicht wird er ja der (wahrlich genug jugendliche!) Hoffnungsträger, nach dem sich viele sehnen?

    Kevin ist nicht allein zuhaus…

  3. Wie Du mir aus der Seele sprichst, das was ARD und ZDF da an politischen Talk anbieten, ist mittlerweile zur Zeitverschwendung mutiert. Gott sei Dank hat Jauch eingesehen, dass es keinen Zweck mehr hat und von selbst seinen Hut genommen.

    Die Phoenix Runde sollte direkt als Primetime Format nach der Tagesschau beginnen, als Alternative zur Betäubungsunterhaltung, die die nächsten Wahlen würden wahrscheinlich deutlich anders ausfallen.

  4. Danke für das Lanz-Video. Kühnert finde ich toll. Hoffentlich bleibt er so klar und schafft es so, mehr Menschen für die SPD zu begeistern. Je nachdem wie es nun weitergeht, werde ich am Ende des Prozesses in die SPD eintreten. Ich meine, wenn #NoGroKo sich durchsetzt. Jetzt einzutreten, um ein Stimmrecht bei der Mitgliederbefragung zu bekommen, fände ich unfair (in der Sendung wurde einiges dazu gesagt und die Kampagne einiger JUSO-Verbände ist fragwürdig!).
    Kühnert zeigt auch, dass das personelle Reservoire unserer Parteien immer noch gut ist und dass es sehr wohl Alternativen zu den ausgetretenen Pfaden gibt, die viele Leute im Land nur noch aus Zumutung betrachten.
    Die SPD insgesamt scheint nach Umfragen weiter zu verlieren. Das verstehe ich als politisch interessierter Mensch nur schwer. Diejenigen, die sich für den Kram so gar nicht interessieren, könnten aber doch wenigstens registrieren, dass der SPD-Sonderparteitag tatsächlich so etwas wie eine Sternstunde für die Demokratie war. Ich erwarte wohl entschieden zu viel.
    Erinnerst du dich noch an mein Argument, weshalb ich nicht wählen gehen wollte (die SPD und auch sonst keine Partei)? Ich wollte nicht für die nächste GroKo mitverantwortlich sein. Ich bin dann doch noch wählen gegangen, weil sich das Gefühl breit gemacht hat, dass die Partei selbst nicht mehr so weitermachen will. So ist es tatsächlich gekommen. Alles, was chronologisch danach abgelaufen ist, wird heute der SPD-Führung, insbesondere Martin Schulz, als Unzuverlässigkeit (Umfaller) zugeschrieben. Wie unfair kann man sein?

  5. @Aquii: volle Zustimmung! Leider werden sie das nicht machen, die üblichen Talks sind halt „unterhaltender“ und bringen mehr Quote.

    @Horst: Warts ab! Es geht schnell, aber nicht SO schnell – ein paar Tage/Wochen sollte man warten mit der Analyse der Wirkungen.
    Sogar ich als Medienjunkie hab‘ ein paar Tage gebraucht, um Kevin Kühnert richtig zu bemerken! Hatte die Rede auf dem Parteitag verpasst und bisher nur über ihn als Jusovorsitzenden gelesen, der gegen Groko mobilisiert. Nun ja, das wusste ich auch von dir, hat mich rein inhaltlich jetzt nicht so überzeugt. Dann aber das Ergebnis (44%!!!) und ihn dann reden hören hat mir gezeigt, dass da wirklich was im Gang ist, was die SPD und mehr als nur sie vom gewohnten Alternativlosigkeitsgleis wegbewegen könnte!

    Jetzt ist Kevin hoch gefragt in den Mainstreammedien (heute z.B. bei Illner, heut morgen RTL) und viele werden vermutlich ebenso beeindruckt sein wie ich.
    Und selbst wenn die Kampagne nicht dazu führt, dass die Mehrheit der SPD-Mitglieder mit Nein stimmt: Schon jetzt beeinflusst sie die GroKo-Verhandlungen massiv, denn den Verhandlern aller beteiligter Parteien wird jetzt klar werden, dass es einen deutlichen Zuschlag / mehr Zugeständnisse braucht, um die Basis TROTZ Kühnert zum JA zu bewegen.

    Es ist jedenfalls das erste Mal seit gefühlten Jahrzehnten, dass ich die SPD spannend finde!

    Siehe auch:

    Kevin Kühnert – Er könnte Schulz und Merkel stürzen

    Update: Illner war letzten Donnerstag, hier das Video.

    Und hier das heutige RTL-Interview.

  6. @Claudia: Das die SPD viel mehr in den Koalitionsverhandlungen herausholt denke ich nicht. Durch das rumgeeiere der ehemals Sozialen ist Merkel jetzt eindeutig in der stärkeren Position, auch bei noch nicht ausgeschlossenen Neuwahlen und wenn die Union wieder knapp unter 40% landet, dann stehen die Grünen für ein „weiter so“ schon bei Fuß. Allerdings folge ich der Aussage von Kühnert, noch einmal weniger % bei der Neuwahl zu bekommen um sich dann zu erneuern, denn der alte Parteivorstand der SPD wäre nicht mehr tragbar und müsste gehen…

Was sagst Du dazu?

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht