Claudia am 22. Dezember 2017 — 1 Kommentar

Zum schwedischen Einverständnisgesetz (#Vergewaltigung)

Falls irgendwer das noch nicht mitbekommen hat: Schweden hat ein Gesetz erlassen, das über das „Nein heißt Nein“-Gebot hinaus geht: demnach wird jede sexuelle Handlung, für die kein explizites Einverständnis vorliegt, als (zumindest fahrlässige) Vergewaltigung be- und verurteilt.

Wie klingt das für dich? Übertrieben? Absurd? Oder eigentlich selbstverständlich? So skandalisierend, wie es zunächst berichtet wurde (z.B. WELT: Wer in Schweden künftig Sex mit jemandem möchte, muss die ausdrückliche Erlaubnis einholen – gern auch schriftlich.), war die Empörung groß. Häme und Spott ergoß sich über die „auf die Spitze getriebene sexuelle Korrektheit“, Einverständnisformulare und Apps wurden diskutiert, ja sogar das Aussterben der Schweden prophezeit, weil sich dort niemand mehr trauen werde, unter so „gefährlichen“ Rahmenbedingungen überhaupt mit dem Sex anzufangen.

Auch ich hab‘ mich erstmal drüber aufgeregt:

  • Wie bitte, vor jeder sexuellen Handlung NACHFRAGEN, ob die auch gewollt ist? Einen schlimmeren Stimmungskiller kann man sich doch kaum vorstellen!
  • Und überhaupt: Kann man von den Beteiligten nicht zumindest erwarten, dass sie Nein sagen, den Kopf schütteln, oder sonstwie ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen, wenn Sex unerwünscht ist?

Zum Glück hab ich das nicht gleich rumgetwittert, sondern nur bei meinem Liebsten ein bisschen abgelästert!

Denn mittlerweile sehe ich das nicht mehr so. Die schwedische Botschaft hat sich zu Wort gemeldet und richtig gestellt: Von einem schriftlichen Einverständnis ist nirgends die Rede. Im Gesetzesentwurf ist NICHT konkretisiert, wie die Zustimmung auszusehen hat. Und Schwedens Ministerpräsident sagte:

Im Grunde ist die Botschaft einfach: Man bringt in Erfahrung, ob der, mit dem man Sex haben will, auch Sex haben will. Ist das unsicher, lass es sein!

Und hier nochmal die Begründung der Botschaft:

Die aktuelle Gesetzgebung sieht vor, dass Opfer von sexuellen Übergriffen ihren Widerstand durch Worte oder Handlungen deutlich zum Ausdruck gebracht haben müssen.
Die nun vorgeschlagene Gesetzgebung möchte die Opfer von dieser Verantwortung befreien und stattdessen die Angeklagten stärker in die Pflicht nehmen: Wie haben sich die Angeklagten von der Freiwilligkeit ihrer Sexualpartner/-innen überzeugt? Passivität soll damit nicht länger als stilles Einverständnis interpretiert werden können.

Welchen Sex verteidigen die Kritiker eigentlich?

Wenn ich jetzt so lese, wie manche Männerblogs angesichts dieser Vorgabe hyperventilieren, dann muss ich mich doch fragen: Welchen Sex verteidigen die da eigentlich? Den, bei dem die Frau teilnahmslos da liegt und nur alles über sich ergehen lässt? So beklagt etwa Uepsilonniks, nach eigenen Angaben „linker Maskulist“ den „feministischen Totalitarismus“ und schreibt zur Sache:

„Oft beschreiben [Frauen] auch, dass sie beim Akt zwar völlig gegenwärtig waren, aber psychisch „eingefroren“ und es ihnen deshalb nicht möglich war „nein“ zu sagen.“
Hier liegt das Problem aber nicht beim „Täter“, sondern beim vermeintlichen Opfer. Es ist nicht ein Fehlverhalten des Mannes, welches verurteilt wird, sondern eine psychische Störung beim „Opfer“. Das ist ungefähr so, als würde bei einem Autounfall nicht der eigentlich Schuldige verurteilt, sondern der andere Beteiligte, weil der Verursacher eine Panikattacke hatte.

Ich staune über diesen Vergleich, der – sofern ernst gemeint – ein grusliges Licht auf das Sexverständnis des Autors wirft. Kollidieren denn da auch zwei zufällige „Verkehrsteilnehmer“, die gar nichts miteinander zu tun haben? Die nicht kommunizieren könnten, selbst wenn sie wollten?

Mir ist mittlerweile klar, dass das Gesetz genau jene wenigen Frauen respektiert, die tatsächlich „psychisch eingefroren“ sind und außer Stande, sich irgendwie ablehnend zu äußern. Dass ich mir einen solchen Zustand nicht vorstellen kann, heißt nicht, dass es ihn nicht gibt. Selbst dieser „linke Maskulist“ gesteht offenbar zu, dass es so etwas gibt, wehrt sich aber dagegen, dass das „trotzdem drüber rutschen“ kriminalisiert wird.

Warum eigentlich? Weil es so ungemein häufig vorkommt, dass Männer mit derart passiven, „eingefrorenen“ Frauen, die kein Wort und keine Geste mehr zustande bringen, Sex haben wollen?`Sich im Zweifel nicht drum scheren, was der Grund für diese Passivität sein mag, Hauptsache, es wird gefickt?

Für das Offenhalten dieser ignoranten Praxis steigen also all diese Kritiker in den Ring? Da gehe ich NICHT mit, nein danke! Ganz im Gegenteil begrüße ich Schwedens Ergänzung zu Gunsten einiger weniger Frauen, die vom bisherigen „Nein heißt Nein“ nicht erfasst wurden.

Großartige Änderungen in der Gerichtspraxis wird das Gesetz sowieso nicht bringen, denn nach wie vor gilt die Unschuldsvermutung. Und da Sex in den meisten Fällen „allein zu zweit“ stattfindet, steht in der Regel Aussage gegen Aussage. Die schwedische Botschaft verweist deshalb auf die „Norm gebende Dimension“ solcher Gesetze. Sie sind weniger praktisch als erzieherisch gemeint: es soll einfach sonnenklar werden, dass Sex immer ein Einverständnis benötigt. Solange das UNKLAR bleibt, ist es den Leuten zuzumuten, sich zu bezähmen. Spricht doch nichts dagegen, sich zu vergewissern – oder wo ist das Problem?

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