Claudia am 03. August 2017 — 19 Kommentare

Vom Verlust der Wahrheit und linken Verirrungen in rechtes Denken

Habt Ihr schon mal einen Artikel angetroffen, der alles auf den Punkt bringt, was Ihr schon länger bloggen wolltet – aber viel besser, als Ihr es je hinbekommen hättet? Einen Text, der verschiedene irritierende Phänomene unserer Zeit zusammen fasst, nachvollziebar beschreibt und sich nicht scheut, deutlich Stellung zu beziehen?

Der Essay „Im Zeitalter der (zu) vielen Wahrheiten“ von Kenan Malik (britischer Publizist, Universitätsdozent und Rundfunkjournalist) nimmt es mir ab, weiter darüber nachzudenken, wie ich all das in Worte fassen könnte, was mich an vermeintlich „linkem“ Denken länger schon massiv stört, ja beängstigt.

Das Intro reisst das Themenspektrum an, um das es geht:
Zerfall des Universalismus, Aufstieg der Identitätspolitik und die Fragmentierung der Gesellschaft haben zu einer Krise der Wahrheit geführt.

Der Einstieg wirkt zunächst wie eine der gängigen Klagen über „Fake News“. In aller Kürze zeigt Malik auf, dass es sie schon immer gegeben hat, lediglich die Verbreiter seien heute andere:

„In der Vergangenheit waren es Regierungen, große Institutionen und Zeitungen, die Informationen und Nachrichten manipulierten. Heute kann das jeder, der ein Facebook-Profil hat. Anstelle der sorgfältig gestalteten Fake News der Vergangenheit sehen wir uns heute einer anarchischen Schwemme an Lügen gegenüber. So wie die Eliten die Kontrolle über die Wählerschaft verloren, verloren sie auch ihre Fähigkeit, die Verbreitung von Nachrichten zu steuern und zu definieren, was wahr und was falsch ist.“

Soweit, so gewohnt. Dann aber kommt er zu den „Alternativen Fakten“, die Trump für sich in Anspruch nimmt:

„Donald Trumps Behauptung, an seiner Vereidigung hätten mehr Menschen teilgenommen als an irgendeiner früheren Vereidigung, ist offensichtlich falsch. Aufschlussreich ist aber nicht nur die Lüge, sondern auch die Art, wie sie verteidigt wurde: Mit ihrem Vorschlag, die Falschbehauptung sei eine „alternative“ Wahrheit, die auf „alternativen“ Fakten beruhe, stützte sich Kellyanne Conway auf Konzepte, die in den vergangenen Jahrzehnten von radikalen Bewegungen nicht für Lügen genutzt worden waren, sondern um die Macht etablierter Wahrheiten herauszufordern, indem man darauf bestand, dass „Fakten“ oder „Wissen“ immer relativ zum jeweiligen Kontext oder zur jeweiligen Gruppe zu sehen seien.“

Damit ist das Hauptthema eröffnet: Postmoderner Relativismus kennt keine Wahrheiten mehr, sondern nur mehr relative, kulturell bedingte Blickwinkel. Dankenswerter Weise referiert der Autor die Denkweisen, gegen die er antritt:

„Postmoderne“ ist ein Konzept, das sich nur sehr schwer definieren lässt, letztlich kennzeichnend ist jedoch die Feindschaft gegenüber dem Projekt der Aufklärung, aus fragmentierten Erfahrungen universelle Erkenntnisse abzuleiten und unseren Beobachtungen der sozialen und natürlichen Welt Stimmigkeit zu verleihen. Da kein Mensch die Realität „aus der Gottesperspektive“ betrachten kann, schlussfolgern Postmodernisten, kann jeder von uns nur aus seiner jeweiligen Perspektive heraus sprechen – eine Perspektive, die auf spezifischen Erfahrungen, der jeweiligen Kultur und Identität beruht. „Wahrheit“ ist so notwendigerweise lokal und nur für spezifische Gemeinschaften oder Kulturen gültig.“


Womit er bei der antiuniversalistischen Linken unserer Tage angekommen ist:

„Einst vertrat die Linke die universalistische Vision der Aufklärung – eine Vision, die die großen radikalen Bewegungen antrieb, die die moderne Welt schufen, von den antikolonialen Kämpfen über die Frauenwahlrechtsbewegung bis hin zum Kampf für die Rechte von Schwulen.
Die Radikalen von heute verunglimpfen Universalismus meist als „eurozentrisches“ Projekt. Die Idee der Aufklärung, so argumentieren viele, sei aus einer bestimmten Kultur und Geschichte hervorgegangen. Sie entspreche besonderen Bedürfnissen, Wünschen und Neigungen. Menschen außerhalb des Westens müssten demzufolge ihren eigenen Ideen und Werten aus ihren jeweiligen Kulturen, Traditionen und Bedürfnissen heraus folgen – und dies gilt nicht nur für Nicht-Westler, sondern auch für verschiedene soziale Gruppen innerhalb der westlichen Nationen, etwa Schwarze, Frauen oder Schwule….Die Akzeptanz solcher Sichtweisen ging in den letzten Jahren Hand in Hand mit dem Aufstieg der Identitätspolitik und einem generell subjektiveren Blick auf die Welt, der sich parallel entwickelte: Es breitete sich der Glaube aus, unsere Wahrnehmung der Welt oder wie wir uns bei ihrer Betrachtung fühlen, sei genauso wichtig wie ihre tatsächliche Beschaffenheit.“

Wie mir das aus der Seele spricht! Und ich muss zugeben: Auch ich war einige Jahre der Überzeugung, diese „Denke“ sei ungemein progressiv und fortschrittlich. Bis ich mehr und mehr bemerkte, dass sie die Möglichkeiten des gemeinsamen Politik-Machens zerbröselt und es am Ende keinen gemeinsamen Werte-Anker mehr gibt, auf den man sich beziehen kann. Sondern nur noch den Kampf immer verschiedenerer Kleingruppen gegeneinander: um die „Definitionsmacht“ und letztlich die Macht, andere zu beherrschen. Was das glatte Gegenteil früherer linker Werte, denen ich mich immer schon verbunden fühlte und noch immer fühle.

Lest bitte selbst bei NOVO weiter, wie das neolinke Denken der Differenz die Widerstandskraft gegenüber den Identitären und anderen reaktionären Rechten untergraben hat – und welche Folgen das hat. Gänsehaut!

Diskussion

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19 Kommentare zu „Vom Verlust der Wahrheit und linken Verirrungen in rechtes Denken“.

  1. Wird hier nicht eine Fallhöhe konstruiert, die es nicht gibt? Die große Mehrheit der Bevölkerung fand ich persönlich immer schon gruselig. Jetzt hat sie sich eben ihren Präsidenten gewählt. Das hat nichts mit theoretischen Positionen zu tun, die vermeintlich links sein sollen, sondern mit einem Totalausfall der Zivilisation. Barbarei ist doch der Normalzustand des Menschen. Und wie finster es in den Köpfen aussieht, kann man an Trump ermessen. Die Leute haben ihn ja nicht aus Versehen gewählt, sondern weil er es geil findet, Frauen zwischen die Beine zu greifen. Ich sehe keinen Grund zu glauben, dass Trump-Wähler und alle, die ihn unterstützen, diese Lebensauffassung nicht teilen würden. Wegen solcher Typen philosophische Positionen aufzugeben, halte ich für etwas abwegig. Das wäre auch zu viel der Ehre für dieses Gesindel.

    Für mich ist die Postmoderne nichts anderes als das neoliberale Philosophie-Kaufhaus, in dem es alles im Dutzend preiswerter gibt. Sie ist ebenso barbarisch wie Trump und seine Anhänger. Ich glaube nicht, dass die Postmoderne Trump getriggert hat. Beide Phänomene haben vielleicht eine gemeinsame Ursache.

  2. @Juh: du scheinst meinem Tipp nicht gefolgt zu sein, um den ganzen Artikel zu lesen. Es geht mir nicht umTrumpwähler (das ist auch im Essay nur ein Aufhänger), sondern darum, dass von Links den Identitären u.a. Rechten nicht mehr viel entgegen gesetzt werden kann

    -> wenn Linke darauf bestehen, dass nur jemand, der „von Rassismus betroffen“ („bzw. neuerdings „schwarz positioniert“) ist, das Recht hat, zu definieren, was Rassismus IST.

    -> Wenn gegenüber nicht-westlichen Menschen auf einmal wegschauende „Toleranz“ waltet, wenn sie die Menschenrechte inkl. der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Frauen (Schwulen, sonstigen in der Fremdkultur Marginalisierten) mit Füßen treten. Wenn zugestanden wird, dass Despotie vielleicht doch manchmal die zum betroffenen Volk „passende“ Staatsform sein könnte…

    -> wenn jegliche kreative Übernahme (Mode, Haartracht, Musik…) als böse „kulturelle Aneignung“ und rassistische Ausbeutung gilt (konsequent weiter gedacht ist dann nur der Volksmusik hörende Klischee-Biertrinker mit Feinripp-Hemd und deutschem Schäferhund KEIN ausbeuterischer Rassist – willkommen in der „national befreiten Zone“).

    -> wenn es mehr und mehr darauf ankommt, WER etwas sagt – und nicht, WAS gesagt wird. Wenn über „Definitionsmacht“ gestritten wird, anstatt um den richtigen Weg zu Problemlösungen.

    -> wenn das subjektive GEFÜHL zum obersten Wert wird und z.B. als Argument benutzt wird, um in Universitäten bestimmte Inhalte und Lektüren nicht ertragen zu wollen (Kant muss weg…). Oder auch gleich kontroverse Debatten nicht mehr ertragen werden und so unter dem Banner der neuen Empfindsamkeit versucht wird, nicht mit der eigenen Meinung konforme Positionen mundtot zu machen.

    Nochmal Malik:

    „Viel zu viele auf Seiten der Linken haben das „Recht auf Differenz“ in der Vergangenheit als progressiven Wert missverstanden, nun sehen sie sich Reaktionären gegenüber, die diese Forderung als ideologischen Rammbock verwenden. Die sogenannte „Identitäre Bewegung“ – Gruppen der extremen Rechten, die sich offen für Identitätspolitik einsetzen – hat von Frankreich bis Österreich inzwischen in vielen Staaten Europas Wurzeln geschlagen.“

    Meine Schuld, dass ich es offenbar nicht zustande gebracht habe, deutlich zu machen, was für mich das Brisante ist. „Postmoderne“ ist kein Glasperlenspiel mehr für literarisch-akademische Nischen, sondern die gesellschaftlich wirksam gewordene Ermächtigung für jede und jeden, die eigene Wahrheit absolut zu setzen – scheiss auf Analyse, Fakten, Debatte, Beweise, Schlussfolgerungen und Konsequenzen und all diesen antiken aufklärerischen Tand!

    Und das alles eben auch von links – ich fasse es nicht!

  3. Ja, das störte mich auch immer an der Postmoderne und der Political Correctness. Ich kann die Postmoderne bloß nicht als linken Diskurs sehen.

  4. @Juh: natürlich nicht als „Postmoderne“, aber die von mir aufgezählten Punkte sind alle der Lebenswirklichkeit entnommen und alles andere als SELTEN bei linken Gruppierungen. Das spalterische Potenzial der Identitätspolitik (z.B. als „Critical Whiteness“, aber auch im Genderbereich) entfaltet sich fast widerspruchslos – und nervt. Und sie merken nicht einmal, dass diese Denksysteme von „links“ eigentlich weit entfernt sind und sogar den Rechtsradikalen zuarbeiten.

  5. Deine Begeisterung über den Artikel des Herrn Kenan Malik teile ich nach dem Lesen nicht, und zwar aus zwei Gründen.

    Erstens enthält er einige mich mißtrauisch stimmende Referenzen auf eine objektive Wirklichkeit (z.Bsp. Wissenschaftliche Wahrheiten, egal wie vorläufig wissenschaftliche Erkenntnis notwendigerweise ist, beziehen sich grob auf die Welt, wie sie ist. oder Als akademische Theorie mögen solche Vorstellungen obskur und abstrus erscheinen. Nichtsdestotrotz gewann die Vorstellung, Wahrheit sei relativ, immer weiter an gesellschaftlicher Akzeptanz), deren Zweck mir zu sein scheint, des Herrn Maliks Vorstellung eines universalistischen Programms der Aufklärung in einen Gegensatz zu seinem Bild von ‚Postmoderne‘ zu stellen (kennzeichnend [für die Postmoderne, S.S.] ist jedoch die Feindschaft gegenüber dem Projekt der Aufklärung, aus fragmentierten Erfahrungen universelle Erkenntnisse abzuleiten und unseren Beobachtungen der sozialen und natürlichen Welt Stimmigkeit zu verleihen).

    Die Rückbindung von Aufklärung an eine gegen Fragmentierungen sich behauptende, universelle Erkenntnis und eine Stimmigkeit unseres Blickes auf die Welt zielt allerdings nach meiner Auffassung nicht auf Objektivität (auf die Welt, wie sie ist, die Tatsachen, die Fakten, die Realität), sondern auf Intersubjektivität, d.h. geteilte, wie, wodurch und warum auch immer von den Vielen akzeptierte und damit später von ihnen jederzeit korrigierbare ‚Wahrheiten‘ – und eben nicht auf eine einzige solche Wahrheit, die vor aller Akzeptanz, vor jeder Übereinkunft der Vielen liegt und so deren diskursivem Suchen nach Übereinkunft ein externes Maß (die Wahrheit schlechthin) seiner erlaubten Resultate setzt.

    Herrn Maliks Position kommt mir daher gerade nicht als das vor, als was sie sich, so mein Eindruck, ausgeben möchte, nämlich als aufklärerisch, sondern als im Kern doch eher dogmatisch.

    .

    Zweitens fehlt mir an Herrn Maliks Kernaussage (Fake News, alternative Fakten und das Gefühl, in einer postfaktischen Zeit ‚nach der Wahrheit‘ zu leben, sind alles Symptome eines tiefer liegenden Problems, nämlich dem einer immer stärker fragmentierten Welt, deren einzelne Bruchstücke immer weniger bereit sind, sich miteinander zu beschäftigen.), die als Beschreibung sicherlich inzwischen allgemein unstrittig ist, etwas sehr wichtiges, denn leider sagt er nichts dazu, woher dieser Mangel an Bereitschaft, der Zerfall des Willens zum öffentlichen Dialog, denn (Auf einmal im Laufe der Zeit? Von langer Hand vorbereitet? Dem Ende der Geschichte geschuldet? Dem Sieg des Kapitalismus? Dem Ersticken des Kapitalismus an seinen eigenen Folgen?) kommt.

    Die ebenfalls wohl unstrittige Beobachtung, daß es scheint, wir leben wir in einer Zeit endlos vieler Wahrheiten, die alle miteinander konkurrieren, von denen jede für sich auf der eigenen Richtigkeit beharrt und deren jeweilige Anhänger sich weigern, irgendeine andere ‚Wahrheit‘ zur Kenntnis zu nehmen oder gar zu diskutieren, mag zwar einen emotional für viele nicht leicht auszuhaltenden Zustand beschreiben – aber sie benennt damit weder mögliche Ursachen noch kommt sie der Frage, wie diesem Zustand, so man denn will, eventuell abgeholfen werden könne, irgendwie näher.

    Es bleibt ihm zumindest hier nur die Ahnung, daß bevor wir nicht anfangen, die grundlegenderen Probleme anzugehen, die dem Zerfall des Universalismus, dem Aufstieg der Identitätspolitik und dem Entstehen immer stärker fragmentierter Gesellschaften innewohnen, … jeder Versuch, die Symptome zu kurieren, die Dinge sehr wahrscheinlich nur verschlimmern wird. Und damit die vage Hoffnung, daß diese grundlegenden Probleme bei aller Fragmentierung doch prinzipiell erkannt werden können, denn allein die Beschwörung von Symptomen bringt, so bin ich fest überzeugt, selten einer Heilung näher, sondern lähmt sogar häufig.

    Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann ist die bei Dir und Herrn Malik durchschimmernde Hoffnung, ein universeller „Werte-Anker“ könne die politische Handlungsfähigkeit wiederherstellen. Herr Malik (wie viele andere auch) konstatiert doch glaubhaft eine Erosion universeller Werte, die diesmal nicht den grausigen Konsequenzen (Nationalismus, Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus, Kommunismus im 19./20.Jahrhundert) geschuldet ist, sondern vor allem technologischen Veränderungen der weltweiten Kommunikation von einzelnen Menschen mit allen anderen.

    Hier scheint doch für das klassische Politik-Verständnis ein zentrales Defizit vorzuliegen: wie umgehen damit, daß Menschen das Versprechen des großen Gesprächs, kaum ist es ihnen technisch möglich, auf einmal massenhaft und begeistert aufgreifen und allesamt wie verrückt drauf los quatschen, statt sich in den althergebrachten, muffigen Zelten der angestammten Meinungshüter und -macher wie die Schafe einsperren zu lassen? Wie umgehen damit, daß nicht nur Autoritäten und Eliten, die von der Gesellschaft also traditionell dazu Befugten, Wahrheiten verbreiten können und dürfen, sondern – einfach jeder? Was tun, wenn das scheinbar nur technische Kommunikationsmodell eines flachen Ethernets mit gleichberechtigtem Zugang (carrier sense/collision detect) der Knoten zum Modell der sozialen Kommunikation gleichberechtigter Menschen wird, dort aber nicht (mangels steuernder Protokolle) wie gewünscht funktioniert und auch bei großer Auslastung noch beherrschbar bleibt?

    Ich denke nicht, daß eine „Lösung“ dieses Problems auf der Ebene der Werte-Systeme liegt, sondern eher auf der Fähigkeit sozialer Systeme zu fehlertoleranter Adaption. Allerdings werden die Träger möglicher Lösungen, oder besser gesagt: der folgenden Bewegungsformen dieses Problems wohl kaum aus dem Spektrum einer „Linken“ stammen, so wie ich als Licht im Tunnel vermute, daß es ebenfalls nicht eine „Rechte“ sein wird.

    Mein Gefühl ist, daß aus dem, was heute vielen als Problem auf den Nägeln brennt, eines Tages kurzerhand ein feature wird, indem der Problemdruck, nicht aber das Problem aufgelöst wurde. Entweder durch Unsichtbarwerdung oder -machung negativer Folgen oder durch Umbewertung der Folgen als neutral oder gar positiv. Und das wird ein Prozeß sein, der keine bewußt handelnden Akteure benötigt, so wie meines Wissens niemand bewußt darauf hin gearbeitet hat, den hier beklagten „Verlust der Wahrheit“ herbei zu führen.

  6. @Susanne: danke für deine nachdenkenswerten Gedanken zu diesem Artikel – sogar mit einer eigene Vision möglicher Veränderungen!

    Deinem ersten Argument (intersubjektive Wahrheit statt objektive) stimme ich insoweit zu, als es natürlich immer um innermenschheitliche Bewertungen geht – die „Gottesperspektive“ haben wir ja wirklich nicht. Er bezieht sich allerdings explizit auf „wissenschaftliche Wahrheit“, die sich GROB (!) darauf beziehe, wie die Welt ist, nicht wie wir sie gerne sehen würden.

    Für mich ist das richtig – ich behaupte sogar, es stimmt ALLGEMEIN. :-)
    Der Prozess wissenschaftlicher Erkenntnisgewinne ist klar definiert und nicht davon abhängig, welche Person ihn durchführt (Betrug / Gefälligkeitswissenschaft gibt es natürlich!). Noch beeindruckt von den Behauptungen des Kommentierers H.G., der meint, der Glaube könne ganz real den Berg versetzen, das funktioniere nur nicht, „solange man den Berg als schwere Materie sieht“ bleibe ich dabei, dass die Wissenschaft einem höheren Anspruch an Objektivität gerecht wird als derartige, dem jeweiligen Subjekt gottgleiche Macht zuschreibende Spinnereien.

    Dass Wissenschaft einen Tisch als bestehend aus Atomen beschreibt, die wesentlich aus leerem Raum mit ein paar wirbelnden Kleinteilchen bestehen und für Neutrinos keinen „Gegenstand“ darstellen (weil ihrem Durchdringen nichts entgegen steht), bedeutet eben nicht, dass das für uns Tisch-User von Bedeutung ist. Denn Wissenschaft erklärt ja auch, warum der Tisch für uns durchaus FEST ist – beschreibt also umfassend, wie die Welt IST in Sachen Tisch. Wer anderer Meinung ist, muss das mittels wissenschaftlicher Methoden beweisen.

    Was dem gegenüber ein „hoher Tisch“ ist, hängt von der Körpergröße der Betrachter ab (Kind!) und ebenso von der Sitzkultur (kniend, Schneidersitz oder Stuhl). Hier handelt es sich also um eine relative Wahrheit – und um eine „intersubjektive“ unter Erwachsenen in westlicher Sitzkultur.

    Wie steht es nun aber mit dem „Menschenrecht auf einen Tisch“? Klingt zwar blöd, weil fehlende Tische (im funktionalen Sinn einer wie immer gearteten Unterlage für die Einnahme von zubereiteten Nahrungsmitteln) kein drängendes Menschheitsproblem sind. Eignet sich dennoch als Beispiel für die Werte des Universalismus, die die Postmoderne (und das identitäre Denken) in Frage stellt. Denn ist es nicht so, dass ÜBERALL, wo Menschen sich zum gemeinsamen Essen hinsetzen, sie die Speisen nicht vom möglicherweise dreckigen Boden essen wollen? Und wenn sie es doch tun müssen, das als defizitär empfinden?
    Für einen Teil der allgemeinen Menschenrechte sieht das ebenso aus. Ich denke, kein Mensch würde FÜR SICH das „Recht auf Leben“ in Frage stellen wollen oder freiwillig in Sklaverei und Zwangsarbeit einwilligen. Sie tragen das Prädikat „universell“ m.E. zu Recht.
    Wogegen andere Menschenrechte (Diskriminierungsverbot, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Religionsfreiheit etc.) durchaus umstritten waren und sind. Die Menschenrechtspakte sind Ergebnisse langen Ringens um Einigung, bei dem auch nicht ALLE den jeweiligen Pakt unterzeichneten/ratifizierten – und auch nicht alle Unterzeichner die Rechte tatsächlich gewähren.

    Dass dem so ist, sollte uns aber nicht davon abhalten, darauf zu bestehen, was aus unserer Sicht unversell gelten sollte! Auch gegenüber Menschen aus anderen Kulturen vertrete ich den Anspruch auf Gleichberechtigung von Mann und Frau – und relativiere das nicht allein deshalb, weil eine herrschende Mehrheit in der Fremdkultur das anders lebt und sieht. Wenn man allein durch das Vorhandensein anderer Meinungen und Praktiken schon davor zurück schreckte, zu sagen: DAS IST NICHT RICHTIG, dann kann man letztlich auch nichts mehr gegen die „Kultur des Köpfens“ des IS sagen!

    Zur „universalistischen Vision der Aufklärung“, die der Autor rühmt, gehören m.E. neben diversen Menschenrechten für mich vor allem die Kriterien einer intellektuell redlichen Debatte:

    • Dass man Argumente bringt, anstatt bloß Befindlichkeiten zu äußern,
    • dass diese Argumente logisch und auf Nachfrage belegbar sein müssen

    – genau diese unverzichtbaren Basics jeglicher sinnvollen Diskussion werden durch das identitäre „Denken“ negiert. Da wird ein Anspruch auf Wahrheit per Positionierung in (oft nicht mal selbst erlebten) Machthierarchien behauptet, der dazu genutzt wird, „anders Positionierten“ die Legitimierung abzusprechen, sich zur Sache zu äußern. Sprich: Schwarze alleinerziehende Frau hat immer Recht gegenüber einem alten weißen Mann, bzw. MUSS NICHT MAL ARGUMENTIEREN.

    Auch ganz abseits solcher immerhin bewusst eingenommener Positionen greift der Unwillen um sich, Argumente und Belege ernsthaft in Betracht zu ziehen. Denjenigen, die glauben, eine geheime Elite wolle die Menschheit per Chemtrails reduzieren, sind schon viele gute Argumente entgegen gehalten worden – ohne jegliche Wirkung! Auch die Scheibenwelt-Leute schotten sich gegen die Beweise des Gegenteils einfach ab. Und das sind nur 2 bekannte Beispiele von unzähligen Dissensen, die einer üblichen „Bearbeitung“ im aufklärerischen Sinne gar nicht mehr zugänglich sind.

    So ist die Lage und sie ist somit ziemlich beschissen! Dem Autor würde ich nicht vorwerfen, dass er nicht auch gleich Lösungen bringt oder Ursachen beschreibt.
    Deine Hoffnung, die Dinge würden sich doch Verschwinden des Problemdrucks oder dessen Umdefinition lösen, kann ich so erstmal nicht teilen. Leider!

  7. Auf ein Verschwinden des Problemdrucks oder dessen Umdefinition hoffe ich nicht, vielmehr befürchte ich, daß es so kommen wird. Auch werfe ich dem Autor die benannten Mängel nicht vor, es enttäuscht mich allerdings, daß er dazu so gar nichts zu sagen hat.

    Zur ‚universellen Geltung‘ noch ein paar kurze (haha!) Bemerkungen. Ich denke, über das Kantsche Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde wurde auf diesem Gebiet bisher noch nicht wesentlich hinaus gegangen, sofern die Grundlegung nicht in einer geoffenbarten und deswegen universellen Wahrheit gefunden werden soll. Denn das Räsonieren über eine ‚Richtigkeit‘ sittlicher Grundlagen verläßt seinen Anspruch auf Universalität, also der Gültigkeit immer auch für die Anderen, sobald es auf subjektive Gründe zurück greift.

    Klar halte ich die Gleichberechtigung der Geschlechter für eine Maxime meines Handelns, von der ich will, daß sie ein allgemeines Gesetz wird, denn wer kann dagegen Gründe ins Feld führen, ein jedes Geschlecht müßte mir bereitwillig zustimmen, wo immer auch auf diesem Planeten ich es fragte – und fühle mich dabei ganz sicher auf der beruhigenden Basis des Predigers mit seinem ‚ein jegliches hat seine Zeit‘. Jedem Geschlecht das, was sein Recht ist, hier nämlich das gleiche, eine Haltung, die aber nur als allgemeines Gesetz zu wollen ist, sofern sie allem ohne mein eigenes Dazutun ‚seinen Platz‘ läßt, ‚seine Bewegung‘ zuerkennt und ‚seinen Raum‘ gibt. Und siehe da: suum cuique, schon bin ich nicht mehr im Universellen, sondern beim Relativieren.

    Trotzdem stimme ich Dir zu: Dass dem so ist, sollte uns aber nicht davon abhalten, darauf zu bestehen, was aus unserer Sicht unversell gelten sollte! Auch gegenüber Menschen aus anderen Kulturen vertrete ich den Anspruch auf Gleichberechtigung von Mann und Frau – und relativiere das nicht allein deshalb, weil eine herrschende Mehrheit in der Fremdkultur das anders lebt und sieht. Wenn man allein durch das Vorhandensein anderer Meinungen und Praktiken schon davor zurück schreckte, zu sagen: DAS IST NICHT RICHTIG, dann kann man letztlich auch nichts mehr gegen die ‚Kultur des Köpfens‘ des IS sagen!

    Allerdings ist hier keine Frage der Begründung einer Ethik angesprochen, sondern die der Durchsetzung einer Ethik. Und das ist natürlich eine Machtfrage, hier geht es um Geld und seine sozialen, ökonomischen und militärischen Gestalten. Die für mich abstoßend andere Form von Macht (des IS) ist in meinen Augen vor allem eine Facette der Machtentfaltung des (relativ) neuen Geldes der islamisch sich gebenden Ölstaaten, das im Gegensatz zum (relativ) alten Geld eines christlichen Europas und Nordamerikas steht, eine sich als IS und sein Gebaren auf anwidernde Weise mir zeigende Seite, so wie die Macht der ‚westlichen Werte‘ sich woanders als aus heiterem Himmel erfolgender Beschuß durch Hellfire-Raketen, als kriegerische Destabilisierung vorhandener staatlicher Ordnung, als kolonial gewachsene und überkommene Fremdherrschaft, ausgeübt von Konzernen und globalen Organisationen, als rohe Gewalt von Söldnern, als Sittenverrohung usw. zeigen mag.

    Wirft man beides, Macht mit Geltung, in einen Topf, entsteht aber ein informatorischer Nebel aus miteinander locker verbundenen und daher nur schwer zu systematisierenden Konfliktfeldern, durch den niemand so richtig blicken kann und in dem die ökonomisch-militärischen Auseinandersetzungen (um Wasser, Rohstoffe, Arbeitskräfte usw.) draußen in der freien Wildbahn nicht mehr vorkommen, sondern nur vergleichsweise harmlose Streitigkeiten in der heimischen Stube (Flüchtlingsströme und Überfremdung, Terrorismus und Populismus, Bankenkrisen und anomische Tendenzen im vertrauten Umfeld usw.).

    Das Versäumnis ‚der Linken‘ liegt meiner Ansicht nach nun jedoch nicht darin, einem Relativismus der Werte mittels unreflektierter Anpassung an ein ‚modernes Denken‘ Vorschub geleistet zu haben und so ‚der Rechten‘ ein willkommenes Werkzeug der Neu-Formulierung ihres alten, doch immer gleichen Programms an die Hand gegeben zu haben. Diese Sichtweise halte ich eher für die Selbstüberhöhung des linken Denkens noch im selbst diagnostizierten Scheitern, dessen den Gegner stärkende Wirkung grotesk überschätzt wird, vielleicht um sich letztlich noch als Verlierer heimlich als die ‚stärkste der Parteien‘ fühlen zu können.

    Die Schwemme von Wahrheiten, welche intersubjektive Gültigkeit zum Witz macht, hat aber kein linkes Argument und keine Bewegung linker Diskussionszirkel herbei zitiert, sonder eine technische Revolution, die sämtliche Diskussionen, innerhalb und außerhalb der vielen emsig schwatzenden Lager, mit einer losgetretenen Welle allseitiger Geschwätzigkeit überrollte und ihnen einen Duktus aufzwang, welcher sie in lame ducks verwandelte, die um so lauter schnattern, je ohnmächtiger sie tatsächlich werden.

    Das nämlich sehe ich als das größere Problem an: ohne Intersubjektivität benehmen sich die Vielen trotz ihrer Lautstärke, ihrer einzigen Macht, jener der Wucht der Masse, als Wähler, als Konsumenten, als bei Bedarf auch mal die Wenigen am nächsten Baum Aufknüpfenden. Was nun diesen Wenigen, die für sich die nicht bloß rechnerische Objektivität des Geldes arbeiten lassen, nur Recht sein kann und ist, denn ihr Handeln braucht zwar nicht die Zustimmung der Vielen, wäre aber durch einen Widerspruch von Vielen womöglich immer noch erheblich zu stören, trotz big data und terminator 2.0 hinterm Visier.

  8. @Susanne:

    … sondern eine technische Revolution, die sämtliche Diskussionen, innerhalb und außerhalb der vielen emsig schwatzenden Lager, mit einer losgetretenen Welle allseitiger Geschwätzigkeit überrollte und ihnen einen Duktus aufzwang, welcher sie in lame ducks verwandelte, die um so lauter schnattern, je ohnmächtiger sie tatsächlich werden.

    Was meinst du mit dem „aufgezwungenen Duktus“? Und warum verwandelt der die Redenden in lame ducks?

    Die „Wucht der Masse“ kommt ja hier und da durchaus zum Tragen, wenn etwa plötzlich neue Parteien (Piraten, AFD) ins Geschehen gewählt werden. Dass diese Effekte noch nicht massiver sind, verdankt sich m.E. der Tatsache, dass es gut zwei Dritteln der Bevölkerung doch noch relativ gut geht – sie also am Erhalt des Status Quo interessiert sind (für den Merkel steht).

    Ansonsten: Das „linke Denken“ existiert ja so nicht, schon gar nicht ist die von mir kolportierte Kritik etwa Mainstream – ganz im Gegenteil eher lieber nicht gehörter/gelesener Stachel im Fleisch (siehe z.B. das „Enfant Terrible“ Zizec).
    Zwischen dem linken Flügel der SPD, den LINKEN und den vielen Gruppen mit linkem Selbstverständnis außerhalb (oft in Opposition zu Parteien) liegen oft Welten.

  9. Der ‚aufgezwungene Duktus‘ ist (unter anderem) der von kurzfristigen, immer hastiger und aufgeregter ausfallenden Kampagnen (ein Beispiel sind diese #irgendwas Fäden auf twitter), die einander so rasend schnell ablösen, daß so gut wie keine Konsequenzen daraus erwachsen, bevor nicht schon etwas Neues lauthals den Marktplatz betreten hat.

    Dies verwandelt die Diskussionen (Teilnehmer wie den Vorgang als solchen) daher mittels schierer Masse (aka ‚wer mit tausend wichtigen und unwichtigen Daten zugeschüttet ist, dem entgehen die wichtigen Informationen ganz von selbst‘) in ‚lame ducks‘, die vor lauter neuen, immer aufregenderen topics die Ansatzpunkte für nachhaltigere Politiken kaum mehr finden können, während hinter dem Vorhang aus krachender Theatralik stillschweigend und in aller Ruhe weiter gearbeitet wird.

    Ein guter Artikel dazu war am Wochenende in der taz (hier der link), in dem einmal aufgelistet wird, wie hinter dem Dunstschleier des albernen Trump-bashing vieler Medien und etwa der Demokraten die Reps in den USA eine Gesellschaft umgestalten, die vermutlich für die nächsten 20 Jahre daran Schaden nehmen wird.

    Die Effekte ’neuer‘ Parteien halte ich für marginal und temporär, die bestehenden Parteien-Systeme adaptieren sich (nicht immer sehr fix, aber auf mittlere Sicht doch stets recht erfolgreich) bald an die dahinter liegenden Themen und ‚entschärfen‘ sie – wo die neuen Parteien sich nicht bereits selbst zerlegt haben.

    Gut, das ‚linke Denken‘ gibt es organisiert sicherlich nicht, aber vieles, was sich als ‚linkes Denken‘ geriert, hat in meinen Augen einander sehr ähnliche Züge, und der von mir zuvor skizzierte ist ein solcher, der mich schon oft hat zornig werden lassen.

  10. Ups, der oben defekte link nochmals hier :
    Kalkül hinter dem Chaos

  11. Bis vor ein paar tausend Jahren lebten die Menschen in Familien, Gruppen oder Clans zusammen, die selten mehr als 200 Mitglieder umfassten. Noch heute ist es so, dass persönliche Beziehungen diese Größenordnung nicht überschreiten.

    Dass der Mensch es trotzdem geschafft hat, sich zu weitaus größeren Gruppen wie Religionsgemeinschaften, Königreichen, Stadtstaaten, Völkern, Nationen usw. zusammenzuschließen, ist der Fähigkeit des Geschichtenerzählens (der Bildung von Mythen) zu verdanken. Wenn Menschen an dieselben Geschichten glauben, müssen sie sich nicht mehr persönlich kennen, um eine große Gruppe zu bilden. Die Menschen müssen nur von der Wahrheit der jeweils erzählten Geschichte überzeugt sein.

    Der Begriff „Wahrheit“ bezieht sich deshalb nicht auf die jeweilige reale Lebenswelt und die jeweiligen Erfahrungen, die ja für jeden in der Tat unterschiedlich sind, sondern auf das gemeinsam geteilte Erzählgut. Das ist diese intersubjektive Ebene. Der Begriff „Wahrheit“ drückt aus, inwieweit eine Geschichte (ein Mythos) geeignet ist, den Zusammenhalt einer Gruppe, deren Mitglieder sich nicht persönlich kennen, zu gewährleisten. Wahrheit ist deshalb kein für sich bestehender Wert, sie ist auch nicht die Essenz aller Lebenswelten, sondern so was wie Klebstoff.

    Zur Zeit erleben wir einen Paradigmenwechsel. Bis vor Kurzem haben gemeinsam geglaubte Geschichten den Zusammenhalt gewährleistet. Wenn es nun jedoch um die Bildung der Weltgemeinschaft geht, eignet sich der Mythos nicht mehr, denn in jedem Mythos wird der innere Zusammenhalt der Gruppe stets durch Ausgrenzung der Anderen (der Feinde) gewährleistet. Starke Gruppen entstanden stets nur da, wo es einen mächtigen Feind gab.
    Für eine Geschichte, die alle Menschen umfasst und alle Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenschmiedet, bräuchte wieder einen gemeinsamen Feind, und die Aliens lassen nun mal auf sich warten.

    Deshalb tritt an die Stelle des Mythos, der gemeinsamen Geschichte, nun die Technologie. Was überall auf der Welt gleich ist und die Menschen eint, ist heute die allen gemeinsame Technologie, die aufgrund ihrer Mächtigkeit (Stichwort: Atombombe) die Weltgemeinschaft ja auch erzwingt. Logischerweise zerfallen damit die gemeinsam geglaubten Geschichten. Sie sind nicht länger notwendig. Der Klebstoff (die Wahrheit) ist brüchig geworden. Tatsächlich hat die Wahrheit ja so aber nie existiert, sie war immer nur eine Erfindung der Menschen. Und genau das wird nun sichtbar.

  12. @fingerphilosoph Schöner Mythos, den du da erzählst.

  13. Wo genau wird es Mythos, @Brendan?

  14. @fingerphilosoph – eine wirklich schöne Geschichte!

    Den Einwand, es sei ein Mythos, finde ich jedoch partiell richtig. Waren es nicht eher die jeweiligen ökonomischen und technischen Entwicklungen, die zur Herausbildung größerer Gruppen führten? Die Entwicklung der Landwirtschaft in der Sesshaftigkeit, der Tauschhandel, die jeweils vorherrschenden Herrschaftsformen, die irgendwann zu „freien“ Städten führten…klar ist das alles immer auch verbalisiert worden, umso mehr, je weniger brutale Macht / Recht des Stärkeren die Menschen zur Mitwirkung gezwungen hat. Dass etwa in einer Stadt mehr Freiheit zu haben ist – das war dann die noch mehr Menschen anziehende „Geschichte“, die erzählt wurde, aber doch nur, weil das auch ein gutes Stück weit WAHR war. Keine bloße Erfindung.
    In der Vergangenheit gab es auch immer eine Vielfalt von „erzählten Geschichten“, ihrem jeweiligen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zum Trotz. Historisch gesehen haben „wir“ Europäer (und speziell Deutsche) verschiedentlich an umfassende Geschichten geglaubt:

    -> dass das Christentum die Welt erlösen wird (zur Not mit Feuer und Schwert),
    -> dass ein Herrenvolk über alle anderen herrschen werde,
    -> und zuletzt dass Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat überall als Export des „Westens“ den Weltfrieden bringen und Gerechtigkeit für alle schaffen werde.
    Ich sympatisiere immer noch mit der letzten Version, auch wenn sie 1001 mal durch eigennützige Akteure verraten wurde. Und obwohl bzw. erst recht jetzt, wo uns andere wirkmächtige Geschichten erreichen:
    -> dass der Islam / ein fundamentalistisch-religiöser Staat die Welt befrieden werde,
    -> dass für alle Zeiten „die Weißen“ für sämtliches Böse verantwortlich seien und der Rest der Welt immer nur Opfer war und ist.
    -> dass nur der vernetzte Überwachungsstaat Frieden und Sicherheit gewährleisten könne und wir dafür – leider, leider – Freiheit und Rechtsstaatlichkeit aufgeben müssen.
    Diese letzte Geschichte entspricht wohl am ehesten der These von der „verbindenden Technik“, die ja einiges für sich hat. Aber sie muss ganz ebenso „als Geschichte erzählt werden“, wie einst die Geschichte von der Freiheit der Städte (jetzt ist es halt die Sicherheit).
    Es ist also immer beides: Fakten/technische Entwicklung einerseits, vermittelnde Erzählung andrerseits.

  15. @Gerhard
    Das hat teils schon Susanne in ihrer unnachahmlichen Art erklärt.

    Den Klebstoff, der nötig ist, damit eine Gruppe von mehr als 200 Personen gebildet wird, auf „erzählte Geschichten“ zu reduzieren, an die alle glauben, erscheint mir dann doch etwas zu einfach.

  16. Der Göbekli Tepe ist meines Wissens der älteste Tempel, den wir kennen. Ca. 10.000 Jahre alt. Nach allem, was man weiß, wurde er von Jägern und Sammlern erbaut, die erst DANACH sesshaft wurden. Das heißt, wer immer diesen Tempel erbaut hat, muss VORHER eine entsprechende Geschichte dazu gehabt haben. Ohne Mythos macht ein Tempelbau keinen Sinn. Der Bau des Tempels veränderte die bis dato geltenden Bedingungen und schuf neue ökonomische und technische Bedürfnisse bzw. Entwicklungen. Die Geschichten/der Mythos sind die Ursachen für technische und ökonomische Entwicklungen und nicht die Folgen und nicht nur vermittelnde Ergänzungen.

    Die kognitive Revolution, die den Menschen Mythenbildung überhaupt erst ermöglichte, dürfte bereits vor ca. 70.000 bis 40.000 Jahren stattgefunden haben, als das Denken der Menschen eine neue Abstraktionsstufe erreichte. In dieser Zeit fing der Mensch an, Bildwerke zu erschaffen (Venusfigürchen, Tierfiguren, Höhlenmalereien).
    Aus dieser Zeit datieren auch die ältesten Knochenstäbe mit Einkerbungen, als Hinweis dafür, dass der Mensch mit dem Zählen anfing.

  17. Ohne eine Technologie gibt es keinen Bau eines Tempels, ohne die Fähigkeit zur planvollen Allokation von Arbeit, Werkzeug und Rohstoff. Tempel werden um Erzählungen herum errichtet, das denke ich auch, aber halt nicht von Erzählern!

  18. @ Susanne
    Was Du sagst, ist kein Widerspruch. Deshalb gehen die Erzählungen (Mythen) ihrer Umsetzung (bspw. Tempelbau) ja lange voraus. Schon in der griechischen Mythologie hat der Mensch Geschichten vom Fliegen erzählt. Es hat bis in die Neuzeit hinein gebraucht, um diese Erzählung umzusetzen. Der Mythos der Unsterblichkeit findet sich schon im Gilgamesch-Epos, ist jedoch bis heute nicht technisch umgesetzt.

    Interessant ist aber, dass der Tempelbau des Göbekli Tepe die Notwendigkeit beinhaltete, eine große Menge Menschen über mehrere Jahre hinweg zu ernähren. Deshalb wurden allmählich Infrastruktur und Ernährungswege aufgebaut, die es den Baumeistern DANACH ermöglichten, sesshaft zu werden.

    Die Fähigkeit zu Umwegverhalten – also etwas tun, das zunächst keinen unmittelbaren Nutzen verspricht – hat sich der Mensch im Umgang mit dem Feuer erworben. Da uns dieses Verhalten zutiefst prägt, ist der Mensch mehr ein Feuerwesen als noch der Affe, der er ursprünglich mal war.

  19. „Deshalb wurden allmählich Infrastruktur und Ernährungswege aufgebaut, die es den Baumeistern DANACH ermöglichten, sesshaft zu werden.“
    Das ist aber eine sehr gewagte Interpretation der Funde. Eine parallele Entwicklung über einen sehr langen Zeitraum scheint mir dann doch plausibler.

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