Claudia am 24. Juli 2017 — 9 Kommentare

Tiefer schauen: 7 Lesetipps

Hier versammle ich Artikel, die mehr bieten als kurzfristige Erregung über tagesaktuelle Vorkommnisse und Prozesse. Gerne könnt Ihr in den Kommentaren interessante Beiträge zu den angesprochenen Themen ergänzen.

  1. Ginge auch beides? – Zu einer mehrdimensionalen Lebenskunst
    Mit diesem Artikel hat Gilbert von „Geist und Gegenwart“ sich wieder mal selbst übertroffen! Jedenfalls was das punktgenaue Treffen einer Problematik angeht, mit der viele immer wieder ringen: Die Frage, ob man sich lieber mit wenig zufrieden geben sollte oder doch ständig nach mehr streben sollte, ist eine klassische Frage der Lebensphilosophie. Eine spannende Suche nach Antworten.
  2. #NotJustSad & der #Kapitalismus – Eine Liebesgeschichte. Victoria beschreibt, wie der neoliberale Kapitalismus unglücklich macht. Dass es bei diesem Spiel nur wenige Gewinner und viele Verlierer gibt, ist den meisten Menschen deshalb nicht bewusst, weil es eben anders als früher nicht bloß eine herrschende und mehr oder weniger eine unterdrückte Klasse gibt, sondern der fortgeschrittene Kapitalismus die unteren Klassen schlichtweg ausgesplittet und gegeneinander aufgehetzt hat.
  3. Identitäre Diskurse – Heiko Heinisch legt den Finger in die Wunde: Identitätspolitik, egal von welcher Seite, spaltet die Gesellschaft in scheinbar homogene Gruppen und fördert, auch wenn sie sich antirassistisch gibt, letztlich Rassismus. Denn sie reproduziert genau das, was ihm die Basis ist: Gruppenidentitäten und die identitäre Verknüpfung von Individuen mit vermeintlich naturgegebenen Eigenschaften.
  4. „Critical Whiteness“Diskriminierung im Alltag – unbewusst und mächtig – Introtext zu einer Sendung von Deutschlandfunk Kultur (ist noch in der Mediathek), wer lieber liest, kann eine PDF-Mitschrift nutzen. Auch mein Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem vielerorts sehr aggressiv verhandelten Thema ist mit folgendem Satz gut getroffen: Die Menschen nach Hautfarben zu unterscheiden, in Rassen einzuteilen: dieses Denken kam doch von rechts bis rechtsaußen. Wie kann es sein, dass diese Hautfarbendiskussion von links geführt wird? Am 28.6. hielt Jurek Molnar in der FU Berlin dazu den langen (!) kritischen Vortrag: Identität ist eine Waffe über Critical Whiteness und postmodernen Totalitarismus zwischen BDS, PC-Sprachspielen und Postcolonial Studies. (Ab ca. Minute 42, leider ist der Ton zu leise und das Ganze etwas langatmig..)
  5. Im Gegensatz zu meinem Körper dürfen meine Worte Gewicht haben – dasNuf reagiert auf den provozierenden Artikel Botox von Diana Weis. Es macht vermutlich auch selbstbewusst zu wissen, was man kann, außer hübsch auszusehen. Auch Journelle hat sich in „Sichtbarkeit einfordern“ mit den Thesen von Weis intensiv auseinander gesetzt – lesenswert!
  6. Ich war ein Kinderarbeiter – Kommentar von David Zaruk. Ein provozierender Text, der die Konsequenzen eines Verzichts auf Herbizide (Glyphosat) in der Landwirtschaft aufzeigt. Kurz auf den Punkt: WER könnte, wollte oder sollte denn das Unkraut händisch jähten? Wozu unsere Landwirtschaft führt, kann man dann in Beschleunigter Artenschwund von Susanne Aigner nachlesen. Ein Dilemma, aus dem wir offenbar nicht ganz einfach heraus finden.
  7. Gedankenmäandert über verschiedenen Arten von Armut, das Betteln und die Großzügigkeit – ein berührender Text von Liisa auf Charming Quark, der klar macht, dass Geld nicht alles ist, was fehlt.

Diskussion

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9 Kommentare zu „Tiefer schauen: 7 Lesetipps“.

  1. @Claudia: Danke für die Leseübersicht.
    Spannend finde ich, daß Du nun doch eine andere Überschrift für eine Versammlung lesenswerter Artikel gewählt hast als zuletzt.
    „Tiefer schauen“ gefällt ganz gut, passt zu Deiner Art, zu formulieren und ist vermutlich noch nicht von jemand genutzt, also eigenständig.

    Gilberts Artikel hätte ich anders überschrieben, da sieht man mal, wie unterschiedlich gelesen wird. Ich las seinen Artikel: Wie kann man ein aktives und/oder schnelles Leben führen und gleichzeitig Raum für Kontemplation/Meditation finden? Manche unserer „Bedürfnisse“ beissen sich gegenseitig, sind kaum gleichzeitig lebbar.
    Aber! WER liest eigentlich heutzutage Blog-Artikel wirklich TIEF und schürfend? Meist weht man sehr, sehr schnell über das zu Lesende. Und verpasst so manchmal völlig den eigentlichen Content!!

  2. @Gerhard: freut mich, dass du die neue Überschrift gut findest!

    Bei Gilberts Artikel hab ich die Originalüberschrift genommen, wie bei allen anderen auch. „Wie kann man ein aktives und/oder schnelles Leben führen und gleichzeitig Raum für Kontemplation/Meditation finden?“ würdest du das nennen? Also „gleichzeitig“ hat er das bei vielen seiner Beispiele ja nicht gemeint. Geht ja faktisch auch nicht immer.

  3. „Gleichzeitig“ meinte ich so, daß beides im Leben gelebt werden möchte, natürlich nicht zur gleichen Zeit.
    „Überschrieben“ meinte ich als „zusammengefasst/dargestellt“.

    Ich merke, auch an unseren Austauschen, daß es gar nicht so leicht ist, sich zu verstehen.
    Schönen Tag!

  4. Zu dem link auf die ‚Identitäten Diskurse‘:

    Vielleicht ist es spannend, sich im Zusammenhang des Themas ‚Integration‘ die Frage zu stellen, welche Bedeutung für eine individuelle Identität ‚homogene‘ Gruppen besitzen, die, weil ihre Homogenität immer Resultat einer sozialen Bewertung von Innen und Außen ist, ja nicht in der Realität herum liegen wie die Runkelrüben auf dem Felde. Ich habe daher Probleme mit Aussagen wie diesen: “zum anderen integrieren sich in moderne Gesellschaften einzelne Menschen und nicht Gruppen oder Kollektive. …. Integration fördern bedeutet … Menschen prinzipiell als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zu betrachten, die sich als Einzelne integrieren und nicht in erster Linie als Angehörige eines Kollektivs. “ (Heiko Heinisch)

    ‚Einzelne Menschen‘, das ist als Klassifizierung ein Konstrukt, das es so nicht gibt. Es gibt einzelne Menschen, sie existieren im Singular, ich kann von Frau XYZ reden, beschreiben, was sie tut, sagt, will und wünscht. Aber ich kann nicht im Plural als Abstraktion davon reden, was einzelne Menschen tun, es sei denn, ich habe sie implizit bereits in Gruppen aufgeteilt, deren überschaubare Zahl (z.Bsp. Diesel-, Otto- oder Elektromotorbefürworter) oder duale Gegenüberstellung (z.Bsp. android versus ios user) es erlaubt, ihr Handeln, Denken und Fühlen summarisch zu beschreiben.

    In Gesellschaft nun integrieren sich Individuen eben gerade nicht als einzelne Menschen, sondern durch eine von ihnen selbst und durch andere wahrgenommene und anerkannte Zugehörigkeit zu allseits erkennbaren Gruppen oder Kollektiven. Religion, Mundart, Herkunft, Beruf, Bildung, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Präferenz, Alter, Sport, Haarfarbe, Musikgeschmack, Einkommen, Konsumgewohnheiten, politische Ansichten usw., es gibt beliebig viele solcher Labels und durch sie induzierte Gruppen, Kollektive und Milieus, die sich zur Identifikation anbieten und über die eine Verortung der eigenen Person in einer unüberschaubaren Umgebung wie jener doch recht ominösen ‚modernen Gesellschaft‘ erfolgen kann.

    Ich fürchte, eine Leugnung der elementaren Bedeutung homogener Gruppen für die Konstitution des Individuums übersieht, daß gerade die Zerstörung solcher Gruppen ein Merkmal anomischer Gesellschaften und Milieus – wie auch, ein anderes Thema, der vielen failed states auf diesem Globus – ist, in denen ein schmerzhafter Mangel an Aufgehobenheit bei jenen damit in der Tat tragisch vereinzelten Menschen erzeugt wird, die diesen Mangel dann durch die womöglich gewaltsame Behauptung einer aus Verzweiflung angenommen Homogenität (Religion, Rasse, Klasse, Gang, Kampfverband usw.) und letztlich auch in militantem Gegensatz zu anderen Menschen zu beheben suchen.

    Btw: Ich habe allerdings auch Probleme mit websites, deren dreiste „we use cookies, bet you’ll appreciate it“ disclaimer nur wegzuklicken sind, wenn ich javascript und Zugriffe auf ein ganzes Bündel mir unbekamnnter websites in meinem browser zulasse …. aber das ist natürlich nicht das geheime Motiv für meine zarte Kritik oben ;-)

  5. @Susanne: danke für deine „zarte Kritik“! Dass wir grundsätzlich alle diversen Gruppen/Kategorien zuzuordnen sind, ist richtig und ohne das könnten wir gar nicht sinnvoll diskutieren. Der Artikel beschreibt aber sehr gut, wie zeitabhängig und verfehlt Labels wie „Muslime“ sein können:

    „Muslim ist zur Kategorie für das Andere – oder das Eigene – geworden. Anhand der Trennlinie „Muslim“ wird die Gesellschaft in ein „Wir“ und „die Anderen“ geteilt. Hier findet eine geistige Zwangskollektivierung statt. Individuen werden nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern stattdessen vollständig mit der ihnen zugedachten imaginären Kategorie „Muslim“ identifiziert. Imaginär, weil ein religiöses Bekenntnis kein angeborenes und unabwendbares Merkmal wie etwa die Hautfarbe ist. „

    und weiter:

    Diese Identitätspolitik dominiert den öffentlichen Diskurs mittlerweile fast vollständig. In der Zeitung kann man lesen, dass in Österreich 700.000 Muslime leben. Vermutlich finden sich unter diesen „Muslimen“ etliche Atheisten, Agnostiker und Menschen, die nur die wichtigen Feiertage im Kreise der Familie feiern und ansonsten Gott einen lieben Mann sein lassen.

    Das stimmt doch, oder etwa nicht? Vor 9/11 waren das alles noch „Türken/Araber“, „Ausländer“, „Migranten“ – aber seitdem werden sie religiös gelabelt.
    Wirklich „homogene Gruppen“ gibt es meiner Ansicht nach gar nicht.
    Meine persönliche Betroffenheit vom Thema „Identitätspolitik“ leitet sich übrigens von einem etwas anderen Schwerpunkt her: Dass auf einmal in Teilen der Linken die IDENTITÄT wichtiger und relevanter sein soll als die EGALITÄT, die doch eigentlich das Bestreben klassischer antirassistischer Politik ist. Stichwort „Critical Whiteness“ – das treibt Blüten, man glaubt es kaum! Ich finde mich nicht damit ab, dass es wichtiger sein soll, WER etwas sagt, als WAS er/sie sagt – never!

  6. Daß Du, Claudia, Dich nicht damit abfinden willst, „dass es wichtiger sein soll, WER etwas sagt, als WAS er/sie sagt – never!“ gefällt mir gut, vielleicht gerade weil es etwas von Don Quijote hat, denn Du kämpfst damit gegen gewaltige Windmühlenflügel. Ich fürchte nämlich, daß es weniger darauf ankommt, was jemand sagt, weil alle Welt eh zu wissen glaubt, daß alles, was jemand sagt, allein davon abhängt, was er damit für sich und seine Agenda erreichen will.

    Ich sehe darin – neben einer weniger angenehmen Auswirkung der Funktion von Wahrheit als soziales Steuerungsmedium – unter anderem ein Resultat eines auf die Spitze getriebenen – um nicht zu sagen pervertierten – Modells sozialer und politischer Diskurse, in dem Sinne, daß keine Aussage mehr einer Überprüfung auf eine intersubjektive, über verschiedene Gruppen hinweg halbwegs präzise definierte Faktizität unterworfen werden kann (und darf), sondern jede Aussage nur als direkter Ausfluß eines individuellen oder Gruppen-Interesses verstanden wird, deren faktische Untermauerung – die in der Quellgruppe als wahr akzeptiert wird – bei Bedarf mit passend entgegen gesetzten – d.h. in anderen Gruppen als wahr geltenden – Fakten zu desavouieren ist.

    Wer mit Kohle, Gas und Öl sein Geld vermehren will, der leugnet natürlich den Klimawandel und sieht sich darin von Teilen der Wissenschaft bestätigt. Wer sich eine begehbare Natur wie in seinen Kindertagen wünscht, nur mit Internet und Einparkhilfe, der sieht den Wandel des Klimas dagegen überall am Werke und weiß sich von anderen Teilen der Wissenschaft bestätig.

    Wer die Bienen vor dem Aussterben retten will, glaubt den Labortests derjenigen, die Glyphosat für schädlich halten, wer die Landwirtschaft vor dem Bankrott retten will, glaubt den Test derer, die es für unbedenklich halten.

    Wer die Banken retten will, muß Stillstand als Erstarrung verdammen, wer Biotope retten will, muß Veränderung für Zerstörung ansehen.

    Und so geht es immer weiter, für jede Ansicht und jedes Interesse gibt es abnickende Experten und Institute, welche signifikante Tests beliebig in Serie liefern, und für jede noch so haarsträubende Ansicht läßt sich bestimmt irgendwo eine wissenschaftliche Schule auftreiben, die die passende Theorie samt empritischer Untermauerung bei der Hand hat.

    Solche Interessen zu haben, sie vehement zu vertreten und gegen andere Interessen durchzusetzen und dafür alle zur Verfügung stehenden Ressourcen an sozialer Macht (Geld, Einfluß, Medien, Gewalt usw.) einzusetzen (solange es im flexiblen Rahmen der vielen Rechtsräume dieses Planeten bleibt), ja das sogar zu müssen, weil nur damit Fortschritt und Wohlstand zu sichern sei, ist ein zentrales Credo des dominierenden neo- und wirtschaftsliberalen Weltbildes, welches sich auf das Konzept einer hyperstasierten Egalität der konkurrierenden Subjekte beruft und Abweichungen von dieser Gleichsetzung als jeweils empirisch zufällige Fehlentwicklungen behandelt.

    Was zeigt, daß auch dieses Konzept nicht davor schützt, auf die falsche, oder sagen wir, ganz aus Sicht der eigenen Interessen betrachtet, auf die andere Seite der Straße zu geraten, obwohl man glaubt, geradeaus gefahren zu sein.

  7. Liebe Susanne, deine Analyse trifft den Zeitgeist punktgenau – das ELEND des Zeitgeistes, genauer gesagt.
    Ich merke das in letzter Zeit verstärkt, auch grade wieder in einem Twitter-Dialog (29.7.: da meine Gesprächspartnerin ihre Tweets gelöscht hat, ist der urprüngliche Link dahin sinnlos geworden).

    Aber ich bin auch selber schuldig. Wie oft hab ich doch in der Vergangenheit ohne genauer hinzuschauen „alles gegen Gentechnik“ unterstützt! Mit dem Begriff „Monsanto“ (Kampf gegen…) hatte ich im Gartenblog die höchsten Zugriffe seit je – und da sind noch eine Menge Themen, die quasi „abgehakt“ sind, auch unter den vielen Menschen, die ich zu den Wohlmeinenden zähle. Differenziert wird gar nicht mehr – vielleicht, weil dazu gar keine Zeit mehr ist?

    Nun bin ich vor 10 Jahren zufällig Hobbygärtnerin geworden. Natürlich „naturnah“ und ganz sicher ohne Herbizide, die im Privatgartenbereich sowieso weitgehend verboten sind. Ist ja auch kein Problem, solange man sein Gemüse im Supermarkt kaufen kann.

    Es ist schon ein Unterschied, ob man von der Stadtwohnung aus darüber befindet, wie Ackerbau gefälligst zu geschehen hat – oder ob man Jahr für Jahr hautnah erlebt, wie massenhaft konkurrierende Lebewesen jedes Fitzelchen freie Erde bewachsen (Pflanzen) und sehr sehr gerne die Kulturpflanzen und Gemüse angreifen (Insekten, Pilze, Bakterien..), die ja soviel schmackhafter sind als die Wildpflanzen, die sich zu wehren wissen – durch Bitterstoffe zum Beispiel.

    Klar, so ein Gartenbeet kann ich jähten oder massiv mulchen – aber schon bei 10 Beeten ist ständiges Jähten neben einer Berufstätigkeit kaum leistbar. Für das Mulchen braucht man wiederum Material, das ja auch irgendwo herkommen muss – wir haben leider immer zuwenig,

    Kurzum: mein Verständnis für die Herbizide in der Landwirtschaft ist gewachsen (ohne dass ich sowas im Garten andenke!!!) – wobei ich den letzten Stand der Dinge über die Schädlichkeit von Glyphosat grade nicht präsent habe. Aber geschenkt: egal welche Alternativen und Nachfolger kommen werden: GIFTIG müssen sie alle sein, um das „Unkraut“ zu vernichten – ja was denn sonst? Und was so giftig ist, dass es die Wildkräuter am Wachsen hindert, das ist garantiert auch in bestimmten Mengen für Menschen nicht gesund!
    Die einzige Alternative, die völlig giftfrei funktioniert, ist nun mal mechanisch: Jähten… und WER bitte soll das machen? Und wer will bezahlen, dass es jemand macht?
    Ok, das war jetzt ein Eintauchen in dieses Einzelthema, weil es mich grade beschäftigt.
    Du schreibst:

    „Solche Interessen zu haben, sie vehement zu vertreten und gegen andere Interessen durchzusetzen und dafür alle zur Verfügung stehenden Ressourcen an sozialer Macht (Geld, Einfluß, Medien, Gewalt usw.) einzusetzen (solange es im flexiblen Rahmen der vielen Rechtsräume dieses Planeten bleibt), ja das sogar zu müssen, weil nur damit Fortschritt und Wohlstand zu sichern sei, ist ein zentrales Credo des dominierenden neo- und wirtschaftsliberalen Weltbildes, welches sich auf das Konzept einer hyperstasierten Egalität der konkurrierenden Subjekte beruft und Abweichungen von dieser Gleichsetzung als jeweils empirisch zufällige Fehlentwicklungen behandelt.“

    Was meinst du mit dem letzten Teil? „Hyperstasierte Egalität“ ? Die glauben doch nicht alle wirklich daran, dass alle „Akteure“ gleich seien.

  8. Nein, sicherlich glaubt dort niemand, die Akteure der Konkurrenz seien alle ‚gleich‘. Konkurrenz als Erklärungsmodell für einen dynamischen Prozess wie ‚Markt‘, das auf Gleichgewichtsvorstellungen (Angebot/Nachfrage, Grenznutzenbetrachtungen, Optimierungsstrategien von Spielern in spieltheoretischen Modellen usw.) beruht, geht jedoch zumeist (weil das methodisch einfacher oder sogar zwingend ist) idealtypisch von der Abwesenheit einer prinzipiellen Ungleichheit aus (das meinte ich mit hypostasierter Egalität, eine gedankliche Vorstellung, der aus Gründen des Denkens, etwa der Zweckmäßigkeit oder wegen anderer, immanenter Notwendigkeiten eine ‚Realität‘ zugesprochen wird), um erst danach die empirisch vorfindlichen Ungleichheiten jeweils durch dem reinen Modell hinzugefügte Modifikationen oder ihm äußerliche Effekte (z.Bsp. Einschränkungen des freien Wettbewerbs durch eine staatliche Regulierung, historisch einmalige Rahmenbedingungen, Naturkatastrophen usw.) zu erklären.

    Noch eine Bemerkung zu den ‚homogenen Gruppen‘ und Deinem Zweifel daran, daß es sie ‚wirklich‘ nicht oder kaum gibt.

    Die hier einschlägige Homogenität ist m.E. nach keine Frage eines Grades an Übereinstimmung der Mitglieder, sondern eher eine ihrer individuellen Bereitschaft und Sehnsucht nach Identifikation mit etwas Abstraktem, der Einzelperson Übergeordneten. Ich denke, es gibt daher sehr viele solcher Gruppen, die auf eine spezifische Weise erstaunliche homogen sind. Ja, es gibt vor allem, glaube ich, eine weit heftige Sehnsucht danach, als jemand wie ich, die eine kritische Distanz zu und persönliche Unabhängigkeit von Gruppen gleich welcher Couleur schätzt sowie Individualität und Eigenständigkeit als positive Werte ansieht, sich auf den ersten Blick vorstellen mag.

    So erklärt sich z.Bsp. für mich der rasante Erfolg sozialer Netzwerke im Internet unter anderem auch daraus, daß sie eine unmittelbar erfahrbare Gleichförmigkeit (Ähnlichkeit) im Denken, Meinen und Fühlen anbieten, zusammen mit einer sofort emotional verwendbaren Bestätigung innerhalb einer Gruppe, die beide so gut wie unzerstörbar und kaum rational kritisierbar sind. Diese zunächst rein virtuell, dann aber, weil reale Handlungen und Empfindungen in großem Maße formierende und damit anleitende Zugehörigkeit zu einer als homogen vorgestellten Gruppe ist in der sozialen Realität vieler, die sich auf diesem Spielfeld tummeln, nur erheblich mühsamer, deutlich langsamer und vor allem weniger direkt erfahrbar zu erlangen und obendrein mit weitaus mehr persönlichen Risiken wie einem Scheitern oder der Erfahrung von Ablehnung und Widerspruch behaftet.

    Die Homogenität dieser virtuellen Gruppen ist dabei weniger eine Frage einer großen persönlichen Kongruenz ihrer Mitglieder, diese können durchaus sehr verschieden denken und handeln, ja dieses tolerante Offenheit und lässige Buntheit ist selbst ein Faktor ihrer Anziehung. Viel wichtiger sind ein gemeinsames Narrativ (politisch, sozial, ästhetisch, modisch, sexuell oder wie auch immer), ein leicht zu teilendes und zu formulierendes Ziel (was Rassismus oder Patriotismus gut liefern), ein allgemein bewundertes Symbol (celebrities, Musik, Sport) und vor allem – ein gehasster Feind! Und das Erleben dieser ein individuelles Leiden gut lindernden und eine mangelnde, aber herbei gesehnte Stärke so leicht induzierenden Gemeinsamkeit muß nicht permanent erfolgen, es kann durchaus fallweise, zu bestimmten Ereignissen (Wettkämpfe, Konzerte, Demos usw.) oder durch einen speziellen trigger (etwa ein Verbrechen, ein Anschlag oder eine medial kolportierte Ungerechtigkeit) ausgelöst auftreten, was zu kurzfristiger, virtueller Aufregung führt, die sich unter # immer wieder findet.

  9. https://www.youtube.com/watch?v=77_SWRJeHaU

    ein beitrag von Bodo über die Verhältnismaessigkeit
    dieser gesamten ignoranten sogenannten Debatte
    eines unserer Werte-selbstverständisse.

    sehts euch mal an, einfach nur wertungsfrei ansehen
    und lasst euch mal die Primitivität der nackten Wahrheit
    wenns ans sterben geht durch den Kopf gehen.

    selbstverständlich neigt das geneigte zivilisierte Pupslikum
    immer dazu, die eigene heimat im vertrauten tellerrand zu finden, aber das hier ist dem gegenüber eine nachricht aus nirwana
    oder noch weiterweg.

    ich frage mich, wann ich das letzte mal eine ernsthafte fundierte politische Richtungsdisskusion aufgetischt bekommen habe, von welcher partei auch immer.

    mir fällt nicht eine ein, die es geschafft hat mir im langzeitgedächtnis ein paar bitspuren eingebrannt hätte.

    die zeit der aufklärung ist vorbei, wir sind in die Steinzeit
    zu faustkeil und knüppeln zurueckgekehrt.

    remstalgruss
    ingo

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