Claudia am 04. Juli 2017 — 11 Kommentare

Was geht ab? Keine Ahnung!

„Was hat sich geändert? Nach aussen ist das natürlich nicht sichtbar“, schrieb mir Gerhard in den Kommentaren zum letzten Text. Das Blöde ist: auch „von innen“ ist es derzeit für mich nicht erkennbar. Ich merke nur, dass die Routinen nicht mehr so leicht fallen, dass ich meine To-Dos regelrecht bestreike und mich zusammen reissen muss, um „nach außen“ den ganz normalen Eindruck zu machen.

Dabei bin ich weder krank noch depressiv und hab‘ auch keine Probleme mit meinen Nächsten. Finanziell ist alles im grünen Bereich, allenfalls merke ich, dass ich derzeit lieber weniger verdiene, mehr aufschiebe bzw. gar nicht erst annehme, um… tja, wenn ich wenigstens dazu etwas sagen könnte! Ich trödle einfach mehr herum, räume lieber ein bisschen auf, spüle Geschirr oder koche mir was, anstatt am PC sitzen zu bleiben. Ebenso „versurfe“ ich die Zeit einfach so – oder ich wechsle zum TV, obwohl meine innere Kritikerin davon heftig abrät.

Im Garten ist nach wie vor alles wunderbar. Dort stellen sich keine Sinnfragen, es geht nicht ums Geld verdienen, nicht um Sicherheit oder gesellschaftliches Engagement, nicht mal um Vergnügen, Unterhaltung oder Zerstreuung. „Ohne Denken“ kann ich mich vom Garten leiten lassen, der mir Arbeit gibt und Aufgaben zuteilt, die ich widerstandslos angehe. Selbst wenn ich mit meinem Liebsten die 800m² erstmal nur durchwandern will, um den Stand der Dinge zu besichtigen, ist das kaum durchzuhalten: Wir neigen beide dazu, ganz plötzlich ins Arbeiten überzugehen: hier was mulchen, da was beschneiden, dort eine Tomate anbinden, Not-Gießen… Es ist ein interaktives In-der-Welt-Sein, die Pflanzen scheinen mir zuzurufen: Los, mach mal eben! Auf eine Art, die kein großartiges drüber Nachdenken anstößt, sondern mich direkt ins Handeln übergehen lässt. Ich muss regelrecht stoppen: Hey, wir wollten doch erstmal nur rumspazieren! Oder ich halte kurz inne, weil mich zu viele Rufe gleichzeitig erreichen und ich zumindest beschließen muss, womit ich anfange.

Tun und Sein-lassen

So ist es im Garten, dort hab‘ ich kein Problem mit dem Tun, Was-Tun, Wann-Tun, Nicht-Tun und Sein-lassen. Wohl aber zuhause in meinem Wohn-Arbeitszimmer, in meiner seit mittlerweile über 20 Jahre gewohnten „selbst bestimmten“ Freiberufler-Situation, die mir gestattet, meine Brotarbeit, eigene Projekte und diverse Engagements übers Netz abzuwickeln. Ganz so einsiedlerisch ist das nicht: ich sehe regelmäßig meinen Liebsten und meine nächsten Freunde, ab und an gibts mal ein Treffen im Übersetzungsprojekt, bin jedoch nicht gezwungen, mich unters Volk zu mischen, mit Arbeitskollegen zu plaudern, auf Festen Smalltalk zu pflegen und ich vermisse das auch nicht. Wenn ich „was Besonderes“ erleben will, muss ich es anregen, aussuchen, aufsuchen, veranstalten – mach‘ ich auch ab und zu, aber vermutlich zu selten.

Ein lieber Freund hat mir kürzlich ein verlängertes Urlaubswochenende in St.Peter-Ording geschenkt, wo er mich in sein gemietetes Ferienhaus eingeladen hat. Damit ich mal zur Ruhe komme… Ich durfte nicht mal Geschirr spülen! :-) Und ja, es war wundervoll. Ich wollte immer schon mal die Nordsee kennen lernen, Ebbe und Flut, das Watt. Stundenlang darin herum wandern, endlose Weiten, Sand, Wasser, Horizont – das war wirklich toll!

Watt Nordsee

Auch da kommt eine Selbstvergessenheit auf, ähnlich wie im Garten, aber ohne dass etwas „nach mir ruft“. Vier knappe Tage waren dennoch zu wenig, um bis zur Langeweile bzw. zur „langen Weile“ zu kommen, in der sich dann etwas heraus kristallisiert. Eine Idee, eine Erkenntnis, ein heftiger Wunsch, was auch immer.

Am ersten normalen Tag nach diesem Kurzurlaub merkte ich, wie sehr mir die Zentrierung im physischen Leben gefallen hat, was für eine tief gehende Umstimmung meines Lebensgefühls im Augenblick da stattgefunden hat – und grade dabei war, schnell wieder zu verschwinden. Trotzdem bekomme ich deshalb nicht etwa Lust, wieder aufs Land zu ziehen (been there, done that!). Eine längere Auszeit wär’s vielleicht, aber die kann ich mir nicht leisten.

Das hier ist jetzt aber keine Klage, sondern „nur“ die Suche nach einer Antwort auf Gerhards Frage, die auch meine Frage ist. Was hat sich verändert, dass das Leben nicht mehr wie gewohnt flutscht? Was gibt mir überhaupt das Gefühl, dass es nicht mehr „flutscht“, jedenfalls nicht mehr „wie gewohnt“? Immer öfter beobachte ich mich dabei, wie ich mich verweigere. Ich ignoriere Texte, die mich eigentlich interessieren, wende mich immer häufiger ab von der Möglichkeit, mental und emotional auf dies und das oder jenes einzusteigen. Dabei ist’s sogar egal, ob positive oder negative Verstrickungen locken. Wie seltsam! Zu fast allem, was da so an Impulsen ‚rein kommt, tritt ein spontanes Gefühl von „been there, done that“ auf. Mich NOCHMAL über Trump aufregen? Über die SPD? Die neuesten verfassungs- oder europarechtswidrigen Gesetzgebungen? Den schnell wachsenden Überwachungsstaat? All die anderen Mega-Themen unserer Zeit, die ich – normalerweise – interessiert verfolge und kommentiere…- ja wozu eigentlich?

Wieder einmal beneide ich die Menschen, die ab der Kindheit oder spätestens ab der Pubertät ihr persönliches Thema gefunden habe. Lebenslang begeisterter Käferforscher oder Cello-Spielerin sein, die Faszination zum Beruf machen und darin aufgehen – das muss toll sein! :-)

Strand, Watt,

Ich weiß nicht, was sich gerade verändert. Es schreibend zu thematisieren regt dennoch das Hirn an, zu spekulieren. Der Verstand ist immer zu Diensten und gibt (fast) niemals zu, nichts zu wissen. Wenigstens will er benennen, was los ist, ob’s dann so stimmt, wird sich zeigen.

Dem gehe ich jetzt aber mal nicht auf den Leim, der Text ist schon lange genug.

 

Diskussion

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11 Kommentare zu „Was geht ab? Keine Ahnung!“.

  1. Sooo lang war der Text nun auch wieder nicht!
    Da kenne ich längere und „bemühtere“ Texte von Dir aus der Vergangenheit.

    Für mich klingt das Vorgebrachte sehr stimmig und rund. Mach weiter so in Deiner neuen Art zu leben. Schmerzlich ist es ja wohl nicht, sich neu zu verorten?!

    Dein Garten-Engagement finde ich klasse.

    Einen längeren Urlaub wünsche ich Dir auch!! Der kann noch viel mehr bewegen. Plane doch so etwas ein. Das sollte gehen.

  2. Ich vermisse den Austausch mit Dir, aber das soll Dich nicht daran hindern, Dein Ding zu machen.

  3. @Gerhard: schlag halt mal ein Wunschthema vor! :-) Versprechen kann ich nichts, aber zu diesem Text hast ja auch DU mich inspiriert.
    „Bemühter…“ – meinst du, ich hätte mich hier jetzt mehr „bemühen“ müssen? Ich fand es gar nicht leicht, überhaupt etwas Greifbares hinzuschreiben…

  4. P.S. Ich weiß ja grade nicht, was „mein Ding“ ist…

  5. Dein Suchtext gefällt mir!
    Für die Käfersammlerin in Dir: hier liegen einige Junikäfer sterbend herum. Vielleicht einfach, weil jetzt Juli ist.
    Gruß von Sonja

  6. Ein intensiver Text, Claudia. Mir geht es ganz ähnlich wie dir, und auch ich finde noch nicht den Faden, der zu einer Antwort führt.

    Allerdings meine ich deutlich zu spüren, dass mir mit dem Ausstieg aus dem intensiven Arbeitsleben die vielen zwischenmenschlichen Beziehungen fehlen, die zwangsläufig da waren. Egal,- auch wenn sie nicht immer erquickend waren. Da war das Lesen und Schreiben im Netz noch ein stiller Ausgleich zum turbulenten Arbeitsleben, das permanent Entscheidungen fordert. Es war wie eine Balance.

    Den fehlenden geistigen Input aus dem Arbeitsleben kann mir das Netz nicht ersetzen. Dieser ist mir zu still, zu flach und berührt nur selten. Zudem, wie Gerhard schon oft bemerkte, mit zu vielen Missverständnissfallen gespickt, die oft in mühevolle und doch nicht zum Ziel führenden Hin- und Herschreiben aus der Welt geschafft werden wollen.

    Körper, Geist und Seele, – fährt auf ein niedrigeres Level herunter. Nicht immer will ich das wahr haben und versuche mich zu wehren. Aber dann frage ich mich auch, soll ich das? Soll ich mich den natürlichen Prozessen entgegenstellen?

    However, …
    dein Text war ein guter Input. Fragen, die selbst wieder Fragen aufwerfen, ziehen ihre Kreise. In diesem Metier fühle ich mich wohl.

    Danke.

  7. Hallo Claudia,
    es ist erstaunlich, dass dieses Thema/ Gefühl zur Zeit nicht nur mich sondern auch viele Menschen um mich herum befällt/ beschäftigt.
    Bei mir konnte ich es die ganze Zeit noch irgendwie nachvollzuehen, da ich letzten Spätsommer nach 1 1/ 2 Jahren mehr oder weniger deutlichem Mobbing durch den neuen Geschäftsführer und einer privaten Stresssituation so ausgebrannt war, dass ich gekündigt habe und seit dem krankgeschrieben bin.
    Nun suche auch ich neue Strukturen für mich.
    Auch ich schaffe es nicht meine Blogs wieder zu aktivieren- ich habe zwar psychol. Unterstützung aber die Schritte sind winzig.

    Aber das erstaunliche ist, dass es vielen Menschen um mich herum genauso geht. Alle sind im Alter Ende 50 – bis Mitte 70! Auch ihnen geht es so wie du und Menachem das beschreiben.
    Hat es also vielleicht mit einem Übergang zu tun- einem Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, auf den wir uns vielleicht erst einlassen müssen und evtl. auch ein paar Dinge bei/ an uns akzeptieren müssen, z.B. dass nicht mehr alles so schnell von der Hand geht, dass man mehr Pausen braucht, dass sich die Prioritäten ändern?
    Gerade vor 1Stunde habe ich mit einer Freundin zusammen gesessen und genau darüber gesprochen.

    Das ist wirklich ein spannendes Thema und es beruhigt irgendwie zu wissen, dass man da nicht alleine ist.
    Also ich werde mir ganz fest vornehmen wieder das Schreiben und bloggen aufzunehmen.

    Danke für diesen Denkanstoß.
    Liebe Grüße
    Angelika

  8. @Claudia: Mit „bemüht“ meinte ich schlicht: Umfangreich, alles bedenkend. Ein Dossier fast. Du hattest früher so etwas zustandegebracht ( oftmit einem Link-Wald im Schlepptau)!
    Wobei ich hier über „Umfang“ nicht werten will – aber das war schon „Energie pur“ von Deiner Seite!. Da hatte ich immer gestaunt.
    Hoffe, das war jetzt wieder nicht mißverständlich. Menachem hatte ja diese dräuende Gefahr ja noch einmal angemerkt.

  9. Du hast gewisse Befindlichkeiten so zur Sprache gebracht, dass ich mich zu grossen Teilen darin wiedererkenne. Danke!

  10. Wir haben etwas Zeit, den Umbruch zu bemerken. Jüngere müssen heutzutage noch mehr jagen als wir. Das finde ich ungerecht. Auch wenn unsere Eltern genausowenig oder noch weniger Zeit hierzu hatten. Die Schnellschlüsse aus Politik Presse und Freundeskreis kann ich nun in Ruhe sezieren. Viele Bücher lesen, die sich mit den Ungleichgewichten der Welt beschäftigen (niemand hat je gesagt, dass Gleichgewicht ein anstrebenswertes Ziel sei, außer Ökonomen und dem Sensenmann.) Also bleibe ich weiter im Hintergrund, zeige den Mächtigen,wenn sie unaufmerksam sind, den Sand, den sie mir in die Augen gestreut haben, wie er in ihrem Getriebe knirscht. Ein schönes Geräusch. Sie werden es nicht lieben: Ein Ergebnis der Chaosforschung war: Im Chaos liegt die höchste Ordnung. Das tröstet mich über die Lokalität (im kleinen Umkreis) von Gerechtigkeit, Wahrheit, Wirklichkeit, Realität und ähnlichen Anmaßungen der sogenannten Erkenntnis. Gruß von den Fackeln derselben, den kölner Lichtern, die gerade anfangen.

  11. finde mich in den bildern wieder,
    wunder-volle landschaften, leere soweit das auge reicht,
    ein ungetrübter horizont,
    alles offen, keine grenzen.
    off limits.

    die faulenzenden kühe könnten ebensowohl in schottland wie auch hier im remstal auf der Wiese fläzen, kein gedanke an weltpolitische kalamitäten.

    dabei fällt mir ein:
    es gibt eine Suchmaschine die „man“ kennen sollte:
    https://duckduckgo.com/

    irgendwie sind mir die grenzen von goooooooogle zu eng geworden, die wissen einfach zuviel:)

    selbst verständlich könnte duck duck ein ableger von gopooooogle sein, aber immerhin wird man dort von personenbezogener werbung -noch- verschont und die illusion eines free lunch for all internet bleibt noch für eine zeitlang aufrechterhalten-

    -chaos:
    ich bin prinzipiell unordentlich
    aber ich verwalte mein chaos
    und bilde mir ein es zu beherrschen:)

    gruss ausm remstal
    ingo

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