Claudia am 06. Mai 2017 — 3 Kommentare

Keine Sprache hat mehr als Worte

…doch Daliah Lavi schenkte den Worten ihre grandiose Stimme, eine Stimme „wie Sandelholz und Patchuli“.

Sie begleitete meine jungen Jahre in den 70gern, ohne dass ich das bewusst gewollt hätte. In meiner Peergroup hörte man englischsprachigen Rock, allenfalls noch deutsche Liedermacher und Protestsongs, aber keine „Schlager“. Dalia Lavi gehörte für uns zum „Schlager“, ein äußerst kritikwürdiges Urteil angesichts ihres Gesamtwerks. Umso mehr wundere ich mich, dass mir ihre damaligen Hits wortgetreu durch den Kopf gehen. Man konnte sich diesen Liedern eben nicht entziehen, sie blieben im Gedächtnis und „Willst du mit mir gehen“ wird mir gerade zum „Ohrwurm in Memoriam“, seit gestern ihr Tod mit 74 gemeldet wurde.

Dass sie Israelin war, war für uns kein Thema, genauso wenig wie bei Esther und Abi Ofarim. Dabei spielte ihre Herkunft für sie eine große Rolle, das zeigen verschiedene Lieder, die alle an mir vorbei gegangen sind. Heute hab‘ ich auf Youtube ihr erstaunlich vielfältiges Werk gesichtet und schäme mich rückwirkend ein wenig für meine jugendliche Ignoranz. Deshalb soll hier ein Lied stehen, das ihr sehr wichtig war: Jerusalem.

Und das ist die hebräische Version – was für eine beeindruckende Sprache das doch ist!

Sie war auch eine wunderbare Interpretin internationaler Hits, wie mir bei Gelegenheit dieser Review bewusst wird. Wer mag, kann hier noch weiter hören:

Gefallen hat mir auch Lieben sie Partys?, in dem sie so herrlich über klassische Parties lästert!

Nun ist für Daliah Lavi der Vorhang gefallen. Eine große Sängerin ist gegangen, doch hat sie eine Spur in den Sand geschrieben, die nicht so schnell verwehen wird!

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
3 Kommentare zu „Keine Sprache hat mehr als Worte“.

  1. Ja, sie hatte eine ganz besondere Ausstrahlung. Auch und gerade als ältere Frau.
    Mir fällt es immer schwer, Schlagermusik ernst zu nehmen, aber man muss es wohl mit einer Aussage halten, die ich mal aufgeschnappt habe: „Form and Sight“ müsse populäre Musik haben ,dann ist sie gut.

  2. Ich denke, es gibt Unterschiede im Niveau, die ich früher nicht gesehen – oft auch nur nicht zugegeben – habe. Dass etwas sehr emotional rüber kommt, bringt mir auch heute noch einen gewissen Ablehnungsstress, vor allem dann, wenn es deutschsprachig daher kommt. Englisch macht mir „Gefühlskitsch“ nix aus, da kann ich locker mitgehen…
    Was denkst du? Ist das ein Symthom der Bürde, die wir als Nachkommen der unsäglichen Megaverbrecher halt zu tragen haben?

  3. Einen englischen Liedtext mit lapidarem Text kann ich auch nicht ab, aber in der Regel nimmt man ihn als Deutschsprachiger nur peripher wahr.
    Für einen Native-Speaker dürfte das ungleich schwieriger sein. Ein Amerikaner sagte mir einst, daß er Stücke ohne Gesang bevorzüge.
    Ich kenne Stücke, die einfach sind, betont einfach, wie Lechtenbrinks „Ich mag…“, die mir sehr zusagen! Das ist eben die Kunst: Schlicht zu sein ohne zu einfach zu werden.
    „Dass etwas sehr emotional rüber kommt“
    Mein Vater war sehr berührt von Pusztaklängen und Zigeuermusik. Mir selbst hat auch jahrelang gerade berührende Musik sehr gefallen. Da wären einige Songwriter und Songwriterinnen zu nennen.
    Seit gut 5 Jahren bin ich aber weiter gewandert zu elektronischer Musik und hier experimentellem Charakter. Berührt werden ist mir nicht mehr wichtig, sondern ich will die Möglichkeiten, was alles Musik sein kann, ausloten. Da gibt es unendlich viel zu entdecken: Gestern noch Kara-Lis Coverdale und Tim Hecker aus Montreal, dann heute M. Comes aus den Niederlanden und so weiter und so fort.
    Das heißt nicht, daß ich nicht mehr „Antony and the Johnsons auflegen mag – es fehlt schlicht die Zeit. Auf ein Konzert allerdings „aus dem berührenden Genre“ würde ich aber allezeit gehen. Da zählt das Live-Erlebnis und das ist viel wert.

Was sagst Du dazu?

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht