Claudia am 16. April 2017 — 7 Kommentare

Ostern – braucht es die Auferstehung?

Niemand schreibt über Ostern. So jedenfalls mein Eindruck beim Blick auf die vielen Quellen und Agreggatoren, die ich zum Einstieg in den Tag kurz scanne. Niemand außer Christian Stöcker, der in einer SPIEGEL-Kolumne der „Wahrheit über den Osterhasen“ nachspürt. Ergebnis: Nichts Genaues weiß man nicht! Er schließ seine Betrachtungen mit einer eigenen These zum weltweiten Erfolg des Hasen, der die Ostereier bringt:

„Woher die Geschichte vom Osterhasen wirklich kommt, kann ich nicht abschließend klären, siehe oben. Warum er aber so populär ist, rund um die Welt, bis nach Indonesien und auf die Philippinen, dafür habe ich eine einfache Erklärung, auch ohne jede Empirie: Wenn sie als Elternteil vor der Wahl stehen, ihren Kindern Geschichten über ein lustiges Häschen zu erzählen, das einmal im Jahr Eier und Schokolade zwischen den Blumen versteckt, oder aber über einen jungen Mann, der mit expliziter Billigung seines eigenen Vaters zu Tode gefoltert wurde, um irgendein höheres Prinzip zu illustrieren – dann fällt die Entscheidung nicht allzu schwer.“

Klingt plausibel, ja. Ist aber auch ein Schlag ins Gesicht gläubiger Christen, die Ostern als ihren höchsten Feiertag ansehen: Es geht doch um die Auferstehung, nicht um den Kreuzestod, würden sie einwenden, sofern sie mit dem schnoddrigen Kolumnisten diskutieren wollten.

Wer wissen will, wieviele eigentlich noch an diese wundersame Auferstehung glauben, wird von Google mit Suchvorschlägen unterstützt:

Google Suchvorschläge, letzter Satz: Wer an die Auferstehung glaubt, kann nicht verzweifeln

Der letzte Vorschlag verweist auf den psychisch wirksamen Sinn des Glaubens als Trostsystem: Dass der Tod nicht das letzte Wort sein soll, dass wir „auferstehen“, weil Jesus uns das vorgemacht und versprochen hat – wer daran wirklich glauben kann, muss angesichts des sicheren Endes eines jeden Lebens nicht verzweifeln. Es kommt ja noch etwas nach, „bei guter Führung“ sogar ein Aufenthalt im Himmel!

Aber halt: Nur „bei guter Führung“? Rund um Ostern wird doch auch verkündet, durch den Kreuzestod hätte Jesus alle Schuld der Menschen auf sich genommen und gesühnt. Kommen also alle in den Himmel, Sünder oder nicht? Und wenn ja, gilt das nur für Christen? „Niemand kommt zum Vater außer durch mich!“ hat Jesus verkündet. Ein Satz, der viele Jahrhunderte als Ermächtigung galt, Menschen anderen Glaubens zu verurteilen und zu verfolgen. Ein Satz, der immerhin heutzutage neu interpretiert wird, um der Verlegenheit, die er in einer multireligiösen Welt schafft, gerecht zu werden.

Ein gutes Drittel glaubt an die Auferstehung

Ich schweife ab! Meine Frage, wieviele heute an die Auferstehung glauben, hat BILD am Karfreitag beantwortet. Nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA glaubt jeder dritte Deutsche (35,3 Prozent), dass Jesus am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden ist. Drei von zehn (29,1 Prozent) lehnen diese Aussage ab, der Rest macht keine Angaben. Bei den Katholiken sind es 52,5 Prozent, bei den landeskirchlichen Evangelen 48%, bei den Freikirchen glauben es sechs von zehn Befragten.

Soviel Unglaube in der Christenheit wundert mich: Streng genommen sind doch alle, die nicht an die Auferstehung glauben, keine Christen. Vorhin hab‘ ich mal ein paar Minuten einer Predigt zugehört, kurz verweilend bei einer im TV übertragenen Messe aus dem Kölner Dom:

„Ohne die Auferstehung könnten wir doch einpacken! Der christliche Glaube wäre hohl und leer!“

verkündete der Pfarrer. Was all jene, die nicht daran glauben, sich aber dennoch als Christen verstehen, wohl bei solchen Worten denken und fühlen? Alles, was sie sonst noch aus den Jesus-Geschichten schöpfen, alle Ethik, alles Streben nach einem „sündenarmen“ Leben für die Katz?

Braucht es die Auferstehung, um nicht zu verzweifeln?

Eigentlich könnte man neidisch sein auf jene, die es schaffen, in einer wissenschaftlich dominierten Welt an die Auferstehung zu glauben! Wie aber geht es dem großen Rest, zum dem ich auch gehöre, die derlei beim besten Willen nicht glauben können? Für die der Tod das Ende ist und nichts sonst?

Einen Grund zu verzweifeln bedeutet das nur, wenn und solange man die eigene Existenz als obersten Wert ansieht: ICH, ICH, ICH will ewig leben, oder wenigstens immer wieder leben, wenn das schon nicht geht. ICH bin das Maß aller Dinge, ohne mich ist alles nichts!

Was so fühlt und denkt ist der Überlebenstrieb, der allen lebenden Wesen eigen ist – reine Natur. Als Menschen unterliegen wir fraglos auch dieser Natur, müssen uns also nicht schämen, so zu fühlen. Und doch: wir sind auch in der Lage zu reflektieren, zu abstrahieren, von uns abzusehen. Das Leben lässt sich auch als Entwicklung begreifen, in deren Lauf wir „sterben lernen“, allmählich in Distanz zu diesem macht- und lebensgeilen Ich gehen. Und je mehr das gelingt, desto liebenswerter werden wir, denn umso weniger reizt es uns, anderen auf die Füße zu treten, warum auch immer. Umso mehr achten und lieben wir die Menschen und Dinge um ihrer selbst willen, nicht mehr nur als Zubringer und Diener unseres höchstpersönlichen Glücks.

Das geht ganz ohne Auferstehung.

Und sonst? Es ist Frühling! Die Zeit, in der man beim Laufen über eine Wiese manchmal noch Hasen wegspringen sieht. Und auf dem Boden die Eier der Bodenbrüter findet, die früher bis zu diesem Zeitpunkt noch gesammelt werden durften. Schade, dass es immer weniger Hasen gibt, außer denen aus Schokolade.

Trotzdem: Frohe Ostern!

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Diskussion

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7 Kommentare zu „Ostern – braucht es die Auferstehung?“.

  1. Respekt, Claudia, dass dir die Tinte nie ausgeht. Sehr schön,- und darüber hinaus ein sehr lesenswerter und nachdenklich stimmender Beitrag.

    Auch dir eine frohe Ostern. Liebe Grüße, Menachem

  2. „Das Leben lässt sich auch als Entwicklung begreifen, in deren Lauf wir „sterben lernen“, allmählich in Distanz zu diesem macht- und lebensgeilen Ich gehen.“
    Soso! So läuft das also, ganz automatisch!
    Nix läuft da automatisch in diese Richtung! Und wer glaubt, das trotzdem so äussern zu können, wird das bei einer schweren Erkrankung auf den Prüfstein legen müssen.

  3. Das Leben lässt sich auch als Entwicklung begreifen, in deren Lauf wir „sterben lernen“, allmählich in Distanz zu diesem macht- und lebensgeilen Ich gehen.

    Hallo Claudia (und Gerhard),
    so verstehe ich das auch: das Leben ist ein „Stirb und werde“, sowohl das individuelle wie das das kollektive. Wer das versteht, sinkt auf eine tiefere Ebene, von der aus mehr Mitgefühl möglich ist.
    Natürlich ist nichts davon „automatisch“, aber dieses Tiefersinken scheint mir eine notwendige Bedingung für individuelles Glück und sozialen&politischen Frieden zu sein.
    Frühlingsgrüße
    Sugata

  4. Grade hab ich noch den Text vom Fingerphilosophen zu Ostern mit verlinkt. „Niemand schreibt was zu Ostern“ war insofern falsch, bzw. bezog sich nur auf den Ostersonntag!

    @Gerhard: Dass gelegentlich der Überlebenstrieb durchschlägt, hab ich extra geschrieben, um nicht die Idee aufkommen zu lassen, man könne völlig frei davon werden! Der Text diskutiert jedoch das allgemeine „Verzweifeln“ an der Endlichkeit (Altersdepression? Verbitterung? Nihilismus/Zynismus?), das Gläubigen nicht drohen soll. In extremen Leidenssituationen sind sie evtl. auch nicht besser dran: hat doch der Schrift nach nicht einmal das Bewusstsein, selbst „Sohn Gottes“ zu sein, geholfen, denn am Kreuz rief Jesus ja auch: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

    Von „automatisch“ hab ich nichts gesagt: „lässt sich begreifen…“ meint mehr eine Option. Die allerdings aus meiner Sicht durch das zunehmende Schwächeln auch unterstützt wird: Wenn man nicht in den – irgendwann sinnlosen – Widerstand gegen Unvermeidliches geht, sondern zu schätzen beginnt, was noch geht, was es noch gibt. Aus Verlusterfahrungen entsteht auch Dankbarkeit für das, was noch möglich ist, Aufmerksamkeit für das vermeintlich Selbstverständliche, das uns täglich geschenkt ist – und mehr Mitgefühl für alles, was strebt und kämpft und lebt.

    Ob man glauben kann oder nicht, scheint keine freie Entscheidung zu sein. Glaubt man aber nicht, ist diese andere Option für mich die einzige, „um nicht zu verzweifeln“.

  5. @Claudia: Danke für die ergänzenden Worte.
    „Das Leben lässt sich auch als Entwicklung begreifen, in deren Lauf wir „sterben lernen“, allmählich in Distanz zu diesem macht- und lebensgeilen Ich gehen. “
    Aber: Wie sollte man diesen Satz an sich anders lesen als ich es getan habe?
    Man müsste ihn etwas anders formulieren, um die besondere Chance zu betonen, zu solch einer Sicht zu gelangen. Das Gros der Leute wird ein Loslassen erst ganz zu letzt erleben.

  6. Wie man ihn anders (bzw. so, wie ich ihn gemeint habe) lesen kann, hab ich doch gerade beantwortet! „Lässt sich begreifen…“ ist explizit eine Möglichkeitsform. Man kann es natürlich auch lassen und das Leben z.B. als ewigen Kampf gegen das Unvermeidliche begreifen, oder gar als einen, den man vielleicht nicht selbst, aber doch als Menschheit in absehbarer Zeit durch technischen Fortschritt gewinnen wird („Tod als ein Ingenieursproblem“, Lebensverlängerung Richtung unendlich, Cyborgisierung, Kyronic etc.).

    M.E. braucht es keine „besondere“ Chance, zu einer Distanzierung vom Ich als oberstem Wert zu gelangen. Denn Erfahrungen des Scheiterns, des Verlusts, der Krankheit und Ohnmacht sind ja nicht ganz selten, bzw. „besonders“.

    Schon allein der Verlust einer jugendlichen Optik stellt heute vor die Entscheidung: kämpfe ich dagegen an, evtl. bis hin zur Schönheits-Op – oder übe ich mich in Gelassenheit und versuche, meine Identifikation mit einem faltenlosen Gesicht „loszulassen“.

  7. Bei mir war der Osterhase und hat ein schönes Geschenk gebracht. Das war wie Weihnachten 2.0

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