Claudia am 02. Dezember 2016 — 4 Kommentare

Sie hat mich NICHT gegrüßt!

Kürzlich im Treppenhaus: mir begegnet die freundliche Mieterin mit Kind (oder waren es zwei?), die in einem Stockwerk unter meinem wohnt. Erster oder zweiter Stock? Hab‘ ich jetzt nicht präsent, aber ich „kenne“ sie, denn ich nehme öfter mal Pakete für sie an.

„Frau Klinger: es tut mir wirklich leid! Ich möchte mich entschuldigen…“,

sagt sie und schaut, als hätte sie 'was Schlimmes verbrochen. Viele Fragezeichen malen sich in mein Gesicht und sie fährt fort:

„Neulich, als wir uns auf der Modersohnbrücke begegnet sind, hab' ich sie gar nicht bemerkt. Und NICHT gegrüßt! Erst als Sie vorbei waren, hab' ich sie erkannt, aber da war es schon zu spät. Tut mir echt leid…“.

„Verblüfft“ reicht eigentlich nicht, um zu beschreiben, wie ihr „Geständnis“ auf mich wirkt. Ich muss an gefühlte zehntausend Artikel denken, die den um sich greifenden Hass anprangern, die Ignoranz gegenüber den Mitmenschen, mangelnde Achtung, kein Benehmen, fehlender Anstand, und und und – und da steht nun eine zerknirschte 30plus vor mir und entschuldigt sich, weil sie mich übersehen hat!

Ich kann sie aber sogleich beruhigen:

„Kein Problem! Ich kenne das – und ich hab‘ Sie meinerseits auch nicht bemerkt, nicht mal nachträglich! Bin oft so in Gedanken versunken, wenn ich irgendwo hinlaufe, dass ich kaum registriere, was um mich herum vorgeht.“

Sie ist sichtlich erleichtert. Wir versichern uns noch gegenseitig, dass das heute „bei all dem Stress“ nichts Ungewöhnliches ist  – unschön, aber was will man machen? – und verabschieden uns dann in bestem Einvernehmen. Man sieht sich, spätestens beim nächsten Paket.

Mittlerweile frag‘ ich mich: Warum war SIE eigentlich nicht sauer, dass ICH sie nicht gegrüßt habe?

***

Ähnliches Thema, aber krasser:

Beobachtung: der hundertprozentige Flop

Diskussion

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4 Kommentare zu „Sie hat mich NICHT gegrüßt!“.

  1. Liebe Claudia, das ist eine nette Geschichte, die mich heute Früh zum Lachen brachte. Nicht über dich oder deinen Schreibstil. Nein, dies hat ganz allein mit mir und meinen Kindheitserinnerungen zu tun. Ich wurde so erzogen „ältere“ Menschen zu grüßen.
    „Wie sagt man?“ Neben Danke und Bitte hatte ich noch die Alternativen von „Guten Morgen“, „Guten Tag“ und „Guten Abend.“ Vielleicht ist die junge Mutter auch so eine „wohlerzogene“ Frau. Das könnte eine mögliche Antwort auf deine Frage sein. ;-)
    Hab ein schönes Wochenende
    Grüße Christa

  2. @Christa: danke! Da siehts du mal, die einfachsten Benimm-Regeln sind mir nicht tradiert worden… oder aber es liegt daran, dass ich mich innerlich noch nicht dran gewöhnt habe, „die Alte“ zu sein… :-)

  3. „die Alte“ zu sein“:
    Unlängst ein Kompliment bekommen, daß ich mich sehr gut für mein Alter gehalten hätte.
    Mir schmeichelte das. Doch frage ich mich auch mittlerweile, was das Kompliment wohl bedeutete. Bedeutete das, daß ich trotz des offensichtlichen Alters, ablesbar wohl im Gesicht, vielleicht körperlich beweglich wirke und auch offen für Neues, interessiert, vielseitig, lebensfroh bin, also alles Attribute, die man gemeinhin meinem Alter (62) nicht zurechnet?!
    Was genau war es ?
    Ich weiß es nicht.
    Ich vermute, ich verhalte mich nicht alterskonform. Vielleicht helfen auch ein wenig die Gene mit. Mit 42 wurde ich ja auch manchmal Anfang 30 geschätzt.
    Nehmen wir es einfach hin.

  4. Ich denke, liebe Claudia, ich hätte doch schon deutlich früher auf deinen Beitrag hier antworten sollen. Über schöne und positive Erlebnisse.
    Einerseits beklage ich mich über das digitale Gejammere, andererseits bekomme ich nicht die Kurve, positive Netzbeiträge zu kommentieren. Sorry, im Moment bin ich in vielem sehr wackelig. Tut mir leid. Doch, und das ist vielleicht das Gute an der ganzen Sache für mich, muss ich über Folgendes nachdenken:

    Wenn mir jemand ständig auf die Füße tritt und auf den Geist geht, ja, dann werde ich schon mal unwirsch. Meist, dummerweise, merke ich selbst dabei noch nicht einmal, wie verletztend ich dabei werden kann. Andererseits, wenn ich einen Beitrag wie deinen hier lese, oooohhhhh……, dass ist dann wie heiße Schokoloade. Dann lege ich mich in meinen gemütlichen Schreibtischstuhl zurück, lese den Beitrag noch einmal und denke, ach, schön. Mehr davon. Das ist Genuss, lässt Ruhe und Sanftmut in mir einziehen.

    Bedauerlichweise, im Sinne der Gleichberechtigung, erzeugen positive Beiträge, wie auch schon der auf
    https://kopfundgestalt.com/2016/11/21/begegnung-an-der-tanke/
    geringere Reaktionen. Schade.
    Agression ist laut. Genuß ist leise.

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