Claudia am 13. Oktober 2016 — 1 Kommentar

Dorothee Markert über Minderheiten, Antidiskriminierung und Stärke in der Differenz

Auf „Beziehungsweise weiterdenken“ steht ein Artikel der Differenzfeministin Dorothee Markert, der mir in vielen Punkten aus der Seele spricht. Getitelt mit Stark sein in der Differenz, statt Diskriminierung anzuprangern schreibt sie – als Frau, Lesbe, Dialektsprecherin und Linkshänderin nicht etwa „von außen“ – über verbreitete Haltungen, Meinungen und Selbstbilder in echten oder vermeintlichen Minderheiten und über die kontraproduktiven Folgen einer reinen Antidiskriminierungsperspektive. Diese bringe es nämlich mit sich, dass fortwährend für und über diese Minderheiten gesprochen und gehandelt werde, anstatt dass sich die jeweils Gemeinten selbst auf ihre Stärken besinnen, die mit einem „anders sein“ immer auch verbunden sind.

Doch Minderheit sein heißt nicht per se Opfer sein. Wenn wir ständig mit dem Aufspüren von Diskriminierung beschäftigt sind, besteht die Gefahr, dass uns der Blick auf das verloren geht, was wir selbst sind und was wir besitzen, der Blick auf unsere Stärke und unseren Reichtum. Wenn wir unsere generelle Benachteiligung glaubhaft vermitteln wollen, müssen wir uns nämlich hüten, über die positiven Seiten unserer Situation zu sprechen. Und so kommen im öffentlichen Diskurs unsere Stärken und unser Glück nicht vor….
Der Modus „Aufspüren von Diskriminierung“ nimmt zudem eine ähnliche Perspektive ein wie der Neid: Ständig müssen wir unsere Situation mit der der anderen vergleichen. Was andere haben, wird überhöht, das eigene gering geachtet. Diese Perspektive macht das Leben nicht reicher, sondern ärmer. Und wie der Neid vergiftet sie das Zusammenleben mit anderen. Da wir aus dieser Perspektive heraus dazu neigen, die Ursache all unserer Probleme im Außen, bei den anderen zu suchen, nehmen wir nicht mehr wahr, welche Veränderungsmöglichkeiten wir selbst hätten. Wir üben uns nicht mehr darin, Hindernisse zu überwinden, und erfahren nicht mehr, wie befriedigend es ist, wenn uns das gelingt.

Dorothee scheut nicht davor zurück, ein Verhalten zu kritisieren, dass die eigene (echte oder vermeintliche) Diskriminierungserfahrung zur Rechtfertigung für individuelle Fehlentwicklungen nutzt:

„Es ist eine verständliche und weit verbreitete Haltung, sich über das, was man im Leben nicht erreicht hat, mit den besonderen Umständen hinwegzutrösten, die das scheinbar verhindert haben. Das ist angenehmer, als sich einzugestehen, dass es vielleicht auch an falschen Entscheidungen, mangelndem Fleiß und fehlender Konfliktbereitschaft gelegen haben könnte. So erzählte mir neulich ein fast Achtzigjähriger, wie anders sein Leben verlaufen wäre, wenn sein gebildeter und begüterter Patenonkel nicht so früh gestorben wäre. Das pubertierende Pflegekind von Bekannten kommt bei jeder Auseinandersetzung an den Punkt, dass alles anders wäre, wenn es eine normale Familie hätte. Ein früherer Schüler von mir, der ständig den Unterricht störte und andere Kinder oft durch sein provozierendes Verhalten ärgerte, beantwortete jede Kritik mit der Unterstellung, dass er nur wegen seiner dunklen Hautfarbe abgelehnt werde. Ich selbst machte fehlende Berufsinformationen in der Schule und fehlende weibliche Berufs-Vorbilder für meine falsche Berufswahl verantwortlich. Später diente mir meine Behinderung als umgeschulte Linkshänderin zur Allzweck-Entlastung, bis ich endlich begriff, dass es einfach niemand gibt, der nicht irgendein „Päckchen“ zu tragen hat. Denn das, was uns lange als Normalität verkauft wurde, gibt es in der Realität genauso wenig wie ein reines Deutschtum, das sich unabhängig von ausländischen Einflüssen entwickelt hat.“

Wohin wir kommen, wenn der Antidiskriminierungsansatz immer mehr zum einzigen Blickwinkel wird, zeigt sie mit einem kurzen Blick über den Teich, zu dem ich aus eigener Erfahrung sagen kann: sehr weit sind wir davon nicht mehr entfernt!

Der Fokus „Diskriminierung“ wirkt sich auch auf die Mehrheitsgesellschaft negativ aus. Denn wer jederzeit damit rechnen muss, eine Klage wegen Diskriminierung an den Hals zu bekommen, wird im Umgang mit Angehörigen von Minderheiten verunsichert reagieren, wird den Kontakt mit ihnen eher vermeiden als suchen und wird sich bemühen, ja nichts falsch zu machen. Gerade las ich in einem Roman über einen amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf folgende Passage aus der Sicht eines afroamerikanischen Kampagnenmitarbeiters: „Die meisten (Weißen) tun gönnerhaft: sie würden dir um keinen Preis widersprechen, und wenn du den größten Müll redest. Es ist nahezu unmöglich, mit ihnen ein stinknormales, anständiges Gespräch zu führen. Sie sind so damit beschäftigt, auch ja nichts Verkehrtes zu sagen, so sehr um den Beweis ihrer Vorurteilslosigkeit bemüht, dass sie sich vor lauter Korrektheit kaum noch rühren können. Sie sind außerstande, einfach mit dir zu reden. […] Es ist schwer, als Schwarzer in der Politik zu sein und diese Volltrottel nicht zu verachten“ (Anonymus, Mit aller Macht, München 1996, S. 41).

Wenn Menschen sich auf die hier beschriebene Weise in ihrer freien Meinungsäußerung eingeschränkt und durch immer wieder neue Sprachregelungen, die Diskriminierung vermeiden sollen, in ihren Sprechgewohnheiten kritisiert und gegängelt fühlen, entsteht nicht nur Verunsicherung, sondern auch massiver Ärger, das Gefühl, von den Minderheiten in der eigenen Freiheit eingeschränkt und dominiert zu werden. Thilo Sarrazin, den man wohl als einen der geistigen Väter von PEGIDA und AfD bezeichnen kann, hat in seinem Buch über den „Tugendterror“ diesen Ärger zum Ausdruck gebracht und damit offensichtlich vielen Menschen aus der Seele gesprochen.

Ich gehe mal davon aus, dass mir Dorothee und die Redaktion von „Beziehungsweise weiterdenken“ nicht übel nimmt, dass ich diesen Beitrag hier im wesentlichen mit Großzitaten bestreite. Das Gesagte kann meines Erachtens gar nicht laut genug gesagt (und wiederholt) werden, doch lege ich Euch ans Herz, wirklich den ganzen Artikel zu lesen, der viele weitere spannenden Gedanken und Beispiele enthält. Insbesondere die Passagen zu Stärken und Reichtum der Minderheiten kommen hier zu kurz, ebenso viele Statements, die sonnenklar machen, dass Dorothee die Hürden und Erschwernisse nicht etwa leugnet, die vielen auch heute noch das Leben schwer machen.

Zuletzt noch ein Zitat, das mich als Schreibende sehr anspricht, denn Sternchen hinter dem Wort „Frau“ sucht man auch in diesem Weblog vergebens:

„Wenn junge Feministinnen mich tadeln, weil ich das Wort „Frau“ immer noch ohne Sternchen schreibe, und deshalb meine ganze Argumentation in Frage stellen, reagiere auch ich ärgerlich, obwohl ich ihr Anliegen, Differenz sichtbar zu machen, grundsätzlich bejahe. Mit dem Zwang zum Sternchen verbinde ich eine Schwächung meiner Aussagen über mein Frau-Sein. Ich habe das Gefühl, dass ich mich dadurch immer gleichzeitig ein bisschen zurücknehmen muss, um ja keine Person zu diskriminieren, dass ich bereit sein muss, mich schuldig zu fühlen, wenn ich dabei etwas übersehen habe. Wenn alte und junge Feministinnen sich an dieser Stelle nicht verständigen bzw. in ihrer Differenz akzeptieren können, verhindert das ebenfalls gemeinsame Stärke, die aus dem Austausch und dem Voneinander-Lernen entstehen könnte.“

Mein persönliches Fazit: Ich sollte mal mehr über Differenzfeminismus lesen! Das scheint ein Feminismus zu sein, mit dem ich mich potenziell noch identifizieren könnte, gerade als Ältere, die oft kopfschüttelnd auf das schaut, was der ThirdWave-Feminismus so alles hervor bringt. Es sind ja nicht nur die Sternchen… aber dazu ein andermal!

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Ein Kommentar zu „Dorothee Markert über Minderheiten, Antidiskriminierung und Stärke in der Differenz“.

  1. […] von Antje Schrupp Vergewaltigung und Geschlecht oder: Denk nicht an einen Elefanten! hatte ich im letzten Blogpost besprochen. Null Kommentare und extrem wenige Leser/innen halten mich nicht davon ab, das Thema […]

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