Claudia am 23. Juli 2016 — 12 Kommentare

Einen Abend lang Seelenfrieden

Vorhin – so um 11.30 Uhr – hat mich mein Liebster angerufen und u.a. „München“ erwähnt. Ich wusste von nichts, gar nichts. Denn ausnahmsweise hatte ich gestern ab dem frühen Abend keinerlei News mehr mitbekommen, kein Twitter gecheckt, keine Spätnachrichten geschaut, mit niemandem telefoniert. Dabei war ich gar nicht „offline“, sondern hab‘ mich bis in die tiefe Nacht damit beschäftigt, mögliche Wunschfahrräder zu vergleichen und eine übersichtliche Liste zu erstellen, denn mein altes Fahrrad ist mir mal wieder geklaut worden.

So hatte ich einen Abend, eine Nacht lang Seelenfrieden, anstatt den Lauf der Ereignisse zu verfolgen wie bei den schrecklichen Geschehnissen der vergangenen Wochen. Es folgt ja derzeit eins aufs andere, ich komme gefühlsmäßig nicht mehr mit: Nizza, Türkei, Würzburg und jetzt München – die „Betroffenheit“ schleift sich ab, traurig, aber wahr.

Dennoch: Liebe Münchner, wenn ich mir genau vorstelle, wie es Euch da in der Nähe des Amok-Läufers gegangen sein muss….und all die Toten und Verletzten… – furchtbar! Es macht mich im Grunde sprachlos, ich weiß nie so recht, was ich zu Menschen sagen soll, die Furchtbares erlebt haben. Nichts scheint angemessen, wirklich passend.

Deshalb schweige ich jetzt auch lieber. Erstmal.

Diskussion

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12 Kommentare zu „Einen Abend lang Seelenfrieden“.

  1. Habe deinen kurzen Beitrag gelesen. Manchmal denke ich, es übersteigt alles mein Auffassungsvermögen. Vorhin erzählte meine Tochter, die in Atlanta lebt, was Herr Trump schon ein paar Minuten nach dem Münchner „Fall“ trompetete, sich das zu Nutze machte. Man möchte nicht drüber nachdenken, die Dummheit nimmt überhand. Dass das überhaupt g e h t….!!

  2. Seelenfrieden kann man, wenn man heutzutage regelmäßig die Medien nutzt, gestrost vergessen. Für die Psychohygiene wäre es demnach geboten, sich den Luxus zu leisten, offline zu sein, Abstand zu wahren zu Fernseher, Computer, Smartphone. Wäre das überhaupt noch verantwortlich? Oder brächte man sich in den Ruch des verantwortungslosen Eskapismus, des fehlenden Engagements, zumindest der nicht erbrachten Empathie, die durch solche furchtbaren Ereignisse gefordert wird? Ein sonderlich politischer Mensch war ich nie und werde notgedrungen zu ihm gemacht, weil man nicht mehr unbeteiligt sein kann, weil, um es drastisch, aber passend auszudrücken, die Kacke am Dampfen ist, weil es einem täglich die Sprache verschlägt. Kaum erfährt man die Hintergründe zu dem gestrigen Amoklauf, der nächste Anschlag in Kabul. Die Wallung, in die man einmal geraten ist, kann nicht mehr heruntergefahren werden, die Betriebsspannung der Empörung, des Erschreckens unterliegt keinem Wechselstrom mehr, sondern Gleichstrom. Wie soll das weitergehen, wohin wird das führen?

    Liebe Claudia, sei froh, daß du mal ausgespart warst. Ich habe während der unklaren Situation einen kurzen Tagebucheintrag geschrieben, aber darauf verzichtet, meinen Senf auf Twitter beizutragen, zumal man sowieso nicht hinterherkam, der Timeline und den Nachrichtentickern zu folgen. Interessant ist, wie selbst sonst geschätzte Leute auf Twitter Sachen heraushauen, bei denen man zusammenzuckt, und man sich doch selbst die Schuld zuweisen muß hinsichtlich der eigenen Sensationsgier. Warum schaltete ich nicht aus? Weil ich mich trotz meines Unbehagens nicht entziehen konnte, weil ich erzürnt gewesen bin über sofortige Schuldzuweisungen (Merkel soll zurücktreten! / Flüchtlingsdebatte / Ausländerproblematik usw.) und gerne möglichst schnell gewußt hätte, ob Amok oder Anschlag. Wie schnell man hysterisiert wird, zeigt das Beispiel der Schülergruppe, die aus Angst eine Theateraufführung unterbrach, aber letztlich einem Gerücht aufgelegen war, das sich verselbstständigt hatte. Während selbst die öffentlich-rechtlichen Anstalten wie ZDF und ARD stundenlang sendeten, angesichts der wenigen gesicherten Fakten über Spekulationen jedoch nicht hinauskamen, handhabte mein geliebter Deutschlandfunk die Situation in gewohnter Weise: kurze Unterbrechung des Programms für eine wenige Minuten dauernde Übermittlung der Informationen, Verweis auf die nächsten Nachrichten, die dann die Fakten brachte, die in wenigen Sätzen formuliert werden konnten. Dann weiter zu den anderen wichtigen News, die durch den Amoklauf ihren Nachrichtenwert ja nicht eingebüßt haben.

  3. Ja aber, wer hindert denn einen daran, genauso wie der DLF damit umzugehen? Es scheint mir große Mode geworden zu sein, sich von der Hysterie anstecken zu lassen. Ich fand die Dauersendungen gestern nur noch lächerlich. Ist es so schwer, für sich das rechte Maß zu finden zwischen medialer Entsagung und grenzenlosem Hineinsteigern – und zwischendurch mit etwas Abstand der Versuch, die Geschehnisse einzuordnen?

  4. Danke für Eure Kommentare!

    @Sonja: zum Glück hab ich auch „danach“ Trump nicht mitbekommen, diesen Rückfall aus noch halbwegs zivilisierten Politikformen ins offen Barbarische.
    Michael Seeman schreibt Lesenswertes (u.a. auch zu Trump) darüber, was an heutigen Entwicklungen doch anders und furchtbarer ist als das, was uns an Schrecknissen etwa in den 90gern umtrieb.

    @Markus: hab deinen Eintrag gelesen (und auch die vorigen: gute Besserung!!!). Aber auch hier beschreibst du die psychische Lage inmitten so einer medialen Situation sehr treffend, die ganze Ambivalenz zwischen „mehr wissen wollen“ und „was hab ich davon?“.
    Mir hat meine eher zufällige Abwesenheit vom Geschehen deutlich gemacht, dass es keinen guten Grund gibt, während laufender Ereignisse an den Tickern zu hängen – es sei denn, man sucht definitiv die Teilhabe an krassen Erregungskurven. Vielleicht auch als Befriedigung einer Sehnsucht nach „Gemeinschaftserlebnissen“ ?

    @Brendan: ja, das ist schwer. Und umso schwerer, je mehr man sowieso ganztags vor einem netzverbundenen PC sitzt und alles „nur einen Mausklick entfernt“ ist.

    ***

    Junas Artikel über „München. Und Twitter“ beschreibt übrigens sehr gut den Ablauf solcher Ereignisse auf Twitter, inkl. Dos und Donts. Auch gleich so, dass auch Twitter-ferne Menschen es verstehen können.

  5. […] können wir uns von den Attacken auf unser seelisches Gleichgewicht kaum. Alles passiert Schlag auf […]

  6. „…denn mein altes Fahrrad ist mir mal wieder geklaut worden.“
    Entweder es war nicht sooooo alt wie du es empfunden hast, oder es wurde bewusst von einem Fan von dir ausgesucht und damit sehr bewusst geklaut! Klar auch diese Liebesbezeugung kann nerven.
    Ich denke es kann noch einen anderen Grund haben, dass du offline warst und das finde ich „für sich alleine betrachtet und in jedem Fall gut.“
    In jedem Fall, wie auch immer „enjoy life“ und ich sende gerne Relax-Grüsse

  7. Der Deutschlandfunk kann sich bei der Berichterstattung über aktuelle Themen nicht ganz dem Zwiespalt entziehen, der durch die sozialen Medien und Netzwerke entstanden ist. Ein Wettlauf soll vermieden werden. Der Sender versucht, bei aktuellen Geschehnissen sich sowohl auf gesicherte Fakten zu beschränken als auch Einordnungen vorzunehmen. Trotzdem, so gesteht gerade der in dieser Nacht diensthabender Nachrichtenredakteur, ist man durch die Schnelligkeit bei Twitter, Facebook & Co in der Bredouille und gewissermaßen im Zugzwang.

  8. Umso erfreulicher, dass er sich dennoch zurück hält. Die Berichterstattung im Ersten war grottig. Ich kann mich erinnern, früher gab es so ein Laufband unten am Bildschirm mit den wichtigsten Neuigkeiten und dem netten Hinweis: mehr dazu in einer Sondersendung um sounsoviel Uhr. Und das so alle 15 Minuten eingeblendet. Das reicht völlig aus und hätte es in diesem Falle auch getan. Fernsehen und Radio sind völlig andere Medien als Twitter und Facbook und können gar nicht mit diesen konkurrieren. Sie erfüllen ganz andere Funktionen.
    @Claudia: Du hast dich doch selbst den ganzen Abend nur einen Mausklick entfernt im Netz aufgehalten. Es ist eine Frage, ob man sich mit immer den gleichen Inhalten, Bildern und Spekulationen berieseln lassen WILL oder eben nicht. Informationen nehme ich immer gerne mit, wenn ich jedoch merke, dass da nichts Sinnvolles kommt, lasse ich es bleiben.

  9. was war, habe ich auch erst samstag mittag mitbekommen, freitag war ich mit meinem „blutsbruder“ im hinterwald auf dem 36. umsonst & draussen … wenn dort einer etwas mitbekommen hatte, hat er wohl nix gesagt. manchmal ist es einfach gut, im wald zu stehen und nicht teil einer informationshungrigen menge zu sein.

    ansonsten: wir werden uns gewöhnen müssen. für andere im irak, in syrien, in afghanistan … und und und … ist das alles längst „normalität“ geworden, seit dieser präsident gewordene idiot meinte, den nahen osten in eine demokratische zukunft führen zu müssen.

    aber es gibt niemanden, der daran etwas ändern könnte und wir sollten auch nicht unterscheiden zwischen toten in münchen und denen in den ach so weit entfernten orten: überall werden menschen getötet und jedes leben, deutsch oder nicht, ist ein unsäglicher verlust. leider sind diese anmaßenden arschlöcher, die auf diese weise ihrem frust und ihrem hass ausdruck verleihen, nicht in der lage, zu verstehen, was sie wirklich anrichten. sie denken das politisch oder eben egoistisch – statt die menschliche dimension zu verstehen, die jeder verlust bedeutet.

  10. vlt trifft das auf den Punkt: https://m.youtube.com/watch?v=KrxmDVTEuTM ;-)

  11. Welch wunderbarer Blog mit erfrischend ehrlicher Note. Ich habe mich schon seit über einem Jahr von den (GEZ) Medien und konsorten zurück gezogen. Ich glaube nur noch das was mir mein Gefühl sagt (naja eigentlich tu ich das schon immer) und es ist wahrlich entspannter. Wenn etwas geschieht bekomme ich es eh mit, aber ohne Panik macherei! Ich habe einfach kein Interesse mehr die Politikseifenoper zu gucken. Meine Gedanken sind nur bei denen die hier zur allgemeinen Belustigung ihr Leben geben mussten. Wie sagte Peter Lustig immer ‚Abschalten‘ . Schon verrückt was Technik einem für Scherereien machen kann.

    Lg von Sissi 😊

  12. Hi Sissi, danke für deinen Kommentar. Ich verstehe das Gebashe der „GEZ-Medien“ allerdings nicht wirklich, denn die Privatsender empfinde ich als sehr viel schlimmer, platter, gewaltverherrlichender, voyeuristischer, mehr den ganz niederen Instinkten verpflichtet. Und der ÖR besteht ja nicht nur aus DASERSTE und ZDF, sondern eben auch aus ARTE, Phoenix und div. Spartensendern, die oft ziemlich tolle, auch tief schürfende Sendungen bringen.
    Meine News beziehe ich allerdings erstmal aus dem Netz – und das ist schon überwältigend genug! Totale Abstinenz ist nichts für micht, dafür bin ich viel zu sehr am politischen Geschehen interessiert.

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