Claudia am 11. September 2015 — 4 Kommentare

Zur Polizei-Akte des Ex-Außenministers – aus eigenem Erleben!

Wir stöhnen über die Informationsflut, sind aber immer wieder bereitwilliges Klick-Vieh, das auf die Lockungen dieser oder jener Headline herein fällt. Ärgerlich, wenn nach der Schlagzeile nur heiße Luft, bzw. deren Wiederholung in zwei Absätzen kommt. Dieser Ärger alleine ist es jedoch nicht wert, darüber zu bloggen. Zu altbekannt, zu oft beklagt – folgenlos.

Dass ich dennoch über den FOCUS-Artikel

Politik, Ex-Außenminister:
Zollbeamte finden Polizeiakte von Joschka Fischer

schreibe, hat also einen weiteren Grund: Da geht es nicht nur um Schaumschlägerei und Klickbait, sondern auch um bewusste Skandalisierung mittels geschickter Ausnutzung verbreiteter Vorureilte, die wiederum auf Unwissenheit basieren. Es geht wirklich krass zur Sache, schon in den ersten Sätzen:

„Fotos, Daten, Fingerabdrücke: Zollbeamte haben am Frankfurter Flughafen offenbar die Polizeiakte von Ex-Außenminister Joschka Fischer gefunden. Der will sich an nichts erinnern.“

Wow, da sind tatsächlich Fotos, Daten, Fingerabdrücke drin!!! Die Akte wurde „gefunden“, das legt nahe, dass sie versteckt, gesucht, unter dem Teppich gehalten wurde. Und dann will er sich noch nicht mal dran erinnern! Das wird schon seine Gründe haben, kennen wir doch….

Hach, und es geht weiter so, in einem Ton, als stünde ein spätes, aber doch irgendwie spektakuläres Joschka-Gate zu erwarten:

„Die angeblich jahrelang verschwundene Polizeiakte von Joschka Fischer haben Zollbeamte nach Informationen der „Bild“-Zeitung am Frankfurter Flughafen in einem herrenlosen Koffer entdeckt. Darin sollen unter anderem Fotos, Daten, Fingerabdrücke sowie Personenbeschreibungen des Grünen-Politikers und einstigen Bundesaußenministers sein, der früher in Frankfurt wohnte und Mitglied der linken Szene war. Der Fund soll einige Wochen zurückliegen. Die Zeitung zitiert Frankfurts Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill mit den Worten: „Ich sehe keinen Grund, an der Echtheit dieses Dokuments zu zweifeln.“ Ein Sprecher der Frankfurter Polizei wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Beim Hauptzollamt Frankfurt war zunächst niemand erreichbar.“

Echt jetzt, in einem HERRENLOSEN KOFFER?! Das kennen wir doch gut als Terrorbomben-Format! Tja, und dann sind da wirklich „Fotos, Daten, Fingerabdrücke sowie Personenbeschreibungen“ drin – ist doch DER HAMMER! Oder nicht?

Dass der Polizeipräsident keinen Grund sieht, an der Echtheit der Akte zu zweifeln, lässt darauf schließen, dass ihm jemand genau diese Frage gestellt hat. Warum aber sollte er denn zweifeln? Dass alte Akten irgendwo versacken kommt in deutschen Behörden öfter vor als man denkt.

Versprochen, gehalten

Ihr vermisst das persönliche Erleben? Es kommt, es ist sogar der Grund, warum ich nicht anders kann, als das jetzt zu bloggen:

Nach dem Abi (1973) hatte ich dreimal einen Studie-Job beim BKA, jeweils so zwei bis drei Monate. Hat mir gut gepasst, denn diese Jobs waren gut bezahlt und versprachen, nicht allzu sehr zu nerven. Kinder von Staatsangestellten hatten gute Karten, da ran zu kommen, auch ich. Zweimal landete ich also in der „Zentralkartei“ und hatte dort eine Archivmaschine größer als ein Klavier zu bedienen, voll mit Kärtchen über Akten aus einem kleinen Buchstabenbereich („A bis Bet“ o.ä.). Alles Print! :-)

Meine Arbeit bestand darin, die Akten, die in Kopfhöhe vor mir auf der Maschine aufgetürmt wurden, auf Namen und – falls nötig – weitere Daten zu checken und in meiner Maschine nach bereits vorhandenen Akten zu suchen. Wurde ich fündig, schrieb ich die Aktennummer drauf und gab die Vorlage nach hinten weiter. Letztlich landete das in der „Aktenhaltung“, deren Mitarbeiter dann die entsprechende Akte aus hohen, staubigen Regalen holten und weiter reichten.

Ja, so war das damals in der Vor-Computer-Welt! Und klar: es war eine ziemlich langweilige Arbeit. Also versuchte man, es sich so interessant wie möglich zu machen. Nicht nur wir, die zwei Studies (ich in der Zentralkartei, ein Junge passenden Alters in der Aktenhaltung – sonst alle 50plus!), sondern auch die Kollegen, die das seit 20+ Jahren machten und bis zur Rente nichts anderes tun würden.

Die Akte vom Genscher

Ich erspare Euch die unappetitlichen Aufreger, die sich insbesondere die Altgedienten mit entsprechenden Kommentaren durchreichten. Ein vergleichsweise übliches und ethisch eher unproblematisches Beginnen war die Suche nach Promis, nach Politikern und deren Akten (nachdem man den eigenen Namen und den von Freunden gecheckt hatte und so Sachen fand wie „wurde auf dem Mittelstreifen des Kaiser-Friedrich-Rings beim Rauchen eines Joints aufgegriffen“. Nein, das war nicht ich… ).

So kam also auch eines Tages „die Akte vom Genscher“ durch. Das war Hans Dietrich Genscher, der damalige Außenminister, an den sich auch heute noch viele als einen der wenigen echten KÖPFE der FDP erinnern (der „alten“ FDP), der auch quer durch die Parteien ziemlich lange als respektabler Politiker galt. Ein „Elder Statesman“, den man aus Gründen respektierte.

Und DER hat eine POLIZEIAKTE ???

Klar, dass sich da alle neugierig drauf stürzten. Aber was war da drin? Einfach nur „Fotos, Daten, Fingerabdrücke“. Nämlich Genschers Fingerabdrücke (bzw. der Verweis auf die Fingerabdruck-Akte), das Datum von deren Aufnahme und ein Foto. Irgendwann mal beim Grenzübertritt aus oder in die DDR aufgenommen….

Nie hat irgend ein Medium einen Satz darüber verloren, dass es von Genscher eine POLIZEIAKTE gibt, sogar beim BUNDESKRIMINALAMT! Es hat sich einfach nicht angeboten, das zu skandalisieren – Genscher gehörte ja noch zu den Älteren, den „Herrschenden“, die es jedenfalls nicht nötig hatten, Militanz als Mittel zur Zielerreichung zu bedenken.

Anders Joschka Fischer. Er hat sich früh genug zu seiner Vergangenheit als „Steinewerfer auf Demos“ bekannt. Er ist dazu gestanden und hat auch gesagt, dass und warum er sich dann vom gewaltsamen Weg abgewandt hat. Sonst wäre er doch auch nicht Außenminister, sondern RAF-Mitglied geworden! Wie blöd muss man sein, um das nicht zu sehen?

Aber SEHEN, ERKENNEN, BEGREIFEN ist nun mal nicht das Interesse der meisten Medien. Sie nehmen nicht an einem Gespräch teil, sondern verkaufen Texte und Meinungen als Ware. Egal, wer zahlt….

In einer „Polizeiakte von Joschka Fischer“ wird nicht mehr, sondern eher weniger drin stehen als das, was er tatsächlich „angestellt“ und lange zugegeben hat. Vermutlich steht nicht mal das drin, was alle schon wissen und schon gar nicht irgendwas, womit man noch Entlarvungs-Lorbeeren ernten könnte. Aber macht nichts, die Bürger sind ja doof, da schreiben wir halt einfach nur hin:

„Fotos, Daten, Fingerabdrücke: Zollbeamte haben am Frankfurter Flughafen offenbar die Polizeiakte von Ex-Außenminister Joschka Fischer gefunden. Der will sich an nichts erinnern.“

Das FETZT doch! Den Inhalt denken die sich dann schon alleine zusammen!

***

Diesen Blogbeitrag widme ich Hardy, als dessen Schülerin in Sachen „Ausufern“ ich mich grade fühle… allerdings bemühe ich mich noch um eine allgemeine Kompatibilität, die ich bei ihm oft vermisse.

Diskussion

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4 Kommentare zu „Zur Polizei-Akte des Ex-Außenministers – aus eigenem Erleben!“.

  1. bin gespannt, was noch alles an Akten auftauchen wird?
    😉

    bin gespannt, was noch unternommen wird, um „Sand in die Augen zu streuen“?

    wäre es umgesetzt auf FB, könnte es nicht umgemünzt werden a la „gefällt mir“?

  2. Ehrlich gesagt verstehe ich deine Einlassung nicht. Könntest du das etwas konkreter auf das Posting beziehen?

  3. der genscher hat tatsächlich ne akte, in der es um seine mitgliedschaft bei der nsdap geht … und, ahem, wie uns malte herwig in „flakhelfer“ ziemlich intensiv erklärt, war das eine elite organisation, in die man nicht einfach mal so reinrutschte. was letztlich der grund war, daß er kein bundepräsident werden konnte. uppps.

  4. In der Akte, die ich im BKA einsehen konnte, stand nichts dergleichen.

    Mir gings hier um das aufgeregte Aufmotzen eines Ereignisses, als stünden da himmelwerweißwas für Enthüllungen zu erwarten. Es kotzt mich mittlerweile einfach nun noch an, sowas zu lesen, daher hab ich es mal mit einem eigenen Erleben konterkariert….
    Als wäre es was Bemerkenswertes, dass ein ehemaliger Polit-Sponti eine Polizeiakte hat! Stünde da was Interessantes drin, hätten sie es mit Sicherheit zitiert.

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