Claudia am 10. September 2015 — 5 Kommentare

Vom Realismus der Schlechtmenschen: ein Lebensgefühl jenseits der Hoffnung

[Dieser Text ging mir per E-Mail zu. Ich veröffentliche ihn, weil ich die Hartherzigkeit und argumentative Unbelehrbarkeit all jener gruslig finde, die auf „Gutmenschen“ schimpfen und nur das Recht des Stärkeren anerkennen]

Stellen Sie sich diese Szene vor. Eltern kennen sie vielleicht tatsächlich.

Ihr siebenjähriges Kind kommt von der Schule und berichtet verstört, wie die anderen heute in der großen Pause den Paule verkloppt haben. Was raten Sie Ihrem Kind?
Realistisch denkende Eltern werden ihrem Kind sagen müssen: Stell dich auf die Seite der Schläger. Feuere sie an. Jubele ihnen zu. Auch wenn es dir schwer fällt. Nur ein Idiot macht den Fehler, dem armen Paule beistehen zu wollen.

Wer dies verinnerlicht hat, der hat eine der wichtigsten Lektionen des Lebens begriffen und hat gute Voraussetzungen für beruflichen und privaten Erfolg. Es bedeutet, die Welt verstanden zu haben, Realist zu sein.

Realisten wissen, daß es nur das Recht des Stärkeren, die Macht des Bösen gibt. Jeder von uns hat schon einmal blauäugig gesagt: Das ist ungerecht! Das dröhnende Hohngelächter, das folgte, hallt für immer nach. Und wir machen den Fehler nicht wieder.
Es ist ein Lebensgefühl jenseits der Hoffnung, aber auf der Seite der Macht. Welch eine Erfahrung der Überlegenheit, fortan hämisch herabblicken zu können auf die Gutmenschen und Weltverbesserer, die Sozialromantiker, Umwelt- und Datenschützer, Friedens- und Menschenrechtsaktivisten, die Weicheier und Warmduscher, die Opfer.

Auf wessen Seite will ich stehen? Auf der Seite derer, die Spendengelder sammeln und Menschenketten bilden? Oder auf der Seite derer, die Milliarden investieren und auf deren Befehl die Bulldozer rollen und die Panzer?

Der Wert eines Waldes besteht aus Holz und Bauland. Wer etwas anderes in ihm sieht, wählt die Seite der Verlierer, wählt das Leid.

Ich habe vollstes Verständnis für diese Einstellung. Die Realität gibt diesen Menschen Recht – immer wieder.
Beneidenswert. Aber will ich so leben?

Diskussion

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5 Kommentare zu „Vom Realismus der Schlechtmenschen: ein Lebensgefühl jenseits der Hoffnung“.

  1. Mir scheint diese Position mindestens borderline-pathologisch.

    Ich habe mir da eine persönliche Theorie gebastelt, wieso es für die eigene Psyche zutiefst ungesund ist, eine solche Weltsicht zu pflegen. Ist sicher nicht furchtbar originell …

    Unser Bild von der Welt wird von unseren Erfahrungen mit derselben geprägt. Es gibt keine Erfahrung, die so allgegenwärtig und prägend ist, wie unser eigenes Denken und Handeln. Wenn ich so denke, wie der Einsender, erlebe ich 24-7 eine abgrundtief deprimierende, zynische Welt. Mein dementsprechendes Handeln erhöht massiv die Wahrscheinlichkeit, dementsprechende Erfahrungen zu machen. Wer so denkt, baut sich seine private Hölle.

    Wenn ich hingegen eine positive Weltsicht pflege, erfahre, erlebe ich eine positivere Welt. Die Wahrscheinlichkeit, die Erfahrung von Kooperation und Menschlichkeit zu machen erhöht sich. Auch dies ist ein sich selbst verstärkender Kreis. Enttäuschungen bleiben dabei nicht aus. Für meinen Fall halte ich eine positive Welt mit Enttäuschungen für wünschenswerter als eine zynische menschliche Wüstenei.

    Mein wichtigstes Leitbild ist Ich.

    Ich habe mich viel mit dem Rätsel der fehlenden Arschlöcher befasst. Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld kaum Arschlöcher. Wenn das auch nur marginal repräsentativ ist, wie kann eine Welt, in der die Arschlöcher klar in der Unterzahl sind, dermaßen furchtbar sein?

    Ich glaube, das liegt daran, dass unsere Gesellschaft eine furchtbare Organisation hat. Wir belohnen und verstärken antisoziales Verhalten. Und wir selektieren stark überproportional die relativ wenigen Arschlöcher für einflussreiche Positionen. Ich glaube auch, dass sich das grundsätzlich ändern lässt. Aber das führt jetzt zu weit …

    „Schlechtmenschen“, super Wort übrigens. Ich wünschte, das würde eine große Verbreitung finden.

  2. @Thorsten: danke für deinen Kommentar! Und ja, ich finde auch, dass das eine Sicht der Dinge ist, die selbst den Schwerpunkt so sehr auf das Negative legt, dass das Positive kaum mehr eine Chance hat.

    „Jeder von uns hat schon einmal blauäugig gesagt: Das ist ungerecht! Das dröhnende Hohngelächter, das folgte, hallt für immer nach. Und wir machen den Fehler nicht wieder.“

    Das stimmt z.B. nicht mit meinem Erleben überein. Oft findet das Anprangern von Ungerechtigkeiten und Missständen durchaus Zustimmung und Mitstreiter – im Kleinen wie im Großen. Derzeit zeigt sich in einer beispiellosen Welle der Hilfsbereitschaft, dass viele es „ungerecht“ finden, wenn Flüchtlinge im Meer ertrinken oder in unerträglichen Verhältnissen ausharren müssen – und sie tun etwas!
    Es gibt unzählige Beispiele für sinnvolles und auch erfolgreiches Engagement. Aber es gibt natürlich auch den im Posting beschriebenen Typus, der immer alles nieder macht und „mit den Wölfen heult“. Oft sind das Marginalisierte, die ihren Frust und ihren Hass so ausleben.

  3. Auch ich freue mich sehr über die aktuelle Welle der Sympathie für Flüchtlinge. Allerdings habe ich mich auch etwas gewundert, wie massiv und plötzlich die durch Medien wahrnehmbare Stimmung und auch die deutsche Politik auf Europa-Ebene sich bezüglich Flüchtlingen geändert hat. Ich glaube, dass ist tatsächlich hauptsächlich den Menschen zu verdanken, die Flüchtlinge öffentlichkeitswirksam begrüßen und unterstützen. Doch auch dieser Artikel (http://www.nachdenkseiten.de/?p=27429) stimmt mich diesbezüglich nachdenklich.

  4. „Auf der Seite derer, die Spendengelder sammeln und Menschenketten bilden? Oder auf der Seite derer, die Milliarden investieren und auf deren Befehl die Bulldozer rollen und die Panzer?“

    Und zwischen diesen beiden Extremen? Ist da Nichts? Ein Vakuum?

    Und – was soll jetzt mit den Schlechtmenschen geschehen? Dem Pack?

    Gehirnwäsche? Umerziehung? Separieren?

    Warum wird ein Schlechtmensch ein Schlechtmensch? Gut,- das ist eine unangenehme Frage. Etwas einfachere Frage: Kann auch ein Gutmensch ein Schlechtmensch werden? Was ist überhaupt ein Gutmensch? Was ist „Gut“? Das was ich behaupte, oder Nietzsche? Gibt es dazu eine Definition? Vom wem? Heidegger? Oder ist es nur eher ein Gefühl – Gutmensch zu sein? Warum gibt es keine Schlechtwespen und keine Gutwespen?

    Die von dir zitierte email halte ich durchaus für möglich. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Eltern in Umständen leben, die diese Strategie ihren Kindern zu vermitteln für notwendig betrachtet. Dennoch bin ich der Meinung, dass dies nur ein Randbereich ist und nur an den äußeren Enden der Gaußschen Funktion auftritt.

    Das, sorry, und deswegen kann ich mich auch darüber so ereifern, werden diese marginalen Erscheinungen immer wieder derart aufgeputscht, als würden sie die Gesamtheit darstellen. Es erscheint mir so furchtbar schwierig, oftmals sogar als unmöglich, den Debattenfokus zu erweitern. Auch – meinen eigenen, in welchem ich mir manchmal wie ein Gefangener vorkomme.

  5. @Menachem: die Email ist selbstverständlich ECHT und stammt von jemandem, der anonym bleiben will. Ich selbst hätte so ja doch nie schreiben können, da mein Erleben ein Anderes ist.

    Allerdings rege ich mich gelegentlich schon über das „Gutmenschen-Bashing“ auf – vorgetragen von Leuten, deren Haltung exakt jener entspricht, die im Text beschrieben wird: Hohnlachend, ohne jede Hoffnung, in der Regel auf der Seite der Macht.

    Im übrigen bin weder ich noch sonst jemand hier in der Situation, darüber zu befinden, was „mit solchen Menschen geschehen“ soll! Die Frage stellt sich gar nicht. Es gibt sie, sie verbreiten ihre verachtungsvollen Statements – und wenn sie dabei in den Bereich von Straftagen geraten, kann das mit rechtstaatlichen Mitteln verfolgt und geahndet werden.

    Ansonsten bleibt nur das Ignorieren, im Einzelfall widersprechen – oder das dagegen Anstinken mittels Texten wie diesem.

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