Claudia am 16. Mai 2015 — 2 Kommentare

Faule Griechen? Dann schaltet doch mal die Klima-Anlagen ab!

Kürzlich hatte ich Besuch von einer Freundin, die früher gerne in Griechenland Urlaub machte. Heute meidet sie das Land: „Ich fürchte, es ist nicht mehr ‚mein Griechenland“, sagt sie. Und meint damit ein eher gemütliches Land mit fröhlichen Menschen, die gerne gut essen, tanzen und Gott einen guten Mann sein lassen. Wo ein Handschlag genügt und 50 Seiten Kleingedrucktes ersetzt, wo die Natur den Tagesrythmus bestimmt und die mehrstündige Siesta heilig ist. Wo die Hitze einfach zu groß ist, um irgendwelche Bäume auszureissen und man gerne im Liegestuhl verweilt, umgeben vom Duft mediterraner Wildkräuter, beschallt vom hypnotischen Sound der Grillen und Zikaden. Wo zwischen Schlaf, Traum und Wachheit mythische Wesenheiten wie Gott Pan auf einmal keine bloßen Hirngespinste mehr sind, sondern Gestalt gewordene Naturkräfte, denen der Mensch mit einiger Demut begegnet.

All das hat im EU-Griechenland keinen Platz mehr, Hard Working ist angesagt, Supermärkte haben durchgängig geöffnet, Klima-Anlagen sind Standard geworden und ermöglichen das Arbeiten rund um die Uhr. Die Eingemeindung in den internationalen Wettbewerb nimmt keine Rücksicht auf ein real existierendes Klima und eine entsprechende Kultur. Griechen, Spanier und Süd-Italiener gelten in gemäßigten Breiten als faul, der Hang zum exzessiven Arbeiten, der bei uns immer mehr Menschen in den Burnout treibt, ist unhinterfragbare Normalität.

Warum eigentlich? Es war ja nicht immer schon so:

Naturvölker arbeiten nicht mehr als drei bis vier Stunden täglich und Stämme wie die Nuer halten es sogar für ein böses Omen, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu arbeiten. Noch im frühen Mittelalter und in den Hochkulturen der Antike war Arbeit im heutigen Sinne meist unbekannt oder von geringem Wert. Aristoteles war beispielsweise der Ansicht, Lohnarbeit mache das Denken unruhig und niedrig. Nietzsche konstatierte: „Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.“ (Quelle: ZEIT-Leserbeitrag)

Zweimal war ich für mehrere Wochen in Kambodscha und erlebte dort, was ein tropisches Klima bedeutet. Alle Bewegungen verlangsamen sich, man schwitzt und hört irgendwann auf, das als unangenehm zu empfinden. Der Elan, irgend etwas Anstrengendes zu beginnen, nimmt rapide ab. Dennoch hat sich auch dort das „Hard Working“ etabliert, die Büros sind teils auf extreme 18 Grad herunter gekühlt, drinnen sitzen Leute in westlichen Anzügen mit Krawatte, die draußen in der Hitze zur reinen Qual werden. Ziemlich irre, aber niemand kritisiert das.

Eigentlich soll die menschliche Gattung ja deshalb so erfolgreich sein, weil sich mensch an vielerlei Umweltsituationen anpassen kann. Ist die Klima-Anlage nun eine Anpassung oder gerade das Gegenteil? Der zusätzliche Energieverbrauch und deren CO²-Ausstoß ist immens, doch mit Klimaanlagen schafft man weltweit die physische Voraussetzung, einen ebensolchen Arbeitsstress zu etablieren, wie er hierzulande als normal und wünschenswert gilt. NGO-Mitarbeiter sitzen allüberall in ihren gekühlten Büros und wollen den jeweiligen Einwohnern effektives Arbeiten beibringen – mit mehr oder weniger Erfolg. Was wäre wohl, würden überall auf der Welt die Klima-Anlagen abgeschaltet?

Tja, das ist nur so ein Gedankenspiel am langen Wochenende. Der Irrsinn regiert, die Natur wird ignoriert, bzw. technisch passend gemacht. Dagegen ist offenbar kein Kraut gewachsen, wir werden weiter arbeiten bis zum Umfallen und den Planeten ausbeuten bis alles verbraucht ist – und dabei nicht einmal besonders glücklich sein.

Diskussion

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2 Kommentare zu „Faule Griechen? Dann schaltet doch mal die Klima-Anlagen ab!“.

  1. Wenn wir unbedingt alles haben wollen, so kostet das und der Mensch der allesw haben will, der muss arbeiten – viel arbeiten. Es wird halt niemandem etwas geschenkt. Das ist die heutige Form der Sklaverei. Erst wird dem Menschen der Honig ums Gesicht geschmiert, und mit Verträgen abhängig gemacht und dann muss bezahlt werden.

    Wer sich da rausklinkt, und bescheiden lebt, der kann auch bei uns immer noch relativ angenehm leben und wir leben ja nicht ewig – jeder so wie er/sie kann und will.
    Liebe Grüsse zentao

  2. Du sprichst mir aus der Seele.

    Ich war sehr oft in Griechenland und die Veränderungen die ich dort durch den Anschluß an die EU wahrnahm sind desaströs.

    Jetzt weiß ich wieso ich Klimaanlagen hasse. Nur damit wir robboten können sollen.

    Ich habe deinen Artikel auf facebook in meinem Profil veröfentlicht.

    Liebe Grüße
    ganga

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