Claudia am 17. Februar 2015 — 6 Kommentare

Schreibblockaden, Leuchtturmtexte, Social-Media-Kritik und die Wiedergeburt der Linkliste

Dass ich hier gut zwei Wochen nichts geschrieben habe, liegt u.a. daran, dass ich vieles über die derzeit brennenden Problemfelder lese: über ISIS, Ukraine, Griechenland, Finanzkapitalismus/Euro/Geldkrise und vieles mehr.

Will ich nun zu einem dieser Mega-Themen einen Blogbeitrag verfassen, fühle ich mich gefordert, erst jede Menge Gelesenes zu referieren, bevor ich überhaupt zu eigenen Gedanken kommen könnte. Wir leben in so unterschiedlichen Welten, dass man eine gemeinsame Basis des Meinens und Wissens gar nicht mehr voraussetzen kann.

Informative oder hinführende Texte zu verlinken, hilft nicht viel. Kaum jemand geht den Links in Blogartikeln nach, liest dort weiter (oder sichtet wenigstens die Quelle) und kehrt zurück. Klar, wer hat schon soviel Zeit? Also sind meine Diary-Artikel in der Regel so gehalten, dass man sonst nichts dazu lesen muss – bzw. das ist quasi der lange schon „eingefleischte“ Anspruch, unter dem ich schreibe. Der mich aber auch zeitweise verstummen lässt, wenn eine entsprechende Aufbereitung zu Thema X, Y oder Z einfach zuviel Arbeit machen würde, in Stunden gerechnet. (Recht viele fleissige Stunden muss ich den Gebrauchstexten widmen, mit denen ich Geld verdiene).

Teilen?

Also melde ich meinen „Lesestoff“ einfach weiter, meist auf Twitter, in der Hoffnung, so wenigstens zur Verbreitung sinnvoller Meme und Narrative beizutragen. Wobei diese Intention auf Twitter vermischt ist mit anderen Gründen, aus denen ich hier und da mal was verlautbare, Twitter eignet sich nur sehr beschränkt als „Linkliste guter Texte“, die ich festhalten und verbreiten, am liebsten auch mit Diary-Lesern diskutieren würde. Wobei „diskutieren“ ja etwas ist, das ich auf Twitter gar nicht erwarte, nicht ansatzweise.

Auf Facebook längere Texte teilen bringt nur selten überhaupt eine Reaktion. „Likes“ bedeuten mir nichts und wenn ich dort doch mal irgendwo etwas sichte, was nach „Diskussion“ und nicht nach bloßer Aneinanderreihung minimalster Stimmfühlungslaute aussiehst, ist es schwierig, das Gespräch Tage später wieder zu finden im schnell fließenden Strom der Meldungen. Alles dort ist flüchtig, zersplittert, schnell in der Vergangenheit versackt, und sowieso neigt dort niemand zu langen Kommentaren. Unter den dortigen Umständen und dem minimalen Support für Kommentare kein Wunder.

Surftipps bloggen?

Bleibt noch das kurze hinterher bloggen: Ein einzelner Medien-Tipp wie Hast du mal 80 Minuten, um die Mutter aller Krisen zu verstehen? ist gelgentlich drin, doch kann ich auch in dieser Form dem Input nicht gerecht werden, den ich gerne „kuratiert weiter reichen“ würde. Mehrere davon in einem Posting führen dann zu Blog-Formaten wie Linktipps am Sonntag, die dann aber wieder mehr „Sammelsurium“ sind, kaum stabiler als ein paar Tweets, nicht geeignet zum Festhalten, zur kontinuierlichen Meinungsbildung über längere Zeit.

CODE rules: Totale Zerstreuung vorkonfiguriert

Das, was in den Nullerjahren als Web 2.0 so irre neu und erfolgreich war, kommt mir mehr und mehr als mutwillige Zerstörung aller Sinnzusammenhänge und dauerhaften Strukturen vor. Blogs waren und sind im Unterschied zu den früheren „Homepages“ chronologisch strukturiert: Nicht mal ich selbst würde im Digital Diary nach einem THEMA suchen, zu dem ich mal was geschrieben habe. Alles verschwindet in der Vergangenheit, ist ja auch allermeist für „hier und jetzt“ geschrieben bzw. wird so rezipiert. Mehr noch gilt das für die „sozialen Medien“, die chronologisch und entlang an Personen strukturiert sind, nicht entlang an Themen wie klassische Foren (die es zum Glück für viele Bereiche noch immer gibt).

Diese neuartige Struktur großer Bereiche des Internets fand ich eigentlich immer schon nervig. Für kleine private Freundeskreise ist es ja nett, auf FB-Manier miteinander verbunden zu sein. Das aber war und ist nie mein Interesse gewesen beim „ins Web schreiben“. Ich interessiere mich vornehmlich für die Welt, möchte auf einer „Agora“ die Themen des Gemeinwohls besprechen – aber die mediale Umwelt, wie sie in sozialen Netzen gestaltet ist, macht das Verfolgen von Themen unbequem. Das Prinzip des „Folgens“ und „befreundens“ ist ausgesprochen hinderlich dafür, denn wenn ich einer Person wegen ihrer Befassung mit Thema A folge, das ich interessant finde, bekomme ich gleich auch deren Themen B, C, D bis Z mit – jede weitere Person ein weiteres Info-Gewitter, von dem ich doch eigentlich nur einen Bruchteil wissen wollte. Und nein, das kann man eben NICHT mit „richtig filtern“ wegbekommen. Das ist leider die schöne neue Grundstruktur, die sich „sozial“ nennt und jene im Info-Gau ersaufen lässt, die anderes wollen als mit ein paar Freunden in Kontakt bleiben.

Klassische Mischthemenblogs sind zwar auch nicht Inhalte-zentriert, aber immerhin stabiler und ETWAS übersichtlicher als das Geschwurbel in den Netzwerken. Sie sind kleine überschaubare Inseln im bewegten Info-Ozean, die in aller Regel auch nach Wochen noch auffindbar sind. Das Digital Diary ist mit seinen über 16 Jahren geradezu ein Gipfel nachhaltigen Bloggens, doch auch hier sind viele zeitlose Texte völlig unzugänglich, sind Opfer der „historischen Blog-Ordnung“, verschwunden in ferner Vergangenheit für die sich niemand interessiert.

Die gute alte Linkliste…

Der Versuch, Wichtiges für den Eigengebrauch zu strukturieren und festzuhalten, brachte im Netz dereinst die Bookmarking-Tools hervor, die als halb-öffentliche Linkslisten einige Zeit nützlich waren, bevor sie von SEOs zugespamt und von den sozialen Netzen praktisch abgelöst wurden. Ich hab die nie konsequent benutzt, genauso wenig wie meine Browser-Lesezeichen. Artikel und Videos, die mich sehr beeindrucken, möchte ich nun mal nicht nur für mich notieren, sondern tatsächlich auch teilen. Und darüber hinaus dauerhaft zugänglich halten, wiederfindbar, dadurch leicht zitierbar und auch später noch in Blogartikeln und anderswo verlinkbar. Vor allem auch nicht abgelegt mittels fremder Dienste, die morgen verschwunden oder so verändert sein können, das meine Sammlung von Lesens- und Sehenswertem nicht mehr nutzbar ist.

Kurzum: Ich werde wieder klassische Linklisten bauen, abseits der Blogstruktur, nach Themen geordnet, evtl. kurz kommentiert. Und sollte ich zu dem jeweiligen Gegenstand selber etwas bloggen, werde ich diese Artikel ebenfalls dazu stellen, als Eigenbeitrag gekennzeichnet. Wer sich also mal dafür interessiert, wie ich zu Thema X stehe, könnte dann evtl. fündig werden – auch eine Auswahl empfohlener Fremd-Beiträge sagt ja einiges aus.

Angestoßen wurden diese noch etwas verworrenen Überlegungen übrigens durch den großartigen Artikel

Islamischer Staat – Beginnend mit Worten, endend mit Blut – Extremisten konkurrieren um die Jugend des Westens. Warum wird gerade der IS zur neuen Heimat der Enttäuschten? 15 Anmerkungen zu europäischen Dschihadisten von Georg Seeßlen
ZEIT ONLINE Februar 2015

Ein echter Leuchtturmtext, der nun nicht bis zur Umsetzung der Linklisten-Idee warten muss! Auch die Kommentare enthalten noch manche Perle und sind gut lesbar, da eine aktive Moderation alle, die sich im Ton vergreifen, gnadenlos löscht.

Diskussion

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6 Kommentare zu „Schreibblockaden, Leuchtturmtexte, Social-Media-Kritik und die Wiedergeburt der Linkliste“.

  1. Gratuliere liebe Claudia, ein toller Text, herrliches Gedankenfutter, das herrlich zu einem seit Jahr-und-Tag-alten-Projekt passt. Werde deshalb auch den Artikellink bei mir ablegen – für schnellen Zugriff.

    Vieles was du schreibst ist mir auch schon im Puzzle-Teil-Ansatz durch den Kopf gegangen, aber du hast es jetzt so schön ausformuliert, dass ein sehr hilfreicher Artikel entstanden ist.

    @Thinkabout.ch hat seinen neuen Blog gut aufgesetzt und so zumindest das rein chronologische Konzept ausser Kraft gesetzt.

    Auf Facebook habe ich ohnehin nur ein paar Duzend Kontakte (was ja in der FB-Werte-Skala einen negativen Wert ergibt) weil ich a) mit Pseudonym nicht auf Kontaksuche gehe und b) es mir mehr darum geht, Auftritt und Entwicklung von FB als Nutzer beobachten zu können. Trotz meinen „lausig wenigen FB-Kontakten“ könnte ich einen rechtel vom Tag beschäftigt sein, würde ich die Flut der täglichen Posts (z.T. Halbstundentakt) lesen.

    Nochmals toller Artikel, danke.

  2. „Im Info Gau ersaufen“ – so empfinde ich das auch immer öfter.

    So viel Wissen, da draußen in der Welt. Derzeit höre ich auf, das aufzusammeln. Es ist wie mit dem Mann, der die Flaschen aus den Mülleimern sammelt. Man findet was, und ja, es bringt etwas ein. Aber reich – reich wird man dabei nicht.

    Ich lese dies und das und denke manchmal, „ja“, ein interessanter Aspekt der da aufgezeichnet wird, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber dieses „ja“ ist wie ein laues Lüftchen. Es berührt mich kurz und schwupps, ist es auch schon vorbei. Nichts nachhaltiges.

    Das viele Lesen und die schnelle und teils oberflächliche Kommunikation, von hier zu da, reicht mir einfach nicht aus, um noch einen Anstoß des nachfragens in mir selbst zu erhalten. Ich vermisse dieses Gefühl, wenn aus einfühlsamen Gesprächen und Diskussionen, oft auch heftig, dennoch – es plötzlich „PENG“ in mir machte, und ich dann wieder ein ganz, ganz kleines Steinchen von ganz vielen in mir liegenden sehen durfte.

    Diese kleinen Steinchen. Ich sammle sie so gerne.

  3. danke für Eure Resonanzen!

    „schön ausformuliert“ ? Danke fürs Lob, aber mein Befinden dabei, das Mühen um den „roten Faden“ ließ mich eher zweifeln, ob ich den Versuch nicht lieber abbrechen sollte. Ich kam mir eher gedanklich verwirrt, ziellos mäandernd vor…

    „Oberflächliche Kommunikation“ – ja, ich kenne das, wenn man herum surft, auf der Suche nach etwas Wesentlichem, Berührendem, Echten – aber wo immer man reinliest, nur LEERE findet. Besser gesagt empfindet.

    Aus meiner Erfahrung hat das nämlich wesentlich mehr mit dem eigenen aktuellen Gemütszustand zu tun als mit dem Aussen, das den Wünschen und Ansprüchen nicht zu genügen scheint. Ähnlich wie wenn man „urlaubsreif“ ist und sich das in Lustlosigkeit und Hang zur Aufschieberitis zeigt – aber schon ein paar Tage Auszeit ändern wieder alles.

  4. Der Web-Blues der NSA-Ära. ;-)

    Ich habe das Bloggen unterbrochen und mache stattdessen E-Books, die ich über Torrent verteile. Alles sehr experimentell. Hey das ist ja fast Netzliteratur! https://link.getsync.com/#f=Sudelbuch&sz=29E5&s=M4D2QEY2C2OPURA32EULNCFJZTBBOM7N&i=CYR63DWN657FGRMEXFAILZEK3AQ5VPOUW&p=CDEXV37NO5ZFORLE36G2YBRTWFT3ZVLX

    Was die Bookmark-Linklisten-Kuratierungen betrifft, so speichere ich Bücher und Webseiten, die mir wichtig sind, seit Jahren in Zotero. Das macht es dann hinterher einfach, die Literatur ordentlich zu zitieren.

    Zotero (und ein ähnliches Tools, namens Mendeley) sind socialized, d.h. man kann gruppen- und themenmäßig Bibliografien aufbauen. In den Naturwissenschaften scheint das sehr gut zu funktionieren.

    Leider setzen sich diese Tools nicht im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich durch. Jedenfalls bisher nicht.

    Einfache Linklisten sind mir jedenfalls nicht mehr genug. Ich will das, was ich einmal gebookmarkt habe, später mit einem Klick zitieren können.

    Zotero ist dabei das Tool, was Web-affiner aufgebaut ist. Es kann in Browser integriert werden. Wobei das mit Mendeley auch geht. Vermutlich neige ich aus Gewohnheit zu Zotero.

    Ich habe mal für ein paar Open-Source-Tools an solchen Gruppen-Bibliografien mitgewirkt.

    Die Tools sind da. Es fehlt halt an Leuten, die es machen.

  5. @Juh: danke für die Tipps!

    Hab mir eben mal ein ZOTERO-Tutorial angeschaut – und wundere mich nicht, dass es nicht bekannter ist. Es ist eben ein Tool zum wissenschaftlichen Arbeiten – in einer Umgebung, der man (wenn man es online und öffentlich nutzen will) erst beitreten muss, um dann die abgelegten Infos/Medien in den ZOTEERO-Formaten nutzen zu können.
    Von dir bin ich meines Wissens noch nie auf eine ZOTERO-Sammlung eingeladen worden – sic! Wogegen „die Linksliste von Claudia zu ISIS“ definitiv einfach zugänglich wäre. Und wenn ich da mal was als „Leuchtturmtext“ erfasst hätte, finde ich es gewiss auch selber zum zitieren wieder.

    Sehr exotisch kommt mir auch dein Torrent-Abenteuer vor! Das kann ich aber nicht beurteilen, da ich in dieser Welt nicht zugange bin. Erst etwas installieren, bevor ich es lese? Hey, die Welt steht voller frei zugänglicher Medien, warum sollte jemand das tun? (der nicht einen persönlichen Grund hat, mal zu gucken, was Juh da macht..).

    Vielleicht bin ich ja mit meinen Vorstellungen von Öffentlichkeit und Zugänglichkeit hoffnungslos veraltet – macht nichts, dann bin ich eben das Unikum, das noch immer selber „alle Macht über die Daten“ haben will. :-) Gestern auf Twitter sind mir auch schon Tools empfohlen worden – von Menschen, die natürlich den Blogartikel NICHT bis ans Ende gelesen haben.

    Im Grunde will ich „Themenseiten“ bauen… mal schauen, ob ich dazu komme! :-) Zotero oder noch existierende Bookmarking-Tools können ja evtl. als Sammeltools zu deren Vorbereitung dienen.

  6. Das Tutorial kannte ich noch nicht. Sieht gut aus. Muss ich gleich mal bookmarken. ;-)

    In der Tat, Zotero ist für das wissenschaftliche Arbeiten gedacht, allerdings muss man sich nirgendwo registrieren, um seine eigene Bibliografie aufzubauen.

    Die Gruppen-Bibliografien sind öffentlich oder privat, je nachdem wie der Admin das will.
    Hier eine offene Gruppe: https://www.zotero.org/groups/open_source_in_education

    Für mich wird das „wissenschaftliche“ Zitieren immer wichtiger. Ich konnte nie etwas mit den Browser-Bookmarks anfangen.

    Kommentierte Linklisten kann man übrigens aus Zotero heraus generieren. Zotero kann neben vielen Exportformaten auch einen Bericht in HTML erstellen. Im Kern ist das letztlich eine Tabelle , die du vermutlich einfach in deinen Blog pasten kannst.

    Ja, das Torrent-Experiment ist sehr exotisch. Aber ich wollte definitiv mal etwas anderes ausprobieren.

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