Claudia am 28. Januar 2015 — 3 Kommentare

70 Jahre danach

Für die ganz großen Themen fehlen mir derzeit eher die Worte. Anderen zum Glück nicht: Zum Grauen von Ausschwitz hat Liisa auf Charming Quark einen berührenden Beitrag mit vielen Fragen geschrieben, die uns alle auch heute noch – gerade heute wieder! – angehen.

„- Nie wieder Auschwitz! Wir müssen aus der Vergangenheit lernen!
Ja, das hören wir seither immer und immer wieder und ganz besonders zu solchen Gedenktagen wie heute. Und wir nicken und sagen »Ja, nie wieder Auschwitz! So etwas darf nie wieder geschehen!« Aber wie sicher sind wir eigentlich, dass so etwas nie wieder geschieht? Nicht hier bei uns, nicht in Europa, nicht in anderen Ländern? Was genau tun wir dafür, die Wahrscheinlichkeit zu verringern? Was bedeutet dieses »Nie wieder Auschwitz!« dieses »So etwas darf nie wieder passieren!« für uns Nachgeborene, für uns Heutige? Konkret? „

Diese Frage bricht sie dann herunter auf unseren Alltag hier und heute.

Hinweisen möchte ich auch auf die Doku „Zu Besuch bei Juden“. Ab Minute 26.10 spricht Menachems Vater als Zeitzeuge, der Ausschwitz überlebt hat. Seltsamerweise sind es nicht die Täter, die SS-Schergen, die Betreiber und Verwalter des Holocausts, über die er Worte verliert. Es sind im Gegenteil die Opfer: „Wenn man gequält wird, vergisst man, dass man Mensch ist, man wird ein Tier“, sagt er – und dass er diese nurmehr „Figuren von Menschen“ erlebt habe. Ich vermute, er meint damit die mitarbeitenden Lager-Insassen – evtl. sind das ja genau die Menschen, die Liisa meint, wenn sie schreibt:

Alles was irgendwie brauchbar war wurde, wie wir wissen, weiterverwendet oder verarbeitet bis hin zu Haut und Goldzähnen der Toten. Die Menschen, die diese Dinge durchgesehen und sortiert und weitergegeben haben, was bitte haben die gedacht????? Kann man seinen Verstand so komplett abschalten??? Offenbar ja.

Womit sich die Frage nach dem Verstand erübrigt hätte. Wenn wir ums eigene Leben fürchten, sind wir zu allem fähig. Zu ALLEM! Die wenigen Ausnahmepersonen werden denn auch zu Heiligen oder mindestens Helden erklärt, denn sie haben ihre Werte über das eigene Leben gestellt. Die allermeisten werden jedoch lieber zum Tier. Und wer wären wir, in unseren ergonomischen Sesseln vor den Monitoren, über sie zu richten?

Diskussion

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3 Kommentare zu „70 Jahre danach“.

  1. Claudia, gut, dass nun die Worte, die dir fehlten, hier stehen! (Ich habe mich auch nicht getraut. Ich fand Liisas Post sehr, sehr gut!)

  2. Vielen Dank Dir für den Hinweis auf die Reportage, die ich mir gerade eben angeschaut habe.

    Ich bin allerdings nicht sicher, dass Menachems Vater explizit „mitarbeitende Lager-Insassen“ meinte, wenn er von „Figuren von Menschen“ oder „Tieren“ spricht.
    Es ging den Nazis darum, den Juden ihr Menschsein abzusprechen, ja zu nehmen. Sie wurden fast allem beraubt, was sie ihr Menschsein fühlen ließ. Namen, Kleidung, menschliche Würde und Rechte, sie wurden zu unpersönlichen Nummern gemacht, behandelt wie oder eher sogar schlimmer als Tiere, etc.
    Dazu die körperliche Gewalt, der Hunger, die fortgesetzte Traumatisierung. Wenn man die Bilder aus den KZs sieht, diese „wandelnden Skelette“, dann wird klar, dass alle Instinkte und das letzte bisschen „Kraft“ nur noch darauf ausgerichtet waren, irgendwie am Leben zu bleiben. Nur noch die grundlegendsten Instinkte waren aufrecht zu erhalten (wem das nicht mehr gelang, der starb). Ein Mensch, der so leben muss, fühlt sich eher wie ein Tier als wie ein Mensch und wird von anderen auch eher wie ein Tier angesehen als wie ein Mensch. Diese „Figuren von Menschen“ – kurz vorher, sagt er „Hüllen“, sind es die er, glaube ich, meinte.

  3. Meines Vaters Zeit im Krieg, Claudia, geprägt von Hunger und noch mehr von Angst, die ihn bis heute geprägt hat, und meine Zeit, geprägt von wachsendem Wohlstand, führt leider nicht selten zu schwierigen Brücken, die keiner von uns beiden überqueren kann. Ich denke aber, dass ich diese traurige Bilanz mit vielen der Nachkriegsgenerationen teilen muss.

    Die wichtigste Erkenntnis ist für mich, so wie du es oben schon schreibst und ich es auch bei Liisa kommentiert habe, das wir Menschen zu allem fähig sind. Zu ALLEM!

    Getreu nach dem Motto von H.E. Balder: Ich habe mich gewarnt.

    Was ich mir bisher zu den wenigen Ausnahmepersonen erlesen habe, die wir ja am besten alle wären, ist, wie du auch feststellst, dass es die Werte waren, die zu einem humanitären handeln oder Widerstand führten. Die Frage ist: Wo kommen die, in dieser Standfestigkeit, her?

    Ich habe sie nicht vermittelt bekommen und trage sie auch glaube ich nicht ausreichend in mir, dass ich trotz einer gefährlichen Situation für mich in der Straßenbahn aufstehen würde, wenn Unrecht geschieht. „Obrigkeitsbuckeln“ und „Wegducken“ war die Überlebenbsstrategie nicht nur meines Vaters in Ausschwitz. Und das ist mir weitergegeben worden.

    Meinen Eltern kann ich dafür keinen Vorwurf machen, doch es belastet mich oft sehr, dass ich nicht die Stärke in mir spüre, die mir vielleicht eines Tages abverlangt wird.

    Mit Schreiben und diskutieren versuche ich, mir jetzt nachträglich eine innere Wertestabilität anzueignen, doch auch alles in der großen Hoffnung, sie nie unter Beweis stellen zu müssen.

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