Claudia am 13. Januar 2015 — 5 Kommentare

Über Liebe, Islam, ..ida und so

Islam: Jetzt reiben sich wieder diverse Interessenten am Spruch „Der Islam gehört zu Deutschland“. Die einen mögen das gar nicht, denn für sie ist das „Abendland“ christlich und basta. Die anderen verweisen auf die Millionen Muslims, die friedlich in Europa leben, die unsere Kultur und unsere Wirtschaft bereichern und deshalb verdammt nochmal ein Recht auf Zugehörigkeit haben. (Ungern zitiere ich die WELT, aber im Artikel „Der Islam gehört seit Jahrhunderten zu Europa“, steht darüber sehr viel Wissenswertes!)

Mezquita-Catedral de Córdoba

Wer sich auf die christlichen Wurzeln des sog. „Abendlands“ beruft, beschwört aber auch ganz abgesehen von Einwanderungen und der Frage nach den Grenzen Europas eine Trennung, die religionshistorisch doch ziemlich unsinnig ist. Denn auch das Christentum stammt wie das Judentum und der Islam aus dem nahen Osten, dem „Morgenland“. Die drei abrahamitischen Religionen beziehen sich in vielen ihrer Schriften auf dasselbe antike Weltbild, sogar auf diesselben Jenseits-Wesenheiten. Oder ist der Erzengel Gabriel etwa nicht „einer von uns“ im Sinne der katholisch-christlichen Tradition? Und genau der (bzw. SIE, Gabriel ist ja eher queer) ist es doch, die dem Propheten Mohammed den Koran offenbart haben soll!

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Liebe: Wenn überhaupt irgend etwas Herausragendes, Besonderes am Christentum ist, dann ist es das Gebot der Feindesliebe, wie es in den Evangelien des neuen Testaments verkündet wird. Nicht nur den Nächsten soll man lieben wie sich selbst, sondern sogar den Feind! Ziemlich krass, oder?

„Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Matthaeus 5.44

Wer sich also als „abendländischer Christ“ von Muslimen angegriffen fühlt (zu Recht oder zu Unrecht, ganz egal), sie in irgend einer Weise als Feinde wahrnimmt, hat hier schon mal eine klare Ansage aus erster Quelle, wie darauf CHRISTLICH zu reagieren wäre!

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Mehr Liebe: Über Liebe und Lebendigkeit schreibt Hannes auf Jazzlouge bewegende Sätze:

„Was läuft schief im Leben von Attentätern und Terroristen? Was treibt Menschen in die Arme von IS, Boko Haram oder NSU? Warum gehen Tausende auf die Straße und lassen sich von Faschisten, Rassisten und Verschwörungstheoretikern im Rahmen von Pegida und Co. vor den Karren spannen? Auch wenn ich das Eine nicht mit dem Anderen gleichsetzen will, so fürchte ich doch, dass ein Teil der Ursachen für das jeweilige Verhalten ähnlich ist.

Sicher ist es ein komplexes Ursachengebilde, das nicht holzschnittartig zu umreißen ist. Doch ich glaube, dass es mehr als nur Bildung und Integration sind, die uns zu einer besseren Welt verhelfen. Ich glaube, die viel tiefergehende Ursache ist ein Mangel an Liebe in unserer Gesellschaft. So wie wir bei Sturm eher an die zerstörerische Kraft des Hasses denken, so spielt in unserem Leben die Liebe oft nur noch eine Nebenrolle.

Dabei gieren wir doch alle nach Liebe. Und das in ihren unterschiedlichen Darreichungsformen. Mal als bloße Aufmerksamkeit, mal in ihrer körperlich sexuellen Form oder — last but not least — in Form zwischenmenschlicher Zuwendung. Seit ich Kinder habe, erfahre ich den Zauber von Liebe wieder neu. Das ist eine der schönsten Erfahrungen überhaupt und gebe mir größte Mühe, diesem Zauber Raum zu geben und ihn so lange wie irgend möglich aufrecht zu erhalten. Liebe, in welcher Form auch immer, ist das uns Menschen verbindende Gefühl. Die Basis für Solidarität, Gerechtigkeit, Mildtätigkeit und auch für Gnade. Zu letzterer ist nur fähig, wer liebt.

Und so irritieren mich Sätze wie “Es ist das beste, dass die Attentäter direkt getötet wurden” kollossal und sie machen mich traurig. Niemand darf so außerhalb menschlicher Liebe stehen, dass wir uns anmaßen sollten, ihm oder ihr das Leben zu nehmen. Ich glaube, dass auch Anders Breivik oder die Attentäter von IS, Boko Haram oder anderen Terrorgruppen, ein Anrecht auf ein Mindestmaß an Liebe haben. Und das bedeutet, dass man sie trotz aller Gräueltaten am Leben und Gnade walten lässt.

Schaut man in die Biographien dieser Täter so kann man feststellen, dass ihnen in ihrem Leben vor allem Eines fehlte: Liebe. Natürlich gibt es noch weit mehr Faktoren, die diese Entwicklung beeinflusst haben. Natürlich ist die Welt komplexer, als dass sich alles auf einen Faktor reduzieren ließe, aber ich bin überzeugt, dass ein Mangel an Liebe die Grundursache für ein solch barbarisches Verhalten ist. Menschen, die bedingungslos geliebt werden, halte ich für nicht fähig, solche Taten zu begehen.“

Am Ende seiner engagierten Rede ruft uns Hannes dazu auf, „einander lebendig zu machen“ – woraufhin Liisa auf Charming Quark die Frage nach dem Konkreten aufwirft: Was könnte das denn konkret bedeuten? Eine Antwort hat sie nicht, nur Beispiele aus den „sozialen“ Medien, die eben KEINE Akte der Liebe sind.

„Wie gesagt, das Motto »Laßt uns einander lebendig machen« finde ich gut. Der erste Schritt zur Umsetzung ist sicher zu überlegen, wie das konkret aussehen kann. Vorschläge, Ideen, Anregungen, irgendjemand?“

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.ida: Zum Abschluss der gestrigen Pegida-Kundgebung in Dresden soll ein Redner gesagt haben: „Und das nächste Mal bringt jeder noch einen mit!“
Klar, das fänden jetzt alle IDA-Bewegten toll: Nächste Woche mit doppelt so vielen „spazieren gehen“ und NOCH MEHR AUF-SEHEN erregen! Schließlich schaut sonst kaum jemand auf sie, auf ihr Befinden, ihre Probleme, ihre Meinungen, ihre Verbitterung, ihre Angst – erst jetzt, so als Hassbotschafter/innen werden sie mal richtig bemerkt.

Dem „nächstes Mal noch einen mitbringen“ müsste ein „jemanden da behalten“ bzw. „eine/n zurück holen“ entgegen gesetzt werden. Individuell und persönlich, im Geiste liebevollen Hinsehens – dabei könnten auch alle mitmachen, die es nicht drauf haben, bei #NoPegida oder überhaupt irgend einer Demo mitzulaufen.

Ist immerhin ein Vorschlag – einer, an dem leicht erfahren werden kann, wieviel Liebe man tatsächlich so in petto hat und auszudrücken bereit ist.

Diskussion

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5 Kommentare zu „Über Liebe, Islam, ..ida und so“.

  1. Grade hab ich noch einen lesenswerten

    *Redebeitrag zur Strategie gegen den hiesigen Islamismus

    aus der Antifa-Szene gefunden. Darin wird gefordert, Islamisten mit ihren Inhalten nicht über den enthnisch-kulturell-religiösen Kamm zu scheren und so mittels eines „linken Rassismus“ auszugrenzen und nicht ernst zu nehmen, sondern entlang an ihren Inhalten zu bekämpfen.

    „Es sind deutsche Kids, die die Social Media-Propaganda von IS, Hamas oder Hezbollah über ihre Handys abrufen und weiterreichen. Und es sind deutsche Jungs und Männer, die ihr hiesiges Elend gerne gegen die strahlende Ritterrüstung bzw. einen Kampfanzug eintauschen würden, so dumm uns das vorkommen mag. Die rassistische deutsche Gesellschaft verweigert diesen Menschen jeden Tag allein aufgrund ihres vermeintlich nicht-deutschen Aussehens und ihrer Herkunft demokratische Partizipation und ökonomische Teilhabe. Natürlich ist man auch Charakterschwein, wenn man etwa meint, im Sinjar Jagd auf Ungläubige machen zu müssen: aber man ist vor allem auch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches, ein armes Schwein. Der rassistische Reflex gegen Islamist_innen ist keine Lösung des Problems: er ist ein erheblicher Teil des Problems selber, dem wir heute in die Augen blicken müssen. Es ist sowohl im Interesse von „Pegida“ und Co, als auch der Islamist_innen, dass dieser Rassismus fortbesteht.“

    .

  2. Das mit der fehlenden Liebe ist wahr. Als Lehrerin immer wieder gespürt, wie übel sich das Fehlen von Elternliebe ausgewirkt hat. Manchmal konnte eine schräge Tante oder ein lieber Opa einiges wieder wettmachen, waren wie Retter für das Kind. Es braucht manchmal nur wenig, aber Liebe und Wertschätzung dürfen nicht fehlen. Sonst…
    Danke für die in unübliche Richtungen hier gezeigten Ansätze!
    Meine Mutter wäre wohl auch mit den diversen Pegidas gegangen, sie hatte große Angst vor den hier einfallenden Massen, die uns alles wegnehmen und alles kaputtmachen wollten, wie sie meinte!

  3. „Liebet eure Feinde….“

    Ich finde das toll, Claudia, dass du aus den alten Schriften zitierst. Ich denke, das ganz vieles, was darin geschrieben und vermittelt werden will, unabhängig eines Gottesglauben, zu verstehen ist. Jedenfalls, mir geht es so. Und weil ich diese Zitate als „Weisheiten“ bezeichne, der m.E.n. gründliche Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu Grunde liegen, ist das für mich wahre „Philosophie“. Für jedermann zugänglich und in einem großen Gedankenraum interpretier- und diskutierbar.

    Derzeit erreiche ich öfter als sonst meine Grenzen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist sehr unschön, für alle Beteiligten.

    Doch wenn ich wieder Zitate wie oben lese und sie mir bewusst mache bin ich zuversichtlich, beim nächsten Disput meine Grenzen nochmal ein Stück erweitern zu können.

    Step by step.

  4. @Sonja: es sollte Patenschaften von Freiwilligen für solche ungeliebten Kinder geben!

    @Menachem: dann lies auch mal das sehr gute Kommentargespräch bei Hannes – da geht es darum, wie man angesichts des Übels eine liebevolle Grundhaltung bewahren kann.

  5. Danke für den Hinweis zu Hannes, Claudia. Genau das, das hat mein Gemüt jetzt gebraucht.

    Liebe Grüße aus Leipzig nach Berlin,
    Menachem

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