Claudia am 29. Oktober 2014 — 6 Kommentare

Mehr Freude – Strategien gegen den Netzfrust

Die liebevollen Kommentare zu meinem „Netzfrust“ raten mehrheitlich zur Web-Diät: nicht mehr so viele schlechte Nachrichten aus aller Welt konsumieren, die doch nur die Laune verderben, ohne dass man wirklich etwas gegen all den Mist tun könnte. Ja, Ihr habt ja so recht! Ich brauche mehr Freude im Alltag und sollte nicht soviel Zeit darauf verwenden, das Üble zu sichten, zu selektieren und weiter zu reichen. Die Idee, zumindest durch diese „Kuratierung“ der Bad News etwas zum Wohl der Welt beizutragen, ist vielleicht nicht ganz falsch, wird aber kontraproduktiv, wenn ich selber dabei tief in den psychischen Keller aus Wut, Angst und Trauer steige.

Würde ich heute aus dem Leben scheiden, würde es auf Twitter garantiert nicht auffallen, dass meine Tweets über „Bemerkenswertes“ fehlen!!! Anstatt über zu wenig Resonanz in Zeiten „sozialer Medien“ zu klagen, könnte ich mich SELBST freudigerem Tun und Erleben zuwenden. Noch nie ist es mir auf diesen Spielfeldern um persönliches Glänzen mit vielen Likes, Fans, Friends, Retweets gegangen (sonst hätte ich vornehmlich Katzen-Content gepostet), aber immer wieder hat es mich sehr frustriert, wenn aus meiner Sicht WICHTIGES fast gar nicht bemerkt wird – sei es als Blogpost oder als weiter gereichter Inhalt. Das Bild vom Mitmenschen wird so definitiv verzerrt, dabei geht es zumindest vielen von ihnen vermutlich wie mir: zu viele schlechte Nachrichten bewirken Apathie, das Gefühl der Machtlosigkeit nimmt zu, das eigene Potenzial, „trotzalledem“ irgendwas Positives, Ermunterndes, Tröstliches zu schreiben nimmt drastisch ab.

Also: Webdiät! Wenn etwas wirklich Wichtiges passiert, erreicht mich die Nachricht sowieso. (Als die Flugzeuge ins World Trade Center stürzten, hat mich ein Freund ANGERUFEN und gesagt, ich solle sofort den Fernsehen einschalten). Die vielen Stunden, die ich im Lauf der Woche mit dem Sichten der News zubringe, werde ich anders füllen. Aber wie? Hier ein paar Ideen:

  • Mehr „Selfcare“: Oft ist es so, dass ich mich weit mehr um ferne liegende Dinge und Themen kümmere als um solche im Nahbereich. Je näher an mir dran, desto unwichtiger – eine verbesserungsfähige Haltung mit einigem Freude-Potenzial, wenn es gelingt. Warum hab ich mir z.B. nicht lange schon eine neue TV-Brille machen lassen, anstatt mich nach deren Verlust mit der „Fernzone“ der Gleitsichtbrille zufrieden zu geben? Warum war ich das letzte Mal irgendwann im Frühjahr in der Sauna, obwohl ich Sauna sehr genieße? Warum liegen hier schon wieder viele nutzlose Dinge herum, obwohl es mir doch Freude macht, viel Platz und Übersicht zu haben?
  • Mehr Ordnung schaffen: der letzte Punkt zieht sich durch verschiedene Bereiche, wenn ich genau hinschaue. Hier und da staut sich allerlei auf, das eine ordnende und entsorgende Hand bräuchte. Der ganze übrig gebliebene Kram von der Küchenrenovierung, der noch immer rumsteht, ist genauso bereinigungsbedürftig wie der immer wieder zur Düne anwachsende Papierstapel rechts außen auf meinem Schreibtisch. „Steuer 2013“ sollte auch fertig sortiert und abgegeben werden, der Kleiderschrank gehört mal wieder aussortiert und ein paar neue Klamotten gekauft – anstatt dass ich (weil mich als Homeworkerin ja fast niemand sieht…) mein Lieblingsshirt trage bis es zerfällt!
  • Schenken und teilen – in Zeiten der wachsenden „Sharing-Ökonomie“ sollte es ein Leichtes sein, kaum gebrauchte Dinge auf nette Weise loszuwerden oder zumindest zu teilen. „Auf nette Weise“ meint: mit ein bisschen mehr Kontakt zu echten Menschen. Zwar spüre ich nicht wirklich einen Mangel, aber tatsächlich treffe ich nur selten Unbekannte, beziehe mein Menschenbild also viel zu sehr aus den Medien.
  • Mehr kreative Arbeit – durch die Zersplitterung des einstigen, noch sehr ganzheitlichen „Webdesigns“ in vielerlei arbeitsteilige, jeweils für sich aufwändige Gewerke, habe ich mich selbst mehr und mehr aufs Konzeptionieren, Beraten, Schreiben/Business-Bloggen, Promoten verlegt und beschäftige fürs Technische bei Bedarf fähige Mitarbeiter. Das klappt bei Kundenprojekten auch gut, doch mir selbst fehlt dadurch was. Das zeigt sich auch darin, dass meine eigenen Blogs noch immer kein neues Design haben. Anstatt viel rumzusurfen könnte ich mich also wieder mehr mit eigenen Projekten befassen. Eben nicht mehr mit dem Anspruch, jedes Stück Code selber zu schreiben – das macht ja heute niemand mehr!
  • Konkret sozialpolitisch arbeiten – Stammleser kennen mein Projekt „Formulare verstehbar machen“ – hier ein Bericht zum Stand der Dinge von Ende September, erschienen auf dem Projektblog, das ich (angelehnt ans Design des Trägers KuB) erschaffen habe. Solche Aktivitäten sind sehr konkret und es macht Freude, dass sich hier Freiwillige für den guten Zweck zusammen finden und tatsächlich was tun! Mehr Konzentration auf diese Aktivität kann also nicht schaden, sie ist sowieso nötig, da es mit einem Jahr hier wahrlich nicht getan ist.

„Du musst dein Leben ändern“ – so hat mal der Philosoph Sloterdijk ein dickes Buch benannt. Ich hab‘ es zur Hälfte gelesen und gar nichts geändert. Auch eine Liste wie die obige (die nur einen Teil dessen aufzählt, was mir alles eingefallen ist) repräsentiert einen so hohen Änderungsbedarf, dass ich davor stehe und frage: wie soll ich denn das alles schaffen? Der Tag hat doch nur 24 Stunden! Fange ich mal an, drüber nachzudenken, wie und was anders werden sollte, kommen gleich soviele ToDos in den Kopf, dass ich davor in Ehrfurcht erstarre – und mich dann womöglich doch lieber der Sichtung der aktuellen News zuwende. Die Weltereignisse sind ja doch soooooo viel wichtiger! Im übrigen ruft schon bald das „Dringliche“, die Brotarbeit will ja auch immer noch getan werden…

So wird überdeutlich: exzessiver Medienkonsum ist auch ein Weglaufen vor dem eigenen Leben, ist Vermeiden von Anstrengungen und Kreisen im Gewohnten, das sich nun mal am einfachsten mit „Rumsurfen“ kombinieren lässt.

Aber ziel- und sinnloses „rumsurfen“ deprimiert mich, das ist ebenfalls wahr. Die Flucht in andere Formen der Ablenkung hilft nur punktuell, nie nachhaltig. Es führt kein Weg daran vorbei, mich selber aufzuraffen! Statt „surfen“ kann ich ja berichten, ob und wie es gelingt.

Diskussion

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6 Kommentare zu „Mehr Freude – Strategien gegen den Netzfrust“.

  1. Hallo Claudia,

    Kann es sein, dass Du im Begriff bist „Statt-Dessen“ mit „Zusätzlich“ zu vertauschen?

    Lieben Gruß
    Kurbelursel

  2. Das hört sich für mich gut an.

    “Selfcare” oder auch früher Psychohygiene genannt. Was hat es demzufolge für einen Sinn, sich mit Gedanken zu beschäftigen, die einem nicht gut tun.

    Platz und Übersicht schaffen, ist eine immer gute Idee.
    Nötige Dinge auch tun und anpacken- der PC kann warten.

    Kleiderschrank ausmisten- immer eine gute Sache!

    Kontakt zu echten Menschen: Auch der fehlt mir oft. Ich merke, wie gut er mir tut, wenn ich ihn zulasse. Ich brauche mich dazu nur draussen zu zeigen!!

    Viel Potential! Wow!

  3. Gestern erst stieß ich auf den Vorschlag, sich täglich hinzusetzen und 5 Dinge zu notieren, die am betreffenden Tag überraschend, positiv, behaltenswert, schön waren. Es wurde angedeutet, daß es einem anfangs schwer fallen könnte, 5 solcher Augenblicke oder Ereignisse zu finden, daß man sich aber Tag für Tag dafür schärfer stellt, sensibilisiert.

    Niemand redet davon, sich vor dem Leid der Welt zu verschließen, eine rosarote Brille aufzusetzen… Aber was bringt es mir, wenn ich mich noch von dem letzten Mord oder Unglück in einem weit entfernten Land unterrichten lasse. Ich wende mich lieber dem nahe liegenden Leid zu – unsere Station betreut bis zu 18 onkologische Patienten, und die übrigen sind keinesfalls weniger krank – und versuche, das zu verdauen.

    Mir selbst hat das Netz die Aufmerksamkeit versaut. ich kann nicht mehr lesen. Das Mäandern durch alle Angebote auch und gerade sozialer Netzwerke und Möglichkeiten hat mich zu einem Psychewrack gemacht, das sich nicht mehr konzentrieren und bei einer Sache bleiben kann. Insofern wäre eine Diät auch für mich hilfreich – mit dem Ziel, nur eine Sache auf einmal zu tun. Wenn ich lese, den PC ausgeschaltet zu lassen. Und wenn er an ist, einem Plan zu folgen, einer to-do-Liste, die man abarbeitet, um den Rechner danach wieder auszuschalten und vielleicht so wieder ein wenig Ordnung in den Umgang mit all den Angeboten und Inhalten zu schaffen.

  4. Ein wenig gleiche ich Dir,@Markus. Sicher ist das PC-Leben nicht dafür angetan, Bücher zu lesen. Wenn man es ohnehin kaum je tat, wiegt das umso mehr.
    Ich habe die letzten 2 Septemberurlaube NUR zum Lesen von Büchern genutzt, etwas völlig Neues und längst Überfälliges. Und…ich konnte es! Ich war eben sehr motviert, diese wichtige Seite des Menschlichen voll auszukosten, endlich einmal. Und ich wurde beschenkt, war für 2 Wochen ein Büchernarr, der natürlich auch noch die Sonne genoß, das Liegen und das Schlafen.

  5. @Gerhard Du Glücklicher! Gerade die Urlaube verplempere ich am PC und lese in den zeitlich viel enger limitierten Arbeitszeiten mehr. Das heißt, je weniger Struktur ich in meinen Tag bringe, desto schlimmer verzettele ich mich.

  6. Du sprichst mir aus der Seele, es nervt gewaltig, dieser völlig maßlose Medien Konsum. Verpassen werden wir nichts, wenn wir uns dem entziehen.

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