Claudia am 06. Oktober 2014 — 14 Kommentare

Globalisierte Barbarei: Ein Versuch, das Phänomen „Islamischer Staat“ zu begreifen – von Tomasz Konicz

[Der folgende Artikel von Tomasz Konicz wurde im STREIFZÜGE-Magazin erstveröffentlicht. Da er unter „Copyleft“ erscheint, habe ich ihn (trotz „Überlänge“) mal hierhin übernommen. Die Analyse ist umfangreich und tiefschürfend, auf jeden Fall sehr lesenswert. Für die Übernahme hab ich mich mit einer Spende bedankt]

Auf ein Neues! Wieder einmal mobilisiert der Präsident der USA eine Koalition der Willigen, um gegen „Das Böse“ (SPON) zu Felde zu ziehen. Diesmal ist es die Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS), die in einem dreijährigen Feldzug niedergerungen werden soll, in dessen erster Phase die US-Airforce ihre Luftschläge auch auf Syrien ausweiten wird. Zugleich fordert das Weiße Haus vom Kongress die Kleinigkeit von 500 Millionen US-Dollar, um „moderate syrische Rebellen zu trainieren und zu bewaffnen“, wie Reuters berichtete.

Dieses Vorgehen weckt Erinnerungen an eine frühere Phase des syrischen Bürgerkrieges, als westliche Geheimdienste in trauter Gemeinsamkeit mit den fundamentalistischen Golfdespotien wie Saudi-Arabien die syrische Opposition unterstützten, aus der neben einer Vielzahl anderer islamistischer Milizen auch der Islamische Staat hervorging. Und selbstverständlich dominieren eben auch innerhalb der syrischen Oppositionsbewegung fundamentalistische Gruppierungen, die sich in Konkurrenz zum Islamischen Staat befinden und diesen bekämpfen.

Eine der wichtigsten syrischen Rebellengruppen stellt etwa die fundamentalistische Allianz Islamische Front dar, deren Führer Hassan Abboud jüngst bei einem mutmaßlich vom IS durchgeführten Attentat getötet wurde. Die Islamische Front stellt das größte Kontingent innerhalb der syrischen Rebellen dar – und sie verfügt über enge Kontakte zur Dschihadistengruppe al-Nusra.

Selbst dieser syrische Al-Kaida Ableger, die Jabhat al-Nusra, bemüht sich seit einer schweren Niederlage gegen den IS, durch Freilassungen von US-Geiseln sich vom Islamischen Staat zu distanzieren. Konsequenterweise werden diese „moderaten“ Rebellen künftig ihre militärische Ausbildung auf dem Territorium der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien absolvieren.

Um es klar auszusprechen: Der Westen ist mal wieder dabei, Islamisten zu bewaffnen, um Islamisten zu bekämpfen – und nebenbei seine geopolitischen Interessen zu verfolgen, die im Falle Syriens auf den Sturz des Assad-Regimes abzielen. Es stellt sich nur noch die Frage, welche Dschihadisten-Truppe, die jetzt noch als Teil der „moderaten Opposition“ gilt, in wenigen Jahren abermals außer Kontrolle gerät und vermittels militärischer Interventionen ausgeschaltet werden muss. Der Westen gleicht in seinem Windmühlenkampf gegen den islamischen Fundamentalismus dem berüchtigten Zauberlehrling, der die Geister, die er zwecks geopolitischer Instrumentalisierung in der vom Staatszerfall ergriffen Region herbeirief, nun nicht mehr loswird.

IS = eine globalisierte Besatzungsarmee, keine autochthoner, traditionalistischer Aufstand

Dabei ist es nicht nur die westliche Geopolitik, die den Dschihadisten Auftrieb verschafft. Westliche Länder fungieren auch als wichtige Rekrutierungsfelder für den IS. Rund 3000 Dschihadisten aus Westeuropa, den USA, Kanada und Australien sollen amerikanischen Medienberichten zufolge in den Reihen des Islamischen Staates kämpfen. Von den rund 31.500 Kämpfern, die sich diesem Terrorgebilde angeschlossen haben sollen, ist insgesamt rund ein Drittel im Ausland – zumeist vermittels einer ausgefeilten Anwerbungskampagne – rekrutiert worden.

Ein in den kurdischen Autonomiegebieten Syriens gefangen genommener Selbstmordattentäter des IS berichtete gegenüber Medienvertretern von einem beständigen Zustrom von Dschihad-Touristen aus aller Welt, die sich den Kampfverbänden dieser Terrorarmee anschließen würden:

„Dort sind Nationalitäten aus aller Welt vertreten. Es sind viele Briten darunter. Sie kommen aus asiatischen Ländern, aus Europa und Amerika. Sie kommen von überall her.“

Der IS stellt somit gewissermaßen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverbänden und „Stämmen“ hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. Deswegen massakriert der Islamische Staat nicht nur „Ungläubige“, sondern auch Sunniten, die sich dieser Fremdherrschaft zu widersetzen wagen. An die 700 Mitglieder eines sunnitischen Sippenverbandes in Ostsyrien wurden von dem IS Mitte August buchstäblich abgeschlachtet, nachdem deren Stammesführer den Dschihadisten die Gefolgschaft verweigerten.

Terrorkonzern mit Geschäftsberichten und Militärmaschine

Worin aber besteht das Wesen dieser „Fremdherrschaft“, die eine – zumindest in ihrer Führungsriege – größtenteils zugereiste Dschihadistentruppe in dieser Zusammenbruchsregion zu errichten trachtet? Das, was sich im Zweistromland in Gestalt des IS materialisiert, ist eine bitterböse Karikatur, ein Negativ der effizientesten Organisationsform, die der Spätkapitalismus hervorgebracht hat: der transnationalen Großkonzerne. Der Islamische Staat stellt eine hocheffiziente „Geldmaschine“ (Bloomberg) dar, die durch Einnahmen aus Ölschmuggel und sonstigen Geschäftsfeldern der Organisierten Kriminalität einen permanenten „Strom von Geldzuflüssen“ erzeugen konnte. „Der Islamische Staat ist wahrscheinlich die vermögendste Terrorgruppe, die wir jemals kennengelernt haben“, erklärte ein US-Analyst gegenüber Bloomberg.

Dieser Terrorkonzern, der regelrechte „Geschäftsberichte“ publiziert, verfügt über eine hocheffiziente interne Befehlsstruktur und eine sehr effektive Militärmaschine, er unterhält eine professionelle Public-Relations-Abteilung, die sich sehr erfolgreich der Rekrutierung neuer Mitglieder widmet – und er übt sich im „Lean Management“ der eroberten Gebiete, deren Verwaltung lokalen Würdenträgern überlassen wird, sofern sie dem „Kalifat“ Treue schwören und Gefolgschaft leisten. Die internationalen Verflechtungen dieser dschihadistischen „Geldmaschine“ beschränken sich nicht nur auf deren Mitgliederstruktur, auch die Anschubfinanzierung des IS erfolgte über internationale Finanzzuwendungen reicher Sponsoren aus den Golfstaaten.

Der wichtigste Unterschied zwischen dem global agierenden Konzern und dem Islamischen Staat besteht darin, dass für die transnationalen Konzerne die Akkumulation von Kapital den Selbstzweck ihrer gesamten Tätigkeit bildet. Alle Verwüstungen und Zerstörungen, die der Spätkapitalismus den Menschen und der Umwelt antut, bilden nur Nebenprodukte des blinden und uferlosen Strebens nach Kapitalverwertung, worin der irrationale Kern der kapitalistischen Produktionsweise nun einmal besteht. Für den Islamischen Staat stellt die Kapitalakkumulation hingegen nur ein Mittel zu einem anderen irrationalen Zweck dar, der in einem möglichst effizienten Vernichtungs- und Zerstörungswerk besteht. Nichts anderes stellen die besagten „Geschäftsberichte“ des IS dar, es sind Auflistungen der erfolgreichen Terroroperationen dieses „Unternehmens“. Die implizite Tendenz zur Selbstzerstörung, die dem Kapitalismus innewohnt, tritt beim IS somit offen zutage, sie wird explizit.

Parallelen zum Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus

Der Islamische Staat nutzt somit die effektivsten Organisationsformen und rationellsten Methoden, die der krisengeplagte Spätkapitalismus hervorbrachte, um ein irres, ein wahnsinniges Ziel zu verfolgen: die buchstäbliche Auslöschung aller Ungläubigen. Spätestens hier wird eine Parallele zu dem bisher größten Zivilisationsbruch der Weltgesichte, dem Vernichtungswerk des deutschen Nationalsozialismus, offensichtlich. Auch die Nazis bedienten sich der damals modernsten Organisationsformen und Methoden, um mit Auschwitz eine fordistische Todesfabrik zu erschaffen, deren fließbandartig hergestelltes „Produkt“ in dem aus den Krematorien aufsteigenden Rauch verbrannter Menschenleiber bestand. So wie die Nazis im rassistischen Wahn eine effiziente negative Fabrik der Menschenvernichtung errichteten, um die Welt von Juden, Roma, slawischen Untermenschen oder Bolschewisten zu „säubern“, so konstituiert sich der IS in der Organisationsform eines negativen Konzerns, um sein irres Ziel eines religiös reinen Weltkalifats zu verfolgen. Die instrumentelle Rationalität und ökonomistische Vernunft des westlichen Kapitalismus, die zwecks effizientester Kapitalakkumulation immer weiter vervollkommnet wird, schlägt so in den Händen des IS in nackte Barbarei um.

Im Terrorkonzern, den der Islamische Staat errichtet, spiegelt sich somit die krisenhafte Irrationalität kapitalistischer Vergesellschaftung. Inzwischen scheinen sich erste Franchisenehmer auf dem globalisierten Terrormarkt einzufinden, die das massenmörderische Erfolgsrezept des IS zu kopieren versuchen. Eine zweite Welle der Globalisierung der dschihadistischen Barbarei setzt ein. Die „wachsende Popularität“ des IS in Südostasien könnte langfristige Sicherheitsbedrohungen nach sich ziehen, warnte etwa Aljazeera Mitte Juli. Tatsächlich hat sich auf den Philippinen kürzlich die Terrorgruppe Abu Sayyaf dem Islamischen Staat angeschlossen. Die westafrikanischen Dschihadisten der Boko Haram, die laut Neewsweek ein „Territorium von der Größe Irlands“ kontrollieren, bemühen sich ebenfalls, mit der Ausrufung ihres afrikanischen „Kalifats“ das Vorgehen des IS zu imitieren.

Konkurrenz um Kämpfer: Heerscharen ökonomisch „überflüssige“ junge Männer

Um was konkurrieren die Terrorgruppen auf dem globalen Terrormarkt? Neben den Finanzzuwendungen vermögender Sponsoren aus den Despotien der arabischen Halbinsel ist es vor allem die Ware, die der Spätkapitalismus im Überfluss ausscheidet: Menschen. Viele der spektakulären Angriffe und Aktionen des IS – wie etwa die kurzfristige Okkupierung der Talsperre bei Mossul – zielen gerade auf einen propagandistischen Effekt ab, mit dem die Rekrutierung neuen Menschenmaterials beschleunigt werden soll. Mit Erfolg, wie eine US-Studie belegt. Demnach haben insbesondere die afghanischen Taliban, die unter enormen militärischen Druck geraten sind, einen herben Exodus ausländischer Kämpfer verzeichnen müssen, die nun gen Syrien und Irak aufbrechen, um sich den dortigen Dschihadisten anzuschließen:

„Kämpfer aus Usbekistan, China und Tschetschenien haben kaum Chancen, in ihre Heimatländer zurückzukehren, aber sie wissen, dass sie in Syrien und dem Irak willkommen sind, wo Jabhat al-Nusra und der Islamische Staat gegen den syrischen Präsidenten Assad, gegeneinander, und im Falle des Islamisches Staates gegen Kurden, Irakis und sogar den Iran kämpfen.“

Es ist ein Eingeständnis des völligen Scheiterns des brutalen westlichen „Krieges gegen den Terror“, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden geführt wurde. Nach rund 13 Jahren hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gotteskämpfern herausgebildet, deren Heimat der „Heilige Krieg“ ist. Im Gegensatz zum global agierenden Al-Kaida-Netzwerk ist diese neue Generation von Dschihadisten aber bemüht, in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes Territorien zu erobern und zu halten, um ihr Wahngebilde eines weltumspannenden Kalifats zu verwirklichen.

Zurückgreifen kann der in Geld schwimmende Islamische Staat dabei auf die Heerscharen ökonomisch „überflüssiger“ junger Männer, die in der Peripherie – und zunehmend auch in den Zentren – des kapitalistischen Weltsystems ein marginalisiertes und elendes Dasein fristen. Ein Sold von wenigen Hundert US-Dollar im Monat und die Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies reichten in vielen Fällen aus, um diese perspektivlosen Menschen, die in der Hölle zerfallender Staaten und Gesellschaften vegetieren, zum Beitritt in die Reihen des IS zu motivieren.

Vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger

Doch was veranlasst Tausende Muslime aus dem Westen, sich dem dschihadistischen Terrornetzwerken anzuschließen? Eine Studie des Verfassungsschutzes, in der die Lebensläufe der knapp 400 aus Deutschland in den „Heiligen Krieg“ gezogenen Islamisten beleuchtet wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass sich größtenteils marginalisierte Muslime den Dschihadisten angeschlossen haben. Einer geregelten Beschäftigung gingen nur 12 Prozent dieser Gotteskrieger nach, die überwältigende Mehrheit hiervon war im Niedriglohnsektor beschäftigt. Nur sechs Prozent hatten eine Ausbildung absolviert, zwei Prozent ein Studium. Rund ein Drittel dieser Islamisten war schon zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten, größtenteils im Zusammenhang mit gettoüblicher Kleinkriminalität. Bei der Mehrheit der Ausgereisten handelte es sich somit um Angehörige der Unterschicht, die unter prekären Lebensbedingungen in den informellen Ausländergettos der BRD ein marginalisiertes Leben am Rande der Legalität fristen – bis sie in die Fänge der Salafistenszene geraten. Bezeichnend ist etwa, dass nur in 23 Prozent der Fälle die Eltern dieser Gotteskrieger einen fundamentalistischen Islam praktizierten. Ein Paradebeispiel für eine solche Karriere vom kleinkriminellen Gettokid zum Gotteskrieger stellt der Rapper Denis Cuspert dar, der inzwischen in den engeren Führungszirkel des IS aufgestiegen sein soll.

Es sind somit gerade keine traditionsbehafteten Muslime, die da in den Terrorkrieg ziehen, wie auch Tarfa Baghajati, Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, in einem Interview mit Radio Free Europe erläuterte. Es gebe eine Reihe von Faktoren, auf die die Rekrutierungserfolge des IS in Europa zurückzuführen seien, so Baghajati:

„Am beachtenswertesten ist erstens, dass die jungen Leute, die sich diesen Gruppen anschließen, zuvor keine starken Bindungen an den Islam und andere Muslime hatten. Sie haben nie Moscheen besucht und einige von ihnen wussten zuvor gar nicht, wie man betet. Deswegen ist ihre religiöse Erfahrung sehr stark emotionsgeladen. … Der zweite Faktor besteht darin, dass diese jungen Menschen sich nicht als Teil der westlichen Gesellschaft sehen. Sie haben es nicht vermocht, sich positiv einzubringen. Zudem gibt es auch Diskriminierung und indirekte Verfolgung gegen den Islam und Muslime, die unter dem Begriff Islamophobie zusammengefasst wird.“

Die vom IS rekrutieren Muslime aus den Westen sehen sich nicht als Teil dieser Gesellschaften, weil sie es nicht sind, weil sie durch ökonomische Marginalisierung und zunehmenden Rassismus von der kriselnden kapitalistischen Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen sind. Der europaweit krisenbedingt zunehmende Rassismus und Rechtsextremismus, der sich in den Wahlerfolgen der AfD, der britischen UKIP oder des französischen Front National manifestiert, zielt ja letztendlich auf den ökonomischen Ausschluss derjenigen Gruppen, die nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ verstanden werden („Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“). Der Rechtsextremismus, der den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen propagiert, stellt somit eine ideologische Waffe im krisenbedingt zunehmenden Konkurrenzkampf dar. Es verwundert somit nicht, dass der IS das europaweit größte Kontingent an Kämpfern in Frankreich, im krisengeplagten Land der Banlieues und des Front National, rekrutieren konnte.

Vom Nährboden der Vernichtungsfantasien

Die Hinwendung zum extremistischen Islam unter europäischen Muslimen stellt somit eine Parallelentwicklung zu dem krisenbedingt zunehmenden Rechtsextremismus in Europa dar. Der militante und terroristische Dschihadismus stellt letztendlich eine religiös verbrämte Modifikation des Rechtsextremismus, eine Art postmodernen und globalisierten Klerikalfaschismus dar. Während im Westen die nationale Identität als ein Nährboden dient, aus dem rechtsextreme und faschistische Ideologien erwachsen, fungiert im arabischen Kulturkreis die Religion als eben dieser Nährboden, der Vernichtungsfantasien hervorbringt. Die Kategorie der Rasse, die in Europa die faschistische Vernichtungswut befeuerte, wurde im klerikalfaschistischen Dschihadismus durch die Kategorie des „Ungläubigen“ ersetzt.

Sowohl der Islamismus wie der europäische Rechtsextremismus stellen zudem einen Extremismus der Mitte dar, der die in der Gesellschaft dominierenden ideologischen Vorstellungen und Anschauungen ins geschlossene weltanschauliche Extrem treibt. Im Fall des Islamismus ist es die Religion, die in der „Mitte“ der arabischen Gesellschaften eine hegemoniale Stellung einnimmt, beim Rechtsextremismus ist es die längst zu einem ökonomistischen Standortdenken mutierte nationale Identität, die ins Extrem getrieben wird. Beide Ideologien können zudem als postmodern bezeichnet werden, da sie einen ideellen Ausfluss der Krise und des Scheiterns der kapitalistischen Moderne darstellen.

Der islamistische „Extremismus der Mitte“ kann letztendlich auch als eine Abart des Klerikalfaschismus begriffen werden. Faschismus – ob nun der deutsche Nationalsozialismus, Francos katholischer Faschismus in Spanien oder die faschistische Diktatur Pinochets in Chile – stellt eine offen terroristische Krisenform kapitalistischer Herrschaft dar. Rechtsextreme und faschistische Tendenzen gewinnen immer dann an Dynamik, wenn die bürgerlich-liberale kapitalistische Gesellschaft in eine ökonomische oder politische Krise gerät, die das Fortbestehen des Gesamtsystems gefährdet oder auch nur zu gefährden scheint (Weltwirtschaftskrise 1929, Sieg der Volksfront 1936 in Spanien oder Allendes Wahlerfolg 1970 in Chile).

Ob nun in Europas Metropolen oder in den Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes – der Konstitutionsprozess des rassistischen wie des klerikalen Rechtsextremismus verläuft in sehr ähnlichen Bahnen. In Reaktion auf Krisenerschütterungen, auf das Auseinanderbrechen der bestehenden Gesellschaftsordnung setzt oftmals eine verstärkte Identitätsproduktion in den betroffenen Gesellschaften ein. Wenn alles in Fluss, in Unordnung gerät, suchen die autoritär disponierten Individuen Halt – und den finden sie nur noch in der Identität, in dem, was sie scheinbar sind: Deutscher, Franzose, Sunnit, Schiit. Die Angst vor der Zukunft und den unverstandenen Umbrüchen führt zu einer Sehnsucht nach früheren, als idyllisch imaginierten Gesellschaftszuständen; sei es der rassereine Nationalstaat oder das frühmittelalterliche Kalifat.

Der große Selbstbetrug bei dieser Hinwendung zur Identitätspolitik besteht selbstverständlich darin, dass diese Identitäten sich ja nur in Wechselwirkung mit der kriselnden kapitalistischen Gesellschaft konstituieren und somit nur identitärer Ausdruck des spätkapitalistischen Krisenprozesses sind. Das, was unter „deutscher Identität“ in der gegenwärtigen Deutschland AG landläufig verstanden wird, hat recht wenig zu tun mit den Deutschlandvorstellungen des frühen Kaiserreichs oder gar mit denen der Paulskirchenversammlung. Dasselbe gilt für den Islam, der gerade im frühen Mittelalter oftmals viel toleranter war, als es die gegenwärtigen Gotteskrieger und postmodernen Kalifatsbauer je wahrhaben möchten. Es reicht hier, etwa daran zu erinnern, dass die Juden Spaniens gerade in der Frühphase der maurischen Herrschaft (von 711 bis zum Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba 1031) weitgehende Religionsfreiheit und Rechtssicherheit genossen; vertrieben wurden sie erst durch die „Katholischen Könige“ nach der endgültigen Reconquista 1492.

Unterwerfung und autoritäre Charakterstruktur

Die gegenwärtige krisenbedingte Hinwendung zur nationalen oder religiösen Identität, die als ein ahistorisches und unabänderliches Kontinuum halluziniert wird, geht fast immer mit einer autoritären Charakterstruktur bei den betroffenen Personen einher. Der postmoderne Islamist unterwirft sich genauso blind der rigiden Koranauslegung, wie es die postmodernen Rechtsparteien mit den geheiligten Gesetzen des Marktes und des Kapitalkultes (in Gestalt der zum Wirtschaftsstandort verkommenen Nation) praktizieren. In beiden Fällen führt die Unterwerfung zum Hass auf all diejenigen, die dies anscheinend nicht genauso praktizieren (Ungläubige, „Sozialschmarotzer“, Arbeitslose, etc.).

Der den europäischen wie islamischen Faschismus charakterisierende Gleichklang von Unterwerfung und Hass resultiert daraus, dass diese Unterwerfung mit Triebverzicht erkauft wird. Die Träger dieser Ideologien leiden insgeheim unter den absurden Vorgaben und Geboten, die der Fetischdienst an Koran und Kapital diktiert, wobei die autoritäre Charakterstruktur ein Aufbegehren gegen diese Leidensquellen ausschließt. Deswegen richtet sich die so aufgestaute Wut gegen imaginierte äußere Feinde. Beiden Ideologien wohnt auch ein analcharakterhafter Reinheitswahn inne, der sich beim Rechtsextremismus auf die Reinhaltung des Volkes, der Nation oder des Wirtschaftsstandortes von „Parasiten“ erstreckt, während der Islamismus von der Manie um die Reinhaltung des religiösen Kultes verzehrt wird.

Die autoritären Dispositionen, die den Rechtsextremismus arabischer wie europäischer Prägung gleichermaßen antreiben, werden schon im Kleinkindalter in der patriarchalen oder kleinbürgerlichen Familie erworben, die der Psychoanalytiker Wilhelm Reich in seiner 1933 erschienen Studie „Massenpsychologie des Faschismus“ als die „Keimzelle des autoritären Staates“ bezeichnete. Der Staat und die Kirche setzten die in der autoritär-patriarchalen Familie eingeleitete autoritäre Strukturierung des Individuums fort. Zentral sei hierbei die Sexualunterdrückung, so Reich:

„Die autoritäre Strukturierung des Menschen erfolgt … zentral durch Verankerung sexueller Hemmung und Angst am lebendigen Material sexueller Antriebe. … Ist nämlich die Sexualität durch den Prozess der Sexualverdrängung aus den naturgemäß gegebenen Bahnen der Befriedigung ausgeschlossen, so beschreitet sie Wege der Ersatzbefriedigung verschiedener Art. So zum Beispiel steigert sich die natürliche Aggression zum brutalen Sadismus.“

Diese in Hinblick auf den deutschen Nationalsozialismus gemachten Beobachtungen treffen aber offenbar auch die Lebensrealität vieler Menschen in den krisengeplagten arabischen Ländern. Es ist nicht nur die bestialische Behandlung „erbeuteter“ Frauen durch Kämpfer des Islamischen Staates, in der sich der durch Sexualverdrängung konstituierte „brutale Sadismus“ äußert, auch die brutalen Übergriffe auf Frauen während des Aufstandes in Ägypten wurden durch diese sexuelle Frustration befeuert.

Sexualverdrängung führt zum Hass auf Frauen, die nurmehr vollverschleiert ertragen werden

Teilweise ist der in den vergangenen Dekaden zunehmende Verschleierungsdruck in vielen islamischen Gesellschaften auf die Wechselwirkung von ökonomischer Krisendynamik und krisenbedingter Islamisierung zurückzuführen. Der Islam verbietet strikt vorehelichen Sex, doch zugleich bringt die Krise der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft eine Heerschaar ökonomisch überflüssiger junger Menschen im arabischen Raum hervor, die sich die Gründung einer Familie schlicht nicht leisten können. Die ideologisch durch den Islamismus aufgenötigte Sexualverdrängung führt somit angesichts der sich zuspitzenden Krise zu dem überschäumenden Hass auf Frauen, deren Anblick der Islamist nur unter Vollverschleierung ertragen kann, ohne von seinem zum bloßen Sadismus degenerierten Sexualtrieb übermannt zu werden.

Die vom Islamismus angestrebte Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Raum wird aber vor allem durch einen anderen Faktor angetrieben, der aus der gescheiterten kapitalistischen Modernisierung dieser peripheren Weltmarktregion resultiert. Die historische Durchsetzung des Kapitalismus ging mit der „Abspaltung“ all jener Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion einher, die nicht in dem Prozess der Kapitalverwertung aufgehen können, wie die Haushaltsführung und die Familienarbeit, die dann der Sphäre des „Weiblichen“ zugeordnet wurden. Die Familien- und Haushaltsarbeit wird bis zum heutigen Tage als wertlos angesehen, da sie keinen Wert schafft, nicht unmittelbar Teil des Verwertungsprozesses des Kapitals ist. Die Sphäre der wertbildenden Arbeit war hingegen bis weit ins 19. Jahrhundert ausschließlich männlich determiniert, der „harte“ und rationell handelnde Mann hatte sich als Ernährer auf dem Markt zu behaupten, während der Frau die Sphäre des Privaten, des Irrational-Sinnlichen und der Hege und Pflege zugewiesen war. Diese Scheidung zwischen männlich-öffentlicher Sphäre der wertbildenden Arbeit (sowie der Politik, Kunst und Wissenschaft) und der weiblich-privaten Sphäre der „wertlosen“ Arbeit bildete die Grundlage der Frauendiskriminierung in den kapitalistischen Ländern, die ja erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest formell aufgehoben werden konnte (Frauenwahlrecht).

In der mittelalterlichen patriarchalen Familie – die ja zu gut 90 Prozent eine Bauernfamilie war – bestand ebenfalls eine Arbeitsteilung zwischen Ehemann und Ehefrau, doch waren ihre Tätigkeiten gleichermaßen auf die direkte Bedürfnisbefriedigung gerichtet und nicht auf die Akkumulation von Kapital. Die Kategorien des Werts und der abstrakten Arbeit gab es schlicht und einfach nicht, weshalb die weiblichen Tätigkeiten auch nicht herabgesetzt werden mussten. Die Dämonisierung der Frau, des Sinnlich-Weiblichen setzte in Europa denn auch erst in der frühen Neuzeit ein, im Gefolge des Zusammenbruchs der mittelalterlich-ständischen Gesellschaftsverfassung und des Aufkommens erster Ansätze der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die eben diese für die damaligen Menschen ungeheuerliche und unverstandene Abspaltung der Sphäre des Weiblich-Privaten von dem aufkommenden Regime der Kapitalverwertung mit sich brachte. Die Dämonisierung der Frau äußerte sich in dem Hexenwahn, der Europa und Nordamerika vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Würgegriff hielt, und dem Zehntausende von Frauen und Mädchen zum Opfer fielen. Zentral war bei nahezu allen zumeist von weltlichen Gerichten geführten Prozessen die Anschuldigung, die angeblichen Hexen hätten mit dem Teufel oder Dämonen Sexualverkehr praktiziert, um ihre „übernatürlichen Kräfte“ zu gewinnen. Und es war gerade die halluzinierte Anwendung eben dieser weiblich-dämonischen Kräfte, die für das Chaos verantwortlich gemacht wurde, in dem sich die in Systemtransformation begriffenen, frühneuzeitlichen Gesellschaften befanden.

Keine andere Anschuldigung bringt eine Frau im heutigen Afghanistan, Libyen oder Saudi-Arabien stärker in Lebensgefahr als die des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Die Systemtransformation zu Kapitalismus und Weltmarkt, die in Europa blutige Jahrhunderte in Anspruch nahm, brach in der Peripherie mit der Intensität einer Naturkatastrophe ein, sie vollzog sich in weitaus kürzerer Zeit (wenige Dekaden) – und sie hatte einen weitaus höheren ideologischen Legitimitätsdruck zur Folge, bei dem traditionell-patriarchale Strukturen mit den „neuartigen“ kapitalistischen Vergesellschaftungsformen – und der damit einhergehenden Abspaltung der weiblich konnotierten, der Kapitalverwertung unzugänglichen Lebensbereiche – in Übereinstimmung gebracht werden mussten.

Gescheiterte Modernisierung

Der große historische Unterschied zwischen Europa und Arabien besteht darin, dass die kapitalistische Modernisierung zwischen Hindukusch und Atlasgebirge dort nicht mehr gelingen konnte. In diesen krisengeplagten Ländern, die oftmals schon von Staatszerfall ergriffen sind, wird sich keine funktionierende kapitalistische Arbeitsgesellschaft mehr etablieren, die einer Säkularisierung dieser Gesellschaften Vorschub leisten könnte. Das Scheitern der Modernisierung und die damit um sich greifende Krisendynamik führen somit zu einer Verhärtung der islamistischen Krisenideologie und der regelrechten Tabuisierung des Weiblichen: Als ob die Totalverschleierung und totale Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Leben es den Männern trotz der Weltkrise des Kapitals ermöglichen würde, sich noch als selbstherrliche Marktsubjekte zu betätigen.

In der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen somit die Echos seiner eigenen blutgetränkten Vergangenheit. Mehr noch: Der barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung kommt im extremistischen Islamismus wie im Rechtsextremismus zum Vorschein. Auf die Gräuel des Islamischen Staates blickend schaut die westliche Wertegemeinschaft in den Spiegel. Nichts wäre verkehrter, als den von beiden extremistischen Seiten proklamierten „Kampf der Kulturen“ für bare Münze zu nehmen. Die westliche Kultur stellt keinen positiven Gegenpol zum dschihadistischen Wahnsinn dar. Die liberalen westlichen Zentren des kapitalistischen Weltsystems schwitzen in der gegenwärtigen Systemkrise sowohl den Rechtsextremismus wie den Islamismus aus.

Islamismus: Produkt der Weltkrise des Kapitals

Offensichtlich ist dies, wie eingangs dargestellt, auf der geopolitischen Ebene, wo die politische, finanzielle oder militärische Unterstützung des Dschihadismus seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts – als islamistische Fundamentalisten mit Unterstützung des Westens in den Heiligen Krieg gegen den gottlosen Kommunismus in Afghanistan zogen – zum Fundus westlicher Geopolitik gehört. Ein gewisser Osama Bin Laden hat seine ersten militärischen Erfahrungen unter den Fittichen der CIA in Afghanistan machen können. Saudi-Arabien, das wohl brutalste fundamentalistische Regime der Welt, ist ein enger Verbündeter des Westens, der mit milliardenschweren Waffenlieferungen hochgerüstet wird.

Doch es ist vor allem die von den Zentren ausgehende und die Peripherie verwüstende ökonomische Krise, die erst die Heerscharen ökonomisch überflüssiger junger Männer hervorbringt, die mangels Perspektiven bereit sind, sich dem Todeskult der Dschihadisten anzuschließen. Das mühselige Überleben in der Hölle der Zusammenbruchsökonomien Iraks, Syriens oder Afghanistans ist für immer mehr Menschen dermaßen unerträglich, dass sie bereit sind, dieses gegen die illusorische Aussicht auf ein jenseitiges Paradies zu tauschen.

Schließlich sind die ideologischen und identitären Reflexe auf diesen Krisenprozess im Abend- wie im Morgenland sehr ähnlich gelagert. Es findet eine autoritäre Rückbesinnung auf die religiöse oder nationale Identität statt, die vorhandene nationale oder religiöse Anschauungen ins ideologische Extrem treibt und zu einer militanten Mobilisierung gegen äußere Feindbilder oder innere Abweichler führt. Der Islamismus ist somit – genauso wie der Rechtsextremismus – ein Produkt der Weltkrise des Kapitals.

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von Tomasz Konicz, Streifzüge-Magazin, Oktober 2014
http://www.streifzuege.org/2014/globalisierte-barbarei

Diskussion

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14 Kommentare zu „Globalisierte Barbarei: Ein Versuch, das Phänomen „Islamischer Staat“ zu begreifen – von Tomasz Konicz“.

  1. Na sicher, mir war klar, dass so ein Artikel hier nicht wirklich passt. Und ich hab damit gerechnet, dass niemand etwas dazu sagt. Dennoch hab ich mit dem Verfasser getwittert, ob er mir erlaubt, wenigstens Zwischenüberschriften einzufügen, damit er ein BISSCHEN lesefreundlicher wird.

    Er gab mir alle Freiheit und freute sich, dass der Artikel so „ein wenig Verbreitung findet“. Und ich wundere mich immer wieder, wie heutige Denker/Autoren es schaffen, die Basics des Lesens im Web NICHT zu berücksichtigen! Sie wollen doch eigentlich gelesen werden…

    Mir geht es darum, selber zu verstehen, was da vor sich geht. Ich denke (u.a.), im islamisch-arabischen Raum wird deren 30-Jähriger Krieg ausgefochten. Wobei es – wie einst bei „uns“ – um die Frage geht, wie das weltliche und das religiöse Gesetz sich zueinander verhalten – UND ob Krieg, köpfen, vernichten, vergewaltigen, vertreiben, unterdrücken die richtige Weise ist, mit Andersgläubigen/Ungläubigen umzugehen.

    Das Thema hat ungeheuer viele Facetten und so bin ich immer glücklich, wenn man jemand etwas weiträumiger und mehrdimensionaler drüber nachdenkt und schreibt.

    Ein anderer Artikel, der mich auch in diesem Sinne beeindruckt hat:

    Eine Religion unter Verdacht: Die neuen Religionskriege

    Wer weiteres beisteuern will, ist eingeladen, kommentierend zu verlinken!

  2. @Claudia: Damit Du nicht verzweifelst wegen fehlender Kommentare, hier meine Erklärung dafür. Ich denke, die im Text des Herrn Tomasz Konicz versuchte Analyse des Phänomens IS läßt sich knapp durch folgende Zitate zusammen fassen:

    Der islamische Staat ist, wen wundert es, ein „Produkt der Weltkrise des Kapitals“. Bei ihm „handelt es sich … um eine im höchsten Maße globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. … Nach rund 13 Jahren [war on terrorism, S.S.] hat sich eine global agierende Schicht von Zehntausenden heimatlosen Gotteskämpfern herausgebildet, deren Heimat der ‚Heilige Krieg‘ ist. … Die vom IS rekrutieren Muslime aus den Westen sehen sich nicht als Teil dieser Gesellschaften, weil sie es nicht sind, weil sie durch ökonomische Marginalisierung und zunehmenden Rassismus von der kriselnden kapitalistischen Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen sind. … Wenn alles in Fluss, in Unordnung gerät, suchen die autoritär disponierten Individuen Halt – und den finden sie nur noch in der Identität, in dem, was sie scheinbar sind: Deutscher, Franzose, Sunnit, Schiit. Die Angst vor der Zukunft und den unverstandenen Umbrüchen führt zu einer Sehnsucht nach früheren, als idyllisch imaginierten Gesellschaftszuständen; sei es der rassereine Nationalstaat oder das frühmittelalterliche Kalifat.

    Dazu kommt dann noch ein wenig Wilhelm Reich (über Sexualverdrängung) zur Erklärung des Frauenhasses im IS, mit dem (plus der ökonomischen Krise) sich offenbar etwa folgendes heraus finden läßt: die Jungs dort kriegen einfach keine Frau ins Bett, ohne gegen ihren Gott und ihre Gesetze zu verstoßen, es sei denn, sie wären ökonomisch in der Lage, eine Ehefrau zu unterhalten, was sie aber nicht (wg Kapitalweltkrise) nicht sind. Daher üben sie, getreu dem ihnen attestierten autoritären Charakter dann Gewalt gegen Frauen aus, „deren Anblick der Islamist nur unter Vollverschleierung ertragen kann, ohne von seinem zum bloßen Sadismus degenerierten Sexualtrieb übermannt zu werden“.

    Ich fürchte, diese Analyse ist wahrlich kaum ein geeigneter Aufhänger, um sich dem ‚Phänomen IS‘ näher als auf Kapitalismuskritik-Schußweite zu nähern. Im Ernst (und ohne jeden genannten Beleg für deren personelle Zusammensetzung) sich die Milizen des IS aus ein paar theoretischen Versatzstücken (Reich plus irgendwas mit Marx) heraus erklären zu wollen, die wenn überhaupt nur für die Zugereisten Terror-Turis gelten mögen, sich dazu noch ganz auf eine misslungene Modernisierung (d.h. den fehlenden Übergang von feudalen Strkturen hin zu einem ordentlichen Kapitalismus) in der dortigen Region zu konzentrieren und die Frage des ‚failed state‘ und seiner Wurzeln, den Grenzziehungen der Kolonialmächte nach dem Zerfall des osmanischen Reiches, welche in einen Topf warfen, was kaum zusammen gehörte, und auseinander rissen, was lange vorher zusammen gewachsen war, sowie den dort laufend dazwischen funkenden (militärischen wie ökonomischen) Interventionen der einen globalen Supermacht der Gegenwart beinahe auszuklammern, ist schon ein Kunststück in der Anwendung von Scheuklappen.

    Das beklagte Schweigen der Lämmer erklärt sich hier also wohl eindeutig aus dem Text heraus, der in meinen Augen zu Recht kaum ein Schaf finden wird, welches das darüber wachsende Gras weg fressen möchte, das sogar Kamele verweigern dürften.

  3. @Susanne: hab Dank für deine Einlassung! Zwar verzweifle ich nicht gleich, wenn mal ein Beitrag (schon gar ein aus dem Rahmen fallender Gastartikel) keine Resonanz bekommt, aber natürlich freut es mich, wenn doch jemand was schreibt! :-)

    Anders als du finde ich die Betrachtungen möglicher Ursachen und Zusammenhänge, die der Autor anstellt, durchaus bedenkenswert. Vermutlich schafft es niemand, mal eben ALLE Aspekte des Themas stimmig zu verbinden und so bin ich über jeden froh, der wenigstens mal mehrere Blickwinkel drauf hat.

    Warum sollte übrigens das Dilemma der unerfüllten Sexualität unter einem Gottesgesetz, das nur Ehe zulässt, hier nicht mitspielen? Ich hab vergessen, welcher Imam mal gesagt hat: „Den Schleier braucht es nicht wegen der Frauen, sondern wegen der Männer, die sich aufführen wie läufige Hunde“. Es bezieht sich gerade NICHT auf zugereiste Westler und erscheint mir ungemein plausibel. Es ist ja ein üblicher Projektionsvorgang, bei Anderen zu hassen, was man sich selbst nicht zugesteht bzw. sich verbietet – und so ist die Frau die Böse, die Verführerin, der Grund für das Spüren des Mangels, des unerfüllbaren Begehrens.

    Warum findest du „misslungene Modernisierung“ bei der Suche nach Ursachen falsch? Ist es nicht Fakt, dass die Jugend der Welt allüberall auf die schicken Dinge und Geräte der westlichen Warenwelt abfährt? Ganz gern so einen Lebensstandard hätte wie wir? In „failed States“ und überall, wo Diktaturen und Feudalherren sich einen Dreck um Entwicklung der Wirtschaft und eines Mittelstands kümmern, haben die Jungen jedoch keine realen Job-Chancen, die ihnen Teilhabe erlauben würden. Was liegt also näher, als „den Westen“ zu verteufeln?

    Dass hier mal nicht der Schwerpunkt auf die bösen Taten der USA & Co, gelegt wurde, finde ich ok – das steht ja anderswo ellenlang, fast als wären alle arabischen Staaten und Stämme nur arme Opfer und Schachfiguren strategischer westlicher Planspiele. Was sie gewiss nicht NUR sind!
    Das Paktieren mit autoritären Regimen zwecks ruhiger Öl-Belieferung und draussen-halten von Flüchtlingen (Libyen) hat m.E. dazu beigetragen, dass diese ganzen kriegerischen Auseinandersetzungen nicht schon früher ausgebrochen sind.

    Sunniten gegen Schiiten und umgekehrt, beide gegen Ungläubige, viele gegen „den Westen“ und dann noch die ganzen Stammeszugehörigkeiten, die jedoch – das scheint neu – bei ISIS keine Relevanz mehr haben, dazu als „neue Idee“ die Proklamation eines eigenen neuen „islamischen Staats“ als Versuch einer Wiedererrichtung des Kalifats – mir scheint, da ist genug zusammen gebraut für eine lange kriegerische Phase in ganz Arabien. Westliche Interventionen spielen dabei eine Rolle, sind aber wahrlich nicht alles!

  4. @Claudia: Den Aspekt ‚misslungener Modernisierung‘ halte ich absolut nicht für falsch, lediglich eine anderes allzu sehr ausschließende Konzentration auf diesen. Das ‚Dilemma unerfüllter Sexualität‘ mag ebenfalls wichtig sein, ich sehe aber nicht so recht seine spezifische Bedeutung für eine Deutung des IS, trifft es doch nicht allein auf die Klientel seiner Milizen zu.

    Die westlichen Interventionen dagegen sind meiner Ansicht nach ein ganz wesentliches Moment in dieser Sache, die der Kolonialmächte sogar so etwas wie eine Folie, an der sich die meisten späteren Konfliktlinien ausrichteten, und die (wenn auch oft sehr wenig weitsichtig und nachhaltig erfolgreich) gezielten Stabilisierungen und Destabilisierungen der USA spielen ja wohl ebenfalls eine wichtige Rolle. Sicherlich werden diese immer wieder benannt, daß es einem fast schon zum Hals raus hängt, aber sie ganz außer Acht zu lassen, wenn man sich an das Begreifen des Phänomens IS machen will, halte ich für unklug.

  5. Ganz raus lässt er das ja nicht:

    „Es ist ein Eingeständnis des völligen Scheiterns des brutalen westlichen „Krieges gegen den Terror“, der letztendlich unter Anwendung terroristischer Methoden geführt wurde. “

    Und der letzte Part handelt auch wieder von geopolitischen Interessen und der „Weltkrise des Kapitals“.

    Mir gehts wirklich darum, all das selbst zu begreifen, also fehlt mir nicht der tausendste Artikel über die verfehlten Interventionen der USA / des Westens, sondern mehr solche, die die kulturellen, historischen, lokalen und psychosozialen Hintergründe beleuchten.

    Die Parallele zum erstarkenden Rechtsradikalismus ist mir z.B. neu – was mir noch immer fehlt, sind die Motive der Geldgeber in z.B. Saudiarabien. Sind das konkurrierende Clans, die hoffen, dass der IS ihre Machthaber/Konigsfamilie wegfegt? Oder einfach religiöse Fanatiker?

  6. Die Motive der Geldgeber sind sicherlich das nachhaltig wichtigste Thema bezüglich des IS, allerdings wohl auch jenes, über welches wir die geringsten Chancen haben, jemals etwas Konkretes und Belastbares zu erfahren. Den IS selbst halte ich möglicherweise für ein vorübergehendes Phänomen, sofern er sich tatsächlich als staatliche Struktur etablieren will. Ein Staat läßt sich viel einfacher bekämpfen oder destabilisieren als eine schwer zu fassende Miliz. Daß man in der IS den Namen ‚Staat‘ (bzw. Kalifat) usurpiert, ist jedoch ein äußerst interessantes Detail, an das sich (wo wir schon beim geschwätzigen Räsonieren sind) folgendes kleine, zwischen blanker Idiotie und Verkennung aller Realitäten schwankende Gedankenexperiment anschließen läßt, in dem ich versuchen will, mich in das Bewußtsein jener zu versetzen, die wirkliches Geld (also nicht nur ein paar hundert Milliönchen oder so) einsetzen können, um was immer sie wollen zu erreichen. Was ich natürlich kaum richtig kann, aber zumindest kochen diese Leute ihren Tee auch nur bei höchstens 100° Celsius.

    Mir fallen dann zunächst ein paar Punkte auf, die meine (also die eines Geldsacks, der noch lange sein Geld genießen und es seinen Urenkeln vererben möchte) Sicht der heutigen Welt heute betreffen.

    Ich würde die USA, den bis an die Zähne bewaffneten Roland des bügerlich-westlichen Modells von Staat, Wirtschaft und Kultur, mittelfristig wohl eher als ‚lame duck‘ sehen, die seit ihrer militärischen Demütigung in Vietnam nicht einen ihrer’Kriege‘ mehr erfolgreich zu Ende führen konnte und ökonomisch am über kurz oder lang versiegenden Tropf eines fracking booms hängt, bevor sie in die globale Bedeutungslosigkeit versinken dürfte, etwa wie das britische Empire nach dem durch die Weltkriege und die Eroberung Londons durch die Banken herbei geführten Bankrott.

    Das macht allerdings einen solchen Staat nicht ungefährlich, sondern im Gegenteil: wie jedes in die Enge getriebene Wesen werden die USA ihrem Niedergang kaum tatenlos zusehen, ja im Grunde sehe ich ihre letzten militärischen Interventionen (Afghanistan, Irak) schon als Verzweiflungstaten eines Ohnmächtigen an, kaum noch als aus eigener Initiative erfolgendes und rational an einer Zukunft orientiertes Handeln, das einer langfristigen Strategie genügt.

    Parallel dazu sehe ich eine schleichende Entmachtung westlich geprägter, staatlicher Strukturen mittels der Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit qua Verschuldung und einer unverhohlenen Verschränkung ökonomischer und politischer Entscheidungen und Entscheidungsträger. Eine Form des ‚failed state‘, die ungern diskutiert wird, sich aber nur schwer leugnen läßt.

    Zugleich fehlen dem westlichen Kulturkreis jene sinnstiftenden Momente, die etwa einer inneren Erneuerungsbewegung noch Chancen einräumten. Alle Mechanismen einer ‚Selbstheilung‘ (Reformen, Revolutionen, thematisch gebündelte Massenbewegungen, religiöse Umdeutungen des kulturellen Restbestandes usw.) sind allesamt offenbar ausgeschöpft und verbraucht, die großen Kirchen als einstmals für die ‚pattern maintenance‘ (Bewahrung des Gehaltes und der Wirksamkeit eines kulturell-sozialen Erbes) verantwortliche Instanzen sind im Zuge der Säkularisierung all ihrer moralischen Werte verlustig gegangen und alle politischen Bewegungen haben sich durch ihr willfähriges Arrangement mit noch jeder nach der Macht greifenden und genug Besitz/Geld auf sich versammelnden Kraft selbst entmündigt.

    Was also tun, wenn ich nicht lediglich in Zeiträumen von wenigen Jahrzehnten (oder schlimmer: der nächsten Wahlperiode oder des nächsten Bilanzjahres) denken und planen will?

    Dazu muß ich zunächst einmal versuchen, alle Rücksichtnahme auf irgend eine weltanschauliche Verortung (westlich-östlich, kapitalistisch-sozialistisch, christlich-islamisch usw.) beiseite zu schieben, denn so etwas sind lediglich Kategorien für Menschen, welche die Welt allein durch das Milchglas einer Medien-, Unterhaltungs- und Kulturindustrie sehen, deren Blickweite und -schärfe kaum ausreicht, das Papier eines Geldscheines zu durchschauen.

    Als erstes würde ich als Fixum setzen, daß mein Geld, obwohl es keinem Staat dient, doch einen Staat braucht. Geld ist nur Geld, wo jemand seine Einlösung in das Produkt gesellschaftlicher Arbeit garantiert. Diese Einlösung muß nicht real erfolgen, aber sie muß prinzipiell möglich sein. Anarchie ist also keine Lösung.

    Als zweites Fixum würde ich setzen, daß mein Geld ein Staatsvolk braucht, welches die Arbeit erledigt, ohne deren Produkte Menschen nun einmal nicht überleben können, mich eingeschlossen (Du da, mein Glas ist schon wieder leer!).

    Diese Arbeit darf aber nicht so organisiert sein, wie sie es momentan ist, sonst fehlen ihr in absehbarer Zeit die Rohstoffe, um überhaupt noch konsumierbare Produkte herzustellen, sowie die Umgebung, in der das ohne Gefahr für Leib und Leben geschehen kann. Ebenso darf sie nicht so organisiert sein, daß ich selbst (oder meine Erben) nicht mehr in der Lage bin, jenen (enormen) Teil des Produktes der Arbeit zu erhalten, über den ich bereits verfüge.

    Als drittes Fixum gilt natürlich, daß ich nicht bei Null anfangen kann, sondern bei meinen Planungen immer von einem Transformationsprozeß des bereits Bestehenden ausgehen muß, dessen Bedingungen ich also zu übernehmen und einzurechnen habe, wie ein Bauer, der einen herunter gewirtschafteten Acker neu einsät und dabei beachten muß, was für Nährstoffe noch und welche Gifte bereits im Boden stecken.

    Als letztes Fixum sehe ich die strenge Maßgabe, daß am Ende eines derartigen Transformationsprozesses ein gesellschaftlicher Zustand steht, welcher meine beherrschende Position (politisch wie ökonomisch) zumindest nicht in Frage stellt oder schmälert, sondern sie nach Möglichkeit sogar ausbaut, so daß also freiheitliche und auf sozialen Ausgleich abstellende, egalitäre Vorstellungen gar nicht erst in Frage kommen. Das Modell einer Herrschaft, welche den Beherrschten (mindestens theoretisch) die Zustimmung abkaufen will, lehne ich daher als zu unsicher und zu kostspielig ab (siehe den Abbau des Sozialstaates dort, wo dumerweise immer noch Prosperität und Fürsorge als wichtige Grundpfeiler der Legitimität angesehen werden und den Aufwand, den der Ersatz von Galionsfiguren immer wieder notwendig macht – gutes Personal kriegt man heute ja kaum noch!).

    Zusammengefaßt schwebt mir also ein autoritärer, fiskalisch nachhaltiger Staat mit einer sowohl zu Luxusproduktion wie gleichzeitig ökologisch nachhaltiger Mindestreproduktion seiner Bevölkerung fähigen Ökonomie vor, für den als Legitimationsbasis eine transzendente Sinngebung jenseits riskanter, utilitaristischer Ideen existiert, d.h. es sollte alle Herrschaft auf unfehlbare Prinzipien statt auf möglicherweise fehlerhafte Leistungen gegründet werden.

    Das ist natürlich Wunschtraum eines Despoten, eine Art von an den Unzulänglichkeiten aller nicht despotischen Staatsformen geläuterter Begriff eines Gottesstaates mit Mobilfunknetz. Jeder vernünftige Mensch wird sagen, so etwas ist im 21.Jahrhundert keine Utopie, sondern dumme, rückwärtsgewandte Schwärmerei von Unverbesserlichen. Nun hat aber eventuell ein sich für um eine Dimension vernünftiger als erstere haltender Mensch eingewandt, den Versuch wäre es zumindest wert. Solche Versuche können nicht im Labor oder als Simulation erfolgen. Vielmehr müßte ich unauffällig, zum Beispiel mit dem vielen Geld, über das ich ja der Voraussetzung nach verfüge, hier oder dort Entwicklungen unterstützen und Gruppen oder Bewegugnen sanft in die mir passende Richtung bringen oder sie vielleicht sogar initiieren, um zu schauen, was dabei heraus kommt.

    Nun bin ich überzeugt, daß nur der Idee verpflichtete Freiheitsbewegungen und die Milch zum gerinnen bringende Terrormilizen sich durch ihre Geldgeber niemals komplett gängeln lassen. Diese Leute sind in der Regel felsenfest von sich und ihren Ideen überzeugt, aber sie brauchen natürlich für jeden ihrer Schritte, sprich Flüge, jedes ihrer Refugien, sprich bewachte Villen oder Hoteletagen, für ihre schicken pick-ups mit der Kanone hinten drauf und die verdammt kostspielige Munition für das alles Unmengen an Geld. Gibt man es ihnen stets genau dann, wenn sie in etwa das vorhaben, was einem selbst in die Karten spielt, und verweigert man es ihnen, sobald sie zu weit daneben zielen, hat man schon einen gewissen Einfluß auf sie. Der kann auch mal nach hinten los gehen, klar, ich denke, der Feuerzauber des nine-eleven hat nicht nur diejenigen, die davon vorher nichts wußten, ziemlich überrascht. Aber auf lange Sicht gesehen sind selbst bärtige, bärbeißige und blutrünstige Kämpfer hübsch folgsam, kann man ihnen jederzeit den Geldhahn zudrehen. Jedenfalls solange sie sich nicht direkt in den institutionalisierten Subventionskanälen der UN eingenistet haben wie etwa die Hamas, die nur alle paar Jahre ihre Infrastruktur von den Israelis kaputt machen lassen muß (was diese immer prompt erledigen, schickt man ihnen als Aufforderung ein paar mehr Raketen hinüber als üblich), um von der UN neue Tapeten bezahlt zu bekommen.

    Könnte es also nicht sein, daß eine Gruppe wie der islamische Staat, neben all dem Getöse, Gewürge und der Barbarei, die er veranstaltet, vermutlich allein schon, damit er seine Leute bei der Stange halten kann, seine große Wucht überhaupt erst dadurch erhält, daß er eine Art aus der Portokasse bezahlter Versuchsballon ist für die Aufgabe, staatliche Strukturen nach dem Untergang des us-amerikanischen Imperiums und seiner europäischen Vasallen, nach einem peak oil und jenseits des sich als gescheitert erweisenden Modells parlamentarischer Demokratie westlicher Prägung, also die mit den Finanz-Oligarchien in den Hinterzimmern der Macht und den Sonntagsrednern vorne auf dem Podium, zu etablieren? Ein Feldversuch quasi, der alle oder doch viele der oben genannten Eigenschaften aufweist, um sich am lebenden Modell anzugucken, wie sich solche Strukturen mit den vorgefundenen Verhältnissen, mit den Vorstellungen von der eigenen Rolle und den Ansprüchen an die eigenen Privilegien vertragen?

    Was kann schließlich schon groß schief gehen? Abwürgen kann man den IS jederzeit, mit Geldentzug noch viel schneller und weit besser als mit Bomben und Granaten, im Zweifelsfall macht man beides, wobei fürs Bombardieren die US boys die ideale Besetzung sind, und zwischenzeitlich nützt er ja sogar noch sehr vielen, die gar nicht wissen, wie ihnen hier geschieht. Die Türkei kann ihren Preis hochsetzen, die Kurden irgendwie zu schützen und dafür internationale Unterstützung zu bekommen, die Kurden irgendwie doch zu unterdrücken, da dies nämlich auf die Domestizierung eines militärischen Verlierers hinaus laufen dürfte. Baschar al-Assad kann seine blutrote Weste grau waschen – wirklich weiß geht wohl kaum noch. Der Iran kann sich mit den USA ins Bett legen, na gut, eher auf die Couch zum petting, aber egal, ohne daß man mit strenggläubigen Fingern auf ihn zeigt. Der gute alte militärisch-industrielle Komplex wird noch jedes seiner sinnlosen Produkte wieder für teures Geld los wie geschnitten Brot. Der nächste Präsident der USA kann beweisen, welche Muskeln er hat, indem er neueste Präzisionswaffen in den Wüstensand feuern läßt, in welchem sich garantiert kein Mensch befindet, der sich daheim in den Medien als Opfer, dem übel mitgespielt wurde, gerieren kann. Sogar der Irak kann hoffen, als Gegenspieler zum IS sich das Mäntelchen eines ‚Unsere-Schurken-Staates‘, dafür aber immer kräftig dabei, wenn es gegen unsere Feinde geht, umzuhängen. China beweist cool und locker, indem es abseits bleibt, seine fernöstliche, schwer zu durchschauende Friedfertigkeit, und Putin schickt unbeheizte Flugzeuge mit Turboprop-Motoren, die noch richtig fliegen können, damit tapfere Europäer zu humanitären Einsätzen ins Krisengebiet kommen, wofür er dann die Fußballmeisterschaft ungestört feiern darf.

    Eindeutig eine win-win Situation – wenn man jetzt mal die direkt Beteiligten vor Ort, die ja eh niemand fragt, nicht als Spieler einrechnen will. Und daher, denke ich, sollte sie mir (als einem hypothetischen Nabob mit Weitsicht) schon die eine oder andere Milliarde wert sein. Okay, vielleicht fällt der nächste Turm zu Hause ein paar Stockwerke niedriger aus deswegen, aber Geld kommt schnell wieder rein, es ist ja eher das Problem, es rasch genug auszugeben, damit es sich nicht im Keller ballt und damit vielleicht zur nächsten Bankenkrise beiträgt.

    So, falls nun irgend jemand denkt, dieser Ausflug ins Wunderland der grimmigen Schauermärchen hätte etwas mit der Wirklichkeit (also das, was auf dem flatscreen zu sehen ist und von gut gekleideten Herren und Damen allabendlich verkündet wird) zu tun, kann (und will) ich ihr oder ihm leider nicht abhelfen. Ich versichere, daß ich nicht ein Fitzelchen von beweisbarer Information und auf keinen Fall auch nur annähernd so etwas wie das, was unter modernen Journalisten als Sachverstand gehandelt wird, hierbei angewandt habe. Alles kam ’straight from the guts‘, wie Mr. Stephen Corbett es einst Mr. George Bush so nett attestierte, denn wer das kann, der braucht keine Fakten (who needs facts if you have guts), der hat schon alles im Bauch. Daher kann ich guten Gewissen schwören, daß alles hier Gesagte die reinste, blühendste Phantasie darstellt – wenn auch keine allzu hübsche, zugegebenermaßen.

  7. Film: Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt (1997)

    wage ich zu schreiben:)
    die Wirklichkeit ist nicht zu beweisen,
    nein, nie nicht und in keinster weise.
    ich mag diese blühenden Fantasmagorischen Rundschläge, doch wirklich:)
    und „hübsch“ oder „schönheit“ liegt _immer_ in den grauen zellen hinter den augen der betrachter.

    zum Artikel selbst schreib ich lieber nix, schon seit etwas längerer Zeit habe ich meine geopolitischen interessenlage
    auf niedersachsen, im speziellen: grossraum Hannover eingegrenzt und bin froh wenn ich hier in dieser winzigen Nische dieser durch und durch von Vollpfosten durchsetzten welt wenigstens ab und an mal etwas wirklich bedeutsames real mitbekomme.

    IS? what the f.. is it?
    kenn ich nicht, mag ich nicht, ess ich nicht.
    schwabe.
    allerdings ist der tenor deiner überaus schwungvollen brandrede genau der boden auf dem sich meine internen welterkärungsbedürfnisse tummeln. meistens suche ich nach realen , mir selbst widerfahrenen Erlebnissen um daraufaufbauend eine grosswetterweltlage zu zimmern,
    eine bei der sich zwar die balken biegen ansonsten aber relativ geschmeidig mit der wirklichen wirklichwahren wirklichwahrheit umgesprungen wird.. und hab meinen klammheimlichen riesenspass an den sich daraus zwangsläufig ergebenden erkenntnissen.

    juckt es mich wirklich oder stimmt es mich nur sarkastisch, wenn nachweisbar z.B. die Renten um rd 25 % gekürzt wurden, ohne dass das „Volk“ auf die Barikaden (HAHAHAHAHAHAHAHAHAAA!!) ging um die lampen zu putzen?
    oder dass nachweisbar einige ganz wenige lobbyisten es in kürzester Zeit vollbracht haben, eine private altersvorsorge aufs verkaeufertableau zu zaubern,staatlich sanktioniert, eine AV, die in etwa 20% mehr kostet als sie letztlich den endverbrauchern nützt?
    HAHAHAHAHAHAHAHAHHHHAHAHAHAHA!

    und das ist nicht in
    afghani/timbuktisISlamistan entstanden, nein.

    hier.

    ehem. BRD.
    Deutschland.
    dem land der willigen.

    dem land dem von ganz bösen zungen früher mal nachgesagt wurde, dass der Tod ein Meister aus diesen Gefilden ist.

    manchmal fröstelt es mich ein klitzekleinwenig angesichts meiner staastgrosswetterlage, dieses Frösteln wird aber schnell wieder durch die alltäglichen machenschaften unserer ach so heiss geliebten republica eingedampft und mit völlig normalen alltagskrämpfen übertuencht.

    bin ich froh dass ich vor ca 10 -15 Jahren den fernseher aus dem Fenster geschmissen habe, dorthin wo solche gerätschaften hingehören.

    sorry, zu lang und zu unausgegoren:)

    trotzalledem gruss aus sz ingo

  8. @Susanne: wow, was für ein wildes Gedankenspiel!!! Du könntest die einschlägig in Betracht Kommenden glatt beraten! :-) Immerhin hoffe ich, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass die Superreichen derart „zukunftsorientiert“ denken und agieren. Schafft ja sonst auch niemand…

    @Ingo: echt? 25%? Hab ich so nicht mitbekommen, da ich sowieso keine Rente zu erwarten habe, die auch nur den Hartz4-Satz erreicht.
    Das TV weggeworfen zu haben nützt nichts. Was dort berichtet wird, weiß man per Internet schon einen Tag vorher…

  9. @ingo: Der Film ist einer, von dem ich nicht wußte, ob ich mehr lachen oder mehr schimpfen oder mehr weinen sollte. Zumal die Vorlage (Larry Beinhart, American Hero) aus dem Jahre 1993 stammt! Vielleicht bekommt er ja von der Familie Bush & Hinterleuten fette Lizenzgebühren. Zu gönnen wäre es ihm.

    Das mit dem Fernseher halte auch ich, wie Claudia oben schreibt, für vollkommen nutzlos, es braucht nicht einmal so etwas wie das internet. Was da heraus flimmert, schmiert dir Tag für Tag deine Umgebung aufs Butterbrot, da müßtest du schon als Eremit oder Säulenheilige(r) dich ganz dem göttlichen statt dem Telefunken hingeben. Filter bubbles funktionieren halt am besten, wenn output und input kurzgeschlossen sind.

    @Claudia: Ich fürchte, es sind mittlerweile fast nur noch ‚die Superreichen‘, welche überhaupt so etwas wie eine langfristige Zukunftsorientierung wagen können und wollen (bzw. natürlich bei dazu hinreichend Ausgebildeten in Auftrag geben). Weder der nicht zu unterbietende Horizont eines Betriebswirtes noch der grenzenlose Griff nach der Ewigkeit eines Gotteskriegers können sich Zukunft wesentlich anders denn als Residualkategorie oder prästabilisierte Harmonie vorstellen. Während jene, die sich selbst als realistische Pragmatiker feiern, Zukunft eher fürchten als planen, weil die gnadenlos alle Gummis platzen läßt, die sie um jede scharfe Kante legen, damit sie beim Weitermachen nicht so sehr stört.

    Mehr und mehr halte ich es für einen letzten, wenn auch alles andere als mir sympathischen Hoffnungsschimmer, bestimmten nur Leute, die tatsächlich etwas, und zwar sehr, sehr viel, zu verlieren haben, über die Geschicke der Welt, denn allein sie scheinen mir noch ein intrinsisches Interesse an umfassend rationalem Handeln zu hegen, das sich nicht mit dem nächsten Gewinn oder dem nächsten Almosen zufrieden gibt, sondern danach fragt, woher denn eigentlich die darauf folgenden Gewinnen kommen sollen.

  10. @susanne:)
    „Wahrtheit“ ist ewas für Weicheier.
    Handlungsfähigkeit ist eher das „Werkzeug“ der sogenannten Mächtigen. „ich kanns, also mach ichs.“ Staatsdoktin der
    usa (?). ich habe viel zu wenig Einblick in die Möglichkeiten der ganzen Schweinepriester die sich um die globalen Machtverhältnisse bemuehen, evtl ist das auch ok so.
    manchmal denk ich mir es ist besser von den ganzen umfassenden Schweinereien die international vom Stapel gelassen werden so wenig wie möglich mitzubekommen, zumindest mir beruhigt dies die hobelnde hand.

    ich weiss wirklich nicht, ob ich , -wäre ich in der lage
    ebenso wie diese machthuren zu agieren-, ebenso wie diese auftreten würde.

    und so ein klein wenig spielt wohl auch der Druck des riesigen internationalen Kapitals überall auf diesem globus eine entscheidende rolle.

    Diese billiarden von penunzepuckeln MUESSEN täglich irgendwo investiert (angelegt) werden um diesen kompletten wachstumswahnsinn im Gang zu halten. da spielen nationale , lokale bedürfnisse, politische befindlichkeiten und themporäre ansichten über notwendige Grenzverläufe lokaler Staaaten meiner Ansicht nach so gut wie gar keine tragende Rolle.

    Der Motor hinter dem ganzen Schlamassel heisst Kohle.
    Asche, Penunzepukeln- und die unersättliche Gier der darin gefangenen Personen.

    zu dem Film:)
    es ist ein Hollywoodstreifen. meiner ansicht nach ein erwähnenswerter; wenn auch alles irgendwie „möglich“ scheint, mir hat dieser Schinken geholfen darüber nachzudenken, woher mein Weltbild, speziell das der USA eigentlich stammt. zu meiner Schande muss ich gestehen,
    dass alles aus Büchern, Filmen, Internet und sonstigen zweiter-Hand-Quellen stammt. nichts selbst gesehenes. und den Grundstein legte ein gewisser Herr „karl May“, der sich erdreistete alle seine geschichten „einfach so“ aus den Fingern zu saugen.

    schon erstaunlich, wie ein in langen Jahren zurechtgezimmertes Trugbild (Old shatterhand, Easy Rider,
    Fluchtpunkt San Franzisko, Woodstock, „Die Vögel“, Martin Luther King, Onkel Toms Hütte, Tom Sawjer, Der Schlachthof,
    Al Capone, global 2001, grenzen des Wachstums, Echelon — um nur ganz ganz wenige Überschriften zu nennen) bei etwas mehr licht betrachtet wie ein kartenhaus in sich zusammenfallen kann.

    was solls, DIE sind -noch- weit weg, die paar tage die ich hier noch abzureissen habe werden schon irgendwie überstehbar sein.

    zum Fernseher:
    habt ja beide recht (claudia und du) aber mir hilfts. :)
    zumindest als illusion einer gewissen eigenbestimmten geschichtsbetrachtung „meiner welt“.

    @claudia:
    ja, die 25% dürften hinkommen. die Einführung der Rentenbesteuerung (Krankenkassenbeiträge auf Renten)
    mach einen grossen Teil davon, Rentenanpassungen und Inflationsverluste den Rest. im Detail wärs interessant die damaligen Agendas mal genauer unter die lupe zu nehmen
    SPD-regierung–> einführung der privaten altersvorsorge
    und wie das genau war mit Norbert Blüm, dem oft gescholtenen. (genau der Norbert, der heutzutage in Satiresendungen auftritt, seltsam zufrieden lächelt angesichts der stehenden Publikumsovationen und geradeheraus
    der Menge „das ist beschiss“ ins gesicht sagt.

    immerhin sollte der ja noch wissen wovon die Rede ist.:)

    seis drum.
    gruss sus sz
    ingo

  11. Hier schnell ein link zu einem einem vielleicht ganz gut in den Zusammenhang passenden Artikel aus dem Guardian von heute: The Western Model Is Broken

  12. Danke Susanne! Das war meine Morgenlektüre – Absatz für Abstz mit dem Google Translater und Wort-spezifisch mit dem LEO-Wörterbuch. Ein sehr spannender und (für alle, die noch an westlich bestimmten Fortschritt glauben) sehr desillusionierender Artikel.

    Dass das „westliche Modell“ verschissen hat, zeigt auch drastisch das folgende Video, in dem Kakao-Bauern gezeigt werden, die zum erstem Mal im Leben Schokolade probieren:

    http://www.barcoo.com/news/kakaobauer-probiert-schokolade-zum-ersten-mal-im-leben

    Sie wussten gar nicht, was die Weißen aus den Bohnen machen. Schokolade kostet dort 2 Euro die Tafel, wogegen der gezeigte Bauer 7 Euro/Tag verdient und damit 15 Familienmitglieder und 4 Mitarbeiter versorgen muss.

    Es braucht viel mehr ein neues Handelsabkommen mit Afrika anstatt eines TTIP!

  13. Aus dem von Susanne verlinkten Artikel:

    „Recklessly exported worldwide even today, the west’s successful formulas have continued to cause much invisible suffering. What may have been the right fit for 19th-century colonialists in countries with endless resources cannot secure a stable future for India, China, and other late arrivals to the modern world, which can only colonise their own territories and uproot their own indigenous peoples in the search for valuable commodities and resources.“

    Und so geht das ab, gestern zum Beispiel:

    http://finanzmarktwelt.de/china-toetliche-folgen-einer-krise-5625/

  14. Und nochmal ein ganz anderer Blickwinkel in Form einer Laudatio auf einen echten jüdischen Kosmopoliten (via JensBest.)

    Sinn und Wahnsinn der Moderne

    Zitat:

    „Diese in Gewaltexzessen sich überall ankündigende Renaissance der Gesellschaftsgeschichte macht den unglaublichen Optimismus der eingespielten Gesellschaftstheorien und der gängigen Kulturkritik sichtbar: Schön wär’s, wenn die von Max Weber finster versprochene, bürokratische Kontrollrationalität noch kontrollieren würde; schön wär’s, wenn, wie Adorno und Foucault vorhersagten, uns nur der Terror des Konsums und des Humanismus terrorisieren würden; schön wär’s, wenn die Störungsfreiheit der Systeme durch Appelle an die „Autopoiesis“ wiederherstellbar wäre. Schön wär’s, wenn es sich tatsächlich nur um eine Krise der Moderne handelte, die sich besänftigen ließe mit den liturgischen Formeln: mehr Markt, mehr Technologien, mehr funktionale Differenzierung, mehr rational choice, mehr Wachstum, mehr Waffen, mehr Drohnen, mehr Computer, mehr Internet und so weiter. „

Was sagst Du dazu?

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