Claudia am 11. März 2014 —

Wohin verschwindet die Zärtlichkeit?

„Frauen sind wertvoll für die Welt, denn sie sind zärtlich, fürsorglich, geduldig und gefühlvoll. Danke dafür & schönen Frauentag!“

Für „Dodo“ ist so ein Satz Murks, genau wie „80% rosa/pastellfarbener Kitsch…und ähnlicher Kackscheiß“, der Frauen zum internationalen Frauentag zugemutet wird. Ihr Kommentar steht unter dem kritischen Blogpost „Flower Power“ im Mädchenblog, in dem es heißt:

Der heutige Tag soll verdeutlichen wie weit der Weg zur gleichberechtigten Gesellschaft noch ist und wie nötig es ist, dass sich deshalb Frauen* empowern und alle mit ihnen kämpfen. Doch was wird stattdessen getan? Wir feiern diesen Tag indem wir sie darauf reduzieren, was doch eigentlich hinterfragt werden soll. Indem wir den Sexismus reproduzieren, der doch überwunden werden soll. Indem wir ein Bild von Frausein als das scheinbar einzige „feiern“, obwohl es doch nur eine Möglichkeit von unzähligen ist. Indem wir eine Weiblichkeit feiern, ohne uns im Klaren darüber zu sein, dass diese überhaupt keinen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat.

Man darf also nur feiern, was einen HOHEN STELLENWERT in der Gesellschaft hat? Also etwa die starke, ganztags berufstätige Frau, die niemals schwächelt, keine „femininen“ Gefühlsregungen zeigt und das mit den Kindern und der Familie im Hintergrund so hinbekommt, dass das geschäftige Getriebe niemals gestört wird?

Mir ist das Anliegen von Dodo und der „Schirmherrin“ durchaus klar und ich finde ihre Kritik im feministischen Kontext auch sehr nachvollziehbar und berechtigt. Auf Frauen wurden und werden Aspekte projiziert, die nur einen Teil des Mensch-Seins ausmachen: Emotionalität, Fürsorglichkeit, Sensibilität, Spontaneität, Zärtlichkeit, Harmoniestreben, Friedlichkeit – und wenn man sagt, eine Frau sei im Alter „jung geblieben“, dann ist oft damit gemeint, dass „das Mädchen in ihr“ noch immer gelegentlich spürbar ist. Das MÄDCHEN – nicht die erwachsene Frau. Zum Set der Erwartungen an die Weiblichkeit gehört also auch eine gewisse Kindlichkeit, zumindest das unerwachsene, spielerische Verhalten von Teenys.

Das traditionelle Geschlechterverhältnis gab diesen Projektionen 100% Raum durch die klare Trennung der Rollen: Frau sorgt für ein gemütliches Heim, kümmert sich um die Kinder und bietet dem Mann, der ermüdet von der Arbeit in der Welt da draußen nachhause kommt, ein optimales Erholungsumfeld.

Seit den 70gern ist, wie wir alle wissen und gewiss nicht bedauern, dieses Modell im Schwinden begriffen und heute in dieser Reinform kaum mehr anzutreffen. Frauen erkämpften sich den Auszug aus der traditionellen Rolle, eroberten die Berufswelt und können heute – im Prinzip – alles werden, was auch Männer werden können. Allerdings nur dann, wenn sie das mit dem Kinder-kriegen gleich ganz lassen (wie ich), oder es „irgendwie“ gebacken bekommen, ihre jeweilige Arbeit – sei es Beruf oder Berufung – mit ihrem Mutter-Sein zu vereinbaren.

Dass es dabei außerordentlich knirscht, muss ich sicher nicht weiter ausführen. Thema dieses Beitrags ist jedoch nicht nur die „mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, von der sich heute auch immer mehr Männer, die gerne gute Väter sein wollen, betroffen fühlen. Sondern die Frage: Wohin verschwindet die Zärtlichkeit? Wo ist in unserer heutigen, durchökonomisierten Welt noch Platz für spontane Gefühle, für spielerisches (=“kindliches“) Verhalten, für die schlichte Freude am Dasein, für Harmonie und friedliches, zweckfreies Miteinander? Also für all das, was früher „von Frauen geliefert“ und erwartet wurde – und für das man sich mit Blumen zum Muttertag (West) bzw. zum Frauentag (Ost) bedankte?

Wenn heute Frauen für „ehemals weiblich konnotierte“ Eigenschaften gelobt werden, nennt das die Feministin „positive Diskriminierung“. Und sorgt so dafür, dass Männer zumindest Frauen keine Türen mehr aufhalten, keine Blumen mehr schenken und schon gar keine „sexistischen“ Komplimente mehr machen. Gut so?

Wer bleibt eigentlich in dieser Situation übrig als mögliche Projektionsfläche für die Sehnsucht nach jenen Lebensaspekten, die früher von Frauen erwartet und ermöglicht wurden? Hier lasse ich die Leser/innen lieber alleine weiter denken und frage weniger brisant: Wo und wie soll sich das erfolgreiche, gefühlt autarke Individuum vom Stress der verdichteten und flexibilisierten Arbeit erholen – physisch und psychisch?

Natürlich im Konsum! „Weil ich es mir wert bin“ soll ich dies und das kaufen, in der Hoffnung, durch den Kaufakt etwas wieder zu gewinnen, was diese Gesellschaft aus dem realen Leben zunehmend verbannt. Und es gibt ja noch Wellness: baden, entspannen, saunieren, streicheln, massieren, sinnliches genießen und jede Menge Zuwendung – vermittelt von Dienstleistern und Dienstleisterinnen für alle, die es sich leisten können.

Das werden allerdings immer weniger, die „Care-Krise“ kann nicht kapitalistisch gelöst werden. Ein Dilemma, zu dem mir jetzt auch nichts Konkretes einfällt. Allenfalls die Hoffnung auf widerständige Frauen und Männer, die keine Lust haben, ihr Leben vollständig dem „Hamsterrad“ unterzuordnen, das sich immer schneller dreht, auf dass das Kapital sich rentiere.

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Diskussion

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28 Kommentare zu „Wohin verschwindet die Zärtlichkeit?“.

  1. Zunächst einmal finde ich es schön,Menschen als Mann väterliche und fürsorgliche Anteile zukommen lassen zu können. Es heißt ja zudem auch in einem bekannten Satz: Behandele Dich selbst so, wie es ein Vater seinem Sohn gegenüber tun würde: Geduldig, rücksichtsvoll, bejahend, verstehend, achtsam.
    Wenn dies positive „väterliche“ Anteile sind, wieso sollten Frauen nicht auch sogennante „weibliche“ Tugenden anstreben oder hochhalten? Sie wären ja nicht darauf reduziert!

    Ich habe mich jedenfalls immer gefreut, wenn ich jemandem uneigennützig und väterlich zu Hilfe kommen konnte. Es bestätigte mich, ich war wirksam und beförderte jemand! Ich hatte die Wahl, jemand gut zu tun oder es zu lassen!
    In unserer Welt braucht es solche Tugenden. Und sie muß es oft und häufig geben.

  2. Der Tatort „Todesbrücke“ mit Ritter & Stark, der gestern im RBB wiederholt wurde, zeigt z.B. sehr intensiv, wie leidenschaftlich Männer Väter sein können – im Guten wie im Schlechten (=bis hin zum Mord). Beeindruckend!

    Die väterlich-fürsorglichen Aspekte müssten mehr in den Medien und in der Werbung vorkommen – aber auch verstärkt gelebt werden, wozu eben auch eine Veränderung der Arbeitswelt gehört. Es ist ja schon irre, dass junge Menschen sich in Werbeagenturen z.B. regelrecht krank arbeiten, damit irgend eine Gesichtscreme ein neues Image bekommt. Was hat denn DAS für eine Relevanz, verglichen mit den wirklich berührenden Aspekten des Lebens: Liebe, Beziehung, Eltern sein…

  3. liebe claudia,

    ich würde mich zwar eher von einer horde elefanten zertrampeln lassen, als einen berliner tatort zu gucken, aber … was DAS für eine relevanz haben sollte, das weiss ich auch nicht.

    wir haben gestern „die akte grant“ geguckt mit & von (?) robert redford, in dem es um „weathermen“ ging, die nach einigen jahrzehnten aus der versenkung auftauchen … und das hat mich noch mal an die differenz zwischen diesen jungen, ziemlich verwirrten menschen, die einen aufstand im puppenhaus anzetteln … und gar nicht mehr merken, daß es ein puppenhaus ist … und den dingen, die uns mal vor vier jahrzehnten auf die barrikaden brachten, erinnert.

    die können mir erzählen, was sie wollen, das was die da treiben mit ihrer vernarrtheit in den „kackscheiss“, das ist für das konkurrenzding, das ihre welt offensichtlich bis ins detail prägt, komplett affirmativ – sie bestätigen das IST und ich will mir gar nicht erst vorstellen, wovon sie _träumen_.

    sag ich mal so „als frau im haus“ ;-)

    ich möchte ehrlich gesagt nicht mehr jung sein, wenn ich mit diesen _mädchen_ groß werden müsste. naja, als frau andererseits hat man es heute ja auch mit „diesen jungs“ zu tun.

    ein trauerspiel …

  4. apropos „kackscheiss“ und der kommentar von fefe dazu. drauf gebracht hat mich der erblogger

    hihi, kurzer text, drei links ;-)

    und, apropos „hamsterrad“: rasender stillstand, die swr2 aula vom sonntag, dem man nur mit hagen rether’s „rastlos“ von der neuen kontern kann …

    ein lob auf das sich langweilen …

  5. Claudia, hin und wieder würde ich schon gerne spüren, wie es ist, wenn mir nachgeschaut wird.

    „Tall and tan and young and lovely the girl from Ipanema goes walking….“

    Ich frage mich, was würde ich machen, hätte ich all ‘diese Möglichkeiten, die für Frauen so selbstverständlich sind. Welche Schuhe und Strümpfe würde ich aus den tausend Varianten heute wählen, welches Make-up in welche Farben, Frisur, Kleid, Bluse, Ohrringe, Nagellack, Dekolletee, Brille, Handtasche,…..

    Wir Männer haben dieses Repertoire nie gelernt und laufen demzufolge meist nur in Jeans, Anzügen oder Birkenstock rum, wenn sie nicht gerade mal Glööckler heißen. Allein zwischen diesen beiden Stylen liegen – Welten.

    Aber interessant wird es doch erst wenn ich mich zu der Frage begebe, was trennt uns und was eint uns? Willst du denn eine gleiche 1:1 Welt? Unterschiede können als Diskriminierung oder gegenseitige sinnvolle Ergänzung angedacht werden. Das Dodo sich in ihrer Umwelt als beschenktes Blumenweiblein nicht wohl fühlt, kann ich nachvollziehen. Aber warum das bei ihr so ist, weiß ich nicht. Input = Output? Ursache – Wirkung? Mann – Frau????

    Nun gut, ich kann nicht alle Probleme dieser Welt lösen :)

    Ich jedenfalls, kann nicht von mir sagen, das weder in Generations- noch Geschlechterfragen alles rund läuft und eitler Sonnenschein ist. Aber in dieser Form der Klärung, wie es Dodo versucht, ginge ich lieber allein als Eremit in den Wald. Das brauche ich zum Glück nicht – es gibt ja noch das digital diary.

    (Und bald ja auch in neuem Gewand. Wie Frauen halt so sind. Wunderbar. :)

  6. menachem,

    [..] hin und wieder würde ich schon gerne spüren,
    [..] wie es ist, wenn mir nachgeschaut wird.

    also, wie _das_ ist, weiss ich genau, wenn ich mal wieder in meinen riesen-batik-schlabberhosen durch die geschäfte schlurfe und die hinter mir denken „oh g*tt, was ist das denn für einer? hat er keine jeans?“

    doch, aber diese dinger sind einfach so ausgeflippt und bequem … und erinnern mich an den kenianer auf dem markt in südfrankreich, bei dem ich sie gekauft habe.

    nur das da, das bodenlange, das traue ich mich nur zuhause ;-)

    selten. mmaw bekommt immer lachanfälle …

  7. Hey, hardy, da gibt es ja tatsächlich ein Bild zu :)

    Ups,… ich könnte mir vorstellen, das sich die Leute wirklich danach rumdrehen.

  8. @Hardy: das „Bodenlange“ und auch die Schlabberhosen find ich super! Bin schon lange der Meinung, Männer sollten sich Kleider erobern – die Saudis wirken in ihrem Kutten doch auch nicht „unmännlich“!

  9. @Menachem:

    „Willst du denn eine gleiche 1:1 Welt?“

    Hab ich irgendwo Anlass gegeben, zu denken, dass ich mir das wünsche? Ganz im Gegenteil ist der Tenor des Artikels doch eher zu Gunsten des Erhalts bzw. für die Akzeptanz „tradierten Verhaltens“ wie etwa Tür-Aufhalten, Blumen-schenken etc.

    „(Und bald ja auch in neuem Gewand. Wie Frauen halt so sind. Wunderbar. :)“

    Wie du ja sehen konntest, wird es wunschgemäß dem bisherigen maximal ähnlich sein. Selber bin ich auch was „Gewänder“ angeht im Sinne „typischer Weiblichkeit“ schon lebenslänglich Totalversagerin. Ich trage durchweg T-Shirt/Sweat-Shirt und Jeans (zuhause Leggins) – vornehmlich schwarz. Einen Ganzkörper-Spiegel besitze ich nicht mal. Mein Interesse am Äußeren ist recht begrenzt und beschränkt sich darauf, nicht negativ auffallen zu wollen. Für mich war und ist es unvorstellbar, Stunden für Schminken, Klamotten probieren und „shoppen“ aufzuwenden.

    Insgesamt eine Haltung, die im übrigen – anders als man evtl. denken könnte – noch nie zu einem „Männermangel“ geführt hat.

    In jungen Jahren fand ich es auch NICHT besonders toll, wenn „mir nachgeschaut“ wurde. Sie meinten ja nicht „mich“, sondern nur meine jugendliche Oberfläche… so hab ich das damals jedenfalls gesehen und eher kritisiert als begrüßt.

  10. ich mal wieder mit einem halbstündigen podcast, aver ich denke, der hat dich nach einer minute ;-)

    Sex ist ein Allesfresser Neue Bücher über Sexualität, Lust und Liebe

    alles, was wir wissen, ist falsch, falsch, falsch ;-)

    es ist nur “tradiertes Verhalten” und frauen tendieren offensichtlich dazu, sich was vorzumachen … aber das messgerät ist unbarmherzig …

    das sind sooooo nervensägen, diese wissenschaftler.

    [..] ganzkörperspiegel

    zeigt mir sowieso nicht, was in meinem kopf ist, ist also überflüsig ;-)

  11. menachem,

    das „bodenlange“ trage ich nie ausser haus, aber grundsätzlich gebatikte oder bunte schlabberhosen. und yep, auch wenn man denkt, die leute halten heute eine menge aus, in trier/bitburg ist man da eher „traditionell“ gestimmt ;-)

  12. @Hardy: das ist doch einfach nur die übliche Hybris der Wissenschaftler, die meinen, ihre Messwerte würden mehr „Wahrheit“ dingfest machen als das, was Menschen fühlen und von sich berichten.

    Aus dem Feuchtwerden der Vagina zu schließen, damit die „wahre Lust der Frau“ beweisen zu können, hat als vermeintlich gültiges „Mem“ schon häufig Opfer sexueller Gewalt schwer verunsichert und sie in Verzweiflung gestürzt. Es ist einfach nicht wahr, dass diese physische Reaktion tatsächlich etwas über das reale Empfinden einer Person aussagt. Das Feuchtwerden passiert u.U. bei sehr unterschiedlichen Erregungen, die wahrlich nicht immer angenehm oder gar geil sein müssen. (Und wenn ich mir vorstelle, in einer Testsituation auch gleich noch „drüber schreiben“ zu sollen, was ich empfinde, wundert mich eh nicht, dass die alle „physisch erregt“ wurden.)

    Im übrigen hat mir nicht nur ein Mann in meinem schon langen Leben in Beziehungen gesagt, ich solle mich von der Vorstellung frei machen, eine Erektion bedeute immer auch Lust – oder ihre Abwesenheit „keine Lust“.

    Ansonsten gehe ich davon aus, dass wir im Grunde polymorph perverse Wesen sind, wie Freud das nannte. Fähig, so ziemlich querbeet auf alles sexuell abzufahren (man denke nur an den armen Typen, der auf Hackfleisch steht, sich aber nur selten soviel leisten kann, sich drin zu wälzen.. der hat mal bei Domian angerufen!).

    Gut an dem Feature finde ich im hinteren Teil die „Nutzung“ dieser sog. wissenschaftlichen Befunde zur Ermunterung der Frau, sich (und der Welt) doch einzugestehen, dass sie evtl. MEHR will als immer nur den einen.. :-) Aber das hatten wir ja schon mal und ich finde es deprimierend, dass das schon wieder neu entdeckt und promoted werden muss!

    Es ist ja nicht der Sex bzw. das Begehren selbst, das problematisch wäre, sondern unsere Kultur der Paarbeziehungen, auf die wir die „Erlaubnis zur Lust“ beschränken. Zu messen und zu beweisen, dass Lust ein weit breiteres Spektrum der Möglichkeiten bespielen kann, hilft da kaum weiter.

    Tja, du hast mich zum Plaudern und Abschweifen verführt… mit Sex hatte mein Artikel eigentlich gar nichts am Hut! :-)

  13. claudia, du wirst lachen …

    aber die story mit dem metmann erzähle ich auch nur zu gerne, ich glaube, das war das einzige mal, daß ich domian geguckt habe …

    ansonsten war das ja kein feature in dem sinne (obwohl technisch gesehen an einem sendeplatz für features) sondern eine sendung über bücher. und, naja, die erkenntnis, daß frauen da eher als ergebnis von erziehung als als ergebnis von „natur“ reagieren, die finde ich schon bemerkenswert.

    [..] deprimierend, dass das schon wieder
    [..] neu entdeckt und promoted werden muss!

    ich denke eh, daß das größte problem das vergessen von bereits erkanntem ist. die folgegenerationen sind nie interessiert an dem, was die vorangegangene verstanden hat und besteht partout darauf, alle selbst machen zu müssen …

    plaudern, abschweifen … wie schön ;-)

  14. Plaudertasche …ist schon ein problem, nicht beim thread zu bleiben. Klar kann man vorzueglivh ueber 1000 dinge reden, aber ich liebe es eher am thema zu bleiben. Schliesslich laesst man sich ein, graebt bei sich nach und dann gehts ueber etwas voellig anderes.

  15. gerhard,

    [ich hoffe der „richtige“ und nicht schon wieder der „falsche“ ;-)]

    ich dachte, claudia habe dich da oben schon zur genüge bestätigt und da du sie nicht „in die mangel“ genommen hast, hat sich halt jeder-„mann“/frau das recht heraus genommen, die aspekte des themas zu betonen, die ihm gerade an am herzen lagen.

    wie das dann so ist, es kommt eins zum anderen, und da von uns nun leider niemand eine wirklich gute antwort auf die frage hat, wo denn nur die ganze zärtlichkeit hin ist, landen wir halt am ende bei messgeräten, die die feuchtigkeit messen, wenn frauen filme gucken, in denen tiere sex haben.

    oder gestandene männer wie menachem und ich geben tipps in sachen kleider.

    oder geraten ins plaudern und abschweifen.

    es müsste so etwas geben wie einen hauswart, der bei jeder abweichung vom thema einen roten knopf drücken kann, der dieses ganze geplaudere in den orkus spült.

    oops, den gibt es ja, die claudia. und diese alte „plaudertasche“ hält sich nicht an ihr eigenes thema? wo ist bloß die gute alte ordnung geblieben???

    wie auch immer: das leben, gespräche, das miteinander ganz allgemein sind nun einmal „unordentlich“ und es gibt fragen, auf die habe (achtung!) nicht einmal ich eine antwort.

    ich weiss nämlich nicht, ob die zärtlichkeit verschwunden ist. ich sehe zwar einen haufen dampfplauderer da draussen, kleine mädchen, die mit 17 ganz genau wissen, was zu tun wäre, damit die welt ein besserer ort wäre und am liebsten allen vorschreiben würden, wie sie was zu halten haben. was irgendwie witzig ist, weil sie ihr weltbild aus einer lustigen kombi aus „bibi bloxberg“, „shades of grey“, „bis(s) zum morgengrauen“ etc bezogen, es mit einer gehörigen portion alice schwarzer grundiert, dann mit einer ebenso gehörigen portion simone de beauvoir lackiert haben und sich nun weigern, glücklich zu sein.

    und typen schon schon mal per se das recht absprechen, in einer hilflosen geste so etwas wie zärtlichkeit ausdrücken zu lassen (ich hoffe, claudia, ich habe das dilemma halbwegs erfasst).

    über die ganzen dummen jungs da draussen, die ihr weltbild aus einer ebenso abstrusen mischung von egoshootern, den weisheiten ihrer hubschraubernden alleinerziehenden mamas, ein paar knackigen horrorfilmen und den wichsvorlagen via youporn bezogen haben, will ich mich gar nicht mal groß auslassen, die sind ja unüberhörbar, wenn sie durch die foren trollen.

    mein problem: ich kenne eigentlich nur diesen typus süßer junge, die all diesen schwachsinn mit kopfschütteln quittieren würden, und die mädels, die ich so kenne, sind auch eher dieser typus selbstständig und ohne brett vor’m kopp.

    wir müssten uns also zuerst einmal darauf verständigen, wer hier den maßstab gibt. oder darauf, ob die von uns „uneigennützig und väterlich“ hilfe wollen, oder … hatte ich das nicht da oben gesagt? … lieber ihre eigenen fehler … und die gründlichst … machen müssen und wir ihnen nicht wie vollidioten vorkommen, die keine ahnung haben, worum es eigentlich geht.

    meine (wirklich) guten ratschläge erreichen per se nur erwachsene. gerade habe ich mit meinem blutbruder gefeiert, daß er einen solchen annahm und jetzt habe ich lebenstechnisch zwei personen auf dem „haben“ konto, no 1 hatte früher nur bücher über die reparatur von vw-bussen an sich herangelassen, liess sich dan auf „cosmic trigger!“ von ra. wilson ein und … lange rede kurzer sinn … sitzt heute für die grünen in einem stadtparlament einer ostfriesischen stadt und betritt buchhandlungen wie restaurants – mit wasser, das im munde zusammenläuft. brad wiederum wird demnächst eine umschulung zum poduktdesigner machen. ich bin sehr stolz auf uns zwei.

    da ist sehr viel zärtlichkeit unter/zwischen uns. mmaw und ich werden am dienstag unseren 15ten bzw. 14ten (kennenlernen, heiraten) feiern und auch da ist immer noch viel zärtlichkeit im umgang, halt die ganzen kleinen dinge und berührungen, wenn ich zb. mal wieder einen granatapfel in 10 minuten sachgerecht zerlegt habe und sie ihn in 2 minuten weggeputzt hat. ;-)

    halt die „normalen“ dinge, die so passieren und die ich jetzt nur erzählt habe, falls du dachtest, irgendjemand habe hier das thema vergessen. nicht doch, es scheint aber allgemein so etwas wie ratlosigkeit zu herrschen, ob und wie schlecht es um die zärtlichkeit allgemein bestellt ist, weil die welt am ehesten zu uns durchdringt, wenn sie laut, rauh und blutig ist.

    ich müsste jetzt, der vollständigkeit meiner ausufernden überlegungen willen, noch unbedingt miiich erwähnen, meine zärtlichkeitssüchtige katze, die ausufernd zu streicheln in mir einen zustand tiefster meditation und glücks erzeugt.

    ist die zärtlichkeit verschwunden?

    ach was, ganz so tot kann sie nicht sein, die zärtlichkeit, die ich übrigens für eine sehr weibliche eigenschaft halte

    [g*ttseidank liest das keine von diesen weiblichen terminatoren da draussen und claudia wird mir jetzt auch keinen vortrag darüber halten, daß das ja wohl ausser dienst gestellte klischees seien … sie kommt ja aus der selben zeit und gedankenwelt wie ich und geniesst es hoffentlich, ein paar merkmale zu haben, die sie positiv vom damals noch als typisch männlich empfundenen eigenschaften unterscheidet]

    so, hoffentlich wieder ganz ganz ganz dicht dran am thema, schlage ich vor, du erzählst jetzt mal, wie es jenseits deiner als „väterlich“ empfundenen postiven eigenschaften mit deinen „weiblichen“ qualitäten aussieht (photos der kleider, die du so trägst, werden erfreut zur kenntnis genommen), zu denen sich menachem und ich uns ausführlichst und ausschweifend bekannt haben ;-)

    [..] ich liebe es eher am thema zu bleiben

    und nun zurück zu den franzosen bei „chez les pap’s“ (nein nicht „papas“, sondern „papillons“, so viel zärtlichkeit muss sein), die ich gerade in sachen deutscher schlager, warum das im grunde nazistoff ist und warum drafi deutscher so gnadenlos vernichtet wurde, „erleuchte“, nachdem ich bei ben schon eine attacke gegen dietrich diedrichsen geritten habe ;-)

    themen über themen über themen …

    wie soll man da bei _einem_ bleiben?

    liebe grüße in den sonntag!

    ach ja, ich hoffe, es waren genug smileys im kommentar.

  16. ps: claudia,

    sorry, daß ich nicht so ausschweifend auf _deine_ reply eingegangen bin, aber – bis auf die einschätzung, daß jetzt mal wieder oberschlaue wissenschaftler … die die rezensentin ja explizit _nicht_ teilt – ich teile das gros deiner gedanken natürlich. ich denke, diese neuen arbeiten zielen darauf ab, das „polymorph perverse“ der „normalität“ ein stück näher zu bringen.

    ich glaube, du verstehst da die intention miss – es geht ja nicht um eine „gib zu, daß du es auch willst“. eher um ein „verstehe, daß vieles von dem, von dem du denkst, du denkst es, nur ein erziehungskonstrukt ist“.

    frauen wollen/dürfen ja keine „schlampen“ sein und sehen das in der regel als ein sie vor dem mutwillen der männer schützende positive haltung … laß die männer aussen vor und schon wird es zu einem gefängnis.

    das ende, das dir gut gefallen hat, bezieht sich ja auf den anfang der sendung …

    mir fiel dazu übrigens spontan shere hite ein. auch chon 40 jahre her …

  17. Naja, hardy, mit meinen-vorgeblich..und vergeblich-ausgfeilten saetzen zuuum thread komme ich natuerlich nicht gegen den wasserfall an, einem wasserfall, der alles moegliche mit sich traegt..und jede sekunde etwas „anderes“ nach oben spuelt. Ich mache mir kopfgedanken, gebaere ein paar duerre saetze, die dennoch momentscharakter haben..kann damit nicht anstinken gegen den wortschwall des geuebten redners.
    Du fragst mich nach weiblichen anteilen? Wenn das weiblich ist und waere, dann meine begeisterung fuer kunst. Meinen sinn fuer schoenes. Oder mich in einer tanzgruppe mit nur frauen vorzufinden, die rituell den fruehling betanzen. Dann:gefallen zu wollen. Ich sah lange jahre viel juenger aus als ich war. Das spielerische, leichte..ist das jetzt auch noch weiblich??? Freude an eric rohmer filmen, ist das auch weiblich?
    Benutze hier ein tablet, bin dein echter gerhard, hardy.

  18. @Gerhard, @Hardy. @alle noch Mitlesenden:

    Ja, es stimmt, ich dulde hier Abschweifungen, weise aber doch gelegentlich darauf hin.

    Vermutlich hab ich das Thema, das mich bewegte, selber zu sehr verschwafelt. Schon durch die Überschrift (Zärtlichkeit…), die für sich genommen keinen Rückschluss auf den Inhalt zulässt, sondern 1000 Assoziationen Raum gibt.

    Und durch den Stopp nach diesem Satz: „Wer bleibt eigentlich in dieser Situation übrig als mögliche Projektionsfläche für die Sehnsucht nach jenen Lebensaspekten, die früher von Frauen erwartet und ermöglicht wurden? Hier lasse ich die Leser/innen lieber alleine weiter denken…“

    Es ging mir weniger darum, ob Individuen noch Zärtlichkeit (oder gar sexuelle Erregung) erleben, sondern darum, dass die kollektive Zuschreibung (!) eines ganzesn SETS von Eigenschaften, Befindlichkeiten, Erlebnisweisen, das früher mit dem Weiblichen verbunden war, nun quasi ohne Adressat ist.

    Ich war dann definitiv zu feige, explizit hinzuschreiben, dass die einzig verbleibenden „Träger“ dieser menschlichen Aspekte doch wohl die Kinder sind. Die dann auch – glaubt man der medialen Berichterstattung der letzten 2 Jahrzehnte – tatsächlich deutlich mehr zum „Objekt der Begierde“ geworden sind als je zuvor.

    Eine Gesellschaft, die nurmehr das Olympia-reife Vollzeit-„hart-arbeitende“, gleichzeitig verrückterweise weitgehend autonom gedachte Individuum als Leitbild aller Geschlechter* kennt, ist definitiv KRANK!!! (Und „KiPo“ ist ein krasses Symptom dieser Krankheit).

    Die Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Bewertung von Menschen ausschließlich entlang ihres Stellenwerts auf „Märkten“ lässt immer weniger Raum für andere, sehr menschliche Werte. „Coolness“ ist angesagt, nicht Zärtlichkeit…

    Dass man zu dieser Klage aufgrund allgemeiner Machtlosigkeit und Alternativlosigkeit kaum etwas sagen kann, ist der Grund, warum ich dann mit Euch auch gerne abschweife. Macht ja nicht wirklich Spass, diese Gedanken fortzuspinnen…

  19. Claudia, mir fiel gestern, ganz unabhaengig von deinem artikel, ueberraschend oswald kolle ein, der im tv fast immer und notorisch „zaertlichkeit“ beschwor. Nun war das auf den bereich sexualitaet bezogen, aber hat dieser ruf uns nicht auch etwas zu unserer zeit zu sagen ?? Dieser gedanke an kolle mit seinen beschwoerenden haenden, der kam mir gestern einfach so vorbei.
    Das menschliche, das hat m.e. definitiv an boden verloren. Es ist mittlerweile etwas besonderes, wenn man spontan hilft. Wenn jemand hinfaellt, ihm spontan aufhelfen. Sich um den nachbarn kuemmern. Die meisten in einem reihenhaus wissen garnicht, mit wem sie zusammenwohnen. Wollen es auch nicht wissen.
    Wir alten jetzt, wir lernten, das es gut sei, zu hoeren, was opa zu erzaehlen hat. Jetzt denkt man doch eher, dass da nichts besonderes zu erwarten sei.
    Usf

  20. An meinen Opa hab ich fast nur die Erinnerung an seine zärtliche Hand: so weich, trocken, faltig… sehr angenehm, dass sie meine Hand hielt, während wir auf den alten Friedhof spazieren gingen..

    Was das helfen angeht: Schon allein das Pakete annehmen für Nachbarn scheint heute vielen suspekt! Ich weiß nicht mehr in welchem Blog kürzlich die Frage gestellt wurde, ob man das machen würde – und sogleich gab es heftige Ablehnung: bloß nicht! Was da nicht alles passieren kann.. und überhaupt, wer haftet? Etc. usw. – kann man ähnlich fortwährend im Netz lesen.

    Gleichzeitig schreitet die Entsolidiarisierung mit Riesenschritten voran: Warum soll man als Krankenkassenmitglied für Rauchende, Extremsport-Treibende, zu viel Essende, Menschen die ihre mehr-kostenden behinderten Kinder nicht abtreiben mitbezahlen? Unverschämtheit!

    Dank Internet kann man nun täglich all dieses Geseiere unsäglich dummer und egozentrischer Mitmenschen mitlesen. Wie soll man es schaffen, da nicht zur Misanthropin zu werden?

    Mal eben ein Auto von einem Freund zu leihen, geht auch schon lange nicht mehr. Denn locker haben alle die „günstigeren Tarife“ der Versicherungen akzeptiert – zusammen mit der Vorgabe, den Wagen dann nurmehr selber zu fahren.

    Seufz…

  21. Danke claudia. Ich denke, das fatale ist: man entwickelt sich selbst dahin oder hat es laengst getan.
    Ein fanal dieser entwicklung war ja sozusagen solln oder die ubahnschlaegereien um diese zeit. Es kann also sein, dass du angegriffen wirst und niemand hilft. Weil keiner hinguckt. Weil er nicht reingezogen werden will..und auf dem sprung ist.
    Jeder ist sich selbst der naechste. Als beispiel so ein bierstand bei einem musikfestival. Obwohl ich mittig anstehe, draengen sich fast 1o leute vor, obwohl mich sehend. Ich hatte mal hier die probe aufs exempel gemacht. Irgendwann musst du aber dann aktiv werden und sagen: jetzt bin aber ich dran.

  22. @claudia

    [..] das früher mit dem Weiblichen verbunden war,
    [..] nun quasi ohne Adressat ist.

    da kann ich dir nur ganz energisch widersprechen. normalerweise bin ich ja derjenige, dem mmaw ein bißchen weltfremdheit andichtet, aaaaber: wie gesagt, die jungs, die ich so als freunde meiner töchter kennenlerne, die werden gute papas, die sind einfühl- und aufmerksam.

    wir sollten uns nicht vom lärmigen ton der selbsternannten hüter irgendwelcher eindeutigen wahrheiten einschüchtern oder verwirren lassen, es ist mehr „da draussen“ als wir so sehen, die sanften sind halt nicht so laut.

    aber sie sind da. wie „wir“ da waren.

    [..] zu feige

    das hat für mich nichts mit „feigheit“ zu tun, es ist eher zurecht die weisheit, nicht über erfahrungen zu reden, die man nicht gemacht hat. das ist absolut okay und respektabel.

    der irrtum: guck, meine töchter wären nicht so wie sie sind, also sanft und freundlich, wenn …

    naja, wenn sie das nicht irgendwo gelernt hätten ;-)

    seit 30 jahren meine lebensdevise: „teach your children well“ (bitte bis zum ende durchscrollen, da erkläre ich meiner stieftochter einen alten text)

    @claudia, gerhard

    [..] opa

    also, ich hatte zwei solcher personen in meinem leben.

    der eine, ein onkel, der bei uns im haus lebte, erzählte immer von seinen erlebnissen vor verdun. ich habe, zu meiner schande und zu meinem späteren ärger, nicht zugehört, was ich heute bitter bereue.

    der andere, mein großvater sylvester, hat nie geredet. leider. er hätte die geschichten zu erzählen gehabt, die mich interessierten, aber er schwieg, weil um ihn herum ihm die unverständigen seinen kampf gegen den adolf, die ihn ins kz brachten, auch nach jahre nach dem krieg übel nahmen. von ihm bleibt mir nur sein grüner hefter, sein name in einem buch über den christlichen widerstand und die erinnerung an einen traurigen mann, dem ich im nachhinein versuche, seinen verdienten platz wenigstens ein bißchen zu verschaffen.

  23. „Ja, es stimmt, ich dulde hier Abschweifungen, weise aber doch gelegentlich darauf hin.“

    Genauso kenne ich es bisher von dir, @Claudia, und in diesem Vertrauen darauf, @hardy, plaudern wir hier einfach weiter.

    Wie weit oder wie nah wir dabei noch am Thema sind, entscheiden vielleicht die nächsten Generationen :)

    Nun, heute abend komme ich zu der Meinung, ohne nochmals alle Kommentare explezit durchgelesen zu haben, ob ich mich in dieser Frage wirklich einer Definition unterwerfen/anlehnen/übernehmen soll?

    „Zärtlichkeit“ kann so verschieden sein, aber sie trifft sich in dem Punkt, wenn für die empfindenden Personen Einklang entsteht. Ich bin der Meinung, das ist, was „es“ ist.

    Ferner:
    „und Männer, die keine Lust haben, ihr Leben vollständig dem “Hamsterrad” unterzuordnen, das sich immer schneller dreht, auf dass das Kapital sich rentiere.“

    Hierzu glaube ich, das Männern das „Kapital“ eigentlich irgendwie am Arsch vorbeigeht.

  24. menachem,

    [..] wenn für die empfindenden Personen Einklang entsteht.

    nicht jede/r ist in der lage, seinen _guten_ gefühlen ausdruck verleihen zu können, da sind die eigene erziehung und die eigene erfahrung oft vor.

    mit diesen menschen „einklang“ zu erreichen, den punkt, an dem man sagt: „geh sofort aus meinem kopf“ oder zwei menschen gleichzeitig die identischen worte sagen … das sind die zärtlichsten momente, die man erreichen kann.

    zwei stimmen … ein klang ;-)

  25. @Claudia, Du schriebst am 16.3. etwas zu unserer „entsolidiarisierten“ Gesellschaft, über Egozentrik und Dummheit und befandest: „Wie soll man es schaffen, da nicht zur Misanthropin zu werden?“
    Diese Passage von Dir ging mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Weil ich denke: Es ist so.
    Heute an der Tanke wieder so eine Situation: Ich fahre hinter jemand ein, der, wie es sich herausstellte, nur Zigaretten holen wollte und nicht getankt hatte. Vor seinem Auto stand – ihm gegenüber – ein Auto einer Frau, die gerade getankt hatte.
    Nun kommt der Zigarettentyp raus und wirft mir böse Blicke zu, weil er nicht rückwärts rausfahren kann. Immer wieder schüttelt er den Kopf. Keine 30 Sekunden später kommt die Frau vom Bezahlen zurück und schüttelt ihrerseits den Kopf, immer wieder. Denn sie muß zurücksetzen, da der Zigarettenholer (und ich) ihr die Fahrt nach vorne versperrte. Sie setzt also fluchend zurück, der Zigarettenholer setzt ungeduldig nach und als er auch draussen ist, gönnt er mir zum Abschied nochmal böse Blicke.
    Die Situation war am Abend gewesen, jeder hatte bestimmt Zeit.

    Ich war die ganze Zeit völlig ruhig und lies dieses Spiel einfach mal so unkommentiert passieren.

    Und das „Gute“ daran: Ich selbst kenne auch solche Ungeduld und ein solches Verdriesstsein…aber was soll das und wo führt das hin???
    Manchmal denke ich, diese Dinge nehmen zu.

  26. Ätzend! Ja, das nimmt zu… vermutlich nochmal mehr, je mehr Menschen sich gleichzeitig in der virtuellen Ebene des Daseins aufhalten.

    Wir haben eine sehr bequeme, weitgehend „sichere“ Zivilisation, die es uns ermöglicht, quasi „schlafend“ durch die Welt zu gehen – und den eigenen Gedanken nachzuhängen, anstatt die Umwelt zu beachten. Das bringt es mit sich, dass Ereignisse, die den intendierten Vollzug per „Autopiloten“ stören, schon mal ärgern – egal um was es sich handelt.
    Man erwartet nichts Positives aus der konkreten Lebenswelt – und wenn da doch irgendwas passiert, stört es einfach nur.

  27. Du umreisst das mit kraftvollen und treffenden Worten, finde ich. Hat vermutlich auch damit zu tun, daß es einer Deiner Herzthemen betrifft…wo man ja gewöhnlich ein gutes und klares Bild hat. Zudem blinkt eine Freude an Sprache durch.
    Ich weiß: Du willst nicht Thema sein, aber diese kleine Reflektion darf doch sein oder?

  28. Oh, danke! :-)

    Also die negative Sicht der Dinge ist nicht wirklich mein „Herzensthema“ – da konzentrier ich mich lieber auf Erfreulicheres, bzw. versuche die nicht ganz so unverständlichen Ursachen zu betrachten.

    Dass ich grade nicht viel kommentiere/schreibe liegt übrigens am Arbeitsanfall!