Claudia am 01. Oktober 2013 — 17 Kommentare

Woher kommt der Sinn im Leben?

Dieses Blog trägt noch immer den uralten Untertitel „Vom Sinn des Lebens zum Buchstabenglück“. Dieser Satz wird bei der anstehenden Umgestaltung verschwinden, mir ist nur noch kein neuer Untertitel eingefallen.

Denn die Sinnfrage hat sich für mich erledigt, lange schon. Einst spielte der Satz vom „Buchstabenglück“ darauf an, dass ich mit 42 (!) das Internet entdeckt und meinen ersten richtigen Artikel online gestellt hatte, der den Titel trug „Vom Sinn des Lebens zum Regenwurmglück“. (Man schrieb das Jahr 1996, der hier archivierte Artikel gibt auch einen kleinen Eindruck, wie sich „surfen“ damals anfühlte). Für mich war das Internet „Buchstabenglück“: endlich konnte ich mich schreibend nach Belieben ausdrücken und mit anderen kommunizieren – einfach so, ohne viel Geld, ohne jemand um Erlaubnis fragen zu müssen. Was für ein Glück!

Suche ist sinnlos

Auf einer tieferen Ebene war ich schon damals über die Sinnfrage hinaus. Es gibt keinen Sinn, den man suchen und finden müsste. Der Sinn ergibt sich ganz „von selber“, wenn man die Blickrichtung ändert und nicht mehr fortwährend darauf schaut, was einem fehlt, sondern darauf, was man geben könnte. Dann stellt sich schnell das Gefühl der Fülle ein, denn GEBEN ist angesichts der vielen, denen es an etwas mangelt, und angesichts der vielen Missstände, die einer Verbesserung bedürfen, kein Problem. Sobald man sich selbst als Potenzial begreift, das Gute, das Wahre und Schöne in die Welt zu bringen, tritt man geistig aus der Konsum-Orientierung unserer spätkapitalistischen Welt aus. Insofern hab‘ ich mich angefreundet mit dem „Making Sens“ der Amerikaner, das als „Sinn machen“ das deutsche „Sinn haben“ zunehmend verdrängt.

Nun werden viele sagen: Ich kann mich nicht noch groß engagieren, mein Job, meine Verpflichtungen und vielerlei Widerstände lassen mir dazu gar keine Zeit. Was ich mit dem „sinn-machenden“ Geben meine, ist jedoch nicht zwangsläufig eine „zusätzliche Aktivität“, sondern erstmal eine Änderung der Haltung im Rahmen jeglicher Aktivität: im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft – auch z.B. beim Taxi-Fahren.

Böse Welt?

Letzteres erwähne ich, weil es der Blog-Artikel eines Berliner Taxifahrers war, der mich zu diesem Eintrag inspiriert hat. Es ist eine Klage über die Menschen, die er durch Berlin fährt: Business-Leute, die nur von Märkten und Renditen quatschen, besoffene Jugendliche, die mit der obligatorischen Bierflasche in der Hand besonders „cool“ sein wollen, Handwerker, die gegen Ausländer polemisieren, und und und. Er erlebt sich als Außenseiter, der in dieser „Normalwelt“ nicht klar kommt:

„Sie haben mich ja auch schon gekriegt: Ich habe zwei Jobs, Einbauküche, Auto vor der Tür und einen vollen Kühlschrank. Aber die Seele ist leer. Ein paar Freundschaften gibt es, sehr wenig, auch da gehts teilweise um Ausnutzen des anderen…..
Schon lange bin ich in der zweiten Lebenshälfte, und noch immer gehöre ich irgendwie nicht dazu. Diese Gesellschaft ist mir so fremd wie vor 30 Jahren. Selbst jetzt mit meiner bürgerlichen Existenz bin ich darin ein Außenseiter, auch wenns kaum jemand sieht. Ich kann nicht dazugehören und will es auch nicht. Weil ich Angst habe, dann jegliche Gefühle zu verlieren.“

Dies sind alles Sätze, die vom Haben und Haben-wollen handeln. Die Seele scheint „leer“, wenn man nur darauf schaut, was bei den ANDEREN und in der Gesellschaft falsch und unschön ist. Es ist ein erster großer Irrtum, zu glauben, alle anderen hätten einen an der Waffel und man selber nicht. Jeder und jede hat helle und dunkle Seiten und wenn so ein Business-Mensch mal alleine im Taxi sitzt, bringt es ein zuhörender und zugewandter (gebender) Taxi-Fahrer durchaus mal zustande, dass dieser sich öffnet und seine malträtierte „helle Seite“ zeigt. Aber vermutlich spricht dieser Taxi-Fahrer nicht mit seinen Gästen, sondern be- und verurteilt nur. Und ist entsprechend schlecht drauf:

„Das Leben ist leer, selbst wenn es scheinbar voll ist mit Freizeitbeschäftigungen, Jobs und allen möglichen Terminen. Es ist leer, sinnlos und ich will nicht, dass es auf diese Art weiter geht. Aber ich habe das Gefühl, dass ich damit ziemlich allein stehe.“

Alles, was daran hindert, sich zu engagieren, kreativ und mitfühlend mit Anderen umzugehen, ist das eigene Ego. Dieses ist nicht etwa „was Esoterisches“, sondern jene innere Instanz, der es wichtig ist, JEMAND zu sein – meist mit ganz bestimmten Vorstellungen von Status, Besitz und Image. Dabei ist es recht egal, ob man sich als besitzlosen Außenseiter oder toll integrierten Mach-was-mit-Medien inszeniert – immer gebiert dieses Ego die Getrenntheit, die letztlich in die innere Leere führt.

Diskussion

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17 Kommentare zu „Woher kommt der Sinn im Leben?“.

  1. Business-Leute, die nur von Märkten und Renditen quatschen

    Ich ticke ja selber auch eher links und finde den skizzierten Menschentypus ebenfalls unsympathisch. Andererseits: Auch als Linke nehmen wir es als selbstverständlich, daß 24 Stunden Wasser und Strom und Telefon und Internet aus den Leitungen kommen, daß wir mit Bussen und Bahnen durch die Stadt und das ganze Land fahren können wann wir wollen, daß wir Bücher bestellen können die am nächsten Tag geliefert sind und daß im Supermarkt an jedem Tag diverse Joghurts im Kühlregal stehen. Das alles seit Jahrzehnten praktisch reibungslos. Daß das alles geht, ist eben – auch – das Verdienst solcher Leute – Managertypen, die das Talent haben, alles das zu regeln und zu organisieren.

  2. making sense …

    das ließ grade bei mir „stop making sense“ auf-poppen und wie ich mich „damals“ fühlte – ich hatte aufgehört, mir „einen kopp zu machen“, weil für mich alle antworten nur noch im beobachten einer kleinen tochter lagen (ja, ich bin gerade im „b&b bekommen ein baby-taumel“).

    der „sinn“ liegt ja nicht im grübeln darüber, was der „sinn“ hinter allem ist , sondern im „tun“ und wie man es tut, also dem „ganz im hier und jetzt“ und dem grundvertrauen, daß die dinge, so wie sie sind, okay sind … auch wenn wir sie nicht immer verstehen.

    ansonsten: ich bin schon ganz gespannt auf den relaunch

  3. @Suche ist sinnlos:
    Claudia, formulieren kannste. 100 Pro für die Gedanken dieses Abschnitts. Du sprichts mir aus dem Herzen – dem Ort, wo heutzutage oft kalte Steine zu finden sind.
    Ich erwarte nichts von anderen – ich erwarte was von mir. Menschen sind unglaublich bedürftig.

  4. danke, Claudia, deine schönen Werte vor die Gesellschaftskritik, als Wert, zu setzen.
    Mich selbst hat, inzwischen als Opa, das Leben gelehrt, dass das Leben für jeden sinnmachendes sowie sinnverachtendes bereit hält. Jedoch um deiner Sinnempfehlung zu folgen, muss es das Karma mit dir gut gemeint haben. Schöne Einstellung, deinen Nächsten Mitgefühlserfahrungen zu stärken.
    Liebe Grüße, Peter

  5. Hallo Claudia, ich weiß ja, dass Du mich nicht kennst, daher nehme ich Dir Deine Aussagen nicht übel. Andererseits wirst Du in meinem Blog eine Reihe von Texten finden, die das widerlegen. Du unterstellst mir Meinungen, die einfach falsch sind.
    „Es ist ein erster großer Irrtum, zu glauben, alle anderen hätten einen an der Waffel und man selber nicht.“
    Warum glaubst Du, dass ich so denke? Ich kenne Knast und Klapse von innen, als Besucher und Insasse. Ich habe viele Zweifel an dem Leben, wie ich es führe. Dafür gebe ich aber nicht anderen die Schuld. Wie kommst Du darauf?
    „Aber vermutlich spricht dieser Taxi-Fahrer nicht mit seinen Gästen, sondern be- und verurteilt nur.“
    Deine Vermutung ist falsch. Und das kannste bei mir auch nachlesen.
    Keine Ahnung, wieso Du meinst, so urteilen zu müssen.

  6. Es ist ein Irrtum, aus einem noch dazu einzelnen Text auf einen Menschen und seine Gesinnung zu schliessen. Bestenfalls BILDET man sich eine Meinung, hat eine Vorstellung…aber ob die gerecht wird? Ob sie mehr als ein Entwurf, eine Skizze, eine Reflektion ist?

    Ich finde den Kommentar von Aro Kuhrt in diesem Zusammenhang sehr erhellend.

  7. @alle: herzlichen Dank für Eure Resonanzen!!!!

    @Aro Kurt,

    schön, dass du etwas dazu geschrieben hast, danke!! Natürlich kenne ich dich nicht und es war auch wahrlich nicht meine Idee, DICH PERSÖNLICH als Mensch zu beurteilen! Lies nochmal, dann siehst du: ich zitiere einzelne Sätze, die mich berührt haben, die mir zudem beispielhaft für viele solche Klagen vorkommen – und ich schreibe, was MIR dazu einfällt. Der einzige Satz, der sich auf dich als Taxifahrer bezieht, ist extra mit einem „vermutlich“ versehen.

    „“Es ist ein erster großer Irrtum, zu glauben, alle anderen hätten einen an der Waffel und man selber nicht.”
    Warum glaubst Du, dass ich so denke?“

    Ich habe keine Ahnung, ob du so denkst – kenne nur deine Klage über all die unangenehmen Leute, die du fährst. Und: ICH habe selber lange so gedacht, deshalb erwähne ich es – und auch, dass ich es als krassen Irrtum erkannt habe.

    Um einen Text beispielhaft zu zitieren, muss ich im übrigen nicht ein ganzes Blog lesen. Nicht Du als ganze Person oder ICH als solche sind ja in diesem Posting Thema – sondern eine bestimmte Art, auf die Welt und die Menschen zu schauen, die wir (vermutlich) alle kennen. Die aber eben in die innere Leere führt… (In deinem Blog werde ich gerne mehr lesen – Taxi-fahren ist eine interessante Situation, dabei hatte ich – als gast – auch schon tolle Gespräche!)

    @Hardy: zum Thema Kinder hab ich auch grade was in petto – liegt anscheinend irgendwie in der Luft… der „Relaunche“ sollte schon länger passiert sein, aber es ist vertrackt: das Eigene erscheint mir immer weniger wichtig, also zieht sich das so hin… aber toi toi toi, derzeit arbeite ich an diversen Webseiten/Blogs, die genau DIESE Art Erneuerung brauchen wie auch das Diary. Es gibt also Hoffnung… :-)

  8. „Vom Sinn des Lebens zum Regenwurmglück?“ –
    ein toller Beitrag, Claudia, zeitlos – der kein Update wie Windwos braucht.

  9. Nimm doch als Untertitel ‚Vom Buchstabenglück‘.

    Mir gefiel dieses Wort auf Anhieb sehr, und beim Wort ‚Sinn‘ sowie all den klugen Eröterungen zu seinem Umkreis fällt mir als erstes meist nur ein:
    ‚die hat ja nichts als Unsinn im Sinn‘! (*)

    Buchstabenglück aber trifft das Geschehen auf einer vor allem Texte enthaltenden website vielleicht deutlich besser als viele andere Beschreibungen und quälend tiefschürfende Buddeleien nach etwas, was sich angeblich hinter den Buchstaben verbergen solle und am Ende doch oft nur das ist, was die den virtuellen Spaten Schwingenden unter jeder imaginären Scholle entdecken, sind sie erst einmal an ihr unaufhaltsames Werk des Ergründens des Unergründlichen gegangen.

    (*) Ich glaube, das ist aus einem uralten Schlagertext, vielleicht fällt ja jemandem ein, worin die Zeile vorkommt.

  10. Ich gebe da @Susanne recht: „Buchstabenglück“ ist was ganz Besonderes. Wohl dem, der mit Sprache gern umgeht und Gefallen daran hat, mit ihr zu spielen.

    „Die hat ja nichts als Unsinn im Sinn“ ist m.e. eher ein altes Klagelied gestresster Mütter, die von all ihren Töchtern gerne Anpassung und Stillhalten sehen wollten.

  11. Hallo Ihr Lieben,

    ja, „Buchstabenglück“ hat was – so als origineller Titel betrachtet… aber es führt auch in die Irre. Schreibe ich doch fast nie über das Schreiben, auch nur selten über Sprache.
    Und selbst suche ich ja auch nicht das „Buchstabenglück“. Wenn überhaupt, ist es mir so selbstverständlich wie die Luft zum atmen…

    Wenn ich mich über etwas empöre, will ich, dass es aufhört. Wenn ich mich begeistere, will ich diese Begeisterung teilen. Ob der Text, den ich dazu verfasse, im sprachlichen Sinn „schön“ ist, interessiert mich fast nie.
    Das passt nicht zu „Buchstabenglück“.

    Vielleicht:

    „Weil Buchstabenglück nicht reicht“. (Was wiederum zum Lacher wird, wenn davor „Digital Diary“ steht.. :-))

  12. @Claudia, wenn das mit dem „Buchstabenglück“ nicht mehr zutrifft oder auch nie wirklich zugetroffen hat:
    Wie wäre das:
    „Schreiben über das, was mir wichtig erscheint“.Oder:
    „Schwerpunkte“
    „Schreiben als Antrieb“
    „Schreiben um des Benennens wegen“
    „Schreib(un)vergnügen“
    ect.

  13. @Claudia

    Ich beziehe ‚Buchstabenglück‘ keineswegs auf ein Schreiben ‚über das Schreiben‘, im Gegenteil. Es gibt wenige Texte, die mir heftigere Gefühle von Langeweile oder Peinlichkeit vermitteln als solche, die ‚über Texte‘ handeln. Ich bin da sehr naiv und liebe das Direkte, das sich ‚Tiefe‘ nicht als Schild auf die Stirn kleben muß, damit es nur ja niemand übersieht.

    ‚Buchstabenglück‘ ist für mich eher das Glück an den und durch die Buchstaben (womit ich ebenso Bilder und Layout meine und vielleicht noch Töne zuließe). Und da jede website (schaust du sie dir einmal im Quellcode an) nur aus Buchstaben (und Zahlen) besteht, sind sie doch alle am Ende nichts anderes als – Buchstabenglück!

  14. Dieses „Buchstabenglück“ gemahnt mich an eine Szene einst in einem Schachclub, als jemand eine kleine Figurenanhäufung auf dem Brett liebevoll umfasste und ihre wundersame Anordnung FERN von einer „Bedeutung ihrer Anordnung“ als „schön und wundervoll“ bezeichnete.
    So muß das auch mit den Buchstaben sein.

  15. Seit ich diese Rede von David Foster Wallace
    http://akbar.marlboro.edu/~jsheehy/kenyon.pdf
    gelesen habe, suche ich Denkanstöße zum Thema Mitgefühl und innere Zufriedenheit. Fündig bin ich bisher geworden bei dem Begriff „Kontakt“ in der Gestalttherapie (von Fritz Perls),
    in dem Gedicht „Etwas über die Seele“ von Wisława Szymborska, bei H.Rosa in DIE ZEIT: „Ohne Liebe, Achtung u. Wertschätzung bleibt der Draht zur Welt (…) starr und Stumm.“, bei S. Kakar in DIE ZEIT: „Die Seele ist bedeutungslos, solange sie in ein individuelles Selbst eingesperrt bleibt“ und von dir Claudia, hab ich mir nun notiert: „Das Ego gebiert Getrenntheit, die letztlich in die innere Leere führt.“
    Danke!

  16. Hallo Claudia,

    beim Stichwort Taxifahren fiel mir „Der Joker“ von Markus Zusak ein, ein sensationelles Buch, weil es auf tolle Weise zeigt, wie man sein Leben gestalten kann. Wenn Du es lesen solltest, bloß nicht den Schluss vorweg lesen; man muss erleben, wie dieser Ed beginnt, sein Leben zu meistern, in die Hand zu nehmen: aus dem Alltag heraus kommen ihn die Einfälle, wird er intuitiv und immer herz-licher.
    Für mich ist das auch der springende Punkt: wie ich mein Herz in meinen Alltag einbringe.
    Es gibt keinen Gott auf der Welt, keine Liebe, es sei denn durch unsere Hände, unsere Augen …
    … und darüber dürfen wir auch schreiben …

    Liebe Grüße,
    Johannes

  17. @Johannes: danke für den schönen Kommentar und den Buchtipp. Hier mal der Wikipedia-Artikel dazu:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Joker_%28Jugendroman%29

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