Claudia am 07. Februar 2013 — 26 Kommentare

Verführt vom „leeren Boot“: Zur Abhängigkeit von Menschen, Systemen und Geräten

Eine ZEN-Geschichte:

“Ein Mann ruderte an einem sehr nebligen Morgen sein Boot stromaufwärts. Plötzlich sah er ein anderes Boot stromabwärts kommen, das keine Anstalten machte auszuweichen. Es kam ihm genau entgegen. Er rief: `Vorsicht! Vorsicht!´, aber das Boot fuhr genau in seins hinein, das fast sank. Der Mann war außer sich und begann die andere Person anzuschrein, ihr gehörig die Meinung zu sagen. Aber als er genau hinschaute, sah er, daß in dem anderen Boot überhaupt niemand war. Es stellte sich heraus, daß das Boot sich gelöst hatte und stromabwärts trieb. All sein Ärger schwand, und er lachte und lachte.”

(Thich Nhat Hahn: Innerer Friede – Äußerer Friede – via Abraxandria)

Diese kleine Erzählung soll uns die Erkenntnis vermitteln, dass es nicht das Geschehen selbst ist, das Gefühle wie Wut, Ärger und schlimmstenfalls Hass entstehen lässt, sondern die Annahme, da sei jemand, der uns das Geschehen absichtsvoll zumutet, warum auch immer.

Üblicherweise wird die Geschichte genutzt, um zu einer Haltung zu kommen, die auch im anderen Menschen das „leere Bot“ erkennt: Jeder tut ja in jedem Moment genau das, was aus der je individuellen Historie heraus als das Machbare und Erforderliche erscheint. Zwar kann man oft tun, was man will, aber nicht bestimmen, was man wollen soll. So gesehen bin ich nie „persönlich gemeint“, wenn irgend jemand mich (vermeintlich oder tatsächlich) angreift oder missachtet – er kann ja nicht anders, weiß es nicht besser, ist gefangen in seinem beschränkten So-Sein, das keine Alternative kennt.

Es ist sehr entspannend, zu dieser Sicht der Dinge zu kommen! Heute will ich die Lehre vom „leeren Boot“ aber mal in einen anderen Kontext stellen:

Die Geschichte der Neuzeit lässt sich lesen als zunehmende Befreiung des Individuums von althergebrachten Zwängen, Abhängigkeiten und einschränkenden Traditionen. Aus der Stände-Gesellschaft wurde die Bürgerliche, der funktionale Rechts- und Sozialstaat trat an die Stelle von Adel, König und Kirche. Wo wir von konkreten Mitmenschen und deren Wohl- oder Übel-wollen abhängig waren, ersetzten wir diese oft leidvoll erlebten Abhängigkeiten durch abstrakte, allgemeingültige Systeme, die uns mit dem versorgen, was wir nach wie vor brauchen. Heute haben wir gesetzlich gesicherte Ansprüche und sind nicht mehr vom Wohlverhalten in Clan und Familie abhängig. Welch eine Befreiung! Sogar das Paar als die kleinste Einheit menschlichen Zusammenseins basiert (in der Regel) nicht mehr auf alternativlosen wirtschaftlichen Notwendigkeiten, sondern gründet allein in Gefühl und Gefallen, in der freien, jederzeit kündbaren Entscheidung des Individuums.

Endlich frei?

Heute sind wir nun soweit, dass wir uns den möglicherweise nervigen Mitmenschen weitgehend vom Hals halten können, wenn wir das wollen. Als Webworkerin, die über das Netz arbeitet, sehe ich praktisch nur noch Leute, mit denen ich mich aus freiem Willen verabrede. Zwar gehe ich noch ins Lädchen oder in den Supermarkt, um Waren des täglichen Bedarfs zu besorgen, doch selbst die könnte ich mir bringen lassen, wenn mir das zu stressig wäre. Wen es dann doch noch ab und zu nach einem „Bad in der Menge“ gelüstet, dem bietet die Event-Kultur alles Nötige in 1000 Varianten: folgenloses, unverbindliches Miteinander bzw. Nebeneinander für ein paar Stunden. (Ich persönlich präferiere die öffentliche Sauna zur Befriedigung meines Affenfelsen-Bedarfs).

Soviel Freiheit war nie, einerseits. Den Mitmenschen haben wir entmachtet, uns dafür aber massiv in die Abhängigkeit von Systemen und Geräten begeben. Gestern hab‘ ich das mal wieder schmerzlich bemerkt, als auf einmal „mein Internet kaputt“ war. Abgeschnitten von allem, was meine Arbeit, meine Versorgung, meine Ökonomie und den Großteil meiner täglichen Kommunikation ausmacht, fühlte ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen: zurück geworfen auf meine physische Existenz, die allerdings auch in Gefahr geriete, würde „das System“ mal allgemein versagen und nicht nur bei mir. Die paar Freunde, die ich im Nahraum erreichen könnte, wären in genau derselben, komplett machtlosen Situation. Die Tatsache, dass wir einander nicht brauchen, sondern nur mögen, zeigt hier ihre Rückseite: wir könnten uns gegenseitig auch nicht retten.

Warum haben wir das alles so kommen lassen? Weil es viel angenehmer ist, von einem „leeren Boot“ abhängig zu sein als von einem Menschen oder Menschengruppen. Unsere Computer, das Internet, das Rechts- und Sozialsystem: Sie alle funktionieren mittels Algorithmen: Wenn dieses vorliegt, folgt jenes – seelenlos, berechenbar, ohne Ansehen der Person (vom Missbrauch und den Unvollkommenheiten sehe ich jetzt mal ab). Da ist niemand, der uns etwas absichtsvoll antut oder zumutet. Wir sind von „leeren Booten“ umgeben und fühlen uns damit viel besser und freier als in den alten Abhängigkeiten von konkreten Personen. Gleichzeitig sind wir unfreier und abhängiger denn je – von unseren Geräten und Systemen, ohne deren Funktionieren wir nicht mehr leben können.

Diskussion

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26 Kommentare zu „Verführt vom „leeren Boot“: Zur Abhängigkeit von Menschen, Systemen und Geräten“.

  1. Liebe Claudia,
    ich lese Sätze wie:
    „Den Mitmenschen haben wir entmachtet“ und
    „…weil es viel angenehmer ist, von einem “leeren Boot” abhängig zu sein als von einem Menschen oder Menschengruppen.“
    Da meine ich und hast Du es auch letztlich so gemeint?!:
    Das ist es wohl (Abhängigkeit), was uns zu Maschinen treibt. Da will keiner was von uns und wir können uns fast alles holen. Doch dieser Drang nach Unabhängigkeit von Menschen ist nicht gut.

    Angesichts dessen wollte ich schon auf den gestrigen Artikel zu Deinem Computercrash etwas Kritisches schreiben, dachte mir aber, Dich damit zu treffen oder mir ne Beule einzuhandeln und lies es dabei (löschte den Text wieder).
    Ich selbst bin seit vielleicht 8 Jahren eifriger PC-und Internet-„Kunde“ und habe, so meine ich, sicherlich viel Leben damit eingebüsst (WIDERSPRUCH!?). All die Zeit, die ich davor (DA davor) sitze, versäume ich – vielleicht – gesunde und bewegende Erlebnisse. Das merke ich ganz unvermittelt, wenn ich auf einer Fahrt von A nach B schnell mal in eine Buchhandlung gehe: Da begegnet mir doch meist ein alter Bekannter (wo kommt der denn grad her?) und es ergibt sich eine lebendige, gute, erfrischende Begegnung. Ich spür dann: Dieses luftvolle, prickelnde Erlebnis, wie habe ich das vermisst! Das ist, wie aus der Ferne nach langer Zeit wieder in der Heimatstadt einzulaufen!
    Oder ich geh in einen anderen Einkaufsmarkt als üblich: Auch da passiert das plötzlich: Man trifft Leute, kommt ins Gespräch, SIEHT was.
    Der Witz ist also, nicht nur PC und definierte Punkte A und B aufzusuchen, sondern wieder frei zu werden.
    Noch was: Du sprachst auch allgemein von Geräten und Systemen, nicht nur der Kiste: Das ist richtig, ich griff mir aber diesen Punkt mal raus.

  2. @Gerhard: mich wundert, dass du meinst, etwas „Kritisches“ hier nicht schreiben zu sollen. (Der Ton macht die Musik und wenns Bezug zum Posting hat: immer gerne!) Was ich im Artikel beschreibe ist im übrigen doch Weltkritik und Selbstkritik in einem – in Form der Beschreibung von Entwicklungen und ihrer motivatorischen Hintergründe, die selbstverständlich auch in mir wirken.

    Für mich sieht es nicht so aus, als hätten wir das Dilemma gelöst, wenn ein Teil unseres Verstands meint: Was da abgeht, ist nicht gut! Wir tauschen die Abhängigkeit vom Mitmenschen gegen eine noch viel totalitärere Abhängigkeit von Geräten und Systemen – und fühlen uns dabei freier und besser, solange alles funktioniert. Das zu erkennen, heißt noch lange nicht, es ändern zu können.

    Was du aus deinem Erleben erzählst, passt genau ins Bild! Du gehst mal in eine Buchhandlung, plauderst hier und da mit jemandem und genießt das „luftvolle prickelnde Erlebnis“. Na sicher, wir sind immer noch Primaten und brauchen ab und an den Kontakt mit der Horde oder einzelnen Artgenossen. Es ist uns ein psychisches Bedürfnis, genau wie man nicht immer im Zimmer bleiben will, sondern auch mal Bäume sehen und Wind auf der Haut spüren.

    Egal wie gut oder schlecht jemand individuellen Ausgleich herstellen kann oder will, es besteht doch kein Zweifel, in welchem Sektor „die Musik spielt“ (ja, die Musik ist sogar recht früh in die Geräte gewandert: wer spielt schon noch selber ein Instrument oder singt, ohne damit eine Medien-Karriere anzustreben?).

    Manchmal gruselt es mich richtig, wenn ich im TV die harten Basics unserer Ökonomie zu Gesicht bekomme: Hochöfen, Kohlekraftwerke, AKWs, Ölplattformen, Staudämme – die ganze Mega-Maschine der Produktion, Container-Schiffe, Autobahnen mit Lastzügen einer hinter dem anderen – während an der Konsumenten-Endstelle (=bei mir z.B.) alles ganz soft und leicht wirkt: ein paar Klicks auf die Tasten und übermorgen ist das Gewünschte bei mir. Mit etlichen anderen Klicks verdiene ich das Geld, um zu bezahlen, was ich bestelle und nutze. Welch eine Diskrepanz! Die Erde stöhnt und ächzt, die anderen Wesen leiden an unserer Dominanz – aber unser „Leiden“ reduziert sich auf die Qual der Wahl aus viel zu vielen Angeboten. Und irgendwann auf die Folgen von „zuviel sitzen“.

    Natürlich geht dabei Erleben verloren, deshalb müssen wir ja „Ausgleich schaffen“. Und dennoch will niemand ernsthaft auf all die Errungenschaften verzichten, die uns die technische Zivilisation mittlerweile bietet. Auch nicht mehr auf Information, Kommunikation und Unterhaltung „am Gerät“. Und schon gar nicht auf die erreichte Unabhängigkeit vom ´konkreten Mitmenschen.

    Schon Heidegger hat das Dilemma als schicksalshaft beschrieben: in der Entwicklung der Technik waltet das Geschick. Das heißt, wir können uns dem nicht entziehen, uns allenfalls individuell ein wenig disziplinieren. Weil wir zwar machen können, was wir wollen, aber nicht beschließen, was wir wollen sollen.

  3. Du schreibst: „Natürlich geht dabei Erleben verloren…“. Schön wäre es, beides zu haben: Frische Luft, gute, nährende Kontakte UND ausgiebigen Spaß an der Technik, an der Kunst und am Wissen.
    Ich vergaß bei allem „Verantwortung übernehmen“, das, wie mir scheint, früher einen größeren Anteil am Leben der Leute hatte.
    Maschinen können und sollten das nicht übernehmen.

  4. Wo fang ich an, @Claudia?

    „Weil es viel angenehmer ist, von einem “leeren Boot” abhängig zu sein als von einem Menschen oder Menschengruppen.“

    Das ist wohl so. Ein „KLick“, und die Ware ist bezahlt und auf dem Weg zu mir. Kein rausgehen bei Wind und Wetter, kein schlangestehen an der Käsetheke, kein ärgern über Vordrängler, keine Peinlichkeit bei vergessener Geldbörse, kein Knöllchen beim parken….

    Der Weg des geringsten Widerstands. Es liegt wohl tief in uns danach zu handeln. Das, wohin es uns führen kann, erkennen wir aber meistens erst viel später. Auch das macht Sinn. Im Vorfeld könnte man nur über das „leere Boot“, den Auswirkungen, spekulieren.

    Doch sind wir auch unumkehrbar soziale Wesen, die einander brauchen, in Leid und für Freude. Das werden wir zum Glück nicht aus uns herausbringen und diese wirkende Kraft, wird die Umbruchzeiten überdauern.

    Sollten wir aber wirklich eines Tages mal zu Einzelwesen mutiert sein – dann werden diese Gedanken von heute nur noch wie ein prähistorisches Zeugnis anmuten.

    Ich meine das so ähnlich, wie mit dem Rabbi, der gerufen wird: Schnell, schnell Rabbi, du musst helfen kommen, der Tempel brennt. Der Rabbi: „Warum soll ich kommen. Wenn es Gott gibt, wird er den Tempel retten. Wenn es keinen Gott gibt, nu, wozu brauchen wir dann noch einen Tempel?“

  5. @Menachem:

    „Doch sind wir auch unumkehrbar soziale Wesen, die einander brauchen, in Leid und für Freude.“

    Ja sicher. Nur ist dieses „brauchen“ (hierzulande) heute nur noch ein psychisches – wogegen man früher in jeder Hinsicht auf konkrete Mitmenschen angewiesen war (Versorgung/Ökonomie, Krankheit, Pflege etc.).

    Die gewonnene Freiheit ist immens – hat aber eben den Preis, den ich im Artikel beschreibe.

  6. Vielleicht betrachten wir das derzeit noch aus verschiedenen Blickrichtungen, @Claudia, weshalb ich meine:

    Dass das „brauchen“ heute evtl. „nur noch“ auf ein psychisches ausgerichtet ist, wüsste ich im Moment nicht zu beantworten, ob dies unbedingt als Nachteil anzusehen ist. Tatsache ist glaube ich, dass wir auch seelisch verhungern können. Und je mehr wir „zwischenmenschlich real“ vereinsamen, je mehr nähern wir uns diesem Punkt.
    Vielleicht war das früher genau andersrum. Das macht weder das eine noch das andere besser.

    Auch das wir einander brauchen und abhängiger voneinander sind als je zuvor, dazu glaube ich, könnten wir eine lange Beispielliste erstellen. Das fängt mit diesen vermeintlich profanen Dingen an, dass das Internet auf einmal nicht mehr zur Verfügung steht und lässt sich meines Erachtens nach unendlich fortsetzen, vorausgesetzt – du und ich reden jetzt nicht von gänzlich verschiedenem.

    „Freiheit“ ist derzeit ein Begriff für mich, der mit dem Bild, wie es mir eingepflanzt wurde, nichts mehr zu tun hat. Ich kann nicht frei sein, wenn ich von irgendetwas abhängig bin, und sei es nur, um am „funktionierenden“ Geldautomat Nachschub zu erhalten, um Zigaretten, und damit meine Sucht, befriedigen zu können. Insofern spreche ich lieber von „Freiräumen“. Und mir erscheint, dass diese in den letzten Jahren auch immer kleiner werden. Wenn selbst nach Feierabend und an Wochenenden viele noch per Handy erreichbar meinen zu müssen – da ist m.E. nach der physische und psychische Freiraum schon sehr eingeschränkt.

    Eine andere Frage ist, ob wir die gewonnene Freiheit überhaupt messen können? Wie? Menschen, die diese Freiheit früher nicht kannten so wie wir sie heute beschreiben, den hat sie ja auch nicht gefehlt – sie müssen also nicht zwangsläufig unglücklicher gewesen sein, als wir heute. Respektive umgekehrt.

  7. @Menachem: andrerseits haben wir so viele Freiräume wie nie zuvor. Und es ist ja auch nicht so, als würden die neuen Zwänge nur aufgezwungen: hätten sämtliche Handy-User vom Start weg darauf geachtet, dass sie nicht „nach Feierabend“ noch zum Arbeiten heran gezogen werden, hätte sich dieses Unwesen des „erreichbar sein müssens“ gar nicht erst entwickeln können.

    Aber so war es eben nicht. Das ganze fand statt in einer sich beschleunigenden Umwälzung tradierter Arbeitsverhältnisse: viele hatten auch wirklich keine Lust mehr, in diesen typischen Angestelltenjobs ihr Leben zu verbringen, in denen man für den Urlaub lebt.

    Von Bewegungen zu Projekten zu Startups, prekäre Jobs, „was mit Medien“, Selbständigkeit mit wechselnden Dienstleistungen, bei den Jungen Praktika… – all das lebt bzw. lebte oft von der größeren Begeisterung für die Sache bzw. das Thema/Projekt als von der Aussicht auf viel Geld (oder auch nur „ordentliches Gehalt“). Insofern war es normal, dass man die Arbeit dem eigenen Lebensrythmus anpasste: nicht mehr 9-to-5, sondern „wann ich mag“.

    Im Stadium der Begeisterung ist das „immer“ – insofern traf das Handy genau den Bedarf.

    Allerdings merken dann viele nicht, wenn ihre jugendliche Begeisterungsfähigkeit nurmehr für bloßen Profit Anderer funktionalisiert wird – ohne dass es noch um irgend einen welt-nützlichen SINN ginge.

    Sie merken nicht, ab wann sie sich nicht mehr selbst verwirklichen bzw. suchen, sondern sich im Bemühen „jemand zu sein“ verkaufen und nurmehr dem Funktionieren der Megamaschine unterwerfen.

    Deshalb schaffen sie es nicht, ihre Handys noch auszuschalten, bzw. sich Arbeitsmails zu verweigern. Obwohl sie lange schon nicht mehr begeistert sind von dem, was sie meinen, tun zu müssen!

    Da muss dann (wir sind Deutsche!) letztlich Zensursula helfen und ein Anti-Stress-Gesetz erlassen! Sowas wie sich-zusammen-tun und sich lautstark verweigern ist ja im neo-liberal umgedachten Geschehen nicht mehr angesagt, wirkt total vorgestrig.

    Na, ich bin abgeschweift… :-)

  8. „Schon Heidegger hat das Dilemma als schicksalshaft beschrieben:in der Entwicklung der Technik waltet das Geschick. Das heißt,wir können uns dem nicht entziehen, uns allenfalls individuell ein wenig disziplinieren. Weil wir zwar machen können, was wir wollen, aber nicht beschließen, was wir wollen sollen.“

    Hallo Ihrs:)

    „die herrschende Dummheit ist auch stets die Dummheit der Herrschenden“ Michael Schmidt-Salomon ‚keine Macht den Doofen’Piper-Verlag isbn 978-3-492-27494-4

    diese kleine streitschrift habe ich die Tage von
    einem Freund geschenkt bekommen und lese es grade.
    da ist die Rede von epidemischer Dummheit,homo demens,
    Religioten,schwarmdummheit, Ökonomioten,Politioten-
    kurz: auch Dummheit will gelernt sein.

    ich denke, die Heideggers haben irgendwie versagt, wir
    haben keine Richtungsweisenden Denker mehr im Keller,
    unsere Taten werden von schwarmgenerierten Dummheiten
    geführt. Wir handeln aus Notwendigkeiten heraus, kaum noch aus Leidenschaft, die meisten unter uns sind Sachzwängen unterworfen die wir uns selbst über eine lange „friedliche“ Wirtschafts-Entwicklung geschaffen haben. Das Netz in dem wir uns selbst gefangen haben heisst „ökonomischer Wohlstand“ wobei wir die Maschen selbst so eng geknüpft haben das nicht mal mehr ein Silberfisch dieser Matrix entkommen könnte.

    Wir sind es die letztendlich dem Oekonomischen Moloch
    Zins-Kapitalverkehr die Vorfahrt auf unsreren Handlungsebenen eingeräumt haben, in dem blinden Vertrauen auf „leistung wird sich lohnen“ dabei sind wir den Nichtserschaffenden Finanzakrobaten auf ihre Luftnummerngaukelei sowas von auf den Leim
    gekrochen dass man sich eigentlich schämen müsste zu dieser
    Spezies der dem Erektus folgenden Stamm anzugehören.

    die ganze welt ist ein Irrenhaus, geleitet von Machtgier,
    blinder Fresslust und unbarmherziger Aasgeier, jegliche reale Tätigkeit wird von Nichtsnutzen der Finanzabrakadabras
    bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt, verzinst und eingesackt.

    Während ich mir hier noch vormache „irgendwie werd ich schon durchkommen, mir passiert nix, mich kriegen die nicht“, wetzen die von uns bezahlten Zinseszinsgeier schon die nächsten Messer um noch grössere Fleischbrocken aus dem tätigseienden herauszuschneiden- es ist ein so miserables Schmierenstück, dass man weinen müsste hätte man der Liebe nicht:)

    Liebe? welche Liebe?
    nun: ich finde vieles auf diesem Planeten liebreizend;
    engagement trotz aller widerstände, Hingabe an jedwede
    reale Umweltherausforderung, selbst ein in sich selbst
    versunkener Mensch beim Spiel (und/oder arbeit) ist der
    Liebe wert. und manchmal in seltenen Augenblicken der Ruhe
    kommen mir rührselige Tränen ob der Zuversicht in eine Zukunft die lebenswert erscheint.

    so irr ich weiter durch die welt
    stets und stets mir selbst genug
    velang nix weiter als der luft
    die mir den nächsten Zug vergönnt.
    s’ist nur ein trip auf kurze zeit
    ich seh schon was von übrigbleibt
    wenn alles kommt so wie gewünscht.
    meine Wünsche sind geschwunden
    fort wie morgentau am abend
    wäre da nicht leidenschaft
    ein Funke noch, es wär genug.

    gruss
    i.m. sz

  9. Stimme Ingo im wesentlichen zu. Die seit Jahrzehnten gepredigten Glaubenssätze der Finanzlenker haben die meisten Menschen verinnerlicht, wie das beschriebene Verhalten „Leistung lohnt sich, je mehr ich fleißig bin und arbeite, desto größer die Chance statt dem trockenen Sandkuchen ein Stück Sahnetorte zu bekommen“. Dabei sind Sahnetorten nur für die Partys der Finanzmafia und der herrschenden Lenker vorgesehen, wenn der Einzelne droht, zuviel zu verdienen, wird der Staat als Erfüllungsgehilfe schon tätig und hält ihn „angemessen“ arm.
    „Fleißig“ meine ich natürlich in dem Sinne „ehrlich, von meiner Hände Arbeit erarbeitet“ und nicht fleißig meine Mitmenschen übern Tisch gezogen.
    Es wäre mal eine interessante Frage wieviel „Reichtum“ jemand „ehrlicherweise“ also nicht unter Ausnutzung seiner Mitmenschen erarbeiten kann.
    Jetzt zum leeren Boot.
    Zitat.“Es ist angenehmer….“.
    Ja, weil das „angenehme“ als Emotion schön ist, weil fast jeder Mensch triebhaft danach trachtet das möglichst Alles leicht, schön, einfach, schnell zu erreichen, mühelos sein sollte -sorglos eben- oder auf den Punkt „ohne Angst“. Angst und deren Vermeidung ist eine mächtige Triebfeder.
    Daher verfangen auch die jahrzehntelangen Mantras der Politmedien „fleißig sein“,“Maul halten, sonst Job weg“, „Riestern, sonst arm im Alter“, „Fleisch, ein Stück Lebenskraft“, „Krieg gegen den Terror“, „Immer Mainstream und politisch Correct, sonst ewig Gestriger oder Verschwörungstheoretiker“, „immer erreichbar und technisch up to date sonst droht Ausgrenzung“ usw.
    Die jahrzehntelange gesteuerte Berieselung (TV, Schule, Uni, übrige Medien) hat erfolgreich das Mitreifen der geistigen Fähigkeiten verhindert, das nötig gewesen wäre, um mit dem technischen Fortschritt umzugehen, ein menschengemäßes Verhältnis dazu zu entwickeln.
    Erfolgreich haben wir die Angst vor tatsächlichen Sozialbegegnungen kultiviert und wollen nur autistisch anonym vor uns hin existieren, im Namen der Freiheit und des Fortschrittes.
    Was ich sagen will ist, das wie Claudia schon beschrieben hat, das es sehr viel Anstrengung bedarf um die Abhängigkeiten zu erkennen, die mit den vermeintlichen Freiräumen einhergehen und das diese Erkenntnis-Anstrengung für viele nicht leistbar ist. Dazu kommt dann die noch größere Anstrengung, Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu ziehen und sich von den Glaubenssätzen z.T. zu verabschieden und ev. ein ganz anderes Leben als bisher zu leben -alles sehr angstbehaftet-.
    Gleichwohl meine ich festzustellen, das viele Menschen spüren, das sie das Streben nach emotionalem Wohlleben nicht befriedigt und sich in ihrem Umfeld geistig-soziale Herausforderungen suchen.
    Das Pendel schlägt zurück.
    Gruß
    Achim

  10. Liebe Claudia
    ich zitiere: „Soviel Freiheit war nie, einerseits. Den Mitmenschen haben wir entmachtet, uns dafür aber massiv in die Abhängigkeit von Systemen und Geräten begeben.“

    Aber das ist alles Freiwillig – ich bin erst abhängig, wenn ich das zulasse. Ich kann diese Kiste jederzeit abschalten und ich tue das täglich – mehrmals – auch das Internet hat keine Macht, wenn ich nicht will – es besteht keine Verpflichtung regelmässig Beiträge in meinen beiden Blogs zu veröffentlichen. Wenn ich nichts weiss und keine Lust habe wird nicht gebloggt – klar dann verliere ich Besucher – ist das so wichtig? Meine Zufriedenheit ist mir wichtiger.

    Auch bei Facebook sind alle meine Privaten Angaben freiwillig – das Netz weiss relativ wenig über mich und wenn schon – alles was das Netz weiss habe ich freiwillig frei gegeben – also auch da keine Abhängigkeit – Im Gegenteil – ich benutze Facebook genauso wie Facebook versucht mich zu instrumentalisieren.

    Auf der anderen Seite begegnen mir im Netz so viele Interessante Menschen, die meine Neugier wecken, „wer steht wohl hinter diesem User Name?

    Ich habe mir auch schon überlegt; „was würde ich ohne Internet machen? Alles würde wieder etwas komplizierter und langsamer und wir müssten wieder Briefe schreiben – aber auch das würde nach einer Weile wieder funktionieren.

    All jene die merken, dass sie abhängig sind, müssen wie bei jeder Sucht ein Entwöhnungsprogramm starten und mal für eine Weile den Computer ausschalten und sich im Internetz etwas rarmachen

  11. […] Verführt vom “leeren Boot”: Zur Abhängigkeit von Menschen, Systemen und Geräten […]

  12. Liebe Claudia
    ich habe mir erlaubt einen kleinen Beitrag zu Deinem Thema: – Verführt vom “leeren Boot”: Zur Abhängigkeit von Menschen, Systemen und Geräten – zu schreiben.
    Hier der Link: http://zentao.wordpress.com/2013/02/12/abhangigkeit-im-internetz/
    Liebe Grüsse zentao

  13. Euch mal wieder ein herzliches DANKE, dass Ihr Euch auf so „verschwurbelte“ Themen einlasst! Hier entstehen so gelegentlich Gespräche, die ich definitiv nirgends in den „sozialen Netzen“ erlebe, sondern ausschließlich hier, mit ein paar Stammlesern (und ab und an auch einer Leserin/Schreiberin), die auf den Austausch von bloßen Stimmfühlungslauten nicht aus sind. Das ist am allernächsten dran am heimischen philosophisch-zeitdiagnostischen Talk mit Freunden! DANKE!!!

    @Ingo: ein guter Rant, wie meistens! :-) Dass du mein Heidegger-Zitat zitiert hast, ließ mich hoffen, dass du teilst, was ich damit (und mit dem ganzen Post!) ausdrücken wollte. Dem war aber nicht so, denn du schreibst:

    „ich denke, die Heideggers haben irgendwie versagt, wir
    haben keine Richtungsweisenden Denker mehr im Keller,
    unsere Taten werden von schwarmgenerierten Dummheiten
    geführt. “

    Philosophie ist seltenst „Richtung weisend“, sonst wäre sie Ideologie und Politik – und nicht „Liebe zur Wahrheit“.

    Zu Heideggers Technik-Kritik siehe mal das hier – durchaus aktuell, und genau deshalb war er ein „großer Philosoph“, auch wenn aus solchen Einsichten keine Handlungsanweisung kommt. Sondern nur die unangenehme Einsicht in die eigene (und sogar kollektive!) Machtlosigkeit.

    Immerhin leitest du deine Schimpfrede ja selbstkritisch ein, mit „wir sind es, die letztendlich….“ – aber was du beklagst, ist ein betrogen-worden-sein von Dritten, von irgendwelchen Bösen, die uns täuschen und ausbeuten. Weil das für viele stimmt, sag ich auch nix gegen deine berechtigte Brandrede – es ist aber nicht das, was ich meinte.

    Ich schauderte eher über die Einsicht, dass das, was wir wollen und ernsthaft wünschen (z.B. die Vermeidung von Stress und Nerverei mit dem Mitmenschen in Gestalt von Wut, Ärger, Hass – und ja, auch Angst, wie „Anonnymus“ schreibt), zu einer Produktions- und Konsumwelt geführt hat, in der wir letztlich nurmehr mit Apparaten, Programmen und Algorithmen umgehen.

    Wir errichten das „System“ selbst, dass dann mehr und mehr „kafkaesk“ agiert. Wer nicht weiß, was ich meine, soll mal mit dem Cyborg Google zu kommunizieren versuchen – viele Betroffene müssen Ähnliches auch anhand der beliebig sinnlos-verschüttelten Textbausteine der ARGE erleben, wenn sie sich gegen irgend etwas zu wehren versuchen.

    Heidegger meinte, nur noch ein Gott könne uns retten – und sagte das als einer, der an so einen Gott NICHT glaubt.
    Aus meiner individuellen lebensgeschichtlichen Erfahrung stellt sich das nicht so negativ dar: die Einsicht in meine Machtlosigkeit war der unverzichtbare und alles-ändernde Schritt zur Befreiung aus einer mich und mein Leben beherrschenden Sucht.

    Deshalb denke ich, dass es vielleicht hilfreich sein könnte, wenn man auch in weltwichtigen Angelegenheiten mal zugibt: verdammt, wir haben viele Geister im Dienste unserer üblichen Instinkte und Begehren aus der Flasche gelassen und wissen jetzt nicht, wie wir uns vor ihnen retten könnten.

    Es tut nicht gut, sondern weh. Und insbesondere das männliche Problemlöser-Gehirn mag sowas nicht hören oder lesen, kann das nicht stehen lassen. (Mir ist das nicht fremd, in diesem Sinn lebte ich lange fast ausschließlich meine männliche Seite).

    Na, bevor der PC mal wieder abstürzt, schick ich mal lieber ab. :-)

  14. @Achim: bitte nutze doch diesen Namen dann auch für die Postings hier. Ich finde die Anrede „Anonymous“ unangenehm und wünsche mir auch eine erkennbare Kontinuität zwischen verschiedenen Äußerungen derselben Person in „hiesigen“ Gesprächen.

    Dir steht, wie ich lese, ANGST als Haupt-Antrieb vor Augen, von dem aus du die Verkommenheit der Welt analysierst:

    „Ja, weil das “angenehme” als Emotion schön ist, weil fast jeder Mensch triebhaft danach trachtet das möglichst Alles leicht, schön, einfach, schnell zu erreichen, mühelos sein sollte -sorglos eben- oder auf den Punkt “ohne Angst”. Angst und deren Vermeidung ist eine mächtige Triebfeder.“

    Nicht nur Angst! Im gesellschaftlich-ökonomischen Sinn hatte ich im Leben fast nie wirklich Angst – ganz einfach, weil ich als in den 70gern/80gern Sozialisierte von vorne herein bereit und willens war, mich nicht für Sicherheit, Geld, Status etc. mit langweiligen Themen zu beschäftigen.

    Ich hatte keine Angst, etwas zu verlieren, weil ich gar nicht erst in „Arbeit als Mittel zum Etwas-gewinnen“ eingestiegen bin. Mir stand immer schon der Sinn meines Tuns im Vordergrund – und ich hatte niemals Angst, ins soziale Netz zu fallen. (Deshalb verteidige ich dieses soziale Netz als „Staatsraison“, so unvollkommen es auch sein mag).

    „Dazu kommt dann die noch größere Anstrengung, Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu ziehen und sich von den Glaubenssätzen z.T. zu verabschieden und ev. ein ganz anderes Leben als bisher zu leben -alles sehr angstbehaftet-.“

    Ein „anderes Leben“ führen zu wollen, geht doch davon aus, dass es mir ums individuelle Glück gehen sollte. Das aber ist ja lange verwirklicht – ich brauche nicht viel Geld dafür, sondern ein Sinngefühl im täglichen Tun. Individuell hab ich das schon ein Leben lang, zumindest ab 25.

    Hier reden alle von „wir“ – wer aber ist das jeweilige „wir“?`Wie geht es denn dir, so ganz persönlich?

  15. @ZenTao: ich freue mich über Resonanz-Artikel – und finde es auch richtig, dass du das Thema „entführst“.

    Denn du schaust da gänzlich anders drauf als ich. Ich spreche nicht etwa als „Internet-Süchtige“. Hätt ich derzeit einen Stalker, müsste der sich länger schon über meine mangelnde Netz-Präsenz und Aktivität beklagen. Mein Problem ist nicht, vom Monitor individuell nicht wegzukommen, hin zu einer besserer „Work-Life-Balance“. Ich könnte jederzeit unproblematisch Netzurlaub machen (hey, ich hab einen Garten!) – meine WESENTLICHEN Beiträge finden sowieso recht entschleunigt statt!

    Individuell hab ich kein Problem – aber gerade DAS ist das Problem im kollektiven Sinn. Natürlich ist vieles, was wir heute völlig normal und angesagt finden, „freiwillig“ – aber was heißt denn das?

    Du meinst ernsthaft, man solle und könne nur mehr abschalten und was anderes machen. Klar, kannst du machen, mache ich auch – aber das ist dann alles Freizeit, Urlaub, Hobby, Ausgleich, gelingende Work-Life-Balance – und wir können uns das nur leisten, weil wir privilegiert sind. Noch.

    Menachem schrieb:

    „Dass das “brauchen” heute evtl. “nur noch” auf ein psychisches ausgerichtet ist, wüsste ich im Moment nicht zu beantworten, ob dies unbedingt als Nachteil anzusehen ist.“

    Damit trifft er recht genau den Punkt. Unser erwünschter und durchaus ethisch zu rechtfertigender Vorteil IST GENAU der Nachteil, an dem die Welt krankt. Unser Streben nach immer mehr Glück und Freiheit treibt die Welt in den Abgrund.

    Und wir können das nicht ändern, weil wir zwar tun können, was wir wollen – aber nicht bestimmen, was wir wollen sollen.

  16. @Claudia: „Hier reden alle von “wir” – wer aber ist das jeweilige “wir”?` “ fragst Du oben. Obwohl ich eine ungefähre Vorstellung davon habe, wie Du dieses schreckliche ‚Wir‘ meinen könntest, schaudert mir beim Lesen dieses Wortes immer dann, wenn es um solche Themen wie die Abhängigkeit einzelner Menschen von allgemeineren Zusammenhängen und Dingen geht.

    Selbstverständlich gibt es dieses ‚Wir‘ schlichtweg nicht, denke ich. Weder als gnädiges Band jener, welche die Vorteile einer globalen, technifizierten Zivilisation meistenteils genießen können, noch als verzweifeltes ‚Wir‘ für diejenigen, welche unter ihren Nachteilen eher zu leiden haben.

    Da, wo sich Wir-Gefühle und gemeinschaftliche, nicht ökonomisch determinierte Identitäten noch halten, stehen sie auf verlorenem Posten. Im Kleinen, im Alltag, ist das gut am Thema der Pflege alter oder überhaupt kranker Menschen zu sehen. Hier verschwinden familiäre Strukturen zugunsten eines Transfersystems (genannt Gesundheitssystem), welches ehemals persönliche Beziehungen in Geld-Beziehungen wandelt (mit den bekannten Konsequenzen). Dieses Thema ist in meinen Augen deswegen so spannend, weil hier alles ‚Virtuelle‘ (smart phones & apps & social networks) an seine ’natürlichen‘ Grenzen stößt, da auch eine noch so chip-intelligente Vermittlung von social services & environmental ressources nichts an der jedem Menschen spätestens dann, wenn er selbst zum ‚Opfer‘ der Pflegebedürfigkeit geworden ist, einsichtigen Notwendigkeit ändert, die täglichen körperlichen Verrichtungen dergestalt unterstützen oder übernehmen zu lassen, daß der zu Pflegende nicht zum bloßen Anhängsel und Objekt einer Maschinerie, eines allein sachlich-ökonomischen Kriterien unterworfenen Prozesses wird.

    Da absehbar ist, daß in Gesellschaften, in denen das Töten von Menschen, unterschreiten sie eine gewisse Selbstversorgungsschwelle, nicht akzeptabel ist, die zunehmend anfallende Aufgabe der Fremdversorgung langfrsitig zu große Teile des gesellschaftlichen Reichtums bindet (der dann den wahrhaft system-relevanten Strukturen fehlen würde), wird sich hier ein kaum wegzudiskutierender Widerspruch auftun – und tut es in mittelschichts-orientierten Kreisen schon dort, wo verzweifelte Angehörige mit ansehen müssen, wie das Lebensglück ihrer Eltern zwischen nicht bezahlbaren Heimplätzen und nicht ausreichender ambulanter Versorgung aufgerieben wird.

    Eine Frage, die ich mir in diesem Zusammenhang stelle, ist, ob tatsächlich an dieser jeden Menschen, der fühlen und denken kann, berührenden Thematik die üblichen Mechanismen der medial konstruierten Gute-Laune-Welt greifen. Aufgrund eines grippalen Infektes habe ich neulich das Experiment gewagt (bzw. es wurde mir aufgezwungen), mehrere Tage lang nur (a) Fernsehen zu schauen oder (b) Radio zu hören oder (c) sich aus dem Internet zu informieren, statt mit Freunden und Bekannten zu reden und auf der Straße herum zu laufen, um mich in der Welt und über sie zu orientieren.

    Ich muß sagen, das hat mir die Vermutung eingegeben, daß letztlich doch einfach alles, was unter der Sonne an Gräßlichem geschieht, medial weggefedert werden kann. In den ersten beiden Mahlströmen wird es zu einem einheitlichen Brei aus Sport-, Skandal- und Glamour-Events angerührt, und auf der dritten, virtuellen Ebene zu einer aseptischen High-Tech-Welt hochgelobt, deren letztendliche Wahrheitsfindung qua richtigem encryption-protocol zur Authentifizierung des großen Evangelisten schwärmerischer Intelligenz ein Dasein jenseits aller Wirklichkeitslastigkeit erlaubt (boah!).

    Das sollte (hoffe ich) jedem, der noch eines Rests an eigenen Gedanken fähig ist, handgreiflich zeigen, in welche Wolkenkuckucksheime Menschen sich einnisten können, mangelt es ihnen an alltäglicher Realitätskontrolle, welche der soziale Kontakt zu physischen Menschen, zu körperlichen Eindrücken frei Haus liefert.

    Regelmäßige, bewußte und vielleicht sogar manchmal etwas kämpferisch übertriebene Abstinenz von Geräten wie TV, Radio, phone oder der (he/she)-machine ist daher vielleicht ein letzter, beinahe verzweifelter Versuch, ‚hinter‘ der virtuellen Wand der Mensch-Maschine-Schnittstellen noch etwas Raum für sich selbst und andere zu entdecken – wie früher einmal ‚unter‘ dem Pflaster nach dem Strand gesucht wurde, doch leider meinte das am Ende wohl nur den exotischen Strand aus der Bier-Werbung, zu dem dich der Billigflieger karrte, wenn du einen Kurzurlaub zwischen zwei wichtige Termine klemmen konntest.

    Ich hoffe ja nun sehr, daß es irgendwann so etwas wie eine ‚Medienkompetenz 2.0‘ geben wird, d.h. daß Menschen den Umgang mit Maschinen (egal ob diese mit ihnen sprechen oder ihnen den Platz an der Sonne streitig machen) auf eine Weise zu handhaben lernen, die ihnen nicht mittels einer fast religiösen Verzückung für das Bunte, Flinke und Geile eines winzigen Bildschirms und minderwertiger Lautsprecher den Blick auf das gezielt Gemachte der Maschinenwelt (und deren Macher sowie deren Interessen!) verstellt, sondern Maschinenrealität als eine Form von Realität (unter vielen anderen) wahrzunehmen und zu nutzen hilft.

    Vielleicht sind es ja gerade die Kinder, die in eine Welt hinein wachsen, in der Technik omnipräsent ist, welche sich von der lächerlichen Maschinengläubigkeit unserer Zeitgenossen lösen, indem sie die Technik für sich benutzen, statt sich von den angeblichen ‚Wundern‘ der Technik beschwatzen zu lassen.

    Menschen, die sich früh morgens in langen Schlangen einfinden, um das brandneue Telefon zu erwerben, ohne das sie nicht leben können, oder die glauben, daß die Möglichkeit, einer Millionen Schreihälse auf einem hoch auflösenden display zuschauen zu können, irgendeiner kritischen Wahrheitsfindung nütze, oder die ernsthaft hoffen, anonyme Schwarmintelligenz würde zu mehr ausreichen, als ein paar nette Flugkurven in den Himmel oder ins Wasser zu zaubern, werden das vermutlich niemals können.

    Sie sind Schafe, nicht Schäfer, allerdings hat man ihnen das bunte Fell eines bellenden Hundes gegönnt, denn Hunde, die bellen, beißen bekanntlich ja nicht!

  17. Übrigens, hier noch eine mir nicht wesentlich abwegiger erscheinende Version der oben von Dir zitierten Gechichte von Thich Nhat Hahn:

    “Ein Mann ruderte an einem sehr nebligen Morgen sein Boot stromaufwärts. Plötzlich sah er ein anderes Boot stromabwärts kommen, das keine Anstalten machte auszuweichen. Es kam ihm genau entgegen. Er rief: `Vorsicht! Vorsicht!´, aber das Boot fuhr genau in seins hinein. Vom Aufprall wurde seine Tochter ins Wasser geworfen und ertrank. Der Mann war außer sich und begann die andere Person anzuschreien, ihr gehörig die Meinung zu sagen. Aber als er genau hinschaute, sah er, daß in dem anderen Boot überhaupt niemand war. Es stellte sich heraus, daß das Boot sich gelöst hatte und stromabwärts trieb. Sein Ärger schwoll gewaltig an, und da er niemanden fand, den er für sein Unglück verantwortlich machen konnte, wurde er zum Menschenfeind, der fortan in allen Menschen nur noch das Schlechte sehen konnte.“

  18. Liebe Claudia,
    ganz verstehe ich Deinen letzten Comment nicht. Vielleicht, weil er als „Antwort“ entstanden ist und nicht allgemein verständlich „ausgebreitet“ wurde?!

    Doch nutze ich den Anknüpfungspunkt hier für eine private Bebachtung/Einschätzung/Gedanken:
    Ich habe in den letzten Tagen wiederholt den Gedanken gehabt, daß Menschen vor allem ihre Freiheit suchen und im Grunde nur ganz schwach an andere Menschen gebunden sein wollen. Fast scheint es, diese stören, stehen im Weg, behindern. Wenn Dienstleistende nicht schnell liefern/bereitstellen, ist man ungehalten.
    In den 70ern war doch der Nächste der Wichtigste, so zumindest die Botschaft in diesen Tagen – nun ist er fast lästig, man braucht ihn nicht. Man bewegt sich in den Reihen der Mitmenschen, aber diese sind praktisch nicht vorhanden.

    Wenn ich das so anschaue und auch richtig gesehen habe, dann würde das ja bedeuten, daß es für die gewaltige gemeinsame Anstrengung, unsere Probleme hier auf Erden zu lösen, nie und nimmer reichen kann. Einige spirituell ausgerichtete Menschen sagen ja, daß ein bestimmter Prozentsatz schon das WIR integriert hat und daß alles auf bestem Wege sei – doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
    Das Pendel ist m.E. zuweit in Richtung Bindungslosigkeit ausgeschwungen.

  19. @Susanne: derzeit sind wohl viele krank, ich hoffe, es erwischt mich nicht auch noch! Mich wundert, dass du nicht BÜCHER LESEN als Beschäftigung gewählt hast.. :-)

    Hab Dank für deine umfangreiche Resonanz! Den Schlenker zur Pflegebedürftigkeit find‘ ich immer wieder interessant und natürlich bedrückend! Zum „unbezahlbaren Heimplatz“: ich finde die Preise auch krass, ABER ich hab‘ auch gelesen: reicht die eigene Versicherung und Rente nicht, zahlt das Sozialamt den Rest. Unbezahlbar heißt dann wohl eher: man möchte das Erbe erhalten anstatt die verbliebenen Werte dem Gesundheitssystem in den Rachen werfen… oder seh ich das falsch?
    Übrigens wird ja länger schon der Pflege-Roboter entwickelt – von daher glaub ich nicht an „natürliche Grenzen“ der Technisierung. Und genau da wird sich derselbe Widerspruch auftun, wie auch schon im medien&technik-gestützten „normalen Leben“: einerseits werden viele es bei weitem vorziehen, sich von einem Robot säubern zu lassen, anstatt dass ein fremder Mensch (womöglich noch anderes Geschlecht, andere Kultur…) das tut. Andrerseits wird der damit verbundende menschliche Kontakt auch schwer fehlen, da nicht zu erwarten ist, dass gleichzeitig mehr „nutzlose“ Zuwendung wie Gespräche etc. die Lücke füllen wird.
    Aber viellleicht können wir ja dann noch von den Pflegebetten aus in die Geronten-Communities röcheln…

    Deine Umdichtung der ZEN-Geschichte funktioniert nicht – ich finde es angenehm, das so klar zu bemerken! Wenigstens gibt es ab und zu noch eine nicht relative Wahrheit… Es gibt einfach keinen Grund, im Erkennen der Leerheit des Bootes zum Menschenfeind zu werden. Allenfalls ein Aggressionsanfall bzgl. des Boots wäre nachempfindbar.

    @Gerhard: frage gerne nach, wenn etwas nicht verständlich ist! Ich kann mir jetzt nicht denken, was du meinst.

    Deine „private Beobachtung“ ist genau mein Thema im Blogpost. Nur dass ich die Ambivalenz in mir selbst verorte, mich also nicht ausschließe in dem, was ich als problematisch benenne. Ja, wer ist schon gerne abhängig? Ein abstraktes System und allerlei Geräte sind da psychisch leichter verkraftbar als konkrete Menschen, die man noch nicht mal selbst gewählt hat.
    Dass es in den 70gern anders gewesen ist, empfinde ich nicht so. WIR jetzt Älteren waren deutlich jünger, also in einer Lebensphase, in der man gern und viel unter Mitmenschen ist und sich leicht befreundet. Das heißt aber nicht, dass der „Freiheitsdrang“ kleiner gewesen wäre – eher im Gegenteil! Es war ja jene Zeit, in der eine Menge althergebrachter Bindungen gekündigt wurden – weil es auf einmal MÖGLICH war.

    Was das Ändern von Misständen und Lösen von Problemen angeht, bin ich nicht so pessimistisch. Das strebt man ja nicht an, weil man den Nachbarn täglich zum Kaffee empfängt, gerne einen Arbeitsplatz mit Kollegen hat oder viel mit Freunden feiert. Sondern der „Missstand“ vermittelt sich medial und ebenso der Widerstand dagegen – das ist „Schwarmverhalten“ im positiven Sinne – siehe z.B. aktuell die Europa-Petition gegen die Wasserprivatisierung. Oder mein Umschwenken auf „fast vegane“ Ernährung: das kam nicht aus dem Bekanntenkreis und auch nicht, weil ich mal so in eine Massentierhaltung rein gelaufen wäre – sondern durch Bücher und Videos auf Youtube.

    Ach ja, mein Buch „Unverbissen vegetarisch“ erscheint übrigens nächste Woche.. :-)

  20. Liebe Claudia,
    ich hatte mich nicht konkret genug geäussert. Mein Satz „In den 70ern war doch der Nächste der Wichtigste“ sollte nichts anderes heissen, als daß man auf die Gedankenwelt des anderen besonders reagierte und sie respektierte, vornehmlich bei Gleichaltrigen oder den Großeltern. Die Gleichalrigen verhalfen einem zum besseren Verständnis und Interpretation des Ist und der eigenen Gefühlswelt. Was die Betagten zu sagen und zu erzählen hatten, wurde manchmal als besonders wertvoll eingestuft.
    Nur das meinte ich damit. Vielleicht wollte ich nur damit zum Ausdruck bringen, daß die Jugend ganz besonders zusammenhing – inwiefern das jetzt heute auch noch so ist, weiß ich nicht.

  21. @ingo
    Zitat:
    “ich denke, die Heideggers haben irgendwie versagt, wir
    haben keine Richtungsweisenden Denker mehr im Keller,
    unsere Taten werden von schwarmgenerierten Dummheiten
    geführt. ”
    Vielleicht ist es an der Zeit, dass der Mensch beginnt selber zu Denken anstelle des Jahrzehnte sich vordenken und vorkauen zu lassen
    Liebe Grüsse zentao

  22. „Vielleicht ist es an der Zeit, dass der Mensch beginnt selber zu Denken….“

    Ich denke, diese Seite ist ein hervorragender Beweis, das dieses Experiment sich auf einem guten Weg befindet :)

  23. @zentao
    -Zitat:
    -“ich denke, die Heideggers haben irgendwie versagt, wir
    -haben keine Richtungsweisenden Denker mehr im Keller,
    -unsere Taten werden von schwarmgenerierten Dummheiten
    -geführt. ”
    -Vielleicht ist es an der Zeit, dass der Mensch beginnt
    -selber zu Denken anstelle des Jahrzehnte sich vordenken
    -und vorkauen zu lassen
    -Liebe Grüsse zentao

    Hallo:)
    naja, ich denke schon, dass „der mensch“ schon immer
    selber denkt, ansonsten wäre er ein reichlich
    trostloses konglomerat aus biologisch abbaubaren
    einzelteilen.

    ich meine mit den „heideggers“ z.B.umwerfende ideen, die
    einen weg in die welt finden, zu der welt, in der ich
    _auch_ mal was mitbekomme. ich kann ja immer nur sehen
    (erleben) was in meinem umfeld tatsächlich geschieht.

    da ich nur sehr sehr selten mit „heideggers“ persoenlich
    in kontakt komme, fehlt mir eventuell auch die grade aktuelle uebersicht ueber den derzeitigen stand der praktizierten filosovieh?

    es ist durchaus auch möglich, dass ich ein völlig verkehrtes Bild der Philosophie habe, zu wenig zu tun damit, im realen leben zu sehr mit kleinkram beschäftigt, mir fehlt wohl auch die möglichkeit über meinen ganz privaten tellerrand der wirklichkeit hinauszuschnuppern.

    und ja: diese seite hier ist in der tat ein argument
    für selber denkende zewibeiner:)

    gruss
    im.sz

  24. Zur ‚Unbezahlbarkeit‘ eines Heimplatzes:
    Sicherlich tritt die Allgemeinheit ein, sobald ein alter Mensch und seine Kinder einen Pflegeplatz nicht mehr aus Einnahmen oder Vermögen bezahlen können. Ob ein solches Leben in materieller Abhängigkeit aber noch mit dem Lebensgefühl von Menschen, die vielleicht stets sehr großen Wert auf ihre Eigenständigkeit gelegt haben, vereinbar ist und was es bedeutet, nach einem ‚Arbeitsleben‘ zum ‚Almosenempfänger‘ zu werden, steht auf einem anderen Blatt und ist mit dem Hinweis auf den ‚Erhalt eines Erbes‘ vielleicht nicht immer einfach abzutun.

    Zum ‚Pflegeroboter‘:
    Das ist in der Tat eine sehr spannende Sache, weil sich an dieser Stelle womöglich beides, die Absurdität der schleichenden Ersetzung des ‚Sozialen‘ durch das ‚Maschinelle‘, als auch seine Funktionalität im Rahmen einer durch Profit gesteuerten Ökonomie zeigen wird.

    Die Basisidee eines Pflegeroboters klingt ja gesund: Ersetzung schwerer, einfacher Tätigkeiten durch Maschinenkraft, so daß die ausgebildeten Menschen mehr Zeit für ihre eigentliche, genuin menschliche und neben Intellekt auch Gefühl und Phantasie erfordernde Arbeit finden. Die Folgen solcher Maschinisierung zunächst rein menschlicher Arbeit für den Umgang mit der eingesparten Arbeitszeit sind allerdings an der Geschichte der letzten zweihundert Jahre recht genau ablesbar, und jede Hoffnung, ausgerechnet im Gesundheitssektor würden sich die Gesetze des profitablen Kapitaleinsatzes umkehren lassen, halte ich für verfehlt. Dort wird zunehmender Maschineneinsatz ’selbstverständlich‘ vor allem die Kosten senken helfen, ohne daß solche Einsparungen dem eingesparten Personal mehr Zeit und Freiheit verschafften.

    Zur Zen-Geschichte:
    hier finde ich Deine, Claudias, Aussage, meine Version ‚funktioniere‘ nicht, erstaunlich. Weil sie meinen Erfahrungen und meinen Vermutungen über Menschen widerspricht.
    Daß Menschen, die von einem großen persönlichen Unglück heimgesucht wurden, dem sie weder Gesicht noch Namen geben können, nach dem ‚Sinn‘ und dem ‚Warum‘ fragen (und damit oft die Frage nach Schuld und Schuldigen meinen) und, falls sie enttäuscht werden, ‚daran‘ (sowohl dem Unglück als auch seiner ‚Sinnlosigkeit‘) verzweifeln, was vielfältige Folgen für ihr weiteres Leben hat, unter denen eine misanthropische Weltsicht zwar zum Glück nicht die Regel, aber auch keine Seltenheit ist, ein befreites Auflachen hingegen aber wohl eher zu den großen Ausnahmen gehören dürfte – das ist ein mir ganz selbstverständlicher Teil meiner Lebenserfahrung.

    Nun frage ich mich natürlich, wie es kommt, daß jemand als menschliche Reaktion auf die Anonymität eines Erlebens (z.B. das eines Unglücks) ein Gefühl von Befreiung als ‚funktionierend‘ ins Auge fassen kann (und womöglich als ‚Wahrheit‘ sieht), oder daß, wie Gerhard schrieb, “Menschen vor allem ihre Freiheit suchen und im Grunde nur ganz schwach an andere Menschen gebunden sein wollen“, oder daß, wie ich ebenfalls rundum sehen kann, viele Momente des Alltags nicht mehr aus Mensch-zu-Mensch Beziehungen zu bestehen scheinen, sondern eher der Form Mensch-zu-Maschine-zu-Mensch genügen. Und nehme an, daß dahinter der Zweifel steht, so etwas kompliziertes wie die alltägliche Welt sei von Menschen gemacht, welcher den Glauben nährt, Welt sei ‚irgendwie automatisch‘, auf jeden Fall aber nicht bewußt erzeugt.

    Das will ich anders sehen! Für mich ist Welt nicht anonym, es walten dort keine ‚Trends‘ oder ‚dunklen Mächte‘, es herrscht nicht ‚der Markt‘ oder ‚die Moderne‘ oder ähnliche Worthülsen-Erfindungen moderner Kirchenväterinnen, sondern die menschliche, alltägliche Lebens-Welt ist für mich immer das Resultat des Zusammenspiels einer Unmenge von zielgerichteten Handlungen. Klar, unter eingeschränkter Information! Und unter der Maßgabe eines prinzipiell vom Zufall kontaminierten Zusammenhangs zwischen erkennbarer ‚Ursache‘ und tatsächlich eintretender ‚Wirkung‘ plus der Würze, welche Veränderungen der Erdkruste hinein streuen, egal ob sie nun durch innere Spannungen oder äußere Impulse hervorgerufen werden.

    Weil ich (oder andere Leute) etwas nicht oder nicht ausreichend wissen oder wissen können (zum Beispiel: wie aus den Interessen, Absichten, Hoffnungen, Begierden und Idiotien mehrerer Milliarden Menschen Tag für Tag das entsteht, was wir Geschichte nennen), folgere ich nicht, es gäbe keine Gesichter hinter diesem schwer durchschaubaren Geschehen, da wären keine Schuld und Verantwortung, die sich an Menschen heften ließen, und das, was passiere, wäre absichtslos.

    Sicher, die Welt ist groß, das war sie auch schon vor zwanzigtausend Jahren, und vermutlich handeln Menschen immer unter Risiko und ohne komplette Information. Sie sind aber deswegen beileibe nicht wie der Stein, der in einem Bach in Richtung Meer geschwemmt wird und mal hier und mal dort aneckt oder im Schlamm für eine Weile liegen bleibt.

    Mich von anderen Menschen zu lösen, von den Abhängigkeiten, in die mich Hunger und Durst, Furcht und Gier, Liebe und Sex treiben, auch der Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit, soweit er menschliche Beziehungen einschließt, ist in meinen Augen niemals ein Prozeß, der mich prinzipiell vom Abstraktum ‚Mensch‘ lösen kann oder soll, sondern nur ein Wegbewegen von je konkreten Menschen, von diesem Ernährer, von jener Freundin, von jenem Liebsten oder solchen Nachbarn, und das geschieht meist aus individuellen, besonderen Gründen oder wegen Überdruß, Streit, Enttäuschung oder der simplen Aussicht auf etwas Besseres, Spannenderes und Großartigeres.

    Bindungen an Menschen gänzlich, prinzipiell abstreifen zu wollen (etwa um mich zu befreien) sehe ich als Anstrengung des Laokoon, der sich mit jedem Kraftakt nur neu (und womöglich fester) in seine Verstrickung band. Denn direkte menschliche Bindungen scheinen mir wesentlich für Menschen (als soziale Wesen) zu sein, und die Idee, bindungs-frei oder auch nur bindungs-arm leben zu können und wesentlich nur maschinell vermittelt zu existieren (was schneller, bunter, moderner, geiler usw. sein soll), halte ich für absurd und das Resultat einer Verblendung. Die in der Tat wohl nur unter einer Form der Reproduktion des Lebens auftauchen kann, in der nach und nach sämtliche Momente ganzheitlichen, menschlichen Lebens auseinander dividiert werden, um sie aus dem Diktat der konkreten Nützlichkeit des Dinges (das sind Gegenstände und Dienste) für konkrete andere Menschen zu ‚befreien‘ und seiner abstrakten Nützlichkeit für den gesellschaftlichen Reichtum zu unterwerfen.

    Es mag schick sein, so etwas auch noch zum Programm zu erheben, so wie es Menschen, die sich eines Schicksals nicht mehr erwehren zu können meinen, es ja oft lieben, diesen Moloch wie in einem Akt des Wahnsinns als einen Götzen zu hofieren und anzubeten. Ich mag das aber nicht, es beleidigt meinen Stolz auf mich und meine Mitmenschen. Ich halte Bindungen an Menschen für eine, wenn nicht für die Essenz menschlichen Lebens, und zwar in der Form von konkreten, materialen und existentiellen Bindungen, nicht in der des Blabla von Touristen beim Landausflug, die sich gegenseitig die wirksamste Sonnencreme schmackhaft machen wollen.

    Und wie leider in jeder Bindung bietet das Medium der Verbundenheit die Möglichkeit eines Eingriffs von Außen, die Chance der Manipulation, der Zerstörung und Unterwerfung der Verbundenen. In einer Welt durch Maschinen vermittelter und damit nicht verschwundener, sondern nur unsichtbar gemachter Bindungen sind es diese Maschinen, die einen Ansatzpunkt bieten. Daher betrachte ich die moderne Maschinenwelt (Internet usw.) nicht nur als eine Chance der Erweiterung des individuellen Horizontes (was sie zweifellos ist), sondern ebenso als die Möglichkeit dessen Gegenteils und die scheinbare Freiheit dank Internet, Medienvielfalt, Telefonie usw. als trojanisches Pferd, in dessen Bauch die Zuladung des Eingangs in eine selbst verschuldete Unmündigkeit lauert.

    Dummerweise fehlt es allerdings an Ersatz. Zumindest in den Breiten, in den ich lebe, sind ‚kleine‘, gut überschaubare Gemeinwesen mit intakten sozialen Beziehungen die Ausnahme, während ‚große‘ und kaum zu durchschauende Strukturen mit zumindest überregionaler Reichweite die Regel sind. Die Frage nach dem ‚cui bono‘ überlasse ich, um hier irgendwann glücklich zum Ende zu kommen, gern anderen Diskussionen…

  25. Ihr Lieben, grade gönn‘ ich mir ein paar Offline-Tage. Deshalb jetzt nur kurze Grüße – demnächst wieder mehr.

  26. Ausgezeichnet und ruhig vorgetragen, liebe Susanne – vor allem das zum Thema Bindung.
    Irgendwie, auch – leider – mittlerweile an einem selbst, spürt man, daß sich Bindungslos-Sein-Wollen verdichtet und ausbreitet und was dieses Streben aus uns macht.

Was sagst Du dazu?

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