Claudia am 14. Dezember 2012 — 15 Kommentare

Was brennt in Euch?

Mit dieser Frage beendet Menachem sein letztes Blogposting mit dem vielsagenden Titel „Hätte ich doch nur…“. Es handelt vom Scheitern der Selbständigkeit, vom Nicht-Erreichen einst gesetzter hoher Ziele, vom nochmaligen Scheitern in einem neuen Versuch – und davon, dass das immer noch besser ist als irgendwann auf dem Sterbebett denken zu müssen: Oh, hätte ich doch nur…!

Menachem lädt mit seinem Artikel zur Jahresend-Besinnung ein. Im Kontext „Selbständigkeit“ tut das auch Peer Wandinger mit seiner Blogparade „Ziele, Pläne und Erwartungen 2013“. Wie immer, wenns ums Geschäft geht, soll man checken, was man dieses Jahr erreicht hat und sich Ziele für 2013 stecken – am besten gleich mitsamt dem konkreten Plan, wie man sie umsetzen möchte.

Vor zehn Jahren noch wäre ich darauf „angesprungen“, heute spricht mich Menachems Frage weit mehr an. Mehr denn je ist mir wichtig, den Sinn eines Tuns zu spüren, ganz unabhängig davon, ob es etwas mit Geld verdienen zu tun hat oder nicht. Und auch „Selbstverwirklichung“ ist nicht der oberste Maßstab, sondern die Frage, was eine Aktivität angesichts der uns umgebenden, sich ständig zuspitzenden Problematiken eigentlich beiträgt.

Für das „brennen“ bedeutet eine solche Gestimmtheit leider, dass ich mich laufend über irgend etwas empöre, mich aber gleichzeitig äußerst machtlos fühle. Es gelingt mir nur selten, mein Handeln dazu in einen sinnvollen Bezug zu setzen. Was bringt es, den soundsovielten Artikel über menschenverachtende Behörden, korrupte oder ignorante Politiker, lügnerische Journalisten und den Niedergang sämtlicher Werte abseits der VERWERTUNG zu schreiben? Meistens gar nichts, wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.

Immerhin: mein Engagement für den Ausstieg aus der Fleischwirtschaft findet Gnade vor den Augen meiner inneren Sinn-Sucherin. Das ist immerhin etwas Konkretes, das tatsächlich an einem Teil des Übels kratzt – aber auch nicht soooo sehr, denn selbst wenn hierzulande ein Großteil der Bevölkerung zu Vegetariern würde, würde eben einfach mehr Fleisch exportiert. Trotzdem: da ist mehr Sinn drin als in vielem anderen, was ich so mache.

Besinnung auf das Wesentliche

Um diese Jahreszeit – kurz vor der „tiefsten Nacht“ – ist mir nicht nach neuen Aufbrüchen zu Mute. Eher danach, Ballast abzuwerfen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, bzw. überhaupt wieder intensiver die Frage zu stellen, was denn „das Wesentliche“ ist. Was aber fällt mir dazu gleich wieder ein? Dass es verdammt nochmal immer mehr Menschen gibt, für die sich „das Wesentliche“ auf die Frage einengt, wie sie überhaupt noch über die Runden kommen sollen. Und dass sich das Interesse der Noch-nicht-Abgestiegenen meist einzig darauf richtet, den eigenen Status um jeden Preis zu halten – unter Verleugnung der Ausbeutungs- und Ausscheidungsprozesse, die überall im Gange sind, sowie mit Schuld-Zuweisungen an die Individuen: selber schuld, wer arbeitslos und arm ist! Wer wirklich arbeiten will, findet schon was… (ja, z.B. Wachdienst für 4,50 Euro/Stunde!).

Derzeit kursieren viele Scherze über den Weltuntergang am 21.12.2012. Manchmal denke ich: wär nicht schade drum! Die Menscheit führt sich auch nicht anders auf als eine Bakterienkultur in der begrenzten Petri-Schale: fressen (=konsumieren) und vermehren, bis keine Ressourcen mehr da sind und man am eigenen Müll erstickt.

Aber JA, es „geht uns doch noch ganz gut“ – so im globalen und europäischen Vergleich. Daran hält man sich fest, die Erhaltung des Status Quo ist oberster Wert, auch wenn das Subjekt dieses Satzes ein immer kleineres „wir“ umfasst. Gewählt werden Politiker, die den Eindruck erwecken, sie garantierten ein „weiter so“ – obwohl das schon lange nicht mehr wirklich in ihrer Macht liegt.

Kellerralley….. – hach, Menachem, was hast du da ausgelöst?

Diskussion

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15 Kommentare zu „Was brennt in Euch?“.

  1. Zweifellos lässt sich das Leben als Achterbahnfahrt empfinden – zum Beispiel. Da empfiehlt es sich, sich dem Erlebnis hinzugeben. Mit den Bewegungen und Kräften mitzugehen und um Gottes Willen keinen Widerstand aufbauen zu wollen oder gar der Angst erlauben, sich hochzuschaukeln.

    Ich persönlich habe mich meist geweigert, mir ein Ziel zu setzen. Ich habe so gut wie immer einfach nach stark empfundenen Impulsen gehandelt. Auch gerade dann, wenn es um die nackte Existenz ging.

    Eine einzige Erwartung habe ich an das Leben, nämlich dass es mit dem vermeintlichen Tod endet. Diese Geisteshaltung „Komme was wolle“ macht das Leben immer frisch und neu. Sicher nicht jedermenschs Sache, aber ich bin froh diese Lebenseinstellung gehalten zu haben.

    Fiel mir nur grad so ein, nachdem ich Deins gelesen habe, liebe Claudia.

    Und – Ob was brennt in mir? Das Leben bestenfalls. Ein Selbstläufer, wie er im Buche steht. Einzig eigene Vorstellungen, wie es sein sollte, wie es besser wäre etc. lassen mitunter die Dramen entstehen. Na ja, Leben ohne Drama wäre ja auch verdammt langweilig.

  2. Ich nehme immer deutlicher wahr, wer ich bin und an was es mir mangelt, dass meine Seele friert in der sozialen Kälte dieser Zeit um mich herum. Ich gehe den Weg zu mir selbst erst seit einigen Jahren immer bewusster, und je bewusster ich mir meiner selbst werde, desto leichter fällt es mir, Dinge zu tun, von denen ich früher noch nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Dass ich mich einmal im musikalischen Bereich, und dann noch im schwierigen Klassikgenre, selbstständig machen würde, hätte ich vor Jahren nicht für möglich gehalten. Doch die Selbstständigkeit macht mir auch sehr zu schaffen, denn noch habe ich es keineswegs geschafft, mir damit eine sichere Existenz aufzubauen. Vielleicht scheitere ich auch damit. Die besorgniserregende Entwicklung in dieser Gesellschaft spricht nicht gerade dafür, so ein Wagnis überhaupt anzufangen, aber ich habe es dennoch getan, weil ich einfach meinen inneren Neigungen und Intuitionen gefolgt bin. Mir geht es seelisch gut damit, doch manchmal übermannt mich immer noch Existenzangst, Wut und Trauer über Verluste und das bisher Erlebte. Aber es legt sich langsam.

    Immer mehr erkenne ich, wie sehr der Wert des Menschen sich nicht an ihm selbst bemisst, sondern ausschließlich an seiner Fähigkeit, mit Arbeit Geld zu verdienen. Das ganze System ist nach Erwerbstätigkeit ausgerichtet. Wer keine hat, hat kein Geld und ist auch nichts wert, denn er ist auch noch selbst Schuld an seinem Elend. Die Würde des Menschen wird zunehmend mit Füßen getreten. Natürlich macht es den Menschen aus, dass er selbst bestimmen kann, was für ihn Sinn macht und was nicht, was er tun möchte, wo er sich einbringen will und wo nicht und auch, ob er nichts tun will, sondern einfach vor sich hinträumen. Ich möchte sagen können, nein, ich will gar nicht arbeiten, ich will nur das tun, was mir Spaß macht und was für mich sinnvoll ist. Und zwar für mich, nicht für andere, die mir vorschreiben wollen, was sinnvoll ist und was nicht. Das eine bedingt sowieso das andere. Zur Arbeit habe ich eine ganz eigene Ansicht gewonnen: Sie hat an sich keinen Wert, sondern nur Notwendigkeit, basierend auf der Einsicht des Menschen, diese zu tun. Für mich war der größte Fehler der Menschheit, sie mit Geld aufzuwiegen, denn an diesem Punkt begann das ganze Elend, das mit Arbeit und Geld zu tun hat.

    Je mehr ich ich selbst werde, desto mehr gehe ich das Risiko ein, von anderen missverstanden oder abgelehnt zu werden, was mir durchaus oft passiert ist in den letzten Jahren. Für mich trennt sich da aber die Spreu vom Weizen. Es tut mir auch nicht mehr so weh wie früher, wenn andere über mich urteilen, denn ich kenne mich besser als sie glauben mich zu kennen (eigentlich eine Banalität, aber ich stelle immer wieder fest, wie wenig diese Tatsache verinnerlicht ist bei vielen). Bedauerlich finde ich nur, dass Urteile meistens nicht durch Klarstellungen aus der Welt geschafft werden können, denn urteilende Menschen sind selten offen für Klarstellungen. Mit den Jahren wird mir das zwischenmenschliche immer wichtiger, und in gleichem Maße fällt mir immer mehr auf, wie sehr es ganz oft an Missverständnissen, mangelnder Empathie, Besserwisserei, sozialen Defiziten und deren Projektion auf andere Mitmenschen scheitert.

    Wer jetzt meint, das sei aber alles ganz schön durcheinander, dem stimme ich zu. Mir fliegen so viele Gedanken zu diesem Thema im Kopf herum, dass ich sie schlecht gebündelt bekomme. Dennoch soweit von mir.

  3. Ihr Lieben! Habt Dank für Eure Kommentare, die sich auch gleich so richtig einlassen und in die Vollen gehen!

    Das tut mir gut. Allein dass andere Menschen meine Fragen, Bedürfnisse, entnervte Gedanken und Gefühle ernst nehmen, auf sich wirken lassen und in Resonanz dazu gehen, sich dann auch noch die Mühe machen, diese Resonanz in Worte zu fassen – das reicht schon, um mich ein großes Stück weit aus der Stimmung raus zu holen, die mich zu dem Posting bewegt hat!

    Diese „kleine“ Erfahrung, die ich hier im Diary dank etlicher Stammleser immer wieder mache ist keine Marginalie. Solche Erfahrungen sind es, die mir immer wieder den Glauben an die Menschheit zurück bringen.

    Letztlich gehts doch allüberall darum, wie wir miteinander umgehen – angesichts der je eigenen Bedürfnisse, die respektiert und ernst genommen werden wollen.

    Das ist die BASIS, auf der einzig Frieden geschehen kann: man muss einander zuhören, wahrnehmen und nachfühlen, was den Anderen umtreibt. Nur von dieser Basis ausgehend kann man dann miteinander respektvoll und auf gleicher Augenhöhe diskutieren, ob z.B. das Bedürfnis nach echtgold-bedrucktem Toilettenpapier die Investition von 399,- wert ist – oder ob das nicht eine dekadente Hybris ist angesichts des Elends der Welt…

    (ich schick mal ab, Teil 2 folgt vermutlich alsbald… :-))

  4. Schön, Claudia, dass du meinen Anfang hier auf deinem blog weiter mit Leben gefüllt hast. Das freut mich sehr.

    Ich habe mich gefragt, was ich zu deiner Frage schreiben könnte: Was ist das Wesentliche?

    Und für mich ist es genau das, was du in deinem Kommentar beschreibst.

    Da ich aber all der Gedankenstürme nicht mehr Herr werde, die mich aus diesem Beitrag und den Kommentaren dazu erfasst haben, kann ich nur noch die Fragen stellen:

    – was wollen wir?

    – was geben wir?

    – wie tun wir es?

    – was bekommen wir?

    Wobei ich auch glaube, dass die aufschlussreichste Frage, für einen ruhigen Moment im schönen warmen Zimmer ist:

    Wie tun wir es?
    LG,
    Menachem

  5. Guten Tag Claudia,

    Du schreibst:

    „Letztlich gehts doch allüberall darum, wie wir miteinander umgehen – angesichts der je eigenen Bedürfnisse, die respektiert und ernst genommen werden wollen.
    Das ist die BASIS, auf der einzig Frieden geschehen kann: man muss einander zuhören, wahrnehmen und nachfühlen, was den Anderen umtreibt. Nur von dieser Basis ausgehend kann man dann miteinander respektvoll und auf gleicher Augenhöhe diskutieren, ob z.B. das Bedürfnis nach echtgold-bedrucktem Toilettenpapier die Investition von 399,- wert ist – oder ob das nicht eine dekadente Hybris ist angesichts des Elends der Welt…“

    Und das hinterlässt mich relativ ratlos.
    Zunächst mal meine Meinung zur Frage: „…ob das nicht eine dekadente Hybris ist angesichts des Elends der Welt…“?
    Ja, natürlich ist es eine Hybris, eine ganz extreme, die mich zornig und wütend macht. Wer sich sowas fragt ist seelisch leer und absolut nahe dem Nullpunkt und eigentlich tut er mir auch unendlich leid und ich möchte ihn schütteln und rütteln und ihm dann sagen: komm zieh Deine Jacke an und nimm mal 300 von den Euronen mit und ich zeige Dir dann wo und wie Du das loswirst und Dich dann hinterher wirklich und viel echter gut fühlst!
    Andererseits bin ich auch nur ein Mensch und nicht fehlerlos, ich habe Dinge getan, auf die ich stolz mit dem Finger zeigen kann – und doch könnte auch ich sicherlich noch viel mehr tun!
    Über Andere urteilen und richten – das fühlt sich nicht wirklich gut und richtig an …
    Aber muss es nicht manchmal sein, ist es immer falsch?
    Ich weiß, einige Personen der Geschichte könnten es schaffen, Gandhi, Jesus, Buddha, und einige andere.
    Ich bin nicht wie diese. Oft wünsche ich mir, es zu sein.
    Aber eben auch nicht immer.
    Das sind so die Ansprüche an mich selbst, zwischen denen ich mich wiederfinde …
    MfG
    BTB

  6. Über andere urteilen ist für einen selbst hinderlich, sich weiter zu entwickeln. Genau deshalb fühlt es sich auch nicht gut an, jedenfalls für die, die das fühlen können. Falsch und richtig gibt es in diesem Zusammenhang nicht, denn wer will denn beurteilen (da ist es schon wieder), was das eine oder andere ist? Das hängt immer von einem bestimmten Standpunkt ab. Doch wer seinen Standpunkt auch mal verlassen und die anderer einnehmen kann, ist offen, kann wirklich auf andere zugehen, ist dem Verstehen näher, viel näher, als jemand, dessen Urteile über sich und seine Mitmenschen feststehen.

  7. @BukTom: das mit der echt-gold bedruckten Toilettenpapierrolle sollte ein witziges Einsprengsel sein (weil ich gerade darüber gelesen hatte, dass es sowas gibt). Quasi als Metapher für jegliche Art fragwürdigen Luxuskonsum, der in einem privaten Gespräch thematisiert werden könnte.

    @Suedelbin und alle:

    Urteilen ist normal und es gelingt nicht, darauf zu verzichten, selbst wenn wir es wollten. Ohne Urteile und auch Vorurteile könnten wir uns im Leben gar nicht orientieren und zu Handlungen und Entscheidungen kommen: immer ist da ein Bewerten drin, was richtig und falsch ist, was wir schätzen und was wir verurteilen (wie etwa Geld in Höhe des Hartz4-Satzes für eine Klorolle ausgeben).

    (@Suedelbin: ich erinnere mich an mehrere Fälle, wo wir aneinander geraten sind, weil mir gewissen Pauschalurteile, die du in Gespräche einbrachtest, unpassend und inhaltlich falsch vorkamen)

    Was ich meine, kommt aus folgender Erfahrung: Egal, wie idiotisch, falsch und verurteilenswert ich eine Meinung, Haltung oder Tat finde – oft genug ergab ein längeres ehrliches Gespräch mit demjenigen, dass ich Verständnis entwickelte, WARUM jemand so drauf ist – und umgekehrt relativierte derjenige sogar sein So-Sein, wenn er sich respektiert und angehört fühlte.

    Weiter stand mir aber durchaus auch die „ganze Welt“ im Sinn, als ich vom „miteinander umgehen“ schrieb. Gerade hab ich wieder eine furchbare Film-Doku auf ARTE gesehen (Neros Gäste), die davon handelt, dass sich massenhaft Bauern in Indien umbringen, die von der Umwälzung der Agrarwirtschaft durch internationale Konzerne ihrer Lebensgrundlage beraubt werden.

    Wir hier sind vielleicht mit mehr oder weniger Anstrengung noch halbwegs nett zueinander, doch der Pfeffer den wir kaufen, der Kakao, der Kaffee, die Gewürze, die Baumwolle und vieles mehr wird in einer Weise hergestellt und hergeschafft, die alle Werte, die wir hier vertreten, mit Füßen tritt! Und wir WISSEN es und tun doch nichts…. (oder WER von Euch kauft alles, was geht „fair“?)

    Respektvolles Miteinander umgehen bedeutet m.E. zu allererst, dass man einander die Basics des Lebens zugesteht: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Zugang zu Wasser, Strom und Bildung. Mich kotzt es an, dass in den westlichen Ländern seit den 90gern das Luxus-Niveau auf immer neue Gipfel getrieben wird – und kaum jemand interessiert sich wirklich dafür, dass all das auf dem Rücken anderer passiert, denen immer mehr das Nötigste vorenthalten wird.

    Ich wünsche mir eine Politik, die Wohlstand nicht nur im Rahmen nationaler Grenzen denkt – aber davon sind wir offenbar noch immer weit entfernt.

    Dass daran nichts geändert wird, indem ich mich drüber aufrege, ist Teil des Frusts, der mich zu diesem Posting bewegte.

  8. @Claudia:
    „Urteilen ist normal und es gelingt nicht, darauf zu verzichten, selbst wenn wir es wollten.“
    Das sehe ich anders. Und ich glaube auch, dass hier etwas verwechselt wird: Nämlich Urteilen und Entscheiden. Urteilen hat immer etwas mit Bewerten aufgrund von Überzeugungen zu tun, Entscheiden dagegen ist wertfrei.
    Wir sind genau an diesem Punkt aneinander geraten, Claudia: Dein Urteil über mich und meine angeblichen Pauschalaussagen. Wie jemand meine Aussagen bewertet, liegt ganz bei ihm und hat mit mir nichts zu tun. Doch gegen die Bewertung habe ich mich gewehrt, und das tut jeder Mensch, der sich in einer bestimmten Art und Weise von anderen bewertet sieht. Ich bin genau der Mensch der ich bin, da gibt es nichts zu bewerten und zu (ver)urteilen.
    Zu Entscheidungen schreibe ich später noch mehr, aber ich muss mich jetzt auf ein Konzert vorbereiten.

  9. So, hier nun ein paar Worte über Entscheidungen und dem Unterschied zu Urteilen. Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es auf G+ eine wirklich interessante Diskussion zwischen mir und Martin Glogger über den Unterschied zwischen Urteilen und Erkenntnissen. Ich hatte dafür einen Thread aufgemacht, hier nachzulesen:
    https://plus.google.com/u/0/111563915246125751483/posts/a8wdQEX5wHs

    Im Laufe der Diskussion gelangten wir zu der Frage, was der Unterschied zwischen Urteilen und Entscheidungen sei, d.h. ich hatte diese Frage in den Raum gestellt, die Martin Glogger dazu inspiriert hat, einen ganzen Artikel in seinem Blog über diese Frage zu schreiben:

    http://das-lernen-lernen.info/probleme-losen/was-ist-der-unterschied-zwischen-urteilen-und-entscheiden

    Eine großartige Arbeit! Und für mich ist die Quintessenz:

    Ein Urteil zwingt nicht zum Handeln. Eine Entscheidung führt zwangsläufig zum Handeln.

    Ich behaupte auch: Ein Urteil verhindert sogar das Handeln, und zwar das bewusste und kraftvolle. Es lässt einen verharren in seinen angelernten Überzeugungen und Wertvorstellungen. Das ist für viele sehr viel bequemer als sich aktiv mit sich auseinander zu setzen.

  10. Ob ich nun Urteile, Entscheidungen, Handlungen oder Meinungen als voll daneben oder herausragend gut empfinde: entscheident für den Umgang miteinander scheint mir zu sein, dass man nicht den ganzen Menschen beurteilt, sondern eben das je konkrete Verhalten. Und darüber lässt sich ja dann durchaus sprechen!

  11. Für MICH ist das Entscheidende im zwischenmenschlichen, sich in offener und ehrlicher Weise auf Augenhöhe zu begegnen. Nur so ist ein bereichernder Austausch möglich. Wenn ein Mensch über einen anderen (egal ob über den ganzen Menschen oder „nur“ sein bestimmtes Verhalten, es ist dasselbe) urteilt, tut er das aber nicht mehr, sondern erhebt sich über ihn, indem er ihm ein Defizit unterstellt. Der Beurteilte verwehrt sich dagegen und geht in Gegenposition. Das aber ist das Gegenteil von einem fruchtbaren und bereichernden Austausch. Meistens geschieht dies unbewusst und äußerst subtil. Es kann sich z. B. darin äußern, dass der eine meint, dem anderen helfen zu wollen, dabei stört ihn nur ein bestimmtes Verhalten des anderen und er versucht, den anderen zu korrigieren. Doch ungefragt korrigiert zu werden führt unweigerlich zu einer Abwehrreaktion, weil die Absicht, die dahinter steckt, gar nichts mit ihm zu tun hat, sondern ausschließlich mit dem wahren Defizit des ersteren. Die Situation ist nämlich so: Der erstere kann mit dem Verhalten des anderen nicht umgehen, und so versucht er, den anderen in seinem Sinne dazu zu bringen, sein Verhalten zu ändern. Weil es aber gar nicht das Problem des zweiten ist, sondern des ersten, für das der zweite aber verantwortlich gemacht wird, werden hier die wahren Verhältnisse auf den Kopf gestellt, was beim zweiten, meistens unbewusst, zu der Abwehrreaktion führt. Und der erste reagiert dann oft beleidigt, weil er sich zurückgewiesen fühlt. Außerdem liegt in der versuchten Korrektur die subtile Aussage: Du kannst das nicht alleine, du machst das nicht richtig, du brauchst Hilfe bei dem, was du tust. Das ist gleichbedeutend mit dem Absprechen von Kompetenz. Das sind die unbewussten und ungesunden Mechanismen, die sich abspielen, wenn im Zwischenmenschlichen Wertungen und Urteile eine (zu) große Rolle spielen.

    Urteile ungleich Entscheidungen ungleich Handlungen ungleich Meinungen. Ich beziehe mich mit meinen Worten hier ausschließlich auf Urteile und ihre beinhaltenden Wertungen, weil sie die giftigsten Bestandteile im zwischenmenschlichen Umgang darstellen und wirklich alles in Frage stellen, sogar zerstören können. Deshalb ist es so wichtig, sie sich bewusst zu machen und auf sie möglichst zu verzichten. Ich behaupte nicht, dass das leicht ist, auch gelingt es nicht immer. Aber es ist sehr wohl möglich, sich darin zu üben.

    Es kann natürlich auch passieren, dass jemand ein Urteil sieht, wo gar keines ist. Aber das lässt sich schnell klären: Derjenige, dem das Urteil unterstellt wird, spürt dies und kann es sofort richtig stellen. Dann kommt es nur noch auf die Offenheit des anderen an, seinen Irrtum, sein Missverständnis auch zu erkennen und vor allem zuzugeben. Doch sich irren fällt vielen Menschen heutzutage schwer, denn das hieße ja zuzugeben, etwas nicht zu wissen oder zu können. Das kann man sich auf gar keinen Fall erlauben. Auch hier wird deutlich: Offenheit wird von beiden Seiten gefordert, soll eine Kommunikation gut gelingen. Und wir vergessen nur allzu gern, dass wir ja alle nur Menschen sind und deshalb fehlbar. Sich irren gehört also einfach dazu.

    Du fragst in deinem Artikel, für was wir brennen. Ich kann die Antwort hier konkretisieren: Ich brenne genau für dieses Thema, nämlich für ein besseres Miteinander, in dem ich auf diese Tatsachen immer wieder hinweise und den Menschen diese Mechanismen bewusst machen will. Mir ist klar, dass das nur dann geht, wenn ich kein Urteil über jemanden spreche und auch sein Verhalten nicht korrigiere, damit gewährleistet bleibt, dass der andere sich für diese Themen öffnen kann. Tut er das nicht, kann mein Anliegen ihn nicht erreichen.

  12. Hab Dank für deinen umfangreichen Beitrag! Ich wünschte, solche Überlegungen würden mehr helfen….

    Meine Erfahrung ist eine etwas andere. Auch ich hab‘ mich früher intensiv bemüht, mit dem Verstand Mechanismen zu analysieren und andere Verhaltensweisen zu propagieren und zu etablieren. Hat nicht wirklich was gebracht, jedenfalls nicht in meinem Leben, während meiner Konflikte, z.B. in Beziehungen. Letztlich dominierten da Gefühle – und die vermitteln sich auch, wenn man sich z.B. äußerlich an die Vorgaben der „gewaltfreien Kommunikation“ hält.

    Geändert hat sich erst etwas, als sich mein Verhältnis zu Gefühlen versus Verstand veränderte. Durch Yoga erkannte ich, dass Gefühle/Emotionen wie das Wetter sind (sie kommen und gehen…) und dass ich selbst meinen Umgang mit ihnen weitgehend bestimmen kann. Nichts zwingt mich, sie zum Anlass für endlose Grübeleien zu nehmen oder gar jemanden „erziehen“ zu wollen.

    Allermeist ist es besser, etwas für die Änderung der Stimmungslage zu tun, anstatt sich in eine Konflikt-Thema intellektuell zu verbeißen, in der Hoffnung, man finde dadurch eine „Lösung“. Meine Güte, wenn ich mich an die durchdiskutierten Nächte früherer Jahre erinnere… das war der reine Wahnsinn, von heute aus gesehen! Kein einziger Beziehungskonflikt wurde dadurch besser, eher im Gegenteil. Denn wenn jemandem die Argumente ausgehen, weil das Gegenüber eloquenter ist, trägt das nicht etwa zum Frieden bei, geschweige denn zu einem freudig-liebevollen Miteinander.

    Urteile kenne ich wie gesagt vor allem als Urteile über Verhalten – bzgl. einer ganzen Person kann ich höchstens irgendwann zur Meinung kommen, dass sie mir nicht gut tut. Dann streite ich nicht, sondern gehe eben auf Distanz.

  13. „…und dass ich selbst meinen Umgang mit ihnen weitgehend bestimmen kann.“
    Das ist es wohl!

  14. @Claudia, nur noch einmal zu meinem Verständnis: Ist das, was ich schrieb, rein vom Verstand und intellektuell zu erfassen? So war das nicht gemeint. Um diese Mechanismen, die ich beschrieb, wahrnehmen zu können, braucht man hauptsächlich das Gefühl, und auch, um sich öffnen zu können, gerade für sich selbst. Ohne Gefühl geht da gar nichts. Das Gefühl ist der allerbeste Wegweiser im Zwischenmenschlichen. Man kann üben, sein eigenes Ohr für die sehr leise Stimme der Seele zu öffnen. Die Gefühle täuschen einen nicht, der Verstand sehr wohl.

  15. Liebe Claudia,
    was brennt in mir?
    Tja, garnicht so einfach!
    Ja sicher brennt in mir auch- die Welt möge gerechter, weniger ausbeuterisch,friedlicher werden- aber ich habe in den letzten Jahren nach und nach begriffen, dass ich mich im Kleinen-im Rahmen meiner Möglichkeiten engagieren uund bewusster verhalten kann, aber es geht eben nicht alles (schon finanziell gesehen).
    Für mich stellt sich eher die Frage wie will ich in den nächsten Jahren leben, was kann ich in meinem Familien- und Freundeskreis tun, dass wir uns alle wohlfühlen und uns gegenseitig helfen und zwar nicht mehr so wie früher-ich helfe und das wars!Nein ich möchte auch wahrgenommen werden mit meinen Bedürfnissen nach Verständniss, Gefühlen, Wünschen und Entscheidungen. Das ist seit einigen Jahren ein steter Lernprozess und garnicht so einfach!
    Was treibt mich noch um- die vorstellung bis zu meinem 66 Lebensjahr 40 Stunden weiter so arbeiten zu müssen, nimmt mir manchmal die Luft, aber noch sehe ich keine andere Lösung- mal sehen was das Leben so bereit hält!
    Ausserdem bin ich seit ein paar Jahren auf der Suche nach neuen Menschen, die sich mehr für die neuen dinge in meinem Leben interessieren,als mein jetziger Freundeskreis.
    Ich gebe zu, dass sind kleine profane Dinge, aber ich habe keine Energie mehr auf der großen Bühne zu agieren, ich möchte jetzt mit fast 60 einfach mal an mich denken.
    Das mag egoistisch sein, aber ich stehe dazu!
    Einen schönen Abend und einen schönen 4.Advent.
    Angelika

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