Claudia am 08. November 2012 — 34 Kommentare

Lieben heißt mitfühlen – und auch mitleiden

Manche Schlagzeilen klicke ich einfach weg. Weil ich schon weiß, was für eine menschenverachtende Sauerei da wieder besprochen wird, zum soundsovielten Mal, ohne dass sich irgend etwas ändert. Mit zunehmendem Alter scheine ich sensibler zu werden, was nicht immer schön ist. Denn alles, was ich an mich heran lasse, spricht nicht nur meinen Kopf, sondern auch mein Herz an – ein „Organ“, von dem ich früher glaubte, es sei nur eine Pumpe und der „Mythos Herz“ eine romantische Metapher.

Das soll nicht heißen, dass ich mich selber als gefühllos empfand! Oh nein, ich war ganz normal verliebt, traurig, wütend, zeigte auch „Mitgefühl“ gegenüber leidenden Menschen im Freundeskreis. Mir war nicht bewusst, dass diese Normalität bereits ein sehr vermindertes, eingemauertes Fühlen war: eingebettet in Schutzmauern der Ignoranz, die eine Distanz zu allem Leiden der Anderen schuf – und auch zum eigenen übrigens, wie ich bei einem heftige „Burnout“ Ende dreißig erfuhr.

Das „Herz“ gibt es wirklich

Während eines Selbsterfahrungsworkshops mit „gemischten Übungen aus verschiedenen Traditionen“ erlebte ich dann zum ersten Mal, was das „Herz“ ist. Erstaunlicherweise war die etwa 20-minütige Atemübung gar nicht darauf ausgerichtet, etwas anderes als tiefe Versenkung und Entspannung zu verursachen. Ich lag nur da und atmetete tief und lang, während eine „Begleiterin“ neben mir saß und ihre Hand auf unterschiedliche Körperregionen legte: Stirn, Kehle, Brust, Solar Plexus,Bauch… ich weiß nicht mehr, wie weit sie gekommen war, ich atmete bereits ca. 10 Minuten in dieser vertieften Form, als etwas Seltsames mit mir geschah.

Auf einmal änderte sich mein Selbstgefühl, weg von der abwartenden, leicht gelangweilten beobachtenden Haltung hin zu einem spektakulären Gefühlsschub. Es war, als fiele ein schwerer Panzer von mir ab, auf einmal war da „strömende, warme Liebe“ und große Leichtigkeit – ich kann das unmöglich beschreiben!

Es war allerdings keine „Liebe für mich“, in der ich nun wohlig baden konnte. Ganz im Gegenteil, ich brach die Übung ab, stand auf und begann zu – tja, es passt wirklich nur der Begriff „predigen“! Voller Inbrunst forderte ich die anderen Workshop-Teilnehmer auf, ihre Mauern einzureißen, die doch komplett überflüssig und nur leidvoll seien. Schließlich hätten wir doch keinen Grund, voreinander Angst zu haben!

Selber war ich plötzlich komplett angstfrei, bzw. bemerkte nun erst, dass eine ansonsten offenbar unbemerkt immer präsente Angst weggefallen war. All dieses „was wohl die Anderen von mir denken?“ war verschwunden und ich sah, wie unspontan und gefühllos der „Normalzustand“ war, in dem wir alle unser Leben leben. Womit einher geht, dass es uns auch meistens egal ist, wie es Anderen gerade geht – mal abgesehen von nahen Freunden.

Nun, die Workshopteilnehmer reagierten immerhin nicht verärgert! :-) Die beiden Leiterinnen wirkten sogar beglückt: Bei mir habe sich das „Herz-Chakra geöffnet“, klärten sie mich auf. „Und jetzt?“ fragte ich, denn ich wusste nicht, wohin mit dieser heftigen Liebe, die mich danach drängte, sie zu teilen – aber wie?

„Keine Sorge, das geht auch wieder zu!“, war die Antwort. Das konnte ich allerdings in der Situation nicht abwarten, wollte auch den weiteren Verlauf nicht stören. Ich verließ also die Runde und ging duschen – es war einfach ZUVIEL Liebe, zuviel Mitfühlen mit der nun auf einmal spürbaren Verpanzerung der Anderen.

Unter der Dusche normalisierte ich dann wieder, hatte aber plötzlich ein Bewusstsein dafür, was gemeint ist mit „ein Herz haben“. Und weil ich es jetzt kannte, verschwand diese Dimension nicht mehr ganz aus meinem Leben. Genau wie ich spüre, wenn mich etwas intellektuell anspricht oder ich etwas „haben will“, spürte ich fortan auch besser, wenn etwas „mein Herz berührt“. Im Lauf der Jahre immer mehr.

Dass das nicht nur schön, sondern im Alltag auch problematisch ist, wurde mir dann auch bald bewusst. Die Verpanzerung des Herzens kommt ja nicht grundlos: ich will nicht dauernd mitleiden, wenn ich Leiden wahrnehme. Die feine Unterscheidung zwischen „Mitleid“ und „Mitgefühl“ ist mir abhanden gekommen: entweder ich öffne mich für das Leiden des Anderen, dann leide ich unweigerlich auch mit – oder ich verbleibe in weitgehend gefühlloser Ignoranz.

Im Mitfühlen und Mitleiden zu verweilen, ist schwer zu ertragen – gerne biegen wir das um in Wut und leiden dann an der Ohnmacht, die jeweilige Ursache des Leidens zu verändern (wer kennt nicht den Ärger, wenn ein leidender Mitmensch partout die guten Ratschläge nicht befolgt? Von der Liebe sind wir dann wieder ziemlich weit weg…).

Besonders schwer haben es auch jene Menschen, die gar nicht die Wahl haben. Ihr „Herz“ ist immer offen, weshalb sie nicht wirklich alltagskompatibel sind und ihnen diverse Geisteskrankheiten attestiert werden – aber das ist ein anderes Thema.

***

Zu diesem Eintrag inspiriert haben mich diese beiden Blogpostings:

Mitgefühl – ZenTao Blog;

Was ist schon Klartext und tiefe Empfindung? Thinkabout

Diskussion

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34 Kommentare zu „Lieben heißt mitfühlen – und auch mitleiden“.

  1. Ein schöner und wichtiger Artikel, der Anstoß zu vielen Überlegungen liefert.

    Mitleiden ist nicht immer konstruktiv.
    Manchmal will das das Gegenüber garnicht. Ein Schwerkranker sagte mir, daß Bedauern ihm nicht weiterhelfe, sondern eine Stärke des Glaubens, daß noch etwas zu machen sei.

    Manchmal verstrickt man sich, betrachtet man mal andere „Schmerzenszustände“, durch das Mitleiden in eine Co-Abhängigkeit, die nicht weiterbringt. Manche Menschen stürzen dann ja auch selber ab und brauchen danach wieder eine Zeit, um wieder zu sich zu kommen.

    Man muß sich auch fragen, was Mitleiden im Einzelfall ist. Spürt man das Leid des anderen inwendig oder leidet man auch, weil einem ähnliches Leid droht?
    In einem ähnlichen Kurs wie Du, Claudia, begann ich auf einmal zu weinen, weil ein Teilnehmer so gepanzert war, daß er in einer bedrängten Situation zu keiner Gefühlsäusserung, auch Wut, fähig war. Andere weinten auch oder waren nahe dran, so schien es mir jedenfalls.
    Was beweinten wir eigentlich, kann man sich aus der Distanz von zig Jahren fragen? Beweinten wir das Eingeschlossensein des Menschen schlechthin, sein tausendfach Sicht-nicht-ändern-können? Oder ging es um diesen einen Menschen?

    Also regt sich in mir der Verdacht, ob es (in dem Artikel) nicht eher darum geht, Gefühle zuzulassen oder nicht. Nicht also um das „Ziel“ der Gefühle.
    Man kann das womöglich „trainieren“, viel empfindsamer und dünnhäutiger zu werden. Dann stürmt vieles auf einen ein, mit teilweise starker Kraft und man befindet sich plötzlich so an der Schwelle zum Kranksein. So sinnvoll es ist, weicher und sensibler zu werden, Antennen zu bekommen, quasi durch die Haut schon zu spüren, was ist, so wenig hilfreich kann das auf der anderen Seite sein, wenn das Maß da überschritten ist.

    Ich denke, es geht auch um Achtsamkeit. Achtsam zu sein, heißt Antennen zu haben, spüren zu können, was der Andere gerade ist. Wenn man sich vor Augen hält, daß man das gleiche Schicksal wie alle anderen teilt, nämlich von Geburt bis zum Tod dieses Rennen zu teilen, dann wird der andere zum Mitmensch. Man ist dann nicht mehr von ihm getrennt.

  2. Ja.
    Nach zwanzig Jahren Therapie- meist „Gestalt“ und Bioenergetik- kann ich dem aus vollem Herzen zustimmen.
    Ein Gelächter brach sie Bahn bei der Beschreibung des Aufstehens und Verkündens in einer Art Predigt. Schön, an so einem trüben Tage richtig lachen zu können.
    In solch einem „erweckten“ Zustand unter den anderen Zeitgenossen rumzulaufen, zu arbeiten, kontrolliert und bewertet zu werden, das habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten. Jetzt ist es gut.
    Richtig irre ist manchmal, so intensiv und „schamlos“ in Gesichtern und Körperhaltungen lesen zu können.
    Ich sag jetzt nicht „willkommen im Club“ oder so, aber ich freu mich über diesen Eintrag!
    Herz- lich
    Sonja

  3. So etwas zu erleben und das, Bewusst aus tiestem Herzen ist etwas schönes und nicht mal so selten. Bei uns im Zazen, erleben wir oft dieses abheben mit einem befreiendem Lachen, und es ist oft ansteckend. Mir selber ist das noch nie passiert,ausser eben in der Gruppe, wenn einem diese Leichtigkeit ansteckt.
    Klar entsteht Mitgefühl aus der Achtsamkeit heraus und da ist alles offen vor allem unser Herz.

    Mitgefühlist eines eines der wichtigsten Gefühle,aber Mitgefühl muss meistens erarbeitet werden,und das geschieht durch achtsames dasein.Doch oft verwechseln wir diese Gefühle. Das Mitleid ist nicht sehr hilfreich – weil gleich zwei leiden – Mitgefühl hilft nur mit verstehen, wenn wir verstanden haben öffnet sich unser Herz

    Die kleine Schwester, des Mitgefühls, das Mitleid, belastet uns selber und die Liebe das höchste der Gefühle, da geizen wir doch viel zu oft.
    Was Gerhard schreibt gefällt mir auch sehr, die Gefühle zulassen und Dünnhäutiger zu werden, kann auch manchmal gut sein, nur besteht da wieder die Gefahr uns selber zu verletzen. Mir scheint es besser, eine Gesunde Distanz zu haben und meinem Gegenüber Mut zu zu sprechen und versuchen ihn zu verstehen.
    Liebe Grüsse zentao

  4. @Gerhard: ich spreche nicht vom „Mitleid zeigen“ in Gestalt von Bedauern, Schulter klopfen, ermuntern – sondern davon, das Leid spontan mitzufühlen. Man fühlt es als eigenes Leid oder eben nicht – was wir dann damit machen, ist eine ganz andere Frage.

    In der Situation, die du schilderst, würde ich sagen: Du und die Anderen habt AN SEINER STELLE geweint, sein Leiden mitgefühlt, das er nicht zulassen/ausdrücken konnte.

    Trainieren? Ich wollte nie trainieren, empfindsamer zu werden! Aber manchmal bekommt man, wonach man nicht verlangt hat… :-)

    Mittlerweile denke ich, dass auch hier gilt: 80% eines Schmerzes ist der Widerstand gegen ihn. Und Achtsamkeit ist das Mittel, nicht in den Widerstand zu verfallen: ja, ich fühle mit und es schmerzt – und keine schnellen Reaktionen der Abwehr und „Bearbeitung“. Auch Betütteln und Bedauern sind Abwehrreaktionen, die dem anderen sagen wollen: „Hör schnell auf zu leiden! Ist doch gar nicht so schlimmm…“ Anstatt einfach eine kleine Zeit zu erleben, was nun mal gerade statt findet. (Bei DOMIAN kann man übrigens gut sehen, wie er das macht. )

    Dein letzter Satz ist sehr schön und treffend: Nur wenn wir bereit sind, den Schmerz des Anderen mitzufühlen, sind wir nicht mehr getrennt.

    @Sonja: so so, ich hab‘ dich zum Lachen gebracht mit meiner Schilderung! Freut mich, dir den trüben Tag erhellt zu haben! :-)

  5. Spannende Geschichte und interessante Gedanken! Das würde ich auch gerne mal erleben, dass sich mein Herz-Chakra so richtig öffnet. Das muss eine sehr eindrückliche Erfahrung sein!

    Ich bin vor ca. einem Jahr auf den Begriff „Herz-Chakra“ aufmerksam geworden. Das kam so: Ich hatte letztes Jahr plötzlich seltsame persistierende Oberbauchschmerzen, die sich anfühlten, als ob die Leber geschwollen wäre. Sehr unangenehm. Ich hatte weder Alkohol konsumiert noch Medikamente genommen und es gab keine logische Erklärung für diese Schmerzen. Nach zwei Tagen begann ich mir Sorgen zu machen und kontaktierte meine „Frau für alle Fälle“. Sie ist mediale Gesundheitsberaterin und hat in den letzten 10 Jahren ihre Fähigkeiten und ihr Können mehrfach eindrücklich bewiesen, so dass ich ihr vertraue. Ich rief sie an und fragte, ob es wohl etwas Ernstes sei und ob ich besser einen Arzt aufsuchen sollte…

    Ihre Diagnose kam postwendend! Sie sagte mir, dass mein Herz-Chakra blockiert sei!! Das hat mir sehr zu denken gegeben. Ich war emotional schon etwas angeschlagen, hätte aber nicht für möglich gehalten, dass meine seelische Befindlichkeit veritable körperliche Schmerzen auslösen könnte! Ich war skeptisch, aber vertraute ihr. Sie wies mich an, Dr. Bachs Rescue-Salbe mehrmals täglich auf den Solar-Plexus aufzutragen und verschrieb mir eine homöopathische Arznei. Ein, zwei Tage später war der Spuk plötzlich vorbei…

    Ich habe mir damals Lektüre zum Thema Chakren besorgt und mir vorgenommen, mich damit auseinanderzusetzen, wenn es wieder aktuell werden sollte. Ich bin (war) etwas skeptisch in Bezug auf die Existenz von Chakren. Allerdings waren die Schmerzen sehr real und sehr undefinierbar. Weder Magenschmerzen noch Herzschmerz. Irgendwo bzw. irgendwas dazwischen…

    Dein Post hat mir dieses Erlebnis wieder in Erinnerung gerufen und wenn ich mal den Kopf frei habe, möchte ich mich mit dieser Thematik gerne mal etwas vertiefter befassen. Danke für die Inspiration! :)

  6. @Claudia, hier wollte ich Dir keinesfalls „Trainingsfleiß“ oder ähnliches unterstellt/unterschoben haben !! Ich habe mich lediglich im Umfeld des Themas an eine Frau erinnert, die angegeben hat, (durch eine Anzahl von Seminaren) so „feinhäutig“ geworden zu sein, daß sie Vieles (zu) intensiv erlebe. Ich denke, auch das war sicher nicht das Ziel der absolvierten Seminare oder Lernzeit, hat sich aber inidviduell so ergeben.

  7. Zitat: „80% eines Schmerzes ist der Widerstand gegen ihn. Und Achtsamkeit ist das Mittel, nicht in den Widerstand zu verfallen“.

    Ganz wunderbare zwei Sätze!

    Könnte es sein, dass echte Lebenskunst darin bestände, Mitgefühl zeigen zu können, Herzwärme zu pflegen, und gleichzeitig egoistischer zu werden? Was vordergründig Widerspruch erweckt, ist tiefgründiger das, was Du zu Domian anmerkst: Indem er die Geschichten seiner Anrufer „interessant“ findet und sie „ein wenig“ miterlebt, hält er gleichzeitig die Distanz, welche die Moderation der Sendung überhaupt möglich macht.

    Etwas ganz Persönliches:
    Ich denke, mein Blog enthält heute viel weniger Texte zu allen Fragen der Lebenskunst, und mehr handfeste Anregungen zu politischen oder gesellschaftlichen Themen, weil ich hinter den Beiträgen viele Kontakte bekam, in denen mir Menschen sehr, sehr Tiefes anvertrauten – und damit in mir neben Migefühl auch einen Kümmer-Instinkt weckten, der mich um so mehr nach ihnen fragen liess, desto wichtiger ich meine Achtsamkeit für mich selbst gebraucht hätte.

    Am Ende bestimmten Leser und Mail-Schreiber, wann ich wie viel zu kümmern hatte, bis sie dann plötzlich weg waren. Das ist kein Vorwurf, mehr eine Diagnose dessen, was ich selbst aus den Kontakten konstruierte, für mich ableitete. Denn für meine Re-Aktionen bin ich am Ende selbst verantwortlich. Man kann auch vor sich selber fliehen, indem man intensiv auf jemand anders „zugeht“.

  8. @Zentao: nach wie vor kann ich – aus meinem Erleben heraus, es ist keine MEINUNG! – nicht nachvollziehen, wie du Mitgefühl und Mitleid beschreibst. Es klingt bei dir, als hätte man die Wahl. Die aber habe ich nicht, wenn ich mich nicht innerlich abschotte.

    Auch dass man Mitgefühl „erarbeiten“ kann, ist mir fremd. Man kann höchstens daran arbeiten, sich der eigenen „Mauern der Ignoranz“ bewusst zu werden (aber vielleicht ist es ja DAS, was du damit meinst).

    Mitfühlen und damit auch mitleiden (was sonst sollte ich denn mit-fühlen, wenns dem Anderen dreckig geht?) ist eine natürliche Eigenschaft des Menschen, der ja als Primat ein Hordentier ist. (Wissenschaftlich hat die Entdeckung der „Spiegelzellen“ dies bestätigt.)

    Dem fortwährenden Mitleiden stehen im sozialen Alltag allerdings die Ego-Interessen entgegen: man will nicht leiden und sich ums Leid des Anderen kümmern, sondern die eigenen Ziele umsetzen und seiner Wege gehen. Deshalb schafft man sich eine Verpanzerung des Herzens an, ganz ohne das zu bemerken oder zu wollen. (PHYSISCH manisfestiert sich diese in einer Erstarrung der Zwischenrippenmuskulatur, die das Atmen verflacht und z.B. durch Yoga-Übungen wieder flexibilisiert werden kann).

    Achtsamkeit alleine ergibt m.E. auch kein Mitgefühl: ich kann auch achtsam bemerken, wie egoistisch ich gerade jemand anderen überfahre oder ignoriere. Die Voraussetzung der Achtsamkeit, das Nicht-Urteilen, macht das durchaus möglich, denn kein Über-Ich hindert so daran, einfach zu sehen, was ist – auch wenn das nicht schön ist.

    @Rosalie: danke für deine interessante Erfahrung! Schön, dass die Frau dir helfen konnte!
    Persönlich hab‘ ich so zwischen 15 und 35 alle erdenklichen esoterischen Gedankengebäude konsumiert, gefühlt ganze Bibliotheken gelesen und auch hier und da etwas mitgemacht, geübt, ausprobiert.

    Fakt ist, dass ich nie auf einem solchen Übungsweg zu meinen wesentlichen Einsichten und „Gipfel-Erlebnissen“ gekommen bin (mit der Ausnahme sehr lang und phasenweise intensiv betriebenem Hatha-Yoga, das mich auch physisch verändert hat). Auch das Workshop-Erlebnis war ja so gar nicht intendiert. Meiner Beobachtung nach leben all diese spirituellen und esoterischen Lehrgebäude von ihren charismatischen und durchaus „besonders“ talentierten Gründern und Lehrern, die halt eine „Überbau“ brauchen, um ihre „Hilfe zur Lebenskunst“ auszuüben und zu vermitteln. Die jeweilige Lehre garantiert aber nicht, dass ich, indem ich „glaube und praktiziere“, dahin komme, wo der Lehrer ist – bei weitem nicht!

    Außerdem hab‘ ich bemerkt, dass praktisch ALLES, auf das ich mich richtig einlasse, zunächst mal „funktioniert“ – eine Erkenntnis, die mich vom Glauben an die eine Wahrheit und Wirklichkeit befreit hat und mir zeigte, dass ich meine Realität eben zu großen Teilen selber erschaffe.

    Womit ich aber nicht sagen will, dass es falsch ist, sich in etwas zu vertiefen, was man spannend findet – hab ich ja auch gemacht und es hat mein Bewusstsein erweitert!

    @Thinkabout: ich nehme Domian gerade nicht als einen wahr, der die Schicksale nur „interessant“ findet. Im Gegenteil, er wirkt ungemein warmherzig und lässt das Leiden des Gegenübers an sich heran, bestätigt es, ´wehrt es nicht ab. Kommt nicht gleich mit „guten Ratschlägen“… Das funktioniert auch nur, weil er nach den 10 Minuten denjenigen an die Psychologen weiter reichen kann – ansonsten wäre der (Ab-)Bruch zu heftig!

    „Man kann auch vor sich selber fliehen, indem man intensiv auf jemand anders “zugeht”“

    Ja. Gut, wenn man es bemerkt!

  9. „Man kann auch zu sich „selber“ finden, indem man intensiv auf jemand anderes zugeht“

    „Man kann auch zu sich selber „finden“, indem man intensiv auf jemand anderes zugeht“

    „Man kann auch zu sich selber finden, indem man intensiv auf jemand „anderes“ zugeht“

    „Man kann auch zu sich selber finden, indem man intensiv auf jemand anderes „zugeht“

    .

    ……………

  10. Claudia, dass Dir der erreichte komplett angstfreie Zustand erhalten blieb, hoffe ich doch sehr!
    Manchmal möchte ich von dem ganzen Psychogerede nichts mehr hören…dieses „Zur eigenen Mitte finden“, dieses „Authentisch sein“, diese „Achtsamkeit“ allüberall…manche finden aus dem Sich-finden-Gewurschtel nie heraus- die Krönung für mich war, dass ich im Entspannungskurs der Psychosomatischen Klinik auf keinen Fall einschlafen durfte. Auch einen anderen Mann, kurz nach seiner Hüft-OP haben sie „entfernt“, weil er jedes Mal so gut entspannte, dass er zu schnarchen begann….
    Ehrlich gesagt, hätte ich einen solchen Post bei Dir gar nicht erwartet, eher etwas über den Klau der Stolpersteine in Greifswald – oder so.
    Aber nichtsdestotrotz klasse, wenn Du so über persönliche Reifeschritte berichtest…
    Gruß von Sonja

  11. @Sonja: nun, mir kannst du zum Glück nicht vorwerfen, die Welt mit zuviel „Psychogerede“ zu belästigen! :-)

    Und gewiss werde ich mich nicht in forciertem Eso-Jargon äußern! Hier aber war es nun mal unvermeidbar, da diese beiden Kursleiterinnen mein Erlebnis nun mal so „gelabelt“ hatten.

    Wie ich im Artikel schon schrieb: ich konnte diesen „Zustand“ nicht ertragen, konnte nichts damit anfangen und musste unter die Dusche gehen. (esoterisch-psychologisch würde das wohl heißen: ich war nicht „gereinigt“ und „entwickelt“ genug, um mit den „hohen Energien“ umzugehen. [und ja, so FALSCH ist das gar nicht!]).

    Es war ganz klar ein anderer Bewusstseinszustand, ausgelöst durch forciert tiefe, langsame Atmung über einige Zeit – das hat NICHTS, aber auch GAR NICHTS mit „persönlicher Reifung“ zu tun!

    Und selbstverständlich war ich hinterher so normal wie vorher – nur dass ich eben jetzt wusste, wie es ist, wenn man komplett „aus dem Herzen“ fühlt und lebt. Die Sorge ums Ich gehört nicht zu dieser Ebene, die speist sich aus anderen Seins-Aspekten, also ist auch jegliche Existenz-, Todes- und soziale Angst weg, wenn man mal (wie etwa durch so eine Atemübung) für kurze Zeit NUR diesen Herz-Aspekt fühlt – und das dann in aller überwältigenden Heftigkeit.

    Normal ist das nicht – und „komplett angstfrei“ bin ich keineswegs! Der Abbau realer Ängste mit zunehmendem Alter kommt aus meiner Sicht nicht durch „besondere Erlebnisse“, sondern allein aus Lebesnerfahrung (plus Reflektion derselben), aus Wagnis und Scheitern, aus Mühen und Loslassen – aus dem Erkennen, dass man nicht MEHR als gut (und genug) essen kann und – egal was man erreicht und anschafft – trotzdem eines Tages stirbt.

    Mir kräuseln sich die Fußnägel, wenn ich auf typische „spirituelle Seiten“ stoße! Wie da der Autor meist in die Rolle des Wissenden auf dem Podest schlüpft und die geneigten Leser das Verhalten von Schülern annehmen (widerstrebige Kommentare werden gern gar nicht erst frei geschaltet). Wie EINFACH bzw. schwarz und weiß die Welt und das Leben dann im Licht irgend einer Lehre dargestellt wird: man muss nur verstehen, glauben, streben, üben, womöglich Kurse besuchen…und bei wem das nicht so klappt, der hat halt nicht genug gestrebt!

    Und insbesondere scheint sich die Idee zu halten, dass „besondere Zustände“ irgend etwas mit persönlicher Reife, fortgeschrittener Einsicht, gar mit der „Lizenz zu lehren“ zu tun hätten! Das ist so ungefähr derselbe Kinderglaube, wie in der Antike und im Mittelalter eben die „Wunder“ als Beweis angesehen wurden, dass derjenige, der „sie zu wirken versteht“ dem Göttlichen (oder wem auch immer) näher stünde. Oh heilige Einfalt!

    Na, man merkt wohl, dass in meinem Pool der bisher #ausGründen NICHT gebloggten Themen noch einiger „Content“ schlummert. Was davon noch das Licht des Blogs erblickt, richtet sich durchaus nach der Resonanz, die „so etwas“ hier in den Kommentaren erfährt.

    Dass die Themenmischung hier schon manchmal krass wirkt, ist mir klar. Für mich ist das aber Bedingung, dass mir das Schreiben hier immer noch Freude macht – jetzt im 13.Jahr.

  12. @Claudia, ich finde gut und bin dankbar, daß hier auch „spirituelle“ Aspekte diskutiert werden. Das war ja bisher kaum der Fall.

    Die Erfahrung mit dem „Herzchakra“ (man kann den Begriff ja durchaus verwenden) kann man nicht wegdeuten. Sie zeigt eben, daß es sich durchaus lohnt, spirituelle Wege zu beschreiten. Dennoch muß man auf dem Teppich bleiben und diese Dinge nicht überbewerten. Eine gesunde Skepsis ist vonnöten.
    Ich wäre auch dankbar, wenn etwa @Zentao etwas dazu schreibt.

  13. …gesunde Skepsis
    …auf dem Teppich bleiben
    …kein Psychogerede

    …gut so. Hier.
    Welche Themen schlummern da noch?
    Gruß von Sonja

  14. Es ist ja ganz wunderbar, wie sich dieses Thema entwickelt hat, sich alsbald verlaufen hat und ausgebröselt ist. To peter out, sagt man wohl im Englischen. Versandet, ins Nichts entwichen.
    Schade, wie so oft.

  15. Gerhard, Gesprächsbedarf besteht.
    Bei mir jedenfalls ist nichts davon ins Nichts entwichen. Im Gegenteil, es wurde etwas angestoßen. Wer weiß, wann die entfachten Flammen zu züngeln beginnen. Es schmort noch im Innen vor sich hinnen.
    Was würde für Dich bedeuten, es nicht versanden oder ausglühen zu lassen?
    Gruß von Sonja

  16. @Sonja, es würde bedeuten, daß das Thema nicht unbedeutend ist da draussen. Schließlich ging es um Liebe und schließlich bemängelt ja man heutzutage gerne das Schwinden der Liebe, das Zunehmen der Wurstigkeit, Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit.
    Gerade mit Deiner vorletzten Antwort konnte ich nichts anfangen…es klang so lapidar und hingeworfen. Vielleicht nahm ich das falsch wahr, konnte in den wenigen Spielworten nicht richtig lesen/hineinfühlen.
    Hier und sicher auch wonanders versanden wichtige Gesprächsthemen einfach so mir nichts dir nichts. Irgendwann dann wird durch Zufall das Thema erneut aufgegriffen, in leicht veränderter Form natürlich(dem Umstand entsprechend), und dann wieder das Gleiche…

  17. @Gerhard: welche „Weiterungen“ würden denn deinem Wunsch entsprechen? Was wäre denn NICHT „ausbröseln“?

    Für mich hat sich das Artikelthema im Lauf der Kommentare verändert in „wie halten wir es mit dem Erzählen diverser Erlebnisse in der psycho-spirituellen Szene?“ – und natürlich nehme ich das dann in einem anderen/neuen Artikel irgendwann wieder auf.

    Zum Thema mitfühlen/mitleiden hab‘ ich bereits im Posting alles gesagt, was ich inhaltlich dazu zu sagen habe – nochmal ergänzt durch den letzten langen Kommentar mit Blick auf die Bedeutung, die ich „Zuständen“ beimesse (die du offenbar höher bewertest – aber gleichzeitig auch missdeutet hast. Ich war ja NICHT ETWA auf „einem spirituellen Weg“ war, sondern auf einem spontan gebuchten 2-Tage-Workshop mit allerlei psychophysischen Übungen, deren eine nun mal zufällig diesen Effekt hatte – mehr Störung des Workshops als sonstwas! Für mich immerhin ein Erkenntnisgewinn, wie man AUCH leben/erleben kann. Es gab später auch noch Ähnliches, z.B. einmal ausgelöst durch Singen – alleine!).

    ZenTao, von dem du wünschtest, er möge etwas dazu schreiben, hat das bereits ganz oben getan. Seine Sicht der Dinge ist nicht die meine, denn ich erlebe das nicht so: weder habe ich wirklich die Wahl, mitzufühlen oder nicht, noch denke ich, dass Achtsamkeit ausreicht. Auch kann ich Mitleid nicht abtrennen und „ob es mich selbst belastet“ ist absolut kein Gegenstand des Denkens/Wahrnehmens, wenn ich im echten Mitfühlen drin bin. „Belastung“ fühlt man, so lange man sich noch wehrt, mitzufühlen. (Und nicht nur hier verstärkt die Ablehnung von Schmerz denselben..)

    Mit LACHEN hatte mein Erlebnis wiederum auch nichts am Hut – es war also nicht das, was die ZENis als „großes Gelächter der Befreiung“ beschreiben (sondern strömende Liebe/Mitgefühl und Erschrecken über die „Eingemauertheit“ der Anderen).

    Was sollten wir – um das mal als Beispiel zu nehmen – da weiter diskutieren? Verschiedenes Erleben gebiert verschiedene Einsichten und Meinungen – und gerade bei solchen, tiefer gehenden Diskussionsgegenständen sind wir meist auch recht empfindlich. „Kritisieren“ ist da die falsche Haltung, es gibt keine FALSCHE. nur ANDERE Erfahrungen, Austausch ist das einzig Mögliche.

    Aus allem Austausch wird sich aber unter einem Blogposting gewiss kein Rezept ergeben, gegen die steigende „Wurstigkeit, Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit“ in der Gesellschaft anzugehen. „Wenns eng wird“ konzentriert sich fast jeder auf die gerade zu erreichenden je eigenen EGO-Ziele – und eng wirds für immer mehr Menschen. Nicht nur in Sachen Geld, sondern vor allem auch in der Geisteshaltung: was man so alles bereit ist, dafür zu tun, um weiterhin „dabei“ zu sein und „nicht abzurutschen“.

    Auch das ist wieder ein anderes (Mega-) Thema.

    Und jetzt bist du dran! ;-)

  18. Ich habe es also gewagt, zu kritisieren.
    Nun gut, ich habe es gemacht, mich aus dem Fenster gelehnt.

    @Claudia, Deine Vermutungen mich bzgl. treffen im Einzelnen nicht, leider. So ist das mit dem Kommentieren ;-)

    Ich messe bestimmten Zuständen im Gegensazu zu Deiner Deutung nichts Besonderes zu. Dein Erlebnis war strenggenommen etwas, was „Praktizierende“ ab und an erleben. Ich hatte es spontan mit einer meiner Erfahrungen abgeglichen.
    Ich habe Dich nicht als speziell spirituell Suchende aufgefasst. Wie sollte ich? Aber ich las:
    „Persönlich hab’ ich so zwischen 15 und 35 alle erdenklichen esoterischen Gedankengebäude konsumiert, gefühlt ganze Bibliotheken gelesen und auch hier und da etwas mitgemacht, geübt, ausprobiert.“
    Wie verträgt sich das mit dem Zufallsworkshop?

    Man kann halt nur die Zeilen lesen. Manchmal liest man zwischen den Zeilen. Denkt sich was.

    Zentao hatte ich NUR gefragt, wie er das mit dem spirituellem Suchen sieht. Du hattes ja was zu diesem Nebenthema gesagt, etwas, was ich unterstreiche. NICHT gefragt hatte ich ihn zum eigentlichen Thema. Dazu hatte er tatsächlich schon was gesagt.

    Ein Rezept habe ich nicht gesucht.
    Und ich bin kein speziell spirituell Suchender.

    Das nur zur Klarstellung.

    Und nochmal Entschuldigung, Claudia, daß ich hier Kritik erhob.

  19. [den folgenden Kommentar hab ich gestern direkt nach Gerhards Posting geschrieben – und leider nicht erinnert, dass er mit den Links in der Moderation landet. ]


    Um Himmels Willen, Gerhard!

    Wo hätte ich denn je etwas gegen KRITIK „hier im Diary“ gesagt?`Mein Satz im letzten Kommenar („“Kritisieren” ist da die falsche Haltung, es gibt keine FALSCHE. nur ANDERE Erfahrungen, Austausch ist das einzig Mögliche.“) bezog sich auf die nicht statt gefundene Vertiefung des unterschiedlichen Verständnisses zwischen mir und ZenTAO: sowas kann man nicht „ausdiskutieren“, das sind einfach unterschiedliche Erfahrungen, die man sich gegenseitig ERZÄHLEN kann – inkl. der je eigenen Deutung.

    Und ich hab‘ das überhaupt nur zusammenfassend wiedergegeben, weil ich DIR Gelegenheit geben wollte, im Unterschied dazu nun zu sagen, wie/was aus deiner Sicht eine Fortsetzung sein könnte – ich ging auf dein Bedauern ein, dass solche Gespräche „ausbröseln“ und suchte also durch meine Zusammenfassung einen neuen Ansatz – FÜR DICH quasi zum Aussuchen, als „Schreibimpuls“.

    Dass du jetzt statt dessen meinst, dich „für Kritik entschuldigen zu müssen“, deprimiert mich regelrecht! Das bedeutet ja: so sehr ich mich auch bemühe, verständlich zu schreiben und so GERNE ich auch auf gefühlte und explizite Wünsche speziell von Stammlesern eigehe: es gerät TROTZDEM volle Kante in den falschen Hals!

    „Wie verträgt sich das mit dem Zufallsworkshop?“

    Da hast du recht! Ich ging automatisch von einem Begriffsverständnis des „spirituellen Suchers“ aus, das nicht dasselbe meint wie das „Selbsterfahrungs-Hopping“, das ich sporadisch betrieben habe – sondern eher so ein konsequentes Streben & Üben in einer konkreten Tradition, wie es etwa ZENTao vermittelt (und wie ich es dann in einer deutlich weniger strengen Version ab 1991 bei meinem ZEN-inspirierten Yoga-Lehrer begann – NACHDEM ich frühere Vorstellungen vom „spirituellen Leben“ für mich komplett aufgegeben hatte).

    Umfassender verstanden, fallen natürlich sämtliche „einschlägigen“ Erfahrungen, Übungen und Erlebnisse, so punktuell und zufällig sie im Einzelnen auch sein mögen, unter „spirituelle Suche“ bzw. zählen zu den Ergebnissen und Einsichten in diesem Kontext.

    Übrigens ist das Thema im Digital Diary nicht wirklich neu – ab und an kommt „sowas“ durchaus vor. :-)

    Hier zum Beispiel:

    -> Spiritueller Materialismus;

    -> Zu Ostern: Stirb und werde!

    -> Selbsterkenntnis – bin ich da noch dran?

    Weitere finden sich in der Rubrik „Lebenskunst“.

    Sogar eine Art „meditativen Lehrtext“ aus meinen Yoga-Erfahrungen heraus hab‘ ich mal verfasst:

    -> Kleine Meditation für genervte Sinn- und Selbstsucher

    den hat ein Lebensberater, dem er offenbar gefallen hat, dann vertont (siehe rechts oben auf der Seite). Persönlich finde ich LESEN aber besser, weil man dabei die Geschwindigkeit des Mitdenkens selber bestimmt.

    Immer noch würde ich gerne wissen, was die Alternative zum „ausbröseln“ sein könnte… an mir soll’s echt nicht liegen!

  20. Was Du, Gerhard, hier offenlegst, auch an Frust, ist das, was mich selbst immer wieder frustriert, auch wenn es darum geht, Kommentar-Threads auf meinem Blog zu begleiten:
    Man kann noch viel weniger als in einem Gespräch die Fäden beisammen halten. Jeder liest seinen eigenen Text und hat seinen eigenen Faden, an dem er ansetzen kann und möchte.

    Und wenn Blogger wie Claudia, die es verstehen, sehr vielschichtig und reflektierend zu schreiben, „loslegen“, dann haben wir ein ganzes Panoptikum vor uns, über das sich zu diskutieren lohnt – oder zu dem wir Fragen hätten.

    Auch lösen solche Postings immer wieder den Wunsch aus, das eigene übervolle Herz zu leeren, Platz zu schaffen, und so sind die Kommentare hier oft ein Riesengewinn – und eine Überraschungsreise. Sie enden einfach kaum je dort, wo es der Text anböte – und das ist ganz natürlich – eben, weil unsere Wege so verschieden sind, an dies Texte heran zu gehen. Und „falsch“ oder „richtig“ gibt es da schon gar nicht. Eher „fremd“ oder „vertraut“. Und das kann sehr schmerzvoll empfunden werden.

    Man kann in seinen spirituellen Empfindungen sehr viel Einsamkeit fühlen und an den harten Schalen der anderen zusätzlich leiden, oder an vermuteter Gedankenlosigkeit.

    Auch wenn es kein Trost ist: Deine Gedanken fallen hier nicht ins Nichts. Nur muss man sich gerade bei den Gedanken zur Lebenskunst damit abfinden, dass man dabei sehr wechselnde Begleiter bekommen kann. Auch als Blog-Kommentierer.

  21. Genau, sich damit abfinden – und weiter die eigenen Wege gehen, nicht ohne Anteilnahme – diese vielen Leben als Bereicherung empfinden – vor Begeisterung gar nicht wissen, welchen „Wegweisern“ man folgen könnte, welche man selber aufstellt – bitte keine in Richtung Resignation.
    Gruß von Sonja

  22. Da hat sich doch einiges angehäuft, puh!

    Danke für die Antworten!

    @Claudia, ich weiß sogar nicht mehr im Einzelnen, was mich antrickerte.
    Ich denke, daß ich ab und an verzweifle, daß Worte nicht eindeutig sind, sehr viel mehr noch im Geschriebenen als im Gesprochenen, face to face.
    Du verstehst falsch, ich verstehe falsch…und so fort.
    Fast jeder Satz ist nunmal mehrdeutig. So war es auch mit der sog. „sprituellen Reise“.
    Desweiteren trickerte mich an, daß ich mich recht offen wähnte in meinem 1. Kommentar und daß ich bei einem Kommentar von Sonja (12. November 2012 at 09:48 Uhr) das Gefühl hatte, es ging allmählich in Chat über. Ich kann auch @Wildgans neuesten Kommentar nicht recht deuten/verstehen. Da kann ich nur raten. Ich bin da wenig geübt, zu lesen, was da gemeint ist.
    Auch was @Thinkabout erwähnte, daß der urpsrüngliche Threat oft zerfasert und weggeführt wird, ist für mich oft schmerzlich.Ich habe mir eigentlich anlässlich eines anderen Themas vorgenommen, am Hauptthread zu bleiben, bin dann aber doch auf die spirituelle Suche/Workshops eingegangen, was eigentlich ein Fehler war. Man sollte konzentriert am Hauptthema bleiben. Was manche auch bewusst so halten.
    Danke nochmal auch an @Thinkabout für seine warmen Worte und seine Erfahrungen mit Threads.

    Und: „Immer noch würde ich gerne wissen, was die Alternative zum “ausbröseln” sein könnte“. Da kann ich flugs keine Antwort anbieten. Wie gesagt, lag „meine Empörung“ wohl darin, daß Claudia ein Herzthema anschnitt und genau bei einem solchen Thema finde ich es immer (jammer)schade, wenn es vorbei ist.

    Danke nochmal.
    Jetzt ist es auch gut (für mich).

  23. @Gerhard:
    Zitat:
    „Und: “Immer noch würde ich gerne wissen, was die Alternative zum “ausbröseln” sein könnte”.

    *

    Eigentlich gibt es keine. Und dies, obwohl dieses Blog von einer Person geführt wird, die fast wie keine zweite auf die Kommentare zu ihren Beiträgen eingeht. Aber man kann das nicht wirklich steuern.
    Was Dir Claudia ja selbst anbietet oder laufend macht: Dass sie Anregungen aus Kommentaren aufnimmt und die Fäden in neuen Artikeln weiter spinnt.
    Und dazu bist Du bestimmt auch oft der Taktgeber.

    Und: Wenn man nicht will, dass ein Thema ausfranst, dann bleibt nur das Zweiergespräch. Und damit das gute alte Mail – ohne weitere Zuhörer.

  24. „..dass Worte nicht eindeutig sind, sehr viel mehr noch im Geschriebenen als im Gesprochenen“

    Ich glaube, @Gerhard, dass es sich beim Geschriebenen wie auch beim Gesprochenen um eine sehr unterschiedliche Funktion handelt, die keinen Anspruch auf Gleichheit erheben sollte, denn:

    ich betrachte einen Kommentar nicht wirklich als Antwort. Er ist für mich mehr der Impuls, der eine ganz bestimmte Saite in mir zum Schwingen bringt und die sich dann wieder artikuliert. Welche Saite er zum Schwingen anregt, liegt an meiner Tagesbefindlichkeit. Was mich heute sensibel macht, mag mich morgen vielleicht überhaupt nicht mehr bewegen.

    Das vermeintliche Missverständnis – eben und genau das, das ist das Großartige.
    Es vereinigt und verengt nich auf einen bestimmten Punkt. Es erweitert.

    Schreibt heute z.B. einer von einem großen Lottogewinn, von dem ich schon seit Jahrzehnten träume, wird mein Kommentar wohl ganz anders ausfallen als von demjenigen, der dem Glücksspiel aufgrund seiner inneren Einstellung schon seit Jahren den persönlichen Kampf angesagt hat.

    Dabei äußerst sich in den Kommentaren wohl nicht das wirkliche Mitfühlen über die Freude zum Lottogewinn, sondern mehr, die eigene innere Einstellung, auch in der ganzen breiten Palette der eigenen Zerrissenheit, Unbestimmtheit, des Suchens.
    Das sind selbstzentrierte Antworten, verpackt in Kommentaren, auf dem Weg der eigenen Überprüfungen. Ich schätze sie sehr, halte sie nicht nur für wichtig, sondern auch für eine großartige Möglichkeit, die uns durch das Internet mit dieser Art zur Kommunikation möglich wird.

    Ich möchte sie nicht missen und bin dankbar in diesen Geschehen sein zu dürfen.

    Im realen, face to face, werden wohl auch Resonanzen erzeugt, aber diese richten sich, glaube ich, mehr auf das Mitfühlen im Anderen. Das ist dann nicht mehr selbstzentriert.

    Im „Geschriebenen“ kann man bei sich selber landen.

    Im „Gesprochenen“ beim Nächsten.

    Ich mag beides. Sehr.

    Eindeutigkeit bei alledem würde bedeuten – alles zu wissen und verstanden zu haben. Am Ende des Weges zu sein.

  25. Was ich lese, @Menachem, ist, daß Dir Schwingung und Resonanz wichtig sind. Du möchtest – sozusagen – antworten, ohne direkt zu antworten… sondern das Gefragte/Gesagte mehr als Sprungbrett für eigene Assoziationen nutzen. So las ich es gerade.

    Mir ist es (glaube ich) wichtig, beim anderen zu sein, seine Ideen und vielleicht auch sogar seine Befindlichkeit zu spüren.(Ich möchte auch verstanden werden, sicherlich dies noch mehr).
    Im Lesen habe ich im Gegensatz zum Face to face mehr Möglichkeiten, mißzuverstehen als im direkten Gespräch. Dort besteht zumindest durch regen, unmittelbaren Austausch über einen Punkt die Chance, diesem näherzukommen. Da kann man nat. auch fundamental daneben liegen, vor allem durch den Schatten der eigenen Auffassungen, aber das Ringen um die „Wahrheit“ hat im Zwigespräch zumindest eine gute Chance.

  26. Bevor ich morgen wieder unterwegs bin und aus zeitlichen Gründen nicht antworten kann, möchte ich es jetzt noch versuchen.

    Doch vorab noch ein Kompliment an unsere Hauptstadt, die so wahnsinnig tolle Internetradios wie

    „http://www.thewaveradio.de/player?popup=true“

    hervorbringt, und Stefan Gwildis mich jetzt bei dem weiteren „in die Tasten hauen“ begleiten wird. Das ist einfach ein absolutes „MUSS!“

    Ich werde dir jetzt „scheinbar“ antworten, @Gerhard, aber diese Antwort wird sehr stark von meinen Gemütsfarben bestimmt sein und nur „das“ aus deinem Text filtern, was für mich jetzt wichtig ist.

    („Misszuverstehen“ ist für mich persönlich etwas negativ besetzt. Das ist meine ganz persönliche Empfindung im jetzigen Lebensaugenblick. Allerdings stehe ich zurzeit vor so vielen Herausforderungen, die ich meine, nur mit einer positiven Verkehrung aller negativen Rahmenbedingungen zu meistern. Dies ist der Hintergrund der zu folgender Antwort führt:)

    Ich meine, es gibt in Kommentaren (von seltenen Ausnahmen abgesehen) kein „missverstehen“, sondern nur ein „anderes“ verstehen. Die immer mögliche und natürliche Diskrepanz zwischen Sender und Empfänger. „Anders“, das ist z.B. für mich überhaupt nicht negativ besetzt. Im „Anders“ sehen ergeben sich für mich mehr, neue und erweiterte Sichtweisen. Damit kann ich ein „Irgendetwas“ NEU sehen und es ggf. auf anderen Wegen dem Ziel entgegen führen.

    Unser Diskurs stellt sich zwar als Frage und Antwort dar, greift aber zutiefst in mein persönliches Leben, in welchem ich versuche, meinem derzeitigen Standort eine weitere Festigkeit zu geben.

    Und deine Näherung oder Findung des Standortes meine ich aus deinem 2. Absatz zu lesen. Du klärst deine Ansichten, deine Prioritäten. Sie sind gut. Nochmals von dir in einigen Zeilen durchdacht und formuliert – vielleicht entstanden aus Anlass eines Missverständnisses.

    So sehe ich das. Und ich möchte wetten, dass mich ganz viele Menschen bei diesen Zeilen missverstanden haben. Das ist meine ich aber das Gute, wenn daraus neue Impulse entstehen konnten.

    Und im Gegensatz zum face to face gibt es jetzt keine spontane Anwort, sondern ein wirken, ein werkeln, einen inneren Diskurs, der auf seinem Weg zur Antwort vielleicht manch wertvollen persönlichen Umweg nimmt.

  27. @Menachem
    Wunderbar. Auf jeden Fall in der Weise, wie ich das jetzt verstanden habe.
    *smile.

  28. Danke, lieber Thinkabout.

    Und ich dachte schon, ich wäre der Einzigste, der dem Nachgeben der
    „mindestens fünf solche “Noch-Rasch-Impulse”

    nicht wiederstehen könnte. Das hat mich heute abend aufgebaut:)

  29. @Menachem, mich hat unter anderem Madeleine Peyroux bei meinem jetzigen Text begleitet :-)
    Du schreibst: „Im „Anders“ sehen ergeben sich für mich mehr, neue und erweiterte Sichtweisen. Damit kann ich ein „Irgendetwas“ NEU sehen und es ggf. auf anderen Wegen dem Ziel entgegen führen.“
    Das unterstrich ich ja auch irgendwie.
    Weiter: „Und ich möchte wetten, dass mich ganz viele Menschen bei diesen Zeilen missverstanden haben. Das ist meine ich aber das Gute, wenn daraus neue Impulse entstehen konnten.“
    Du hälst also ein achtsames Lesen Deines Texts nicht so für wichtig. Wichtiger scheint Dir eine spontane Reaktion, auch eine, die eigentlich ’nichts mit Deiner Äusserung‘ zu tun hat, ein spontaner Auswurf vielleicht, Hauptsache, sie wirft etwas auf, daß es lohnt, weiterzuspinnen.
    ‚Nichts mit Deiner Äusserung zu tun‘, das kann garnicht sein, meinst Du wahrscheinlich.

  30. Zitat Gerhard:
    „Du hälst also ein achtsames Lesen Deines Texts nicht so für wichtig. Wichtiger scheint Dir eine spontane Reaktion,“

    Also, mich freut immer, wenn jemand beim Lesen meiner Texte achtsam zu sich selbst ist – und eben beachtet, was die Worte in ihm auslösen. Ob das eine Spontanreaktion zur Folge hat oder ob ein stiller Samen gewässert wird – wer will da werten?

  31. @Thinkabout, das Interessante ist ja auch, daß man völlig verschiedene Texte zu einem Post verfassen kann. Ich hatte schon oft mal Kommentierungen von mir wieder gelöscht vor dem Abschicken und ganz anders geantwortet wie im 1. Ansatz. Im Grunde könnte man ganz unterschiedlich und ganz vielfältig antworten.

  32. @alle: ich hab ja mal zwischen 2003 und 2008 themenzentrierte Schreibkurse veranstaltet – das Projekt nannte ich „Schreibimpulse“.

    Pro Kurs versammelten sich sieben bis 13 Teilnehmer/innen, denen ich – in relativ dichter Folge von 2 bis 3 mal / Woche, manchmal auch täglich – einen „Schreibimpuls“ im Rahmen des Kursthemas vorgab (z.B. zu Altern, Kraft der Veränderung, Erotik…). Sie schrieben dann zu diesem Auslöser-Text (manchmal war es auch ein Bild) eigene Texte, zu denen ich wiederum eine Resonanz verfasste. Die war einerseits INHALTLICH, andrerseits waren es Tipps zur Schreibtechnik.

    Letzlich waren das Selbsterfahrungskurse ohne explizit therapeutischem Setting. Oft entstand eine große Nähe und Intensität zwischen den Teilnehmern – es war wunderbar! (Gleichzeitig aber auch sehr zehrend, denn ich musste über Wochen durchweg sehr präsent sein und in der Spitze 7 mal pro Woche 10 Resonanztexte verfassen, sowie im Hintergrund manchmal noch mailen… )

    Ich konnte das nur machen, weil ich aus der Tradition des kreativen Schreibens (viele Kurse beim selben Lehrer besucht) kam und mir das relativ freie Assoziieren über einen Text in Fleisch und Blut übergegangen war. Wobei der Dreh- und Angelpunkt immer der war, wie der Text auf mich wirkte, was er bei mir anstieß – also kein „beraten“ oder pseudo-objektives Schreiben über das jeweils im Text beschriebene „Problem“. Sondern eben ein „von mir sprechen“, was deutlich weniger Konflikte gebiert, als wenn man versucht, „objektiv“ etwas konkret zu „beantworten“.

    Die „eigene Resonanz“ ist dennoch nicht weniger wert oder weniger hilfreich: die „andere Sicht“, das „andere Erleben zum Thema“ lässt den Leser frei, sich da etwas für sich raus zu ziehen oder eben nicht. Was dann insgesamt eine viel friedlichere Situation ist als in einem Setting, wo etwa ein Lebensberater zu allem sagt, „was Sache ist“.

    Neben der Wurzel „kreatives Schreiben“ hab‘ ich diese Form des aufeinander eingehens ohne explizites Beantworten/Beraten auch (Ende dreißig) in den Meetings der anonymen Alkoholiker kennnen gelernt. Da spricht auch jeder von sich – und dennoch bereichern sich die Beteiligten so gegenseitig im Bemühen, den täglichen Frust, die je eigenen Probleme oder was auch immer zu bewältigen. Eine wunderbare Erfahrung, die mich auch sehr geprägt hat.

    Das nur mal so zur Geschichte meiner Art des Schreibens und „Resonanz Gebens“. Manchem mag das gelegentlich zu weitab von der eigenen Frage liegen, doch meist wirkt es eher positiv und ermuntert dazu, das Thema bei Bedarf eben noch zu vertiefen – ohne sich gezwungen oder gar BEWERTET zu fühlen, was eigentlich NIE angenehm empfunden wird.

  33. Claudia: ES WAR WUNDERBAR!!!!!!!!

    Und bald kommt wieder diese Jahresübergangszeit. Immer wieder wird mein Gedenke an diese Schreibvirtuellgruppen in dieser Zeit heiß, so heiß!!!!!!!!!
    Ich habe gebrannt. Und es glüht noch immer nach….
    Herzlich-
    Sonja

  34. […] Claudia: @alle: ich hab ja mal zwischen 2003 und 2008 themenzentrierte… […]

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