Claudia am 14. Mai 2012 — 19 Kommentare

Hab keine Angst!

Gegen Mitternacht laufe ich allein durch eine dunkle Nebenstraße. Um mich her Gründerzeit-Häuser, kein Licht in den Erdgeschossen – die Imbisse, Spätkauf-Läden und Kneipen sind erst irgenwo da vorne.

Da kommt mir ein Mann entgegen, auf meiner Straßenseite. Nicht ganz jung, aber auch kein bisschen alt. Seine Art zu gehen wirkt gleichzeitig selbstbewusst als auch leicht angetrunken. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen, es ist zu dunkel und meine neue (meine erste!) Gleitsichtbrille macht die Dinge nicht besser.

Ich spüre, wie sich ein für solche Situationen typisches Hab-acht-Gefühl in mir ausbreitet. Mehr Körperspannung, mehr Aufmerksamkeit, weniger Denken an das, was ich tun werde, wenn ich nach hause komme.

„Hab keine Angst!“ ruft mir der Mann da im selben Moment entgegen.

Ich lächle, laufe auf ihn zu, hebe wie selbstverständlich die linke Hand zu einer Art Gruß, eigentlich zur Geste des „abklatschens“, wie man es unter guten Kumpeln tut. Es endet in einem grüßenden Winken, er lächelt auch, dann ist er vorbei.

Noch jetzt, eineinhalb Stunden später freu ich mich über dieses Erlebnis. Post-Gender-Solidarität – einfach so.

Diskussion

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19 Kommentare zu „Hab keine Angst!“.

  1. wow – was für eine bezaubernde kleine Geschichte. Danke für’s Teilen!

  2. Finde ich auch sehr schön!
    Vielleicht darf ich zwei kleine Geschichten „zur Solidarität unter den Geschlechtern“ anfügen:
    Nach einer Abfahrt von der Autobahn mußte ich bald danach links abbiegen. Eine Frau als Rechtsabbiegerin hätte in der Tat warten müssen, wäre sie gleichzeitig an dieser Stelle erschienen. Sie war aber schon etwa 2 Sekunden vorher da. Abrupt stoppte sie trotzdem und musste über sich selbst dabei lachen. Ich lachte fröhlich zurück und zeigte ihr damit das Verstehen des Moments.
    Eine andere Geschichte geschah in einem Bahnhof: Ich suchte nach einer „Bücherei“, meinte aber in Wirklichkeit eine Zeitschriftenhandlung. Meine Kumpel wussten da nicht weiter, weil wir fremd waren. Eine Frau bekam das mit und sagte, daß eine Bücherei vor dem Bahnhof zu finden sei. „Wir wollen doch nicht zu einer Bücherei!“, meinte der Kumpel von mir. „Wie kann ich nur so blöd sein, mich da einzumischen!“ entgegnete bestürzt die Frau. Ich verstand die Situation (sie fühlte sich wohl ertappt dabei, als „Frau“ reagiert zu haben) und sagte zu der sichtlich konsternierten Frau mehrmals , daß es sehr schön war, daß sie sich eingemischt hatte ( und daß sie es zukünftig weiter so halten sollte). Da spürte ich wirklich einen Auftrag.

  3. Unglaublich positiv!!
    Gruß von Sonja

  4. Ja, immer wieder toll, so einfach.

  5. Man sollte nicht mir nichts Dir nichts Kleinode, die für einen nachdrücklich waren und sind, einfach ins Netz setzen…manchmal ist es so, als spüle man eine Hand voll Sand ins Meer.

  6. Hallo Ihr Lieben,

    ich hab mich natürlich wie immer gefreut, dass mein kleines Erlebnis doch ein paar Resonanzen ergab – habt Dank!

    Insbesondere haben wir deine beiden kleinen Geschichten gefallen, Gerhard – sie passen sehr gut zum Posting und zeigen ebenfalls, dass manchal die Dinge einfach GUT laufen und Menschen auch mal nett zueinander sein können, nicht nur als Lächel-Maske. Man fühlt sich gleich den Mitmenschen viel verbundener, wenn mal sowas vorkommt.

    Aus deinem letzten Kommentar lese ich Unzufriedenheit, dass ich dazu nichts geschrieben hab. Ja, ich vernachlässige derzeit die Blog-Ebene, schaffe es einfach nicht anders, dieses Buch hinzukriegen, das Mitte Juli fertig sein muss. „Textmenge“ an sich ist gar nicht mal so das Problem (bin ja eher Vielschreiberin, wenn auch auf verteilten Blogs und anderen Orten). Sondern das „in die richtige Stimmung“ kommen, eine bestimmte Art Muße, aus der erst irgendwann die Sätze strömen, die mehr sind als bloßes „ein Thema abarbeiten“ (was ich natürlich auch könnte, zur Not, aber auf keinem Fall will).

    Also seht es mir nach, wenn ich derzeit nicht ganz so präsent bin, wie erwartet! Ich freu mich trotzdem über jeden Satz, den jemand HIER hin schreibt anstatt in die schwurbelnden „sozialen Netze“!

  7. Hallo Claudia,
    danke für Deine Antwort!
    Vielleicht ging es mir gestern so wie der Frau aus meiner 2ten kleinen Geschichte. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich würde (persönliche) Perlen von mir geben und niemand würde davon Notiz nehmen. Davon fühlte ich mich verletzt.

    Das mit der „in die richtigen Stimmung kommen“ kenne ich auch – so ist es nun mal mit der Kreativität.
    Viel Erfolg mit Deinem Buch!

    Gerhard

  8. @Gerhard: vermutlich ist das der ursprüngliche Grund, warum der „gefällt mir“-Button erfunden wurde. Mal eben klicken geht immer, auch wenns für die Resonanz in ganzen Sätzen grade nicht reicht. (Und typischerweise forderten Deutsche auch gleich einen „gefällt-mir-nicht-Button).

    Danke jedenfalls, dass du was gesagt hast!

  9. Es freut mich, daß das ein positives Erlebnis für Dich war. Allerdings bin ich vorsichtig, für mich als Mann daraus nun eine Handlungsanleitung abzuleiten.
    Was wäre gewesen, wenn Du an dem Abend in einer anderen Stimmung gewesen wärst? Wenn er eine andere Stimme gehabt hätte? Eine nur leicht andere Wortwahl?

    Als Mann kommt man nun mal gelegentlich in solche Situationen: Man geht eine Straße entlang, vor einem eine Frau, die sich unsicher umdreht und plötzlich auffällig unauffällig schneller geht.
    Zum einen finde ich es dann traurig, daß sie offenbar meinetwegen Angst hat, andererseits ärgert es mich, daß ich mich als Mann diesem Generalverdacht aussetzen muß.

    Nur, was tue ich in so einer Situation? Der Klassiker ist, die Straßenseite zu wechseln. Aber was, wenn mein Ziel auf dieser Seite liegt? Oder noch extremer, die nächste Abzweigung nehmen und einen Umweg machen, nur damit sie sich sicherer fühlt? Wieso, ich habe doch nichts getan.
    Was ich aber immer ausgeschlossen habe, war genau das, was Du jetzt als positiv beschreibst: „Keine Angst, ich will Ihnen nichts tun!“ – ‚Wie kommt der denn jetzt darauf? Der muß doch was im Schilde führen, sonst würde er an sowas doch überhaupt nicht denken. Und überhaupt, wenn ich ein Räuber wäre, würde ich genau das auch sagen.‘
    Nein, ich halte das weiterhin für keine Option. Außer, wenn ich Dich mal treffe. Muß ich dann nur rechtzeitig wissen…

    Die einzig dauerhafte Lösung wäre wohl, den Menschen klarzumachen, daß die Welt viel sicherer ist, als die meisten glauben, wie bei der Vorstellung von Kriminalstatistiken immer wieder betont wird. Aber das ist in Zeiten von um Einschaltquoten konkurrierenden Massenmedien vermutlich unrealistisch.

    Bombe 20

  10. Ich kenne nicht die egoaufbauende Freude des „Gefällt mir“ Button beim Empfänger, aber ich kann mir schon vorstellen, dass sie da ist. Ein hochpsychologisches Erfolgsprodukt, wogegen selbst die ausgeklügelsten Supermarktanreize wie abgestande Milch wirken.

    Wie schnell soll dann alles noch werden? „Klick“ und Freude?
    Für ein „Gefällt mir“ dürfen es doch auch schon mal ein paar Worte der Wertschätzung sein.

    Meine Arbeitszeit im Moment mit 14 Std täglich lässt mir wenig Raum, Wertschätzung auszudrücken, was ich aber jetzt dennoch tuen möchte, weil es mir schon seit Tagen nachhängt.

    Neben viel Destruktiven liegt für mich die große Kraft im Internet mit blogs, chats.. auch darin, dass wir uns austauschen können. Leid und Freude teilen, wozu auch das „Mut machen“ gehört.

    Und in diesem Sinne halte ich es auch für ganz wichtig, @Gerhard, das wir uns von vereinzelten Ereignissen, ich würde sie für mich Enttäsuchung nennen, nicht entmutigen lassen, immer wieder das zu tun und wiederholen, was uns zu tun am Herzen liegt.

    Und das meine ich genau so, wie du es geschrieben hast:
    “ und daß sie es zukünftig weiter so halten sollte).“

    Egal, was jeder aus deinem Kommentar für sich mitnimmt, jeder ist es wert und hinterlässt etwas.
    Danke für deine kleinen oben beschriebenen Lebensgeschichten.

  11. Dank Dir, Menachem!

  12. @Menachem: auch von mir herzlichen Dank! Bin ganz gerührt, dass du bei der Arbeitsbelastung noch Zeit gefunden hast, das zu schreiben!

  13. @Bombe 20

    ärgere dich nicht über den vermeintlichen „Generelverdacht“.
    Erkenne lieber das Privileg, dass in der Situation „Mann und Frau begegnen sich auf dunkler Straße“ du derjenige bist, der sich sicher fühlen kann.

  14. @ich

    Wieso „vermeintlich“? Und wie kommst Du auf die seltsame Idee, ich könnte mich auf einer dunklen Straße sicher fühlen?

    B20

  15. @Bombe 20: Danke dir für deinen Kommentar mit durchaus verständlichen Überlegungen! Allerdings: in der Situation selbst hatte ich das Glück, dass so etwas weder für den Mann noch für mich eine Rolle spielte. Das ging zu schnell zum grübeln, war zu spontan für Überlegungen wie „was könnte sie von mir denken etc.“ Er bemerkte meine „vorsichtige Verspannung“ und reagierte ohne Verzögerung. Und das war gut so!

    Zu deinem letzten Eintrag: „sicherer“ als eine Frau kannst du dich fühlen, da es kaum vorkommt, dass einzelne Frauen in dunklen Straßen Männer anpöbeln, antatschen oder sonstwie übergriffig werden. DIESE Gefahr musst du also nicht fürchten, wogegen das allgemeine Überfallrisiko natürlich beide Geschlechter gleichermaßen trifft.

  16. „Ich freu mich trotzdem über jeden Satz, den jemand HIER hin schreibt anstatt in die schwurbelnden “sozialen Netze”

    Lieber Claudia,

    dann will ich auch mal meine Erfahrungen hier bei dir mit-teilen. Wir hatten ja in Mannheim Katholikentag und als „Quartiermeisterin“ war es meine Aufgabe die Besucher in den Gemeinschaftsquartieren – sprich Schulen – in meinem Vorort zu beherbergen und zu betreuen. Eines Abends kam ich, um die Schule aufzuschließen. Auf der Treppe vor dem Eingang saßen einige männliche Jugendliche und versperrten mir den Weg. Dazu muss man wissen, dass es an dieser Schule immer mal wieder unruhig zugeht. Ich gebe zu, wohl war mir nicht.
    Sie wollten wissen, was ich denn hier mache. Ich stellte mich und meine „Aufgabe“ vor. Kurzum wir kamen ins Gespräch. Sie konnten sich das gar nicht vorstellen, ihre ehemalige Schule beherbergt so viele Menschen. Ich bat sie einzutreten, zeigte Ihnen die „verwandelte“ Schule. „Wow, ein Kiosk! Von wo kommen denn die Leute? Wie ist die Altersklasse? Schlafen da fremde Menschen zusammen in einem Zimmer. Haben Sie nach Geschlechtern getrennt?“ Da saß ich mit den „Raudies“ trank Cola und aß Kuchen und gab Auskunft, was es mit dem Katholikentag auf sich hat. Sie waren so neugierig, Vom Konzert der Wiseguys hatten sie gehört, muss stark gewesen sein. Die Zeit verging wie im Flug. „So etwas würde mir auch gefallen“, meinte einer. Eine tolle Erfahrung, mal sehen was daraus wird.

  17. Danke Christa, dass du dein schönes Erlebnis teilst. Es wird ja immer nur Negatives weiter berichtet – das verstärkt die Angst, wogegen positive Erlebnisse zeigen, dass es auch anders geht. Vermutlich gar in der großen Mehrheit der Fälle.

  18. Hallo, ich bin gerade über einen anderen Blog hierher gekommen und gleich bei deinem Erlebnis hängengeblieben. Das kenne ich übrigens auch als Mann. Da ist mir das auch schon passiert, dass mir Leute entgegengekommen sind, die mir von weitem bei Nacht nicht geheuer aussahen – und dann war derjenige bzw. diejenigen völlig entspannt, haben gelacht und sich unterhalten… naja und einmal hat jemand etwa 100 Meter vor mir randaliert und ich dachte: mist, was muss der jetzt auf meinen Heimweg rumtorkeln und Autos demolieren – als er mich entdeckt hat, hat er wohl richtig Angst bekommen wegen der Autoscheibe, die er gerage mit nem Stein eingeschlagen hatte und war blitzschnell weg. LG Hagen

  19. Liebe Claudia,
    so eine herzerwärmende kleine Geschichte! Danke fürs Aufschreiben.

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