Claudia am 20. April 2012 —

Piraten sind wie Badeschaum…

„…je mehr man drauf schlägt, desto mehr Schaum entsteht,“ hat heut‘ früh jemand getwittert.

Piratenplakat zur NRW-WahlStimmt! Der Unmut über die Altparteien ist derart angewachsen, dass die junge Piratenpartei sich fast alles leisten kann, was ansonsten massiv Minuspunkte bringt. Zuwenig Programm, wilde Streitereien, chaotische Strukturen, seltsame Mitglieder, ADHS, (noch) keine Antworten auf drängende Fragen – trotz alledem liegen die derzeit ausgegebenen Mitgliedsnummern schon über 30.000 und die Umfragen sehen die PIRATEN mit ziemlicher Sicherheit im nächsten Bundestag.

Wer solche Erfolge hat, der muss leisten, was hierzulande allen abgefordert wird, die für eine Option aufs Mitregieren in Betracht kommen: Die Distanzierung von rechtem Gedankengut innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen. Ich bin optimistisch, dass das locker gelingt, selbst mit den Erschwernissen der piratischen „Basisdemokratie“, die alles tendenziell verlangsamt. Das innerparteiliche Gewürge erinnert mich an leidenschaftliche Diskussionen in meiner wilden Jugendzeit: da haben wir auch darüber gestritten, ob man sich mit „denen“ inhaltlich auseinander setzen soll oder nicht – wobei recht schnell Leute als „Rechte“ etikettiert wurden, die mal einen falschen Satz gesagt hatten.

Lockerer Politik-Stil: Menschen wie du und ich

Na, eigentlich ist dieses Einstiegsritual in Richtung „Gemeinsamkeit der Demokraten“ aber gar nicht mein Thema, sondern das Phänomen, dass selbst innerpiratisch kritikwürdige Äußerungen beim Wahlvolk eher „werbend“ wirken. Z.B. die erste spontane Stellungnahme der Piraten, in der es schnoddrig hieß: „In jeder Partei gibt es einen gewissen Prozentsatz von Idioten!“

Hach, wie erfrischend! Gegenüber den verschwurbelten Textbausteinen üblicher Partei-Äußerungen spricht so ein „unbedachtes“ Statement doch vielen direkt und unverstellt aus der Seele! Da sprechen Menschen wie du und ich, ist der bleibende Eindruck – und genau das wünscht man sich.

Drohung mit großer Koalition schreckt nicht mehr

Die nächste Keule, mit der nun auf die allzu erfolgreichen Newcomer eingedroschen wird, ist der Vorwurf, sie seien Schuld daran, dass bald nurmehr mittels großer Koalitionen regiert werden könne. Verantwortungsvolle Menschen dürften sie nicht wählen, denn dann werde es für Rot-Grün nicht reichen. Dazu kann ich nur sagen: Für mich haben große Koalitionen ihren Schrecken verloren, gefühlt haben wir sie ja schon lange – und sogar der Atomausstieg wurde unter „Mutti“ festgeklopft. Zudem hat auch Rot-Grün die Erwartungen massiv enttäuscht: Deutsche Soldaten wurden zu Kriegseinsätzen entsandt, die AGENDA 2010 brachte massiven Sozialabbau. Auch zur aktuellen Schulden/Euro/Finanzkrise hört man nichts grundstürzend ANDERES von SPD und Grünen: Was mitgemacht werden muss, weil „die Märkte es erzwingen“, wird auch weiterhin gemacht werden. So zumindest mein Eindruck – was also soll ich fürchten?

Im Artikel „Piraten entern ein morsches Schiff“ auf TheIntelligence schrieb Rüdiger Rauls zu alledem, was so von unseren Regierenden mitgemacht wird:

„All das tut man doch nicht, weil man mutwillig die Grundlagen der Gesellschaft erschüttern will. Sie tun es, weil sie aufgrund ihres Verständnisses von kapitalistischer Wirtschaft und Gesellschaft keinen anderen Ausweg sehen. Und sie müssen es tun, weil die Gesetze der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung immer weniger Alternativen zulassen.“

Meinen Kommentar dazu gebe ich hier abschließend wieder:

Warum dennoch die PIRATEN immer mehr Menschen – m.E. zu Recht – als Alternative erscheinen, liegt daran, dass dieses „Mitmachen müssen“ weder richtig kommuniziert noch sonstwie mit der Bevölkerung abgestimmt wird. Politiker geben ihre eigene Machtlosigkeit eben verdammt ungern zu, da sie es gewohnt sind, als Mr. und Mrs. Wichtig Wohltaten zu verteilen, bzw. als diejenigen angesehen zu werden, die das könnten, wenn sie nur wollten (= die da oben machen ja doch, was sie wollen..).

Deshalb halten sie den „Anschein der Macht“ so lange wie möglich aufrecht – und wenns dann nicht mehr geht, wird halt die Meinung geändert, wegen geänderter Rahmenbedingungen (was beim Wähler als „Umfallen“ ankommt).

Man stelle sich vor, die wesentlichen Entscheidungen müssten vom Volk abgestimmt werden (immerhin lebt die Schweiz damit ja recht gut) – oder als Schritt in diese Richtung zumindest von den jeweiligen Parteimitgliedern. DANN könnten/müssten/sollten die Akteure ganz genau sagen, WAS JEWEILS DROHT, wenn man nicht so oder so entscheidet (wie es grade wieder „die Märkte erzwingen“). Und der Bürger könnte auch mal sagen: ok, das nehmen wir in Kauf….

BILDUNG wäre in diesem Szenario kein Politik-Inhalt, der allein dem Ziel dient, „den Standort wettbewerbsfähig zu halten“, sondern ureigenes Interesse der Regierenden und der sie tragenden Parteien.

Sie müssten sich z.B. dazu bequemen, die Inhalte des Regierungshandelns im Detail zu kommunizieren – so, dass es jeder Interessierte versteht. Bzgl. Netzpolitik ist ja durch die Aktivitäten vieler Publisher/Blogger so ziemlich alles auf den Tisch gekommen, was da so an internationalen Verträgen im Schwange ist – aber wie stehts mit der Agrar- und sonstigen Außenwirtschaftspolitik?? Welche Mehrheit der Bevölkerung WILL denn bittschön, dass hierzulande immer mehr Massentierthaltungen entstehen, damit gefrorenes Billigfleisch in Afrika den heimischen Markt kaputt macht?

Genug – ist mir zu lange geraten, sorry! Jedenfalls gibts haufenweise Gründe, eine Mitbestimmungs-Partei wie die PIRATEN zu wählen – auch wenn das „nur“ dazu führt, dass alle mal wieder auf den Boden ihrer Wählerschaften herunter kommen (müssen).

Für den NRW-Wahlkampf werde ich übrigens 15 Euro spenden, wenn 500 andere das auch tun (aktuell fehlen noch 176 Spender/innen).

***

Aktuell: Piraten NRW einstimmig gegen ESM

Warum sind die Piraten so pupulär? Maybrit Illner / Youtube

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Diskussion

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7 Kommentare zu „Piraten sind wie Badeschaum…“.

  1. …Warum dennoch die PIRATEN immer mehr Menschen
    …als Alternative erscheinen, liegt daran, dass
    …dieses “Mitmachen müssen” weder richtig
    …kommuniziert noch sonstwie mit der Bevölkerung
    …abgestimmt wird.

    …Politiker geben ihre eigene Machtlosigkeit eben
    …verdammt ungern zu, da sie es gewohnt sind,
    …als Mr. und Mrs. Wichtig Wohltaten zu verteilen,
    …bzw. als diejenigen angesehen zu werden, die
    …das könnten, wenn sie nur wollten
    …(= die da oben machen ja doch, was sie wollen..).

    so mal ins grobe geschrieben:
    jede/r hier muss „mitmachen“ alles andere ist
    augenwischerei. niemand kann sich nachhaltig der
    hier herrschenden Marktsituation entziehen.
    jeder muss irgend woher flüssige mittel auftreiben
    um die täglichen Bedürfnisse zu befriedigen.

    (das märchen von den vollgestopften Sparstrümpfen
    unterm sofakissen funktioniert nur in der statistik).

    die ist meine grundsituation. dabei wird der tägliche
    beschaffungsdruck immer um eine umdrehung angezogen,
    sprit wird teurer, grundnahrungsmittel, versorgung
    (energie,soziale leistungen,gesundheit,rechts-sicherheit)
    alles ist auf wachsende kosten für jeden einzelnen von uns
    ausgerichtet.

    welche partei oder welches politisch entscheidende forum
    nun in welcher art und weise auch immer versucht
    diesem gegen die persoenliche sicherheit der einzelnen
    gerichteten angriffe aus markt und sonstiger gesellschaft-
    licher einbindung gestalteter „feinde“ linderung auch nur
    wirksam entgegenzuwirken kann, wird und muss an den
    herrschenden Zuständen scheitern, es sei denn sie lügen
    wie gewohnt und scheren sich einen dreck um die tatsächlichen
    zustände.

    hier sind es die lange gewachsenen verflechtungen von
    handel und wandel die untrennbar mit den politischen
    entscheidungsfindern vereint ihre süppchen am köcheln
    halten denen es im grunde völlig egal sein kann
    welche ereignisse und zustände sich aus ihren
    entscheidungen entwickeln, da ihre ureigenste
    persönliche umwelt völlig abgesichert jedem
    unbill gegenübersteht.
    SIE _sind_ die krähen, denen nur krähen ein auge
    aushacken könnten wenn sie es tun würden was aber
    nie geschehen kann.

    was also solls sein?
    ich für mich persoenlich sehe eine chance zur veränderung
    bei den Piraten dergestalt, dass die Entscheidungsfindung
    selbst auf den Prüfstand gestellt wird. JEDE Entscheidung,
    egal ob haushalterisch, oekonomisch, sozial, oder sonstwie
    organisatorisch mit gesellschaftlichen Zuständen verknüpft.
    im grunde also ein fortwährender Prozess der allgeminen
    Meinungs/entscheidungsfindung, jederzeit -von allen-
    nachvollziehbar, kontrollierbar auf nachhaltigen grundkonsens
    innerhalb der gesellschaft ausgerichtet.

    daran muss man sich erst mal gewöhnen, die erkenntnism,dass unsere
    Macher in der Gesellschaft selbst auch nur ihrem umfeld unterworfene
    Menschen sind, jeder mit einem unterschiedlichen
    tellerrand-horiziont versehen mit naturgemäss bedingtem sachverstand
    und neben bei noch mit allen normalen menschlichen schwächen
    ausgestatteten gewebeklumpen im Schädel ugs als ‚Hirn‘ bezeichnet.

    das konzept der öffentlich gemachten Entscheidungsfindung
    ist ein riesen plus das für die piraten spricht, solange
    sie noch unbeleckt von der Erfahrung der bitteren Pille
    „wirklichkeit im Amt“ drauflos-probieren können.

    „gib mir einen punkt in der luft und ich hebe dir
    die Welt aus den angeln“ geht rein theoretisch schon
    leider sieht die praxis dann doch immer anders aus.
    also anfangen, im Detail, im kleinen, bekannten umfeld,
    lokal grundstrukturen offenlegen, analysieren und
    so gut es geht FÜR das Umfeld verbessern.

    als beispiel nur: öffentlicher Nahverkehr:
    durch eine ausanalysierte Bedarfsstruktur
    Nahverkehrsverbundsysteme optimieren, jedem der
    jetzt noch Wege mit KFZ zurücklegen muss, die
    alternative „öffentliches Nahverkehrs-verbundsystem“
    zu einem tatsächlich rein an tatsächlichen
    kosten orientiertem Preis jederzeit verfügbar
    in jede gewünschte richtung (dorf,stadt, umland)
    wäre ein Anfang wobei die Bedarfslage sicher leicht
    öffentlich diskutierbar und die Entscheidungsfindung
    wirksam in der nahen Umgebung der betreffenden orte
    jedem interessierten transparent gemacht werden kann.

    krudes zeug?
    nu ja, aber was sonst sollte mir persoenlich
    eine beteiligung an öffentlicher Meinungsfindung
    bringen, wenn nicht ein grundbedürfnis das zur
    gesellschaftlich unbezahlbaren luxusware geworden ist?

    gruss aus sz i.m.

  2. danke für deine gedanken.

    und, zur info, einfach mal hier gucken und wirken lassen :
    http://einzelfaelle.soup.io/

  3. Danke Ingo! Toller Post – und so gar nicht „nieder-schimpfend“, sondern im Tenor eher verständnisvoll – richtig ungewohnt! :-) Gar kein „krudes Zeug“!

    @trc: eine ziemlich „feindselige“ Zusammenstellung, die an meiner Sicht der Dinge nichts ändert. Würde das Partei- und Sympatisanten-Volk anderer Parteien ähnlich exzessiv und „angstfrei“ alles twittern, was so grade in den Kopf kommt, hätte man auch viel Stoff für so ’ne Hall of Shame!
    Nicht wenige dieser Äußerungen sind auch deutlich als Ironie, Witz und Provokation erkennbar, andere müsste man im Kontext der Gespräche sehen. Und ein paar sind „echt schlimm“- ja, bedauerliche Einzelfälle!

    Mit diversen Themen, die in der Gesellschaft lange auf eine bestimmte Art „abgehakt“ sind, müssen sich junge Piraten auch erstmalig auseinandersetzen – ich bin mir recht sicher, dass sich die wirklich unerträglichen Postiionen da schon noch aussortieren werden.

    Gerade ist das ja wohl auch ziemlich im Gang – immer mehr Piraten und Partei-Aktivisten nehmen den Kampf für die Abgrenzung gegen rechtsaussen zunehmend ernst. Siehe auch

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828729,00.html

  4. trc:
    ,,,einfach mal hier gucken und wirken lassen:

    [Piraten WF-SZ] Fwd: [Nds-vorstaende] Achtung! Wichtig!
    [Piraten WF-SZ] Einladung Vorstandstelko am 19.3.2012
    [Piraten WF-SZ] Fwd: Re: Heute Abend TV ansehen ZDF
    [Piraten WF-SZ] Fwd: Info-Veranstaltung Thema Fracking

    das sind themen die gerade aktuell in der „piraten -mailingliste meiner umgebung“ rundgehen.
    jeder interessierte kann sich in die mailinglisten
    eintragen und live miterleben/lesen was gerade sache ist.
    dazu kommen „stammtische“ wöchentlich.

    besten dank für deinen link, aber sowas brauch ich hier nicht um mich direkt zu informieren.
    ist das deine „best of“ liste,. die du gerne an die blök presse verhökern willst, oder welche absicht verfolgst
    du mit diesem link?

  5. http://wolfenbuettelheute.de/wh-podcast-wie-aus-einem-rentner-politiker-ein-pirat-wurde/

    hier wirds noch zu einer piraten-plattform:)
    sorry claudia,kannst es ja auch wieder löschen
    wenns nicht zum bezug oder sonstwie passen sollte.

    die piraten sind in berlin wohl unter beschuss und
    werden eher auf persönlihcer ebene angemacht, ein umstand
    der sich sicher wieder einrenken wird;
    im offenen land zeigen sich andere alternativen,
    die art der piraten gefällt auch rentnern.
    hier ein beispiel aus meiner umgebung

    gruss im.sz

  6. Merkel sieht Piratenpartei als Gewinn für die Politik…

    Angela Merkel (Archivbild: Bundestag / Thomas Trutschel / photothek.net) Angela Merkel sieht in der Piratenpartei einen Gewinn für die Politik. Ihr Fokus auf Netzthemen mache sie vor allem für junge Menschen attraktiv. Berlin – Bundeskanzlerin An…

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