Claudia am 09. März 2012 —

Kony 2012 – kann „das Internet“ einen Gotteskrieger stoppen?

Ob es wohl jemanden gibt, der von „Kony 2012“ noch nichts mitbekommen hat? Seit Tagen sieht man das Video über die Schandtaten des ugandischen Rebellenführers allüberall. Gestern berichteten dann auch die TV-Nachrichten und die Mainstream-Medien sprangen auf das Thema auf.

„Das Internet jagt einen Massenmörder“ titelt etwa der STERN und nennt auch gleich Kritikpunkte an der weltweit erstaunlich erfolgreichen Kampagne der von zwei Journalisten gegründeten Organisation Invisible Children. Männer wie Joseph Kony würden zu einem Unikum des Bösen stilisiert, während es doch andere gäbe, die ganz ebenso oder gar noch schlimmer agieren. Zudem sei der in Uganda regierende Präsident ebenfalls ein Menschenrechtsverletzer, der durch die Aktionen der Initiative gestützt werde.

Kony soll bis zu 70.000 Kinder entführt, zu Kindersoldaten gemacht und zum Töten (sogar der eigenen Eltern) gezwungen haben. Er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht, ist aber „verschwunden“. Wer das Video anschaut, wird kaum daran zweifeln, dass dieser Kony endlich verhaftet gehört. Und dass Aktivisten in Washington erreicht haben, dass tatsächlich ein paar Soldaten geschickt wurden, die den Kampf gegen die Rebellen unterstützen und Kinder schützen sollen, angeblich ganz ohne irgendwelche sonstigen amerikanischen Interessen: gut – wenns denn wirklich so ist…

Endlich mal wieder Menschheits-Pathos!

Aber warum ist nun das Video, dass schon gleich zu Beginn sage und schreibe „27 Minuten Aufmerksamkeit“ fordert, so irrsinnig erfolgreich? Schließlich kann man auf Youtube jede Menge Videos zu fast allen Formen menschlicher Schandtaten finden, die keine Massenbewegtheiten auslösen. „Ein mitreißendes bis rührseliges Stück Hollywood“ nennt es der Stern – in typisch europäischer Manier des Herummäkelns an allem, was die Gefühle anspricht. (Kritik mittels Hintergrundinfos finde ich ok und angesagt, aber nicht schon allein deshalb, weil etwas „anrührt“).

Und ja, das Video ist voller PATHOS. Es beschwört die per Internet vernetzte Menschheit („Heute sind mehr Menschen auf Facebook als vor 200 Jahren auf dem Planeten). Wir können einander nun als Individuen wahrnehmen und erkennen, dass wir die gleichen urmenschlichen Interessen haben, die verdammt nochmal nicht von irgendwelchen Potentaten in den Dreck getreten werden dürfen: Freiheit, körperliche Unversehrtheit, Recht auf Bildung.

Das Video ist ein aufrüttelnder Appell, nicht länger schulterzuckend hinzunehmen, was so an Widerlichkeiten auf der Welt passiert. Es schürt die Hoffnung, dass wir – wenn nur GENUG sich beteiligen – die Dinge auch verändern können. Und nutzt dafür einen krassen Einzelfall, eben diesen Massenmörder Kony. Ja wie sollte es denn ANDERS gehen?

Und wie?

Ja, da bin ich auch gespannt! 100 amerikanische Soldaten seien nun „auf Wunsch der Initiative“ dort, die sich, wie das Video berichtet, um den Schutz mancher Dörfer vor Überfällen der Rebellen kümmern. Vier internationale Haftbefehle gegen Kony soll es geben – wird „die Netzgemeinde“ evtl. eine Söldnertruppe bezahlen, die ihn suchen und verhaften soll? Oder eine Belohnung auf seine Ergreifung und Auslieferung aussetzen (womöglich „tot oder lebendig“)? Sollen Regierungen oder internationale Institutionen motiviert werden, Kampftruppen zu schicken?

Im Moment haben wir eine Welt, in der Staaten kriegerische Auseinandersetzungen allenfalls im Sinne ihrer wirtschaftlichen und „Sicherheits“-Interessen führen. Ist denn eine Welt vorstellbar, in der „die Bevölkerung“ per Internet verlautbart, wann und wo ein Eingreifen zur Durchsetzung der Menschenrechte angesagt ist – und das dann auch passiert? Ist das tatsächlich wünschbar?

„Kony 2012“ wirft viele Fragen auf – mir fallen im Moment noch keine Antworten ein. Euch?

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Und hier mehr dazu, vor allem Kritisches:

Kony 2012 oder die erste Online-Treibjagd auf einen Verbrecher
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KONY 2012: Mit Social Media gegen den Völkermörder?;

Stellungnahme Invisible Children an der Kritik aus dem Netz;

KONY 2012 versus Critical Whiteness;

Soll ich Geld an Kony 2012 spenden oder nicht?
„Wäre es nicht besser, aufzuhören zu kritisieren. Sollten wir nicht lieber anfangen, den Kindern zu helfen? Oder ist es diese Art von blindem Einmischungszwang, der Länder wie Afghanistan in sehr, sehr lange Kriege führt?
Ich hab echt keine Ahnung. Sorry, Leute.“
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Diskussion

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6 Kommentare zu „Kony 2012 – kann „das Internet“ einen Gotteskrieger stoppen?“.

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Du drückst die ganze Zerissenheit und Widersprüchlichkeit aus, die mich bezüglich dieses Phänomens befällt. Ich musste mich fragen, ob ich nicht schon unheilbar zynisch werde. Aber jetzt habe ich wenigstens das Gefühl, nicht allein zu sein.
    Ich glaube bei mir funktioniert das so: Als ich das gesehen hatte, hatte ich sofort das dringende Bedürfnis, meine Stadt mit Kony 2012 Plakaten zu pflastern. Nur bin ich das nicht. Ich bin manipuliert worden. Das mag ich nicht. Also suche ich nach dem Haar in der Suppe. Ich habe aber bisher nichts wirklich verdammungswürdiges an den Invisible Children gefunden. Mir bleibt erst mal Achtung vor den Motiven dieser Gruppe, Neid und Bewunderung für deren grandiose Öffentlichkeitsarbeit, Hoffnung auf eine Welt, in der die Überzeugung, das Richtige zu tun, tatsächlich etwas zählt.
    Nebenbei, das ist auch kein starkes Argument, aber die Idee, dass amerikanische Militärs, afrikanische Militärs ausbilden, wofür auch immer … also bisher ist das noch immer schief gegangen. Aber bisher gab es auch nie lautere Motive. Also, wenn mir mal schnell wer sagen könnte, was ich jetzt denken soll … :-)

  2. Danke, Schrotie! Ich dachte schon, die Kommentarfunktion sei kaputt – bei der Bekanntheit des Themas hat mich echt gewundert, dass hier keiner was sagt!

    Und ja, ähnlich gings mir auch – und doch hab ich immer noch ein eher positives Gefühl zu der Initiative.

  3. Oh, das habe ich auch. Gerade darum beschäftigen mich meine Bedenken so sehr und nehmen hier einen größeren Raum ein.

  4. Ich danke dir von ganzem Herzen für diesen Artikel. Und wie recht du hast. Die Hintergrundinformationen zu kritisieren, ist völlig in Ordnung. Aber die Sache als sentimental oder unglaubwürdig hinzustellen, nur weil es neben den Informationen eben auch Emotionen gibt, halte ich wie du vor allem für eine europäische „Krankheit“. Natürlich müssen wir vorsichtig sein, um den Bogen der Massenmacht nicht zu überspannen. Und ja, es gibt sehr viele bösartige Menschen, aber irgendwo muss man ja anfangen. Irgendwie.

  5. hm. ich gehöre zu denen, die davon tatsächlich nichts mitbekommen haben und frage mich gerade, wie ich das geschafft habe, weil ich die letzten tage sowohl fb, twitter als auch TV laufen hatte…

  6. In TP gibt es einen guten kritischen Artikel zu Kony 2012 (dessen Einschätzungen ich nicht alle teile):
    http://www.heise.de/tp/artikel/36/36567/1.html