Claudia am 01. Januar 2012 — 12 Kommentare

Kein ordentlicher Jahreswechsel-Text

Keine zusammenfassende und bewertende Rückschau, keine Wunschliste 2012, nicht mal die üblichen Weihnachts- und Neujahrsgrüße mit Postkartenmotiv – verdammt, was ist nur mit mir los?

Fast neidisch lese ich beeindruckende Jahreswechselreden z.B. von Thinkabout oder TheIntelligence, doch wollen sich meine Gedanken einfach nicht zu einem entsprechenden Posting verdichten. Der vorherrschende Eindruck ist Unübersichtlichkeit, ein Gefühl des Unvermögens. Ich quelle oft über vor Ideen und Schreibvorhaben, doch hapert es dann an der Umsetzung. Allzu schnell kommen die Gedanken vom Hölzchen aufs Stöckchen, alles ist ja „irgendwie“ mit allem verbunden. Die gebotene Kürze eines Blogbeitrags war sowieso niemals ausreichend, einem Thema wirklich gerecht zu werden, und sie wird immer kürzer, denn wer will schon noch lange Texte lesen?

Im bald 13. Jahr des Digital Diarys stellt sich erneut die Sinnfrage: Blogs, die nicht zu themenzentrierten Medien werden, passen nicht mehr so richtig in die Zeit. Ein „Gemischtwarenladen“ ist nicht das, was Suchmaschinen mögen und so hat auch dieses Blog in 2011 Leser verloren. Dafür hab‘ ich die Ende 2010 gestarteten Themenblogs unverbissen-vegetarisch und Kunst des Alterns weiter auf- und ausgebaut – von „professionell betrieben“ sind sie dennoch weit entfernt. Diese Themen machen eben nur einen kleinen Teil MEINES Lebens aus. Mich allein zum Zweck möglichen Geldverdienens mehr als diesem Anteil entsprechend auf sie zu konzentrieren, gelingt mir nicht. Weil ich es nicht wirklich will, solange ich nicht muss.

Ein Teil von mir verweigert sich so immer schon der Kommerzialisierung in Gestalt 100%iger Professionalisierung. Gerne arbeite ich an Problemlösungen mit, doch beginne ich zu leiden, wenn das konkrete Tun nurmehr aus Pflicht geschieht, gar allein des Geldes bzw. der möglicherweise zu erringenden „Sicherheit“ wegen. In der Einzelbetrachtung erscheint das – bzw. dass ich dieses Leiden weitgehend vermeide – als Nachteil. In der Gesamtschau ist es vielleicht gerade das, was mich davor schützt, mich selbst als auch das große Ganze (wieder mal) komplett zu vergessen.

So starte ich das neue Jahr in einem gewissen Frieden mit meinem SoSein. Gar nicht zufrieden bin ich jedoch mit dem Zustand der Welt, mit den sich zuspitzenden Mega-Problemen und der bisherigen Art, wie wir alle damit umgehen. „Das System“ geht sichtbarlich an seinen eigenen Widersprüchen zu Grunde, doch befinden wir uns uns in der blöden Lage, eine mehrheitlich wünschbare, konkrete (!) Alternative noch nicht einmal denken zu können. Als Bürger eines Noch-Nutznießer-Staats haben wir zudem viel zu verlieren, es drohen Vermögens- und Einkommensverluste, aber auch der Abbau von Sozialleistungen. Globale Fortschritte in Richtung einer gerechteren Verteilung würden uns schmerzlich treffen, es wundert also nicht, wenn der wahre Neujahrswunsch vieler lautet: es soll möglichst alles so bleiben, wie es ist!

Denn auch nolens volens sind wir Teil des Systems, indem wir fast alle Bereiche des Lebens dem Markt überlassen haben. Wir kooperieren nicht mehr für unser Glück, sondern konkurrieren mittels immer mehr Waren und Dienstleistungen um die „bessere Lösung“ bzw. den nächsten Kauf-Klick. Ein „System“, das in einer Welt unbegrenzter Ressourcen und unendlicher Siedlungsgebiete materiell vielleicht „ewig“ funktionieren könnte – auf unserem, von Jahr zu Jahr immer kleiner erscheinenden, schon weidlich ausgenommenen und verschmutzten Planeten ist es allerdings hochgradig absurd.

Dass darüber im „Krisendiskurs“ nicht mal geredet wird, zeigt allein schon, wie weit entfernt wir von einer anderen Idee sind. Wie „frei“ dürfen Märkte noch sein, wenn man das „Raumschiff Erde“ wirklich als solches begreift?

2012 – das Jahr, in dem die Welt doch nicht unter geht, beginnt. Hoffnung machen die massiv erweiterten Möglichkeiten der vielen, mit den vielen ins Gespräch zu kommen. Direktere Demokratie, Transparenz und Teilhabe: die „piratischen“ Forderungen sind einerseits „alter Wein in neuen Schläuchen“, andrerseits ist das Potenzial des Netzes, bzw. der „neuen Schläuche“ tatsächlich gigantisch!

Bevor ich nun wieder ausufere, mach‘ ich hier lieber Schluss:

Auf ein spannendes 2012! Möge die Macht mit uns sein! :-)

Diskussion

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12 Kommentare zu „Kein ordentlicher Jahreswechsel-Text“.

  1. Zum Thema Bloggen: ich bleibe mit der Sammelmappe auch beim Gemischtwarenladen, denn der gefällt mir, passt zu mir und wer weiß, was die Suchmaschinen übermorgen bevorzugen.

    Zum Thema 2012 und wie es weiter geht: es ist schon alles ziemlich wackelig geworden und wenn man sich um sieht, wie andere Systeme zusammengebrochen sind, dann kann es sein, dass unser System ziemlich nahe daran ist. Allerdings sind wir schon so oft vorbei geschrammt, so dass wir alle die Hoffnung bzw. Die Angst haben, es wird auch dieses Mal wieder nichts. Es wird spannend bleiben und nur eins ist gewiss: unser Planet wird ächzen und stöhnen unter uns.

  2. „… nur eins ist gewiss: unser Planet wird ächzen und stöhnen unter uns.“

    Soso, eine Gewissheit. Hat der Planet Dir das erzählt?

  3. Ich glaube nicht, dass Suchmaschinen einen das Ranking beeinflussenden Algorithmus benutzen, der erkennt, ob alle Seiten eines Site der gleichen Kategorie zugeordnet werden können. Bedeutender ist, wo und wie die Suchbegriffe innerhalb einzelner Artikel stehen. Wonach sollte jemand deiner Meinung nach suchen, damit er beispielsweise diesen Artikel liest und wie unterscheidet er sich von Artikeln auf anderen Sites, die die gleichen Suchbegriffe enthalten? Wie gut/ausführlich behandelt dieser Artikel die Suchbegriffe?

    Ich kümmere mich nicht um Suchmaschinenoptimierung, da ich der Überzeugung bin, dass es nichts bringt, falls die Suche eine Seite präsentiert, die nicht nützlich ist für den Suchenden, er wird sie dann nicht lesen. Meine Erfahrungen sind: Wann immer Google mir Seiten, die ich schrieb, als erste Treffer anzeigte oder zumindest unter den ersten zehn, traf eines zu: Sie behandelten das Thema in überdurchschnittlicher Tiefe. Seit mehr als 10 Jahren erfahre ich: Gute Qualität führt eher zu hohem Ranking, die Suchbegriffe werden darin automatisch „suchmaschinenoptimiert“, sie erscheinen häufiger, sind semantisch passend in Heading-, em-, strong-Tags, der Suchbegriff/das Thema kann Bestandteil des URLs sein etc. Was den Suchenden/Lesern nutzt, fördert auch implizit das Ranking.

    Würdest du deine Artikel oberflächlich und sehr kurz schreiben, wären sie im Ranking eher niedriger als höher. Günstiger ist, nicht zahlreiche Themen in einem Artikel zu behandeln, sondern ein Thema ausführlich in einem Artikel, andere Themen in weiteren Artikeln. In der Regel ist das auch für die Leser günstiger, zumindest für jene, die sich nur für ein bestimmtes Thema interessieren.

    Was den philosophischen Teil deines Artikels anbelangt, ließen sich Bücher schreiben, indes ändern zum Besseren wird sich wenig oder nichts. Sinngemäß zitiere ich, was sicher tausende zitierten und jemand sagte, dessen Name mir zu so später Stunde nicht einfällt: Wir sollten nicht versuchen, die Welt zu verbessern, das können wir nicht. Wir sollten uns verbessern (das könnten wir).

  4. Wir „besitzen“ einen Planeten?
    ich sehe das etwas anders:

    „wir“ haben den Planeten ERDE benannt und rennen mehr oder weniger ziellos darauf herum, aus Sicht des Planetens ist es
    wohl eher so, dass die Belastungsprobleme die „wir“ verursachen nix weiter als biologisch abbaubare ereignisse sind.

    Früher oder später werden die Naturprozesse immer schön im Ursache-Wirkungs-Prinzip zwangsläufig agieren, völlig unbeeindruckt von „menschgedachten“ Selbstheilungs-Motiven.

    „wir“ sind für den Planeten Erde eher eine art Virus, eine Krankheit, die sich entweder an die Möglichkeiten der Umweltbedingungen anpasst oder ausstirbt.

    dem Planeten wirds egal sein. „Umweltbewusstsein“ ist ein
    menschgemachter Begriff, „Klimaschutz“, „Ressourcen-Schutz“ ebenso wie alle anderen Umstände die von den „wirs“ der Menschen dem Planeten angedichtet werden. „Wir“ sind es,
    die verantwortugslos mit unserem Besuchsrecht umgehen,
    nicht „unser“ gastgeber Planet ERDE, der schon wesentlich mehr Belastungen ausgesessen hat:)

  5. zum Thema Suchmaschine:

    ich betreibe betreffs des DigitalDiary keine explizite Suchmaschinenoptimierung, denn dieses Blog wäre dann nicht mehr das, was es für mich ist: eine Plattform, auf der ich mich frei äußere, gerade so, wie es mir zumute ist und über Gegenstände, die mich bewegen.

    Klar würde der Artikel besser gefunden, wenn da „prägnante Begriffe“ im Titel wären und vieles andere mehr stärker berücksichtigt würde. Ich mache „SEO“ für Kunden und in Maßen auch für meine Themenblogs, hier aber lass ichs laufen, wie es kommt. Dass Mischthemenseiten dieses Jahr durchs sogenannte „Panda-Update“ verloren haben, ist Fakt und wurde von Google auch bestätigt. Und durchaus auch solche mit langen, ein Thema intensiv behandelnden Artikeln, siehe etwa den Fall Crazy Girl. Weiteres Beispiel: Alter Falter.

    Es spielen aber auch andere Faktoren mit, zuvorderst der Boom der sozialen Netzwerke, die eine Menge Lese- und Kommentar-Aktivitäten von Blogs abgezogen haben. Wundert ja nicht, schließlich ist die Lebenszeit der Leute doch begrenzt! :-)

    Ein kleiner Vorteil meiner SuMa-Ignoranz hier ist immerhin die Tatsache, dass nur 50% der Leser von Suchmaschinen kommen, der Rest über Links.

    Was nun die Erde angeht: sie ist auf jeden Fall begrenzt und wie wir mit all ihren für uns (!) so wichtigen Ressourcen umgehen, ist schreiende Unvernunft! Grade wurde in den Nachrichten bejubelt, dass 2011 soviel eingekauft wurde wie lange nicht – na toll, das stärkt den Binnenmarkt, der Euro rollt, das „Wachstum“ scheint gesichert – als wäre das alles komplett unproblematisch. Peek Oil soll angeblich hinter uns liegen, aber habt Ihr schon irgendwo bemerkt, dass mit Kunststoffen sparsam umgegangen wird? Die Meere sind voller Plastikpartikel und trotzdem werden Tüten raus gehauen, was das Zeug hält – Hauptsache, der Kunde hats bequem!

    Hach, was empöre ich mich, ist ja doch für die Katz!

  6. …das Meer voller Plastikartikel…gerade aus Gomera zurückgekehrt, kann ich diese Realität nur bestätigen: Als wir eine whalewatching-Tour abschlossen, berichtete die Mitarbeiterin freudig, daß sie tags zuvor eine völlig in Plastik verhedderte Schildkröte befreit hatten.
    Ein einzelner Triumph!
    Es soll ja ganze Meeresgebiete geben, so Wolf Schneider in seinem Buch „Karriere Mensch“, in denen Plastik nur so rumschwimmt.

  7. http://www.youtube.com/watch?v=jRlQEhz7feQ

    nur eines von vielen videos
    dieser plastikmüll ist lange nicht so harmlos
    wie sich das hier in euren aeusserungen anhört
    sorry

  8. Unnu?
    Hab noch nie ein Plastik ins Meer oder sonstwo hin geworfen.
    Kaufe nie eine Tüte.
    Bringe Verpackungen zum Wertstoffhof.
    Was soll ich noch tun? Mich mit Euch gemeinsam ein wenig entrüsten? Wie wär´s mit einem Kreuzzug? Tod den Plastikgläubigen!

  9. …Bringe Verpackungen zum Wertstoffhof.
    —Was soll ich noch tun? Mich mit Euch
    …gemeinsam ein wenig entrüsten?
    —Wie wär´s mit einem Kreuzzug?
    …Tod den Plastikgläubigen!

    na na na na i bins ned
    habs heit und geschtern
    bschdimmt ne gmocht
    na i bins ned

    gemeinsame entrüstung?
    wozu? um anderen das
    gefühl zu vermitteln: es wird
    was getan vom TEAM?
    toll ein anderer machts
    ein weiteres mal öffentlichkeit
    schaffen, Focus auf: Nieder Mit!
    die welt ist voll von dem geschrei
    nach weg damit und nieder mit.

    kann ja sein, dass hier eine/r
    mal reinliest dem DIE lösung
    zu diesem Problem wie schuppen
    aus den augen fällt, nur desswegen
    WEIL er/sie mit diesem Dreck
    zum richtigen Zeitpunkt am richtigen
    Ort konfrontiert wurde?

    hast ja recht, goethes apfelbaumplantage
    ist nicht mehr zeitgemäss:)
    die Kreuzzüge haben sich auch nicht grade
    als effktiv entpuppt, ein schlag ins
    wasser im wahrsten sinn des wortes.

    kann ja sein, dass „wir“ eines tages
    froh über diese Plastikberge in den Weltmeeren
    sind; dann, wenn die Ölfelder versiegt
    Recycling nachhaltiger als brunnenvergiften
    und unser aller leben langsamer geworden ist?

    ich finds nur gut, genau zu wissen
    womit wir leben, wozu wir unseren verbrauch
    gebrauchen, warum wir sind wie wir sind.
    manchmal hilft einem persoenlich in
    den kleinsten alltagsangelegenheiten
    genau dieses wissen um die „globalen“
    zusammenhänge eine nachhaltige entscheidung
    zu treffen.

  10. Ich halte mehrere Szenarien für denkbar. Vielleicht schüttelt sich die Erde nach der „Erfahrung“ Mensch kurz und geht dann befreit zum Tagesgeschäft einer a-humanen Evolution über.

    Den Menschen halte ich allerdings auch für fähig, unabhängig von der Natur zu existieren. Inzwischen werden die ersten Lebensmittel ex nihil gezüchtet. Da wir die Zukunft nicht voraussehen können, ängstigt uns verständlicherweise unsere momentane Situation, weil sie ausweglos erscheint. Trotzdem wäre es möglich, daß die Wissenschaft für uns noch unvorstellbare Alternativen entwirft.

  11. @Markus: NICHTS wird „ex nihil“ gezüchtet, nicht vom Menschen jedenfalls. Jegliche Produktion braucht Ressourcen und Energie. Wir sind mittels unseres Körpers und Stoffwechsels so sehr Teil der Natur, dass wir keine Sekunde ohne sie leben könnten.
    Wundert mich, dass jemand heute noch dermaßen Technik-gläubig sein kann, tatsächlich anzunehmen, Mensch könnte sich am eigenen Schopf aus der Natur heraus ziehen!

  12. […] was ich letztes Jahr um diese Zeit gebloggt hatte und fand die Lektüre erschreckend. Denn “Kein ordentlicher Jahreswechsel-Text” hätte WORT FÜR WORT auch dieses Jahr gepasst – nur das optimistische Ende […]

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