Claudia am 10. November 2011 — 19 Kommentare

Wenn der Bus nicht kommt – Gedanken zur Krise

Deutsche „shoppen die Krise einfach weg“, melden die Mainstream-Medien. Nie zuvor wurde soviel eingekauft wie 2011, ganze 413 Milliarden wird der Einzelhandel dieses Jahr umgesetzt haben – ein Rekord.

Angeblich liegt das an der „stabilen Lage am Arbeitsmarkt“ und (ja wirklich!) der „guten Entwicklung der Einkommen“. Wenn aber die Stimmung kippe und die Bürger „negative Einkommenserwartungen“ hätten, sei es schnell aus mit der Ausgabenfreude.

Ich frag mich, ob es tatsächlich möglich ist, dass sich so viele Menschen von den Nachrichten der letzten Monate kein bisschen irritieren lassen? Oder kaufen viele jetzt noch mal so richtig ein, weil sie fürchten, dass es bald nichts mehr zu kaufen gibt?

Vom Sturz in die gemeinsame Wirklichkeit

Jeden Tag schau‘ ich in viele verschiedene Welten, die alle unterschiedliche Wichtigkeiten pflegen – noch. Es ist noch so wie an der Bushaltestelle, solange alle glauben, der Bus käme pünktlich. Die einen telefonieren, andere gucken in eine Zeitung, wühlen in der Handtasche oder schauen in Gedanken versunken vor sich hin – keiner bemerkt den Anderen. Klar, was hätte man auch miteinander zu tun?

Kommt der Bus dann nicht, ändert sich alsbald das Verhalten: man spricht miteinander, schimpft über die Verspätung, über die Betreiber und die allgemeine Schlampigkeit. Man erzählt von anderen Verspätungen und spekuliert über die Dauer der Wartezeit, alles noch ganz gemütlich. Kommt nun aber weder der erwartete noch der nächste Bus, werden alle richtig nervös. Jetzt ist man persönlich betroffen und muss sich fragen: wie komme ich weiter? Auf einmal gibt es nur noch ein Thema, eine einzige Wichtigkeit. Alle sind für den Moment in derselben Welt, in einer gemeinsamen Wirklichkeit gestrandet: Der Bus kommt nicht! Und jetzt?

Gestern hat Italien die Schwelle überschritten, ab der laut herrschender Meinung einem Staat die eigene „Refinanzierung“ unmöglich wird: Über 7% stieg die Rendite italienischer Staatsanleihen – trotz Stützungskäufen der EZB (für die wir übrigens anteilig haften). Mit 2000 Millarden Staatsschulden gilt Italien zudem als „unrettbar“. Der „Rettungsschirm“ ist dafür viel zu klein, da hilft auch alles hebeln und nach dem Gold der Staaten greifen nichts.

Die Bankenkrise wurde zur Schulden- und Staatenkrise, wie es viele voraus gesagt haben. Wer meint, auf die Banken könne man doch pfeiffen, ihnen geschehe ja nur recht, wenn sie pleite gehen, verweigert den realistischen Blick auf die Lage: Wenn Staatsanleihen der Südschiene nicht mehr genommen und die vorhandenen mittels „Haircuts“ entwertet werden, bricht die gesamte Staatsfinanzierung zusammen – mit massiven Folgen für alles, was da dran hängt: soziales Netz, Gehälter, Arbeitsplätze und vieles mehr. Aber auch die Wirtschaft wäre massiv betroffen, denn an Unternehmen geben die Banken erst recht keine Kredite mehr aus, wenn ihnen die Verstaatlichung oder der Untergang droht.

Böse Märkte?

Das alles passiert in großer Geschwindigkeit und wird gern mit den Worten beschrieben, die Politik sei „getrieben von den Märkten“. Böse Märkte, das! Aber wer von uns würde denn selber noch Geld auf ein Spar- oder Festgeldkonto legen, wohl wissend, dass Andere, die dasselbe taten, gerade einen „freiwilligen Verzicht“ auf 20 oder 50 Prozent leisten mussten? Hier gehts eben nicht um „Spekulation gegen den Euro“, sondern um ganz natürliches Verhalten sämtlicher Anleger bis hin zum Kleinsparer. Selbst mein Vater, ein kleiner Angestellter im öffentlichen Dienst, hatte „festverzinsliche Wertpapiere“ und empfahl sie mir ungefragt noch auf dem Sterbebett als einzig akzeptable, weil „sichere“ Anlageform.

Was wird?

Ich möchte nicht in der Haut der Politiker stecken, von denen nun erwartet wird, dass sie – irgendwie – den Tiger reiten und die „Todesspirale“ der Vertrauensverluste stoppen. Was, wenn es nicht gelingt? Oben schon zitierter FOCUS ist ja nun kein Extremistenblatt, doch selbst da erscheinen in diesen Tagen Artikel wie „Die nächste Währungs-Reform kommt“.

Zerbrechen des Euro, ein „Nord-Euro“, zurück zur D-Mark, weltweite Rezession, ein „Total-Crash des Finanzsystems“, Hyperinflation – die noch schrecklicheren Erwartungen jener, die sich auf ein Leben im persönlichen Bunker vorbereiten, ausgestattet mit Krisenvorsorge-Waren bis unter die Decke, lasse ich jetzt mal aus Stimmungsgründen aus.

Dann wieder ein Blick in die „vielerlei Welten“: Wer künftig „Wetten das?“ moderiert, ist seit Tagen Top-Thema im Mainstream, die Netz-Affinen feiern die neuen Unternehmens- und Künstler-Seiten auf GooglePlus und fordern von den Piraten, dass sie – immerhin schon ein paar Tage in einem Landesparlament! – in Sachen Urheberrecht nun auch liefern. Die Koalition gönnt der FDP eine unsinnige Mini-Steuersenkung und der CSU ihre „Herdprämie“. Kann es da wirklich so schlimm stehen?

Noch glaubt man eben, dass der nächste Bus dann doch kommen wird.
Und ich hoffe mit, dass das klappt.

***
Lesenswert: Veränderungen (Kaffee bei mir)

Sehenswert: Dirk Müller spricht Klartext (WDR/Youtube) – mit einem recht positiv klingenden Ausblick auf den „Reset“.

Diskussion

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19 Kommentare zu „Wenn der Bus nicht kommt – Gedanken zur Krise“.

  1. Das die Umsätze im Einzelhandel steigen ist ein Symbol für die Krise. Die Menschen glauben nicht an eine Besserung und beschaffen sich zu den aktuell vermutlich noch günstigen Kursen das, was sie eh brauchen.

  2. Ach, es ist eine bunte Mischung. Erst einmal ändert sich an der Zukunft ja doch sehr wenig, ob ich heute mir noch etwas neues im Elektrofachhandel nebenan kaufe oder nicht. Anderseits sogar: wenn doch mal noch Geld da ist… dann lieber erst recht heute kaufen?

    Ausserdem mag alles bald ganz ganz schlimm enden. Anderseits haben wir derer verschiedenen Schluß-mit-Lustig Weissagungen nun sehr oft gehört, eigentlich seit ich denken kann. Aber so richtig kommt das Ende nie so in Gang, da stumpft man eben etwas ab in seiner Aufgeregtheit.

    Und dann habe ich mir es abgewöhnt, mir meine nichtigen kleinen Alltagssorgen und Mainstreamgedanken von den sicher auch in der Tat wichtigen Themen madig und minderwertiger machen zu lassen. Ich kann um den Euro bangen oder um meine Grundversorgungszukunft UND überlegen, wer „Wetten Das“ übernimmt. (Wobei letzteres jetzt persönlich wirklich nur ein Beispiel ist, mich interessieren andere banale Themen mehr.)

  3. @Cräcker: na klar geht das. Mach ich auch, machen wir alle – so lange eben der Bus noch kommt, bzw. wir aus Gründen (z.B.: bisher ist er immer gekommen!) noch darauf hoffen.

    Das hier ist mehr ein Stimmungsbild, keinesfalls ein Versuch, jemandem seine angenehmeren Themen madig zu machen.

    Ich hoffe wirklich, es wird nicht alles mal so krass, dass wir tatsächlich nur noch das „eine Thema“ in 1000 Gestalten haben!

  4. Macht uns das Internet jetzt zu mündigen Bürgern, @Claudia, oder entmündigt es uns? Was meinst du?

    Noch vor wenigen Tagen las ich in einem an sich seriös eingestuften Blatt, Italien ist nicht mit Griechenland vergleichbar, weil Industrie, BSP, Wirtschaftskraft und, und, und.. auf einem recht guten und hohen Niveau sei, mit viel weltmarktführender Industrie…

    Beiträge, Ansichten, Diskussionen von allen Seiten und immer weiß man, es ist nur ein Teil der Wahrheit, die zu uns rüber kommt. Dann jetzt noch der überall breitgetretene Artikel zur Falscheinschätzung der Bundesregierung der Eurokrise aus Wiki, schon über ein Jahr alt.

    Bei all den als „Fakten“ eingepackten Einschätzungen der „Fachwelt“, die einen zu erschlagen drohen wenn man sich nicht schnell genug wegduckt, frage ich mich immer öfter nur noch:
    „Was für ein Interesse steht hinter diesem oder jenem Beitrag?“

    Ich versuche mich durch dieses Interessengemenge zu einem kleinen Stückchen Realität durchzuwurschteln.

    Wenn mit dem Internet ein Medium zur Informationsverbreitung gefunden wurde, so fehlt uns jetzt, wie ich es einmal auf SONNOS blog gelesen habe,ein Instrument, das zur Informationssammlung, verdichtung, verarbeitung führt.

    Es fällt mir persönlich immer schwerer, noch einen adäquat umfassenden Standpunkt zu finden, der mir einen gefühlt guten Standort erlaubt, aus dem ich mir meine Meinung bilden und vertreten kann.

    Ob der Bus nun kommt, oder nicht…. mittlerweile geht auch mir das fast am Ar…. vorbei. Doch trotz dieser ersten Resignation denke ich oft darüber nach, was müsste anders sein, damit es besser wird – leider selten oft erfolgreich, was mir zeigt, wie schnell ich in dieser Komplexität meine Grenzen erreiche.

    Danke, für deinen sehr nachdenkenswerten Beitrag.

  5. Ich hab das vor geraumer Zeit mal weitergedacht, eine Weile, bevor es Händis gab: Ist jemandem mal aufgefallen, dass niemand etwas tut, wenn der Bus nicht kommt? Alle regen sich auf, und sicher ist miteinander Reden ein guter Anfang – allerdings bringt er nichts.

    Der entscheidende Schritt ist, dass jemand die Verkehrsbetriebe anruft, den Ausfall bemängelt und Abhilfe fordert.

    (Hat mir ein paar Mal Gutscheine der örtlichen Verkehrsbetriebe eingetragen. Aber das ist wohl eher nicht der Punkt.)

  6. @Menachem: Das zentrale Moment ist aus meiner Sicht derzeit die Staatsverschuldung, bzw. der „Vertrauensverlust“ der Gläubiger (sollte sich das auch wieder binnen Wochen ändern, würde ich mich SEHR wundern!).

    Wir sind uns ja normalerweise nicht des stets rollenden Rads der erforderlichen „Refinanzierungen“ bewusst. Die Kritik an der Staatsverschuldung bezog sich immer auf die Gesamthöhe und den Zinsanteil – und verschwendete kaum einen Gedanken ans „laufende Geschäft“ (und dessen ERFORDERNISSE.) Das eben nur läuft, wenn genug Anleger an Staatsanleihen glauben..

    Wenn du schreibst:

    „Beiträge, Ansichten, Diskussionen von allen Seiten und immer weiß man, es ist nur ein Teil der Wahrheit, die zu uns rüber kommt.“

    dann erscheint mir für die Abläufe eher zu gelten, dass die tägliche „Wahrheit“ in der Kommunikation der vielen (=Märkte und Gespräche) erst entsteht.

    Wenn – aufgestört durch das griechische Drama – dann auch die anderen „Kandidaten“ mal genauer angeschaut werden, dann zeigen sich halt im Fall Italien allerlei besorgnis erregende Missstände. Die es zwar lange schon gab, aber da war man ja auchnoch nicht besorgt…

    so in etwa. Du fragst dich, mit welchen Interessen die jeweiligen Akteure unterwegs sind. Das ist immer eine gute Info, doch gibts da auch jede Menge Meinungen/Unterstellungen/Projektionen aus allen Richtungen.

    Vor allem kann ich ihre Aktionen nicht bewerten, wenn ich nicht selbst eine Vorstellung davon habe, wie es „richtig“ wäre. Und angesichts des vielfach verflochtenen Krisengeschehens ist das nicht grade leicht – oder ist dir schon etwas eingefallen, was die „Todesspirale“ stoppen könnte?

    Ich spotte nicht, meine eigene Ratlosigkeit geht mir auf die Nerven!

    @vera: um im Bilde zu bleiben: bei wem sollten wir denn aus deiner Sicht anrufen – und WAS verlangen?

  7. Ich habe selber sehr viel Geld in den letzten zwei Jahren verloren, das ich in Aktien investiert hatte und mir dabei viele Gedanken gemacht über Derivate und Derivate von Derivaten. Dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass das Gerede von der Vernichtung von Vermögen ein Unsinn ist, denn irgendjemand hat immer seine Schäfchens ins Trockene gebracht – Spekulanten, Hedge-Fonds, Banken … Bei diesem System hat immer der Vorletzte, der vor dem Kurssturz gerade noch verkauft hat, sein Kapital gerettet. Da Staaten in der Regel sehr träge sind und nicht im Bereich von Millisekunden Traden können – also mit dem Geld ihrer Steuerzahler spekulieren können -, sind sie immer die Dummen, sie und ihre Staatsbürger. Es gibt hier Ketten von Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten, die auch von Experten nicht mehr zu durchschauen sind. Man sagt dann, dass die Psychologie die Märkte regiert. Das ist nur bedingt richtig: verlieren werden immer die, die Angst haben, gewinnen die, die einfach warten. Es gibt riesige Geldmengen, die darauf warten, wieder investiert zu werden, nur keiner weiß wann das sein wird. Möglicherweise zu Weihnachten, denn da kann man sich was von Christkind wünschen …

  8. Selbst das „warten können“ muss man sich leisten können, meine ich, Werner. Und darin liegt auch vielleicht des Volksmunds Wahrheit: Geld zu Geld.

  9. Jaja, die um den Globus zirkulierenden irrsinnigen Geldmengen die etwas suchen …

    Ich glaube, ich muß mal wieder in den Wald brüllen.

    Folgendes stand heute auf den Hinweisen der Nachdenkseiten.de:

    Ein Land steht vor dem wirtschaftlichen und politischen Abgrund. Der Staat steht vor dem Bankrott und die Regierung spart drakonisch: Sie kürzt heftig bei den öffentlichen Bediensteten und erhöht kräftig die Steuern; die Wirtschaft schrumpft dramatisch, und die Arbeitslosigkeit steigt; in den Städten kommt es zu Massendemonstrationen und zu Straßenschlachten; die Banken stehen vor dem Kollaps, weil die internationalen Kapitalgeber ihr Geld aus dem Land abziehen; Banken müssen mit öffentlichen Mitteln vor dem Zusammenbruch gerettet werden.

    Griechenland 2011? Nein, Deutschland 1931.

    Last but not least: die „13“ als Spam-Schutz: :-/

  10. Liebe Claudia,

    danke für deine Einladung zum Kommentargespräch. Ich hätte deinen sehr klugen Beitrag zur Krise gern gestern schon kommentiert, wenn mir nur was Vernünftiges eingefallen wäre… momentan komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Nenn mich Kassandra, aber ich hatte schon vor 10 Jahren kein gutes Gefühl beim Euro und glaubte nicht daran, dass das funktionieren kann, aber weil ich’s nicht mit Fakten hätte belegen können *), hätte mir sowieso niemand geglaubt. Es fühlt sich nicht gut an, in solchen Angelegenheiten mit seinen Ahnungen recht zu behalten, und ich weiß nicht recht, ob das alles die Ruhe vor dem Sturm ist, der alles zerstört oder die Chance für eine Wandlung zum Besseren. Ich hoffe dringend auf letzteres, denn so wie es jetzt läuft, kann es nicht mehr lange gut gehen.

    Dass dann zwischendrin Nebenschauplätze aus dem Unterhaltungsbereich in den Fokus rücken, ist normal, das Bedürfnis nach Ablenkung ist groß, was aber nicht heißt, dass die eigentlichen Probleme wirklich aus dem Fokus verschwinden, aber manchmal muss man sich bewusst anderen, meinetwegen banalen Dingen zuwenden, um dabei den Kopf wieder klar zu bekommen.

    Ich denke auch nicht, dass man die Banken „einfach pleite gehen lassen kann“, es hängt einfach zuviel dran, aber genau das ist dort natürlich auch bekannt, deshalb wird immer noch gezockt – und dagegen helfen vielleicht nur strengere Gesetze. Wir hatten neulich im persönlichen Kreis die Diskussion um die Finanztransaktionssteuer, wo dann jemand sagte: „Hat aber nur Sinn, wenn England und die USA mitmachen. Gerade London ist ein wichtiger Börsenplatz – und ob ich meine Aktie nun in Deutschland in England kaufe, macht nur ein paar Buchstaben Unterschied in der Eingabe im Computer, und schon fallen keine Steuern an.“

    Und wer große Summen auf diese Weise umsetzt (und um die geht es ja), wird diese Ausweichmöglichkeit nutzen.

    Hier zeigt sich also, dass dies nicht nur eine europäische Krise ist, sondern eine globale Krise, und dass alle an einem Strang ziehen müssen. Aber da wir uns ja nur untereinander abgrenzen können und nicht als Menschheit gegen etwas ganz andereres (wie wir es vielleicht könnten, wenn es nachweislich Außerirdische gäbe), funktioniert das mit der Solidarität nicht so richtig (und ich bin nicht mal sicher, ob es DANN mit der Solidarität funktionieren würde).

    Was mich hoffen lässt, sind Erfolge von Bewegungen wie der Grundeinkommensbewegung oder auch der Zuwachs bei den Piraten, weil es einfach zeigt, dass immer mehr Menschen sich Gedanken machen, wie man es anders machen könnte und auch etwas dafür tun, getreu dem Motto: „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber ich weiß, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.“

    Es könnte Umwälzungen geben – aber das ist eine Wirtschaftskrise, nicht mehr und nicht weniger. Es gab schon Zeiten, in denen die Welt am Abgrund stand, ohne dass es die meisten wussten (-> Kuba-Krise z. B.) Solange wir global gesehen immer noch miteinander reden, sehe ich Chancen.

    P.S.: In meinem Blog wartet auch noch was auf dich:

    http://caipi.limone.de/2011/11/02/ihr-wuenscht-ich-blogge-teil-9-mein-internet-und-ich/

    —-
    *) Für mich fühlte sich das immer wie „virtuelles Geld“ an, Spielgeld, Monopoly-Geld, und allein die Tatsache, dass für die Euro-Scheine fiktive Gebäude gewählt wurden, damit niemand bevorzugt wird, was lustigerweise nun konterkariert wird, indem Länder nach dem Vorbild der Geldscheine Bauwerke errichten, verstärkte für mich diesen Eindruck der Künstlichkeit und Virtualität. Geld aber ist ein Symbol für all das, was wir zum Leben brauchen und von daher doch sehr emotional besetzt – ein Retortenprodukt passt da nicht und wird der Individualität der einzelnen Staaten, die sich nicht in einheitliches Wirtschaftsraster pressen lassen, nicht gerecht. Kooperation ja. Die muss sein, um global zu bestehen. Aber keine Zwangs-Kommune. Dass das nicht funktioniert, sehen wir ja jetzt.

  11. Hallo Ihr Lieben! Habt Dank für Eure Beiträge – so ein „entschleunigtes“ Gespräch über das Problemgemenge namens „Krise“ tut richtig gut!

    @Werner: die jeweils „vernichteten Vermögen“ sind zum größten Teil virtuelle Vermögen. Etwas, das im Rausch der großen Zahlen-Verkündung nie erwähnt wird. Wenn Aktien an Wert gewinnen oder verlieren, ist man nur „potenziell“ reicher oder ärmer – was REALITÄT wird, ergibt sich erst im Moment des Verkaufs. Und zwar im Vergleich zum Einstandspreis, nicht im Vergleich zu zwischzenzeitlichen Höchst- oder Tiefstständen.
    Das Perverse daran ist, dass diese virtuellen Vermögen, die nur „der Möglichkeit und Kraft nach vorhanden“ (Wortbedeutung) sind, gleichwohl wie reale behandelt werden: man FÜHLT sich nicht nur reicher/ärmer, sondern es wächst oder schwindet auch tatsächlich reale „Geldmacht“ (mir fehlt hier ein wirklich passendes Wort!), weil man von anderen entsprechend der aktuellen/virtuellen Werte bewertet wird.

    Ich hatte nie Aktien, gar Derivate oder sowas, doch ich hab phasenweise diese Ebene interessiert mitgelesen (und bin zum Glück NICHT noch in T-Online eingestiegen, als ich dann mal Ende der 90ger kurz richtig gut verdiente!). Und seit der Finanzkrise ist es es Dauerthema…

    Dass die Staaten mit ihren Geldern „eher träge“ umgehen, finde ich nicht falsch, im Gegenteil. Eigentlich war das Staatsanleihen-Geschäft doch mal ein ruhiger, unaufgeregter, unspektakulärer Umtrieb, mit dem alle zufrieden waren. Gruslig, dass sich das so schnell ändert…

    @Matthias: nein, ich finde, die Situationen sind wahrlich NICHT vergleichbar – aus so vielen Gründen, dass ich das jetzt nicht packe, die alle aufzuzählen. 60 Jahre Entwicklung hin zum Europa von heute waren als FRIEDENSPROJEKT auf jeden Fall eine super Erfolgsgeschichte – eine, die immer noch andauert, denn DAS wollen alle: friedliches miteinander wirtschaften – zum Vorteil aller Beteiligten, die in einer globalen Wirtschaftswelt ansonsten wenig zu putzen hätten.

    @Limone: Ich finds immer wieder interessant, welch unterschiedlich Aspekte dieser Krise Einzelne in den Mittelpunkt stellen. Bei dir ist es der Euro, der für mich erstmal gar nichts bedeutet hat, genauso wenig, wie die D-Mark. Mit dieser oder jener Variante von Geld verbanden mich noch nie irgendwelche Gefühle. Die D-Mark-Nostalgie hab ich genausowenig verstanden wie die Euro-Skepsis – oder gar den Ärger, der mit Einführung aufgrund einiger gleichzeitig vorgenommener Preissteigerungen (für die ja das Geld nichts konnte!) „dem Euro“ angelastet wurde – seltsam!

    Großartig fand ich aber die Idee des gemeinsamen Binnenmarkts: ist doch eine tolle Erleichterung, nicht mehr mit zig Währungen umgehen zu müssen. Das passte zum Abbau der Grenzanlagen, dem ungestörten Reisen – hach, ich bin begeisterte Europäerin! Schließlich erlebten wir (Wessis) lange schon Italien, Griechenland, Spanien, Portugal u.a. fast wie „Bundesländer“. In den 80gern spöttelte man über „1 Berlin – Kreta“, später gab es die „Toskana-Fraktion“ – und noch zuvor fuhr alle Welt nach Südfrankreich und machte „Weißbrot, Rotwein und Käse“ zum gehypten Bestandteil aktueller Esskultur.

    Euro – na klar!

    Was es nun finanzmarktechnisch und ökonomisch bedeutet, eine gemeinsame Währung zu haben, ist ein neues Thema, das mir erst seit Kurzem in den Blick rückt. Und nach einigem Einlesen komme ich doch eher zur Meinung, dass es nicht an „zuviel Zwangsgmeinschaft“ liegt, sondern an zuwenig Gemeinschaftlichkeit, sei sie nun freiweillig oder „erzwungen“. Deutschland hat massiv von Exporten in die Südschiene profitiert – dass es ja Gründe hat, warum die soviel einkaufen müssen, war ziemlich egal. Noch bei den Griechenland-Rettungsverhandlungen mussten die Griechen zusagen, auf jeden Fall die mit Deutschland laufenden U-Boot-Geschäfte weiter zu führen. Sowas find ich zum Kotzen!

    Es braucht MEHR politisches Europa, nicht weniger. Aber es muss demokratischer werden, was vielleicht – da es grade so massiv in die andere Richtung geht – sogar Chancen hat. Wenn sich immer mehr empören, muss das kommen, da bin ich mal ein bisschen optimistisch.

    Dumm nur, dass alle, die in dieser Richtung sehr Sinnvolles schreiben (siehe Italien im Würgegriff der marktkonformen Demokratie / Nachdenkseiten leider keinerlei Rezept haben, wie es denn nun ANDERS weiter gehen könnte. Dass allen „ins Visier geratenden“ Staaten (und dann letztlich auch DE) schlicht der Refinanzierungsgeldhahn zugedreht wird, wenn sie nicht „spuren“ – was kann man dagegen setzen?

    Ich könnte noch ellenlang weiter schreiben, belasse es aber mal für jetzt dabei. Werde jetzt eine Kürbissuppe kochen und die Krise Krise sein lassen – erstmal. :-)

  12. Ich habe auch einige Zeit gedacht, dass diese Vermögen nur virtuell sind, das Fatale ist jetzt aber, dass diese doch „nur“ durch Finanztransaktionen entstandenen virtuellen Geldmengen als Schulden offensichtlich mit realem und leider unserem Geld bedient werden müssen. Und wenn es Schulden gibt, dann gibt es offensichtlich Gläubiger, die das Geld erhalten. Und diese Gläubiger sind nicht bereit auf ihr Geld zu verzichten! Dabei haben sich diese Gläubiger in der Regel Banken und Finanzagenturen bedient, bei denen süchtige Broker sitzen, die dem Geld hinterherjagen. Ich habe eine Untersuchung begleitet, in der Broker mittels Tests und Fragebogen untersucht wurden, wobei sich zeigte, dass der Börsenhandel die Betroffenen zu Glücksspielern macht. Und auch die „automatischen“ Broker sind von Menschen programmiert, die vom gleichen Schlag sind.
    Wenn ihr auf meinen Namen beim Posting klickt, könnt ihr einen Auszug aus der Arbeit lesen!

  13. @Werner: meine Resonanz bezog sich allein auf die Aktien und deren Bewertung abseits vom Verkaufsdatum! DA ist das Vermögen bzw. der Verlust wahrlich virtuell.

    Auch Staatsanleihen sind ja mal mehr, mal weniger wert – doch das ist ja derzeit nicht unser aller Problem. Sondern dass hier durchweg eine „Schuldenmaschinerie“ läuft, die fortwährend nach Refinanzierung/ neuen Schulden verlangt, da die ablaufenden Anleihen auslaufen und durch neue ersetzt werden müssen. Immer eine Gelegenheit für „die Märkte“ neue Bedingungen zu setzen.

    Ja, geldgierige Spekulanten (wer einzig „Geld mehren“ als Arbeitsplatzbeschreibung hat, MUSS geldgierig sein/werden) sind ein Teil des Problems, auch die Beschleunigung durch Computerisierung. Aber das ist m.E. nicht der Kern. Leider!

    Denn Spekulanten könnte man vermutlich doch mit mehr Regelungen kommen – aber das ganz normale Rendite-Kalkül beim Erwerb von jedweder Anlageform wird man kaum ändern können (oder meint das hier jemand? Wer greift nicht zum Tagesgeldkonto mit dem etwas höheren Mini-Zins?)

    Das ist ja das Vertrackte: man ergeht sich von Seiten der Kritik in Anprangerungen von (Mit-)Schuldigen oder träumt von System-Alternativen (anderes Geld, kein Zins mehr, weitgehende Verstaatlichung oder gar zurück ins Nationale etc. usw.), deren Umsetzungschancen gegen Null tendieren und deren Wirkungen wohl auch kaum im Detail bedacht sind.

    Es fehlt an Ideen, die alternative Handlungsmöglichkeiten für die nächste Zukunft umfassen. Ausgehend von den aktuell leider SO real existierenden Verhältnissen.

    Dass allüberall Leute am Werk sind, die ihre eigenen Schäfchen im Trockenen halten wollen (siehe z.B. italienische Parlamentarier, die vor allem BLEIBEN wollen..), macht es zusätzlich schwer.

    Tja, und mir fällt auch nichts ein… nur weitere „grundstürzende“ Gedanken wie der: Wer WILL denn eigentlich, dass „die Südschiene“ so wird wie wir? Sind wir nicht immer gerne dahin gefahren, weil es da ANDERS war?

    Diese so erholsame Andersheit wird gerade auf dem Altar der Finanzmärkte geopfert: sie sollen alle auf „Hard Working“ eingeschworen werden, ein „oberster Wert“, der aus den USA kommend sich bereits wie die Pest in Kerneuropa immer weiter verbreitet. Bis wir dann alle 3 bis 5 miese Jobs annehmen müssen, um mit 80 und mehr Stunden/Woche kaum soviel Geld verdienen, wie wir zum Leben brauchen!

  14. Vernetzung und Globalisierung haben uns weit und schnell hinausgetragen. Es ist, als wären wir aneinander gebunden mit der Strömung aufs Meer getrieben. Erst beim Blick zurück, aus der Distanz, merken wir wo wir hingehören. Doch ans Ufer schaffen wir es nun nicht mehr. „Keine Schneeflocke in der Lawine wird sich je verantwortlich fühlen.“ Vielleicht hilft es mir, schwimmen zu lernen, like dolphins.

  15. “ Ja, geldgierige Spekulanten (wer einzig “Geld mehren” als Arbeitsplatzbeschreibung hat, MUSS geldgierig sein/werden) sind ein Teil des Problems, auch die Beschleunigung durch Computerisierung. Aber das ist m.E. nicht der Kern. Leider!“

    Ich glaube jedoch, Claudia, das genau hier das Problem ist. Hinter z.B. Geldgier stecken meiner Meinung nach die unterschiedlichsten Motivationen, auch Anerkennung, Liebe, Existenz, Freiheit, Macht,..

    Egal wie jedes System aussehen würde, wird es von Menschen, die niemals frei all ihrer Gefühle, Emotionen, Stärken und Schwächen sind, bewegt.

    Vielleicht ist es ja sogar so, das jedes Gesellschaftssystem früher oder später in einer Apokalypse enden muss, weil die meisten Menschen immer nach Fortschritt, Wohlstand und „noch höher und noch weiter“ neigen. Wahrscheinlich werden wir den Mensch nicht ändern können, aber jeweils das System. Diesem Rechnung tragend, entsteht vielleicht aus jeder Apokalypse ein neues Gesellschaftssystem, das sich mehr und mehr dem Mensch nähert, und zwar so, wie der Mensch ist, und nicht, wie er sein sollte.

    Gegen die Systeme zu kämpfen bedeutet nach meiner Einsicht auch, gegen die Menschen, die das System sind, mit ihren tiefsten Trieben und Instinkten zu kämpfen. Das sehe ich als Kräfteverschleiß.

    Wer würde denn seine Hand für sich ins Feuer legen, wenn er durch einen langen und gewachsenen Prozeß in der Position wäre so zu handeln, wie das, was jetzt überall angeprangert wird, zu sagen: Ich hätte anders gehandelt!

    Ernsthaft diskutieren würde ich doch nur mit dem, der sagen kann: Ja, ich hätte anders gehandelt. Von allen anderen würde ich doch mehr verlangen, als das, wozu ich selbst fähig bin. Geht das?

    Und der, der mit einem Ja antwortet, den würde ich fragen:
    Was hast du, was ich nicht habe.

  16. @Menachem. Schöner Kommentar, ich meine darüber hinaus, daß wir durch den „Kollegen Computer“ einen mächtigen, nicht-menschlichen (wenn auch von Menschen gemachten) Co-Faktor oder Katalysator der gegenwärtigen Krise haben. Daran ist nichts zu ändern, d.h. wir können den Stecker nicht ziehen.

    Zu diesem Spannungsverhältnis von Mensch und Maschine(KI) ist „2001: Odyssee im Weltraum“ von Kubrick wiederholt zu empfehlen.

    Wer es etwas leichter möchte, kann sich Carpenters „Dark Star“ zu Gemüte führen, mit dem legendären Dialog mit der Bombe:

    A: „Hallo Bombe. Hörst Du mich?“
    B: „Selbstverständlich.“

  17. Hallo Claudia, beim lesen fiel mir Auerbachs Keller ein:

    „MEPHISTOPHELES (zu Faust):
    Den Teufel spürt das Völkchen nie,
    Und wenn er sie beim Kragen hätte“.

    Ich mache mir schon sehr lange große Sorgen, vor allem um meine
    Kinder und Enkel – sie werden den größten Teil der Misere auszubaden haben.

    Gruß ( vor der Währungsreform ) Hanskarl

  18. @Claudia
    Tun wir doch schon, und ganz schön Viele – du hier, ich bei mir … Das zeitigt schon seine Wirkung. Die Herrschaften sind es nicht gewohnt, dass man ihnen auf die Finger sieht, und draufklatschen noch weniger.
    Bin schon älter und nicht mehr so ungeduldig wie mit zwanzig oder dreißig. Und gar nicht mal so unzufrieden.

  19. Ein Leserkommentar zum Thema in der Süddeutschen Zeitung hat mich hierzu inspiriert:
    http://weisser-elefant.blogspot.com/2011/10/occupy-your-mind.html
    vielleicht ist das ja wirklich die Wurzel der Finanzproblematik und des „alternativlos“ erzwungenen Wachstums?

Was sagst Du dazu?

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