Claudia am 30. September 2011 — 12 Kommentare

Das Facebook des Lebens und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit

Quer durch alle Medien wurde in den letzten Wochen schwer über ein neues Feature auf Facebook gelästert: die neue Timeline, die in Deutschland „Chronik“ heißt.

„Alle Fotos, alle Videos, alle gelesenen Bücher, jedes selbstgekochte oder im Restaurant eingenommene Essen, überhaupt alle Lebensereignisse in einer Art Endlos-Steckbrief vereint, unten die Geburt, oben die Gegenwart – das ist Facebooks neue Vision von der eigenen Rolle im Leben seiner Nutzer.“
(SPON, 22.9.)

Noch sieht nicht jeder in DE die neue Zusammenfassung aller eingestellten Daten, zusammengefasst in einer nun bequem bis zum Tag der „Facebook-Geburt“ zurückverfolgbaren Inhalte. Derzeit muss man sie erst umständlich frei schalten, doch soll das Feature schon bald für alle zur Verfügung stehen.

Den Datenschutz-Aspekt, an dem sich ein großer Teil der Kritik stößt, lasse ich jetzt mal weg, denn ich bin der Meinung, dass jeder bei FB ja doch selbst bestimmt, was in dieser „Lebenschronik“ zu sehen sein wird. Gerne sieht man hierzulande zumindest verbal allerlei Furchtbares kommen, wenn Menschen sich umfangreich im Web darstellen. Wahlweise wird das Selbstdarstellungs- und Mitteilungsbedürfnis kritisiert, das vor allem (aber nicht nur!) junge Menschen dazu bewegt, auf Facebook sehr viel von dem zu „teilen“, was sie erleben, fühlen und denken. Umsonst, die Massen stimmen mit hoher Wahrscheinlichkeit per Mausklick und Wischfinger ab: gefällt mir!

Dein Tod ist erst der Anfang… ?

Da es seit einiger Zeit auch möglich ist, Profile über den Tod hinaus zu erhalten, könnte es üblich werden, auf Facebook riesige Dokumentationen des eigenen Lebens zu hinterlassen. Virtuelle Friedhöfe, schon seit den 90gern hier und da zum Zweck des Gedenkens angeboten, wurden bisher kein Renner. Eine Art Nachlass-Community („Eternity Vision“) nimmt aber bereits den Gedanken der selber kreierten Hinterlassenschaft auf. FB macht das jetzt überflüssig (wenns der User will). Die große Mehrheit wird – ganz gegen den Tenor der Kritik – die Timeline begeistert mit Inhalten füllen. Sich selbst möglichst umfangreich ins Web schreiben, die eigene Historie „kuratieren“, wie Marc Zuckerberg sagt – glaubt die Kritik wirklich, dieser Versuchung würde massenhaft widerstanden?

Ich glaube das nicht, denke sogar, Google+ wird nachziehen müssen. Denn auch ohne bewusstes Kalkül auf ein posthumes virtuelles Leben empfand ich das Schreiben und Teilen in sozialen Netzwerken länger schon als „in den Sand schreiben“: Kaum gepostet, ist nach wenigen Tagen alles in der Versenkung verschwunden. Das mit dem Verstreichen der Zeit immer unmöglicher werdende Zurückblättern als einzige Möglichkeit, Vergangenes zu finden, erscheint fast als eine Art Enteignung von den selbst eingestellten Inhalten. Nicht umsonst gibt es in meinen Blogs ein Gesamtinhaltsverzeichnis – hier z.B. zurück bis 1999. Nicht weil ich glaube, dass es jemanden speziell interessiert, was ich vor zehn Jahren so verbloggt habe, sondern weil ich es selber wieder finden können will. Vermutlich auch – nur nicht ganz so bewusst – weil ich mich so meiner Existenz versichere: seht her, ich bin schon „ewig“ da… und es ist damit zu rechnen, dass ich auch noch ein wenig bleibe. :-)

Gestern Nacht sah ich den Film „The final Cut – dein Tod ist erst der Anfang“.

Der handelt von einer Gesellschaft, in der 25% der Bevölkerung ein Implantat im Gehirn tragen, das vorgeburtlich eingepflanzt wird und das ganze Leben aufzeichnet. Mit 21 erfahren die Glücklichen, deren Eltern sich das leisten konnten, dass sie Träger sind und nun damit rechnen können, dass ihr Leben niemals vergessen, sondern zumindest potenziell immer zur Betrachtung zur Verfügung stehen wird. Für die Trauerfeier schneidet ein „Cutter“ das Wichtigste aus den Chip-Inhalten zusammen, bzw. „schönt“ das Leben entsprechend den Vorstellungen der Hinterbliebenen, die dann gemeinsam den Film des Lebens anchauen.

Weil die Implantat-Träger wissen, dass post mortem ihr Leben betrachtet und sicher auch bewertet werden wird, ergeben sich psychosoziale Folgen, die nicht allen gefallen. Eine Widerstandsbewegung fordert die Abschaffung der Implantate und das Leben im Hier und Jetzt – ohne Gedanken daran, wie das gerade Erlebte wohl später wirken mag. Auch Datenschutz und das Recht am eigenen Bild wird gefordert, denn niemand kann ja verhindern, in den Erinnerungen Anderer zu erscheinen – genau wie es heute schon kaum verhindert werden kann, auf Fotos in sozialen Netzwerken „getaggt“ zu werden.

Nicht nur Zuckerbergs Traum scheint es zu sein, möglichst nahe an einen solchen „Film des Lebens“ heran zu kommen – natürlich persönlich gecuttet bzw. „kuratiert“. Ein Stück Unsterblichkeit im Web, das jetzt passenderweise in allerlei Datenspeicher-Bereichen „Wolke“ heißt. Sind wir tot, sitzen wir dann virtuell im Himmel der Matrix – always online, so lange das Netz besteht.

Diskussion

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12 Kommentare zu „Das Facebook des Lebens und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit“.

  1. Macht mich meine Molkeskinetagebuchsammlung dann nicht zu einem Partisanen jener Widerstandsbewegung? :-)

  2. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand alte Texte (längst) Verstorbener liest, dürfte gering sein, außer sie sind von „überragender Qualität“ oder erlangen eine unvorhergesehene Relevanz. Schon jetzt ist es schwierig, die kontinuierlich wachsenden Daten des Webs zu nutzen. Es hat den Anschein, Hypertext führt ohne Kenntnis und Disziplin eher zur Zerstreuung als zum konzentrierten Lesen, Hören, Sehen: Ständig laden Links ein zum Abschweifen und falls im Browser nicht deaktiviert, zappelt und lärmt Werbung um das herum, was interessiert oder verhindert den Blick darauf. „Man“ hat kaum Zeit, das alles „verarbeiten“ und „jeder ist beschäftigt, seine eigene Timeline etc. zu pflegen“, er wird kaum „tote Timelines“ erforschen, eher jene seiner (lebenden) „Freunde“.

    Wem die „Daten gehören“, ist von Bedeutung und deren „Weitergabe“ sollte überdacht werden. „Knipst“ Facebook eines Tages den Dienst aus wegen einer Pleite, Willkür, der gesellschaftlichen Entwicklung, ist alles (unwiederbringlich) weg. Man kann – behaupte ich jetzt einfach – nicht alle seine Daten von Facebook herunterladen (sinnvoll: automatisiert, Minimal: „Bequemes“ GUI, das nicht gesucht werden muss und „intuitiv“ verstanden wird) und Facebook hat sehr wahrscheinlich kein Timeline-Open-Source-Projekt zur freien Nutzung eröffnet, wobei die Timeline-Software auf jeden Webserver installiert werden kann und wobei die gesicherten Daten auf den Server mit dieser Software übertragen werden können und dann in die dort installierte Timeline integriert sind. Folgendes ist zum Beispiel mit WordPress oder anderen Weblogs möglich, im Speziellen WordPress: Via mysqldump die komplette Datenbank sichern und auf einen anderen Webserver übertragen, wer Erfahrung hat bringt das in wenigen Minuten zustande. Kurz: Will ich meine Daten „für die Ewigkeit“ und für alle zugänglich persistieren, sollte ich diese nicht einem „milliardenschweren“ Unternehmen „in den Rachen werfen“, sondern „öffentliche“ Software benutzen.

    Auch nicht ignorieren sollte man ein Ziel von Facebook: Viel Geld zu verdienen mit den Daten, die dort gesammelt werden und das wahrscheinlich auf eine Weise, die nicht konform ist mit der Absicht, mit der die Daten diesem Unternehmen überlassen werden („Geschäftskalkül versus Privatvergnügen“).

    Dass Facebook Daten „behält“, ist keine Theorie, hier ist ein aktuelleres Beispiel, bei etwas Vorstellungsvermögen kann „weitergesponnen“ werden, was mit Daten geschehen kann, die bei Facebook gespeichert sind: http://www.heise.de/tp/blogs/6/150542

  3. Wer!? Wer, um Himmels willen, soll sich denn für diesen ganzen alten Datenmüll interessieren? Unsterblichkeit? – Gottseidank nicht! Ich wünsche sämtlichen Geschäftsmodellen, die auf Eitelkeit und Größenwahn basieren ein grandioses SCHEITERN. ;)

  4. Danke für Eure Beiträge! In Zeiten der sog. „sozialen Netzwerke“ sinkt, wie ich finde, die gefühlte soziale Vernetzung eher, zumindest gibt es weniger Kommentare in Blogs, und nurmehr selten längere Gespräche. Kann natürlich auch an mir liegen, aber ich kriege ja mit, wie allein schon die Timelines von G+ beschäftigen können (etwas, das ich grade wieder reduziere).

    @Uwe: ich maße mir nicht an, über genuin menschliche Gefühle zu schimpfen, wie etwa das, dass der Tod ein Skandal sei. Ich nehme auch niemandem ab, dass er/sie nicht ein kleines Stück Unsterblichkeit dankend annehmen würde, wenns mal eben so zu haben wäre– (natürlich nicht als Zwang, mit dem in den Märchen die Wunscherfüllung ihre dunkle Seite zeigt – nur als Möglichkeit..).

    Weiter meine ich, in den Zeiten des Internets und schier unendlicher billiger Datenspeichermöglichkeiten ist es nicht mehr GRÖSSENWAHN, sich umfänglich in die Netze zu schreiben. Denn im Gegensatz zur alten Medienwelt ist da heute ja PLATZ bis zum Abwinken, Platz für JEDEN und nicht nur für zahlungskräftige oder anderweitig mächtige Eliten.

    Es ist also keine ANMASSUNG VON GRÖSSE, wenn jemand den Platz mit eigenen Texten, Bildern, Filmen über alles, was erwähnenswert war, füllt. Weil man dazu eben nicht GROSS sein muss – Danke, Internet!

    Ob sich später jemand dafür interessiert, ist doch eine ganz andere Baustelle und geht uns, nichts mehr an, wenn wir tot sind. Es werden aber Alghoritmen zur Verfügung stehe, die die Inhalte „potenziell auffindbar“ machen.
    Und das reicht schon für das „Stück Unsterblichkeit“.

  5. Ich halte die Idee an sich sogar für hochgradig interessant, und Grössenwahn sehe ich hier auch in keinster Weise. Einerseits ist es eben nicht anmaßend anzunehmen, dass es möglicherweise Menschen gibt, die so etwas interessieren könnte.

    Auf der Beerdigung meines Vaters habe ich mit einem Schulfreund von ihm sehr lange geredet. Dieser Schulfreund nahm dieses lange und intensive Gespräch zum Anlass, seine Erinnerungen an meinen Vater in einem mehrere hundert Seiten starken, handschriftlich verfassten Buch zu sammeln. Davon wusste ich nichts, bis ich eine der wenigen Kopien dieses Bandes in den Händen hielt. Ohne anmassend wirken zu wollen, denke ich, dass diese Erinnerungen durchaus auch für andere Menschen, die meinen Paps überhaupt nicht kannten, interessant, aufschlussreich sein könnten. Nun sind diese Informationen natürlich sehr verdichtet, kein „Fünf Deutschland und ein Leben“ – aber eben auch ein zeitgeschichtliches Dokument.

    Andererseits sind sie aber „fremdselektiv“ – hier vermengen sich die Erlebnisse, die durchaus authentisch und interessant sind (das Aufwachsen in einem erzkonservativen, „humanistischen“ Klosterinternat in der Nachkriegszeit, aber auch die sehr persönlichen Eindrücke eines Zeitgenossens) mit der Gewichtung des Freundes, der diese Erinnerungen zusammenfasste. Eine selber zusammengestelle Biographie ist da doch noch einmal persönlicher und trägt auch in ihrer Zusammenstellung selber Informationen. Flapsig formuliert: Die eigentliche Information auf der Facebook-Seite eines Jugendlichen ist ja nicht, welchen Alkopop er denn nun heute Abend konsumiert hat – sondern warum er es für relevant hält, uns davon zu berichten.

    Darüber hinaus ist es natürlich durchaus so, dass heute für Dokumente „einfacher“ Leute aus früheren Zeiten durchaus Interesse besteht – und das nicht nur von Historikern. Man muss nicht unbedingt das Dritte Reich erwähnen, um deutlich zu machen, dass das Verständnis einer Epoche nicht profund sein kann, wenn man es nur auf Einblicken in „aussergewöhnliche“ Persönlichkeiten aufbaut.

    Von diesem Erkenntnisgewinn im Grossen, für den solche Informationen interessant und wichtig sind einmal abgesehen: Selbst wenn nur eine oder zwei Personen im Nachhinein, nach meinem Tod, daran Interesse haben, wäre es schon eine sinnvolle Sache.

    Aber diese hat natürlich auch ein paar ziemlich spitze Haken …

    Anders als du, Claudia, finde ich es absolut in Ordnung, dass meine Fussabdrücke im Sand der digitalen Medien (teilweise!) nach einiger Zeit verblassen. Zumal dann, wenn sich der Betroffene vielleicht nicht einmal so ganz im Klaren darüber ist, ob er über Sand oder nassen Asphalt läuft. Mein Umgang mit solchen Medien wäre ein anderer, wenn ich wüsste, dass alles wirklich explizit „für die Ewigkeit“ ist …

    Darüber hinaus kann man meiner Ansicht nach eben aus diesen Überlegungen auch nicht ausklammern, WER diese Daten sammelt. Keines der existierenden sozialen Netze scheint mir dafür geeignet, Orte, an denen ich die Ware bin und nicht der wirkliche Mittelpunkt. Facebook hat sich in meinen Augen hier öffentlich und vollumfänglich disqualifiziert, Elmar hat die Geschichte ja verlinkt. Und auch Google mag vielleicht „not evil“ sein wollen, aber in diesem Zusammenhang, denke ich, bräuchten wir eine Stelle, die „good“ ist.

    Last but not least darf man meiner Meinung nach auch nicht vergessen, dass verschiedene Menschen die aktuellen sozialen Netze sehr unterschiedlich nutzen. Manche begreifen FB, g+ etc. als Lebensraum, andere als Medium. Der Lebensraum beruht auf der Vergänglichkeit, das Medium eher auf Persistenz. Solange hier keine deutliche Trennung durch den Nutzer möglich ist – und eine Differenzierung für den „Normaluser“ schwer – halte ich das für keinen guten Ansatz.

    Zusammenfassend kann ich für mich sagen, dass eine solche Sache an sich sicherlich etwas Gutes sein könnte, aber in keiner mir bekannten existierenden Infrastruktur bedenkenlos möglich bzw. akzeptabel.

  6. @Kiko: „Und auch Google mag vielleicht “not evil” sein wollen, aber in diesem Zusammenhang, denke ich, bräuchten wir eine Stelle, die “good” ist.“

    Genau. Aber auch eine Community wie „Eternity Vision“, die speziell diese „Nachlass-Idee“ pflegt, ist mangels Bekanntheit und „Trust“ noch nicht wirklich das Richtige. Wie auch an manch anderer Stelle fehlt es m.E. hier an einer zeitgemäßen Version „öffentlich-rechtlicher“ Stabilität, denn „Ewigkeit“ ist zwar kein realistischer Horizont, doch brächte es hier eine Institution, die nicht binnen kurzer Zeit wieder verschwindet wie so viele „StartUps“.

    „Anders als du, Claudia, finde ich es absolut in Ordnung, dass meine Fussabdrücke im Sand der digitalen Medien (teilweise!) nach einiger Zeit verblassen. “

    Worauf bezieht sich das „teilweise“??

    Ich erinnere mich, dass ich auf G+ schon Probleme hatte, nach nur wenigen Tagen unser dortiges Gespräch über Musik wieder zu finden. Und das ist nicht das Einzige, was mir das Gefühl gibt, in den Netzwerken (nicht hier im Blog) „in den Sand zu schreiben“ – deshalb poste ich dort auch im wesentlichen Lesetipps mit maximal einem Kommentar, niemals längere Gedankenspaziergänge wie hier.

    Die Verlagerung des Publizierens hin zu FB und G+ sehe ich genau wie alle vorherigen und sonstigen Verführungen als eine Art Enteignung bzw. „Umwverteilung von unten nach oben“. Zwar ist G+ etwas besser, weil es da wenigstens pro öffentlichem Posting eine URL gibt, die auch Nichtmitglieder potenziell erreichen können – aber alles kein Vergleich zu einer eigenen, selbst „gehosteten“ Webpräsenz, in die einem niemand rein reden kann, so lange man die Hosting-Rechnung zahlt und die Gesetze beachtet. (Nachteil: den „Nachlass-Gedanken“ müsste man auch selber regeln…und wer denkt schon gern an sowas…)

    Die Herrschaft über die eigenen Daten ist mittels der Blogsoftware WordPress sehr leicht zu haben. Man sichert den Datenbank-Inhalt regelmäßig (z.B. mit einem Plugin ganz automatisch) und kann so jederzeit woanders seine virtuellen Zelte aufschlagen, sollte wider Erwarten der Provider mitsamt allen Webseiten den Bach runter gehen.

  7. „Den Datenschutz-Aspekt, an dem sich ein großer Teil der Kritik stößt, lasse ich jetzt mal weg“

    Schade, denn das ist ja genau der Knackpunkt. Viele Leute denken nicht darüber nach, dass ihre Daten, völlig unabhängig von den „privacy“-Einstellungen zB bei Facebook eben nicht nur für ein paar Freunde sichtbar sind, sondern vor allem für einen Großkonzern, der mit diesen Daten dann machen kann, was er will bzw. sie für Reklamezwecke nutzt etc.

    Von daher ist diese neue Idee der persönlichen Lebens-Timeline natürlich verlockend, und wird sicher viele Leute verführen, sich da großflächig einzubringen, aber diesen Selbstdarstellungsdrang nutzt Facebook (und Google+ etc.) eben aus, um an Daten zu kommen, denke ich. Deshalb fahre ich meine Informationen in den social webs derzeit auch eher zurück, wobei ich über meine Blogs usw. natürlich eh schon relativ gut sichtbar bin – aber wenigstens nicht direkt für einen Großkonzern abrufbar.

    Ich bin da also durchaus mit dem Kommentar von Kiko einer Meinung, was diese Firmen angeht.

  8. @Claudia: Schön, dass du ausgerechnet bzgl. des „teilweise“ nochmal nachhakst … ;) Denn der springende Punkt hier ist für mich, dass die Informationen aus dem Gedächtnis vieler Nutzer verschwunden sein mögen, und ausserhalb ihrer Kontrolle (also wenn du dich ärgerst, sie nicht wiederzufinden) – aber sie sind eben nicht weg. Weder FB noch Google werden diese Daten entfernen. Sie sind also letztlich der Kontrolle des Nutzers entzogen und für viele auch aus den Augen, aus dem Sinn, und das stellt in meinen Augen ein besonderes Problem dar.

    Ich glaube, ich habe dir gegenüber schonmal erwähnt, dass ich mich, obwohl ich ja nun Google durchaus Sympathien entgegenbringe, über jeden Blogger freue, der eben nicht zu g+ „umsiedelt“. Damit ist aber diese Idee eines globalen Systems dennoch schon wieder gestorben.

    Spannend wäre hier meiner Meinung nach ein System, das analog zu dem von github funktioniert.

    Du hast ein oder auch mehrere (auch auf verschiedenen Rechnern) lokales Repository, in dem du deinen „Content“ (bei git ist das üblicherweise Code, aber auch weitere Daten und Informationen) verwaltest. Diese Inhalte kannst du nun sehr einfach „pushen“, sprich veröffentlichen. Gleichzeitig kannst du mit den entsprechenden Berechtigungen auch „pullen“, also das lokale Repository mit dem entfernten, auf dem du veröffentlicht hast, abgleichen. Und du kannst nach Belieben auch löschen. Gleichzeitig verfügt github über eine umfangreiche Timeline sowie eine History-Funktion. Hier wäre die Kontrolle durch den Nutzer, sehen wir mal davon ab, dass man natürlich alles, was im Web veröffentlicht wird auch von „Fremden“ speicherbar ist, maximal. Letztlich verfolgt diaspora (https://joindiaspora.com/) einen ähnlichen Ansatz – das Problem ist aber unter anderem die gesellschaftliche Durchdringung, ein soziales Netzwerk mit zu wenigen Leuten funktioniert nicht, und ob diaspora die „kritische Masse“ erreichen kann wird sich erst noch zeigen müssen …

  9. @Claudia
    Auch ich „maße mir nicht an, über genuin menschliche Gefühle zu schimpfen“. Das wäre ja auch ziemlich sinnlos. ;)

    Das Streben nach Unsterblichkeit ist für mich trotzdem ein (Größen-)Wahn, weil eindeutig vergeblich. Die darauf basierenden Geschäftsmodelle für mich deshalb mit dem Verkauf von Himmelskörpern vergleichbar.

    Die Zeit ist lang und groß – menschliche Existenz dagegen klein. Und, wie gesagt, ich kann mir einfach nicht vorstellen wer dazu Lust hat, die ganzen Selbstdarstellungen der Verblichenen zu durchforsten. :)

  10. Jemand machte mich gestern auf einen Aspekt der Frage nach der ‚Dauerhaftigkeit‘ und ‚Einsehbarkeit‘ von durch einzelne Quellen (Personen z.b.) bereit gestellten Daten im Internet aufmerksam, den ich so noch nicht bedacht hatte, der mir aber sehr spannend vorkommt.

    Nämlich: Die ursprüngliche Idee hinter Internet/Arpanet war ja bekanntlich eine fehlertolerante Vernetzung von für sich genommen auch ohne Vernetzung allein für sich handlungsfähigen Monaden (Knoten) mit dem Zweck, ihr Handeln (im Verteidigungsfall, welcher immanent einer Zerstörung großer Teile der regulären Vernetzung gleich gesetzt wurde) zielgerichtet zu synchronisieren.

    Exakt das tut das Internet, jedoch mit Monaden (Benutzern), die der Maxime der autarken Fähigkeit zum Handeln immer weniger genügen. Gerade ihre Vernetzung (in der pervertierten [mein Dabeitun] Form des ’sozialen Netzwerkes‘ als Nachäffen [sic!] einer sozialen Gemeinschaft, die diese Bezeichnung verdient [ebenso wieder ich]) erklären sie kollektiv zur ‚conditio sine qua non‘ ihres Daseins und machen sich damit [zum Affen, würde ich sagen] bereits zum Gegenteil dessen, wovon die anfängliche Idee des Arpanets lebte – eben nicht zu Handlungseinheiten, deren Handlungen trotz Störung der Vernetzung zwar weiterhin aus Optimierungsgründen synchronisiert, aber damit nicht allerst hergestellt werden muß.

    Der Punkt ist, daß sich mit der Lebenszeit des Internet das Gewicht von der Autonomie der Knoten zur Autonomie ihrer Zusammenfassung verschob.

    Oder, modischer ausgedrückt: es ist die Matrix, es sind nicht ihre Zellen, die zählen. Das System der Anordnung ist dominantes Paradigma des Sozialen, nicht (mehr?) das Spezifische des Angeordneten [wie funny money den ‚ehrlichen‘ weil jederzeit einlösbaren Scheck auf die Bank ablöst, wieder ich].

    Der Wunsch nach Ewigkeit ist dabei gar nicht zu vermeiden, aber eben nicht als Ewigkeit des Knotens (Benutzers), sondern als Ewigkeit des Arrangements, dem das Arrangierte am Arsch vorbei geht, weil es Struktur über Substanz setzt.

    Ich fand diesen Gedanken recht interessant, weil er sehr gut paßt zu meinem Unbehagen an solchem Credere wie etwa dem ‚der Weg ist ist Ziel‘ [also kommt keiner mehr an?] oder dem ‚das Medium ist die Botschaft‘ [also ist Lärm eine Aussage?], die mir in diesem Zusammenhang aufstoßen.

    Ist in dem Glauben an eine unsterbliche Seele (oder allgemeiner ein Surrogat meines Daseins) noch Substanz spürbar (und macht es daher so anziehend), fehlt mir in der Idee der Unsterblichkeit von Daten, Informationen, Protokollen jeder Bezug zu mir. Dauer ist hier mir fortgenommen und irgendwelchen ‚Netzen‘ überlassen, während ich nur zufälliger Anlaß von Erregung (Dateneingabe) in diesen Suprastrukturen bin.

    Und das kann ich gar nicht gut leiden!

  11. @Peter: mir ist gezielte, auf meine Bedürfnisse passende Werbung tausendmal lieber als der Briefkasten voller Zeugs, mit dem ich nichts am Hut habe. Und ich denke, dass viele einverstanden sind mit dem Deal „Daten gegen kostenlose Nutzung“ – irgendwie wollen die Angebote ja doch finanziert sein. Ich glaube nicht, dass es noch viele Teilnehmer auf FB und G+ gibt, die annehmen, dass solche SNs als schiere kostenlose Wohltat ganz ohne Geschäftsmodell vom Himmer fallen.

    Ich hab schon 1998 (=vor es Google gab) User-freundliche und vom Webmaster selbst zu bestimmende Werbung auf Webseiten gefordert (siehe Archiv: Glückliche Webwerbung – Ideen für das Rendezvouz von Kultur & Kommerz) und bin auch heute noch der Ansicht, dass es sehr viel schlimmere Dinge gibt als zielgenaue Werbung. Mich stört es nicht, wenn ich nach etwas suche und zunehmend tauchen dann überall Anzeigen auf, die es mir anbieten. Ich entscheide immer noch selbst und schaue zuerst nach Preisvergleichen und USer-Erfahrungen.

    @Kiko, leider sind SNs nicht mal eben so zu wechseln – man ist zwangsläufig dort, wo die Leute sind, mit denen man sich vernetzen will. Und da FB jetzt Gesichtsbuch des Lebens und G+ dessen Betriebssystem werden will, finde ich auf längere Sicht den Gedanken der Verstaatlichung dann wieder diskussionswürdig (wie kürzlich in der ZEIT angesprochen). Wobei ich nicht denke, dass da Beamte ran sollten, es müssten neue Formen der Öffentlichrechtlichkeit her, sollte dieer Gedanke Karriere machen.

    @Susanne: danke für deinen Beitrag und den interessanten Gedanken! Da stellt sich gleich die Frage: Ist FB bzw. G+ denn das Netz/die Matrix? FB ist doch ein typischer ein „walled garden“ und es kann durchaus sein, dass es in ein paar Jahren wieder verschwindet.

    Deine Sicht auf die Nutzer empfinde ich als zu negativ. Die Medienkompetenz wächst ja durchaus im Lauf der Zeit – und Zeit tot schlagen und mit Unterhaltung verdaddeln konnte man auch vor Zeiten der SocialNetworks. Ich glaube nicht, dass die Individuen insgesamt durch SNs passiver werden – mal so verglichen mit dem Leben als Couch-Potato (das ja ebenfalls nur eine Minderheit wirklich führt..).

    Die militärischen Anfänge kann man auch nicht wirklich heran ziehen, denn die Nutzungen von heute unterscheiden sich doch drastisch: Diskussion und Meinungsbildung macht einen hohen Anteil der Inhalte aus, was man von einem Military-Net ja gerade NICHT sagen kann.

    Zu „der Weg ist das Ziel“ gerne mal gesondert!

  12. also ich weiß nicht, ob ich alles in meinem leben wirklich auf band haben will….manche dinge sollten einfach passieren und das war es dann auch. dafür hat man ja die grauenzellen, die einem erinnerungen bewahren und manche eben ausschalten – das hat schon seinen grund. der film klingt aber interessant und ich werd ihn mir mal ansehen. danke für den hinweis :)

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