Claudia am 27. Mai 2011 — 0 Kommentare

50 Wege, die Geliebte zu verlassen

Wer die Geliebte ist? Natürlich die Zigarette, das Rauchen, die ganze persönliche „Kultur“ rund um den täglichen Gifthauch. Und der Titel dieses Postings ist eine deutsche Übersetzung des alten Songs „50 Ways to leave your lover“ von Paul Simon.

Wer den Song kennt oder jetzt mal eben anhört, wird sich vielleicht wundern, dass ich diese Hymne auf das entschlossene Beenden einer Liebesbeziehung auf den Abschied vom Rauchen übertrage. Ist es doch sehr viel üblicher, den Ziggis alles Böse dieser Welt anzulasten, sie zu beschimpfen, zu verachten – und sich selbst gleich mit. Denn wer war es denn, der geraucht hat?

Im Song von den „50ways“ wechseln zwei Stimmungen einander recht drastisch ab:

  • einerseits die Melancholie des Abschieds, die Wehmut beim Gedanken an all das Schöne, das einmal war
  • – und andrerseits die Freude am Aufbruch, am Abenteuer, an neuen Plänen – die Euphorie der Befreiung aus nur noch als Einschränkung wahrgenommenen Bindungen.

Das zweite Gefühl bedarf wohl keiner Erläuterung – jede/r nicht mehr Rauchende wird den Ausstieg aus den Zwängen der Sucht phasenweise so empfinden: wie schön, nicht mehr rauchen zu müssen! Es tut gut, das mittels Musik ein wenig MEHR ins Bewusstsein zu heben.

Die Melancholie aber, die Wehmut über das unausweichliche „Verlassen der Geliebten“ – ist es nicht hoch gefährlich, der Kippe so offen hinterher zu trauern? Wird das nicht eher dazu führen, dass man ihr wieder einen Platz im Leben einräumt – in der falschen Hoffnung, „diesmal werde alles anders“? (z.B. mittels „nur 5 am Tag“ oder dergleichen Illusionen).

Nein – für mich ist das Gefühl der Wehmut und Wertschätzung erst möglich, seit ich das Verschwinden des Verlangens erlebe – bis eben dahin, gar keines mehr zu spüren.

Bleibt man in Begriffen aus dem Beziehungsleben, ist es die Erkenntnis, dass „es wirklich aus“ ist und alles Diskutieren daran nichts mehr ändern wird. Man wird gehen, bzw. ist schon gegangen – und in der Rückschau verklärt sich alles Schöne noch einmal im warmen Schein des positiven Erinnerungsvermögens:

Du warst mir kein „Niko-Monster“, sondern eine liebevolle Stütze zur rechten Zeit.

  • Hast mich gestreichelt, wenn das Leben mich quälte,
  • hast mich die Fülle fühlen lassen, wenn ich mich sonst in der Leere verloren hätte.
  • Warst mir ein Pflaster auf jede Wunde,
  • eine wohl verdiente Pause, wann immer ich sie brauchte.
  • Du warst DA, wenn alle Welt mich verlassen hat.

Vielen vielen DANK!!!!!!!!!!!

Hätte ich gedacht, dass mir mal Abschieds-Tränen kommen, wenn ich ans Rauchen denke? An all die Wagenladungen voll Zigaretten, die ich in Jahrzehnten konsumierte – die mir ‚(neben all dem Schaden, den sie anrichteten) ja auch immer etwas GEGEBEN haben, das ich zu brauchen meinte. Etwas GUTES!

50 Wege, die Geliebte zu verlassen – und meiner?

Mein Weg heißt „Moratorium für die Lunge“ und das bedeutet, so zu tun, als gäbe es ein „zurück“. Damit die Angst vor dem „nie mehr“ nicht zu groß wird, um im Hier & Jetzt nicht mehr zu rauchen.

Diese „Erlaubnis zur Rückkehr“ behindert paradoxerweise das Gefühl des Abschieds nicht. Im Gegenteil, ich fühle mich sehr frei, zu tun oder zu lassen, was immer ich mag.

Und gerade diese gefühlte Freiheit von der so vertrauten Sucht lässt mich die Melancholie des Abschieds spüren.

Mach’s also gut, Ziggi – ich werde dich immer in liebevoller Erinnerung behalten!

Du kannst ja nichts dafür, dass du deine Lover auf Dauer umbringst – aber ich will halt noch ein bisschen leben. GUT leben, nicht nur später sterben.

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