Claudia am 03. Mai 2011 — 29 Kommentare

Punkt-Schluss: Zufällig rauchfrei, dritter Tag

Es ist kurz vor 11, vor mir steht die übliche Kanne Milchkaffee, alles ist wie immer – fast. Es fehlen die Tabakkrümel auf der Tastatur, die Blättchen und Drehfilter, der Aschenbecher und die mittlerweile sündhaft teuren Tabakbeutel der Marke „Javaanse Jongens“, die ich viele Jahre fast ausschließlich rauchte.

Es tut gar nicht weh…

Was zu meiner Verwunderung ebenfalls fehlt, sind drastische Entzugserscheinungen. Ab und zu meldet sich eine plötzliche Erinnerung an das vermeintlich „gute“ Gefühl, wenn der mit ca. 4000 verschiedenen Schadstoffen belastete Rauch durch die Lunge strömt. Dann atme ich einmal tief ein und freue mich drüber, dass der Atem „nach oben hin“ schon nicht mehr so anstößt wie noch vorvorgestern. Und ich spüre meinen Körper, der sich plötzlich nicht mehr anfühlt wie eine Last, die man „von Stuhl zu Stuhl“ durchs Leben schleppen muss, sondern irgendwie leichter, lustvoller, durchaus geneigt, sich auch mal ein bisschen zu bewegen. Sogar die Nase ist dabei, zu einem „nächsten Leben“ zu erwachen – ich kann den Kaffee schon wieder ein bisschen riechen, bevor ich ihn trinke.

Sollte es doch dazu kommen, dass mich der „Schmacht“ überfällt, nehme ich gleich bei den ersten Anzeichen eine viertel Nikotin-Tablette. Gestern und vorgestern hab‘ ich zusammen insgesamt vier solcher Miniportiönchen konsumiert. Im Ergebnis also EINE Nikotin-Tablette, die mengenmäßig etwa dem entspricht, was pro vier Zigaretten ins Blut gelangt. Sauwenig, wenn ich bedenke, wie gut es mir geht.

Kein Vorsatz, nur Leiden

Anders als bei vorherigen Versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören, hatte ich jetzt keinen entsprechenden Vorsatz. Ich habe es lange schon aufgegeben, mir aus Angst vor dem frühen Krebstod immer neue, dann doch bald scheiternde „Gesünder-leben-Programme“ zu verordnen. Der letzte Stand meiner Auseinandersetzung mit alledem und mir selbst, steht im Beitrag „Die Geste des Anlaufs: Ab morgen wird alles anders?“ vom April 2006. Natürlich hab‘ ich es damals NICHT geschafft, länger rauchfrei zu bleiben. Nur mein Selbstbild hatte sich ein weiteres Mal verändert, indem ich noch viel weniger als bisher an die Kraft rational begründeter Selbstveränderungsbeschlüsse glaubte: Etwas in mir ist VIEL VIEL stärker als die Vernunft – und lässt mich locker „umdenken“, wenn ich ihm nicht gebe, was es braucht.

Seitdem sind weitere fünf Jahre vergangen, in denen ich grob geschätzt 8400 Euro für Tabak, Blättchen und Filter ausgegeben habe. Dabei bin ich trotz Gartenarbeit, Yoga, Rad fahren und Kiesern auch immer kurzatmiger geworden: mittlerweile muss ich nach dem zweiten Stock eine Pause machen, bevor ich die letzte Treppe in den 3. Stock schaffe. Ätzend! Ich komme mir vor wie 80….

Auch sonst leidet die Gesundheit: Lange erlebte ich gar keine Erkältungen. Doch in diesem April erwischte mich auf der Re:Publica schon die zweite im Jahr 2011. Und es zieht sich hin bis zur Gesundung: das Husten, die spürbar verschleimte Lunge bleiben deutlich länger als normal. Wodurch ich mich noch schwächer fühle als gewöhnlich.

Feste feiern, wie sie fallen

Am Samstag dann ein Walpurgisnacht-Fest: ich feierte mal wieder richtig mit, konsumierte etliche Biere und allen mitgeführten Tabak, dazu geschnorrte Zigaretten, als die Packung alle war. Tags drauf gab’s die Rechnung: Matschbirne und Nachwirkungen bis zum Nachmittag. Und einen absoluten Ekel beim bloßen Gedanken ans weiter rauchen.

Das hab‘ ich natürlich schon öfter erlebt und weiß, dass die Sucht nur allzu schnell wieder kommt – bisher jedenfalls. Und doch: Warum nicht die Gelegenheit wahrnehmen, zumindest eine RAUCHPAUSE einzulegen? Ein „Moratorium“ sozusagen, das der Lunge eine gewisse Regenerationszeit gönnt und mich erleben lässt, wie schlimm oder eben nicht schlimm der Ausstieg sich derzeit anfühlt ?

Tja, im Moment geht es erstaunlich locker. Und ich werde den Teufel tun und große Zukunftspläne machen! Viel wichtiger ist es, hier und jetzt zu bemerken, wieviel BESSER ich mich fühle ohne die Last der täglich 20 bis 30 Zigaretten…

Diskussion

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29 Kommentare zu „Punkt-Schluss: Zufällig rauchfrei, dritter Tag“.

  1. Wäre schön, wenns klappen würde. Gerade gestern starb ein Arbeitskollege mit 59 Jahren an Lungenkrebs, deshalb bin ich für das Theme sensibilisiert. Ich hatte damals, als du dein Nichtrauchertagebuch führtest, zeitgleich mit dir aufgehört und glücklicherweise durchgehalten. Dafür habe ich mit dem enormen Übergewicht nun einen anderen Risikofaktor, der nicht weniger üble Wirkungen zeitigen kann… Also: viel Glück!

  2. Ja, es ist eine tolle Erleichterung, wenn man diese Angewohnheit loslässt. Die ersten „Entzugserscheinungen“ werden schnell weniger (bei mir war es damals eine besondere Ungeduld; blöderweise machte ich gerade Passagierbefragungen am Flughafen – ich hätte auf- und abspringen oder die Passagiere vor’s Schienbein treten können… Hab mich natürlich zusammengerissen ;-). Mir hat geholfen, mich immer wieder zu erinnern, welche Gräßlichkeiten ich los werde (volle Aschenbecher, Gestank im Raum und an der Kleidung, Geschmack im Mund am Morgen, auch ein gewisser Selbsthass…) und was ich damit gewinne – für mich war es „Zeit“ und ein gesundes „Gefühl“. Apropos Zeit: Für mich war es wichtig, mir für die Zigarettenpausen Ersatztätigkeiten zu suchen. Alles wird gut (ehrlich, das sag ich sonst nie, aber jetzt passt es)!

  3. @Markus: dass ich damals 1998 mit dem ersten Nichtrauchertagebuch im deutschsprachigen Web immerhin ein paar andere Raucher zum Aufhören motiviert hatte, war mir ein kleiner Trost darüber, dass ich es selber nie nachhaltig geschafft habe! (Und wegen „Angst vor Krebstod“ werde ich es auch weiterhin nicht schaffen, da bin ich mir sicher. Es braucht Handfesteres als Ängste vor der Zukunft, um das UBW zu überzeugen).

    Wg. der zu erwartenden Gewichtszunahme führe ich grad Buch über den täglichen „Input“ – denn ich bin eh schon an meinem Allzeithoch und will definitiv nicht noch mehr zunehmen, sondern weniger essen!

    @Eva: Danke für die Ermunterungen! Das hauptsächliche Rauchen fand bei mir nicht in Pausen, sondern bei der Arbeit vor dem Monitor statt. Dass ich jetzt hier tippen kann, ist schon ein Zeichen, dass es auch ohne geht.. :-)

  4. Daumen hoch ;-)
    Dein Artikel ist sehr gut für das Weiterleiten geeignet, was ich dann auch gleich tun werde…kommentarlos :-)

  5. ist angekommen… der artikel ist gut;
    und gut zu wissen, dass es sich um eine freiwillige
    pause handelt :) (so quasi bis zur nächsten!)
    Lg E

  6. Wie passend, heute diesen Artikel im Reader zu sehen. Vor genau drei Jahren habe ich den letzten Glimmstengel entsorgt und bin nach wie vor sehr froh darüber den Quatsch los zu sein. Alles Gute für dein Vorhaben, es lohnt sich in jeder Hinsicht. Bloß die Nikotinkaugummis würde ich mir sparen. Wieso zweimal entziehen? Minzbonbons tun es auch, meiner Erfahrung nach. Aber das muß natürlich jeder selber entscheiden. Viel Erfolg also.

  7. Hallo Claudia,

    weißt Du noch, unsere kleine Diskussion vor fünf Jahren? Ich bin immer noch rauchfrei. Ich habe es also geschafft. Und auch Du kannst es schaffen, das weiß ich, denn Dein Freiheitsdrang ist stärker als die Nikotinbestie. Außerdem hast Du in Deiner Vergangenheit mindestens ein Monster besiegt, das viel stärker war. Ich brauche Dir kein Glück zu wünschen, denn das brauchst Du nicht, um Dich ein für alle Mal vom blauen Dunst zu befreien. Mach es einfach. Du kannst das!

    Herzliche Grüße,
    Iris

  8. P.S.: Minzbonbons würde ich (im Hinblick auf die befürchtete Gewichtszunahme) eher nicht empfehlen. Ich habe stattdessen in der Anfangsphase gute Erfahrungen mit einem Ersatzritual gemacht. Konkret sah das so aus, dass ich mir online ein paar unkomplizierte gymnastische Übungen ausgesucht habe (leicht bei jedem Wetter ohne Sportgeräte im Wohnzimmer durchzuführen), die ich jedes Mal 5 – 10 Minuten machte, wenn der Schmacht mich dazu zwingen wollte, mir etwas in den Mund zu stecken.

  9. bin seit 1.2.2004 rauchfrei – am 31.1.04 21:00 letzte Zigarette. einfach aufgehört, keine Beschwerden, es ist nur Wille. einfach nur Wille. es hilft kein Pflaster, kein Lehrgang, kein Bonbon – nichts nur der Wille. heute steht man drüber – habe 40 Jahre geraucht 20-30/Tag – also hör einfach auf – viel Gesundheit . PS ein kleiner Nachteil: habe 4 Kilo zugenommen – aber das liegt auch wieder am Willen

    gruss bert

  10. @alle: tut mir gut, Eure Anteilnahme! Sehr sogar.

    Ich werde weitere Beiträge zu den in Euren Kommentaren aufgeworfenen Aspekten schreiben. Es ist jedes mal anders mit dem dem „aufhören“ – und auf jeden Fall hängt immer ALLES mit allem zusammen, sämtliche Lebensaspekte kommen quasi zur Wiedervorlage…

    Für mich ist es momentan nützlich, mich nicht mit dem ganz großen Anspruch „nie wieder“ geistig unter Stress zu setzen. Die Idee des „Moratoriums“ passt gerade sehr gut! :-)

    @Iris: Glückwunsch!!! 5 Jahre rauchfrei ist toll!

    @Bertie: ebenfalls Glückwunsch!! Für jeden stellt sich das Aufhören anders dar – reiner „Wille“ kann es BEI MIR nicht sein, das hab ich mehrfach durch.

  11. @Claudia:

    Mit dem Leiden bist Du aus meiner Sicht Deiner Achillesferse schon ganz nah…

  12. @claudia
    „..reiner “Wille” kann es BEI MIR nicht sein, das hab ich mehrfach durch“
    das kann nicht sein, denn Wille heisst auch durchhalten, Wenn das „Schweinchen“ sagt „mir lüstert nach Rauch“, sag ihm willig, mir nicht! :-). Es geht nicht anders – durchhalten und der Versuchung widerstehen, sie wird immer kleiner, je länger es dauert – durchhalten, Deine Körper dankt es Dir in 3-5 Jahren.

  13. …reiner Wille kann es nicht sein, das denke ich auch. Gewollt hätte ich nämlich schon lange bevor ich es GeTAN hab.
    Echte Überzeugung, die brauchts meiner Meinung nach. Und Sturheit bzw. Durchhaltevermögen. Kein „ich will aufhören“ sondern „Ich rauche nicht mehr. (Egal was da kommt.)“

  14. Viel Erfolg!

  15. Finden beendet das Suchen/die Sucht.

  16. Genesen beendet das Siechen/die Sucht. ;-)

  17. […] Punkt-Schluss: Zufällig rauchfrei, dritter Tag […]

  18. auch von hier viel erfolg!
    selbst hab ich einfach kein
    vernünftiges argument das mich vom
    sozialverträglichen früh ableben durch
    rauchgenuss abhalten könnte:
    weder reicht die armselige rente
    noch die aussicht auf siechtum und hunger
    sowie kälte im alter.

    kämpfe grade in einem ganz anderen kampf,
    hab meinen steuerberater gefeuert und
    mach den finanzkram per exel selbst
    (mit absehbaren erfolgen)und sehe an meinen
    innerbetrieblcihen strukturen wer in diesem
    staat an wem TATSÄCHLICH verdient.

    bei diesen erkenntnissen trifft mich regelmässig der realitätshammer genau da wo es einen selbständigen
    am heftigsten schmerzt (nein! nicht zwischen den gehwerkzeugen! ((hgrmphff)) sondern: GENAU! -> im
    göldbeidel.

    scheissglumbbverrecktsmileckschdamallerwerdeschdahemmelgreidzdonderweddernagnadldsondwiederweggrissas!

    trotzalledem!
    lass dich nicht von süchten
    unterkriegen die keine sind:)

    alles gute weiterhin
    imsz

  19. Lieber Ingo: die Angst vor frühem Tod ist für mich kein nachhaltiges Motiv, mit dem Rauchen aufzuhören. Sobald nämlich die grobe Umgewöhnung vorbei ist, entdeckt man: auch Nichtraucher sterben! Manchmal sogar früher, oft auch gar nicht „schön“… warum also nicht rauchen?

    Mir gehts um die Lebensqualität hier und jetzt. Und ein bisschen auch ums Abenteuer: mit der Zigarette betäubt man sich und unterstützt das „weiter so“ in jeder Hinsicht. Fällt sie weg, kommt auch jede andere Gepflogenheit und jedes So-Sein und So-Leben zur Wiedervorlage auf den Tisch!

    Lieben Gruß
    Claudia

  20. […] lange Rauchen immer deutlicher und leidvoller. Ganz ohne Plan bin ich nun spontan in mein "Rauch-Moratorium" hinein geschlittert – und jetzt ist schon eine Woche rum. Fast ganz ohne Entzugserscheinungen, auf […]

  21. […] konkrete Absicht hat dieses Blog mal eben einen Monat pausiert. Der Grund: ich hab’ am 1.Mai mit dem Rauchen aufgehört. Wäre dieses Blog ein Brotjob, hätte ich mich natürlich trotzdem zusammen gerissen […]

  22. […] ohne Plan bin ich nun spontan in mein “Rauch-Moratorium” hinein geschlittert – und jetzt ist schon eine rauchfreie Woche rum. Fast ganz ohne […]

  23. und was ist mit dem Vorhaben geworden? Kommt ruhig mal bei meinem Rauchen aufhören Blog vorbei – dort gibt es Motivation und tritte in den Hintern!

  24. @alle: wer es – wie ich – trotz mehrfacher umfangreicher Stopp-Versuche nicht geschafft hat, dauerhaft mit dem Rauchen aufzuhören, kann es machen wie ich:

    Dampfen statt Rauchen!

    Mach ich seit Dezember, ich spare jede Menge Geld und es geht mir auch schon besser (Raucherhüsteln weg, Klamotten und Wohnung riechen nicht mehr, Lunge bleibt Teerfrei… wow!)

  25. Hi Claudia, finde wirklich interessant, wie du diesen Entzug beschreibst. Merkst du beim Dampfen irgendwelche Nebenwirkungen oder ist das wirklich so neutral, wie alle sagen. Würde mich mal interessieren:) Danke und liebe Grüße aus Kölle

  26. Ja, es ist tatsächlich so!

    Was zunächst auffällt, ist, dass der Suchtdruck durch Dampfen erheblich nachlässt. Es sind dann schon manche „versehentlich Nichtraucher/Nichtdampfer“ geworden, obwohl sie es nicht vorhatten. Nebenwirkungen? Woher denn? Da ist ja nichts drin, das diese verursachen könnte.

  27. Herzlichen Glückwunsch an alle, die es schaffen, mit dem Rauchen aufzuhören und sich auch nicht wieder zurückziehen lassen von Problemgedanken wie demjenigen, dass sie zunehmen könnten infolge des Nichtrauchens. Eine eventuelle Gewichtszunahme sollte als eigenständiges Thema bearbeitet werden und nicht indem man das eine Problem „löst“, indem man ein früheres wieder aktiviert.

  28. Es ist so ein schönes Gefühl, sagen zu können ich Rauche nicht mehr.
    Es war auch für mich nicht leicht aber wenn man es wirklich will dann schafft man es auch, und was kann schon dabei schief gehen außer das man sich am Ende besser fühlt. Ich Rauche jetzt seit 2 Jahren nicht mehr und habe auch Null verlangen nach einer Zigarette eher wird mir schlecht bei dem Gedanken. Schöner Beitrag.Eine gute Möglichkeit Langsam damit aufzuhören ist auch diese hier

  29. „wenn man es wirklich will dann schafft man es auch“ – klar, für eine gewisse Zeit, solange das ein „Thema des Engagements“ ist. Lange hab ich es aber nie durchgehalten… auch das hier beschriebene Mal nicht!

    Mittlerweile hab ich ein neues Blog zum Thema „Dampfen statt Rauchen„. :-)

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