Claudia am 23. März 2011 — 7 Kommentare

Die Katastrophe als Normalität und Schreibblockade

Nichts hat sich wirklich gebessert in Fukushima, doch wenden sich die Medien langsam ab: keine Lösung, kein Super-GAU, da macht das Tickern und Sonder-senden keinen Sinn mehr. Dafür gibts die Meldungen aus Libyen, wir lesen, wieviele Geschosse wohin geschossen wurden und wie sich die ursprünglich so schnell einige Front gegen Gaddafi nun zerstreitet. Dem Aufruhr in der restlichen arabischen Welt vermag man kaum noch zu folgen. Jemen? Hat denn da wirklich jemand REGIERT??

Dass sieben AKWs auf die Schnelle abgeschaltet wurden, sei es auch nur aus wahltaktischen Überlegungen, ist immerhin mal eine gute Nachricht. Fakten sagen mehr als Worte und ich hoffe sehr, dass es vielen vielen Menschen jetzt auffällt, wie haltlos das Gerede von der Unverzichtbarkeit dieser Meiler über all die Jahre war. Gehen jetzt etwa irgendwo die Lichter aus? Mitnichten – es entfällt nur eine Million Gewinn pro Tag und AKW.

Ansonsten: der Frühling ist da und Knut ist tot. Am Berliner Zoo stapeln sich die Blumen der Trauernden.

Ich empfinde fast so etwas wie eine „Schreibblockade“. Zwar kann ich noch Sätze absondern, aber irgendwie fehlt mir der rote Faden: die Kontinuität des Erschreckens über ein und diesselbe Sache, aus der ein Sinn-Gefühl erwächst. Ein Wissen darum, wie man sich selbst in alledem verortet und welches Verhalten angemessen ist. Ist es nicht furchtbar, inmitten der laufenden Katastrophen und Kriege von „Seitan im Kochbeutel“ zu schreiben?

Deshalb bin ich zur Zeit ungewohnt still.

Diskussion

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7 Kommentare zu „Die Katastrophe als Normalität und Schreibblockade“.

  1. nicht still genug, baby, nicht still genug … aber na ja, wir sind menschen und nicht götter, gelle, selbst meine intergalaktische wenigkeit, zuzeiten, teilweise, näheres später

  2. Das kenne ich. Es breitet sich Einsamkeit aus. Die Medien tanzen wieder auf anderen Hochzeiten und das Desaster wird uninteressant.

  3. wenn die schreibblockade öfter so wunderbar alles auf den punkt bringende kompakt-artikel liefert, hätte ich gern mehr davon.

  4. Du schreibst von „Seitan im Kochbeutel“ und ich pflanze Tulpenzwiebeln in Baumscheiben, um mich ein wenig von dem Irrsinn in diesen Tagen abzulenken.
    http://www.bloggerpatenschaften.de/offentlichen-raum-begrunen-beim-twestival-in-berlin/

  5. Ich denke dass es weder schlimm ist über „Seitan im Kochbeutel“ zu schreiben noch Tulpenzwiebeln zu pflanzen – oder was man immer inmitten der Katastrophen tut um etwas „Normalität“ (was ist das?) zu empfinden.

    Das Schlimme an diesen Katastrophen ist nicht „nur“ all das menschliche Leid, sondern dass eben diese Katastrophen zur „Normalität“ werden. Wie lange das in Fukushima noch so weiter geht – wer kann es wissen (heute sprach ein Wissenschaftler im Radio von mehreren Monaten..)? Wie lange wird der Krieg in Libyen weitergehen? Und wird nicht allenthalben um „Knut“ getrauert während schon seit langer Zeit die Eisbären in der Arktis ums Überleben kämpfen und es hier nur noch ab und zu wahrgenommen wird?

    Wir Menschen bleiben auch in dieser Hinsicht, nun ja, Gewohnheitstiere und gewöhnen uns daran. Und vielleicht ist das auch gut so, sonst müsste man ja unweigerlich durchdrehen.

    Liebe Grüße,

    Joachim

  6. Sprachlosigkeit ist womöglich manchmal die letzte Rettung vor Schlimmerem. Wenn sie nicht ewig dauerte!

    Weil sie, täte sie das, dann uns weg nähme, was Menschen von Gletschern et al unterscheidet – das Meckern, Jammern, Krackeelen, Motzen und Pöbeln.

    Vielleicht ist ja die Schwatzhaftigkeit das einzig Originelle, was wir Menschen dem Universum hinzu getan haben, seit es der ewige Schweiger erschuf.

  7. Ich danke Euch für die wundervollen Resonanzen! Richtig ermunternd! :-)

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