Claudia am 16. Februar 2011 — 7 Kommentare

Fünf Tage offline

Im Zug ist mir aufgefallen, wie viele Leunte mittlerweile ihren Notebook (plus Handy plus Headset) auf dem kleinen Klapptisch stehen haben und in den Monitor gucken. Ein weiteres gefühltes Drittel beschäftigt sich mit dem Smartphone. Kaum einer schaut noch aus dem Fenster.

Die aufgeräumten Landschaften des ausgehenden Winters boten auch wahrhaftig nicht viel Reiz, also hatte ich mir ein Buch mitgenommen, den ersten dicken Wälzer seit längerer Zeit. „Der Schwarm“ fesselte mich bis zur letzten Seite, ein Erlebnis, das ich mir lange nicht gegönnt hatte. In Reichweite des eigenen „Tors zur Welt“ ist die Verlockung meist zu groß, mich anderen, vermeintlich wichtigeren und irgendwie „kurzweiligeren“ Dingen zu widmen.

Anders als auf früheren Reisen hab‘ ich diese fünf Tage vollständig auf Netzkontakte verzichtet. Alle, für die ich gerade arbeite, waren informiert, das musste reichen. Das Handy benutze ich sowieso nur zum Austausch der üblichen Stimmfühlungslaute bei realweltlichen Treffen. Es zu einem Netzterminal aufzupeppen, reizt mich nicht. So mobil bin ich nicht, dass sich das lohnen würde. (Und alles, was sich damit machen lässt, kommt mir eh vor wie „Internet für Arme“).

Um etwaigen Einbrechern keinen Anreiz zu geben, kündige ich Reisen in meinen Blogs nicht an. Erst letzte Woche ist in der Wohnung unter mir eingebrochen worden. Bei mir ist zwar nichts zu holen, was sich lohnen würde, aber das weiß der potenzielle Einbrecher ja nicht – und ärgerlich wär‘ es allemal. Die Idee, man würde vermisst, wenn nicht im üblichen Abstand Neues erscheint, ist sowieso eine Ego-stützende Illusion. Es gibt immer übergenug andere Quellen, es fällt nur den wenigsten auf, wenn ein paar Blogs mal ein bisschen „schweigen“.

Entzugserscheinungen spürte ich nicht, was mich selbst ein wenig erstaunte. Die Tage waren gefüllt mit Gesprächen „von Angesicht zu Angesicht“, kurzen Auto- und Bahnfahrten von hier nach da, Spaziergängen durchs schon viel wärmere Rheinland und einem mehrstündigen Messebesuch: die „Veggie-World“ in meiner alten Heimatstadt Wiesbaden war einer der Gründe für die Reise gewesen. (Ein Bericht dazu erscheint bald auf unverbissen-vegetarisch)

Nicht mal dann, wenn meine Gastgeber „mal eben ins Internet“ gingen, fühlte ich ein Bedürfnis, selber online zu gehen und nach dem Rechten zu sehen. Was sollte schon geschehen, was nicht auch ein paar Tage Zeit hätte? Gleich werde ich mal die E-Mails checken und erfahren, ob dieser Eindruck stimmt.

Wenn ich dran denke, was ich früher alles mitnahm, um täglich online gehen zu können: das eigene Mailprogramm mit allen Accounts, die Passwort-Datei, die Daten der laufenden Arbeiten, ein FTP-Programm – und überall war mein erstes Interesse: WO kann ich ans Netz?

Vorbei! Und es ist verdammt angenehm, sich mal ohne Entzugserscheinungen ein paar Tage vom Netzgeschehen abwenden zu können.

Jetzt aber freue ich mich, wieder online zu sein – und wieder zu hause! Da, wo alles so ist, wie ich es gewohnt bin. Beginnend vom Espresso meiner Wahl bis zum „richtigen“ Kopfkissen und der mir angenehmen Raumtemperatur. Ich halte mich ja für eher „verfroren“, war aber doch erstaunt, wie WARM meine Gastgeber ihre Wohnungen aufheizen. Nämlich so, dass man im T-Shirt rumlaufen muss, um sich wohl zu fühlen. Und das gleich durchgängig über Wohnräume, Flure, Küche und Bad. Und ich dachte, ich wär die Klima-Sau, weil ich mir oft 20 Grad im Arbeitsraum leiste! (Liebe Freunde, Ihr wisst: ich „sündige“ an anderer Stelle.. ist also kein Vorwurf!)

So, und jetzt schau‘ ich mal, was sich so getan hat….

Diskussion

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7 Kommentare zu „Fünf Tage offline“.

  1. […] dachte, ich lese nicht richtig!! Grade von einer 5-tägigen Reise zurück gekommen, bin ich grade dabei, mal so überall rum zu schauen, was sich Neues tut. Und stoße auf […]

  2. Hallo Claudia,

    Gratulation – zum Gesinnungswandel. Ja wir werden mit dem Alter
    reifer, gelassener und nachsichtiger.

    Ich stelle an mir fest, daß ich nicht mehr überall dabei sein muß,
    und empfinde dies als beruhigend.

    Gruß Hanskarl

  3. Ja, offline geht auch…wie war das denn noch vor 20 Jahren???

  4. @Claudia
    Habe mir Sorgen gemacht, wenn von einer rund-um-die-Uhr-Schafferin kein einziges Zeichen zu entdecken ist. Muss ich nach Berlin düsen, nachsehen ob alles Okay ist, habe ich mich gefragt! Wer das Mobile so sträflich als Teenies Spielzeug einstuft vergisst, dass nur mit einem Mobile ein Notruf abgeschickt werden kann, wenn frau zwischen Online Arbeitsplatz und Küche einen Schwächeanfall erleidet und zu Boden geht. Ich schalte zwar das Handy auch konsequent aus, was sich oft gehört und dazu kommt das eigene Bedürfnis nicht gestört zu werden, aber in Griffweite habe ich es immer.

    Was ich im Ernst nicht verstehe, ist das Mobile als möglichen Störfaktor zu betrachten, gleichzeitig aber bei Twitter mitzumachen! Abgesehen davon dass Twitter bei Demos und Unruhen organisieren, eine wichtige Rolle spielen kann, würde mir dieser unendliche Strom an Banalitäten furchtbar auf den Geist gehen.

    „Bei mir ist zwar nichts zu holen, was sich lohnen würde,…“

    Das sehe ich aber anders. Denke aus Deinen gesammelten Tagebüchern, könnte man ein spannendes Buch machen, einfach mit copy – paste, und dieses Lebensbuch wäre sicher Bestsellertauglich. :-) Also klauen lohnt sich schon bei dir.

  5. Hier erstmal noch ein ZEIT-Artikel zum Thema, der mir so richtig Mitleid mit den Jungen von heute vermittelt:

    Einsam ohne Handy und Internet

    „Für eine weltweite Studie verzichten Studenten 24 Stunden lang auf Handy, Internet und Fernsehen. Langeweile und Fressattacken sind nur einige der Folgen. „

    @Relax: tut mir leid, dass du dir Sorgen machtest! Damit rechne ich wie gesagt schon gar nicht mehr, sondern sehe es eher als frühere Selbstüberschätzung, mich als irgendwie „unabkömmlich“ zu fühlen. :-) Wären es mehr als die paar Tage gewesen, hätte ich mir was einfallen lassen!

    Das mit dem Handy als „Notruf“ ist eine Überlegung wert – da ich aber als Homeworkerin weit weniger mobil sein muss als alle, die das Haus fürs Arbeiten verlassen müssen, konnte ich mir einen ständigen „Handy-Umgang“ bisher nicht angewöhnen.

    * Twitter: man merkt, dass du Twitter nicht wirklich verstanden hast! (So gehts den meisten, die es nicht selbst nutzen) Es ist NICHT so, dass man mit einem „Strom endloser Banalitäten“ konfrontiert würde. Man wird mit GAR NICHTS konfrontiert, wenn man beitritt, sondern abonniert sich selber diejenigen „Sender“ (=andere Teilnehmer bzw. deren Info-Strom), die man lesen will. Und NATÜRLICH abonniere ich keine Leute, die nichtssagendes BlaBla von sich geben, sondern solche, die in meinem Interessenspektrum interessante Infos weiter geben.

    Das sind dann „Kanäle“, die meinem eigenen ähneln. Wirf einen Blick auf twitter.com/HumanVoice und sag selbst, ob das „banales Gewäsch“ ist.
    Es gibt zu fast jedem Fachgebiet entsprechende Twitterer, dazu haben alle relevanten Medien Accounts, die ihre neuen Artikel melden.
    Natürlich hab ich auch ein paar Twitterer abonniert, die mir persönlich bekannt sind oder die z.B. gute Zitate twittern – jeder macht sich so sein eigenes Gemisch. Und wenns unübersichtlich wird, kann man die Leute in Listen zusammen fassen, so dass ich z.B. in die Liste „Medien“ oder „Bekannte“ oder „Netzpolitik“ etc. gucken kann, wo die „Einschlägigen“ bzw. deren letzte Tweets dann versammelt sind.

    Nirgends erfahre ich so schnell und aktuell das Neueste und laut Empfehlung von mir ausgewählter User Relevante zu den Themen, die mich interessieren wie auf Twitter!

    Und doch lasse ich mir das nicht fortwährend auf den Desktop rinnen, sondern schaue nur dann mal hin, wenn ich Lust drauf habe.

    *Tagebücher: die gibts nur im Web vollständig, ich lege schon lange nichts mehr davon auf der Festplatte ab. :-) Ich hab auch mal ein Jahr „als Buch gesetzt“, fand es aber selber nicht so gut lesbar, dass ich es hätte produzieren wollen. Auch eine Auswahl „alles über Internet“ von 1996 (in Vorläufer-Medien) bis 2001 war ohne Kommentierung der „historischen Texte“ nicht so doll… und die würde ja riesige Arbeit machen!

  6. „Internet für Arme“- interessanter Ausdruck!
    In der Bahn schaut kaum jemand aus dem Fenster. Da fällt mir ein kleiner Junge ein, den ich als besorgte Klassenlehrerin mal fragte, ob er ab und zu mit seinen Eltern in den Wald ginge. Ach Gottchen, was schaute er mich so empört verstört an- und meinte: Was soll ich denn da, da sind doch nur Bäume, da ist es an meiner Play Station aber viel schöner!
    Wie arm.
    Und fast alle werden so.
    Gruß von Sonja

  7. ich kann da Sonja aka Wildgans nur zustimmen, wo soll das alles nur hinführen wenn Kinder denken das alle Kühe lila sind und das Milch tja woher doch gleich nochmal kommt? Solange Spielekonsolen die einzigste Beschäftigung für Kinder sind sieht es mit der Nachhaltigkeit unserer gegeben Umweltressourcen schlecht aus.

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