Claudia am 10. Dezember 2010 — 6 Kommentare

Was ist Gemeinsinn? Brauchen wir mehr davon?

In Fortsetzung der mittlerweile sehr lang geratenen Diskussion zum letzten Beitrag (Brauchen wir gemeinsame Ziele?) schreib‘ ich lieber in Gestalt eines neuen Artikels weiter.

Mein Verständnis von Gemeinsinn hatte ich als eine Einstellung beschrieben, die allen nützt, aber auch dem jeweiligen Individuum, z,B. MIR.

Schließlich haben Menschen viele Interessen gemeinsam, doch haben wir deren Erledigung in hohem Maße an Institutionen ausgelagert bzw. arbeitsteilig organisiert. Man spürt dann die Notwendigkeit des Gemeinsinns nicht mehr so – bis es da wieder irgendwie knirscht. Und es engagieren sich ja nicht wenige freiwillig auf vielen sozialen und kulturellen Feldern.

Wir wollen Frieden, damit wir in Ruhe unseren eigenen Zielen und Amüsements nachgehen können. Auch eine saubere Luft und angenehme Umwelt (Artenvielfalt!), die Versorgung der Kinder, Alten und Kranken, die allgemeine Bildung und kulturelle Aktivitäten – es ist doch leicht einzusehen, dass dies alles im Prinzip gemeinsame Interessen sind. Auch dass mir einer beispringt, wenn mich jemand angreift, gehört dazu – und niemand sitzt gern auf zerschnittenen Sitzen im Abteil.

Kurz gesagt: Gemeinsinn ist doch nicht völlig abgehoben von eigenen Interessen, so als eine Art frei schwebender Altruismus. Oder doch?

Susanne hatte dem widersprochen, denn es sei falsch, von einem anderen Menschen zu erwarten, er oder sie könne wissen, was ich brauche und mir wünsche.

Gerhard fragte weiter:

Also mich interessiert mehr, WIESO Claudia an einen Gemeinsinn und die Enfaltung dessen in unserer Gesellschaft glaubt anstatt über die Möglichkeit und Erfolg oder Mißerfolg eines solchen zu befinden.
Ich bewundere im Grunde den Optimismus von Dir, @Claudia, würde aber gerne mehr über die Wurzel dieser Haltung erfahren.
Genauso interessiert mich im Grunde der Hintergrund der Äusserungen von Susanne mindestens genauso stark wie deren Inhalt. So passiert es mir meist, wenn ich Leute näher kennenlerne.

Also: im Moment verstehe ich weder Susannes Einwand noch die Frage von Gerhard. Denn ich hatte für mein Empfinden ja schon recht klar geschrieben, was ich mit “Gemeinsinn” meine – und damit auch gleichzeitig erläutert, warum ich den “im Prinzip” für etwas ganz Normales halte. Ebenso, warum er in unserer Zeit oft fehlt bzw. als schwindend begriffen wird.

Für mich ist das keine Sache des Glaubens, sondern ergibt sich aus einfacher Vernunft, bzw. rationaler Betrachtung.

Susanne meint, niemand könne wissen, was ICH will bzw. dieses Begehren teilen – dabei habe ich nicht von spezifischen persönlichen Wünschen gesprochen, sondern von allgemein menschlich-gesellschaftlichen Bedürfnissen sozialer Art. Es mag einzelne geben, denen z.B. der soziale Frieden egal ist, das aber ist ein kleine Minderheit. Jeder will doch aus dem Haus treten können, ohne gleich überfallen zu werden! Um das zu wissen, brauch ich keinen Optimismus.

Sollte beim Nachbarn (mit kleinen Kindern) der Strom ausfallen, reiche ich ein Kabel rüber. Trifft es das ganze Haus und die HV tut nichts, würde es eine Hausversammlung geben und man würde besprechen, was zu tun ist. Verwahrlost der Platz (Wiese, Kinderspiel, Grün etc.) vor meinem Haus, bildet sich eine Initiative aus Anwohnern, die selber aktiv wird (ist hier schon mal geschehen).

Oft ist man selbst von nichts derartigem konkret betroffen. Na klar (siehe oben), wir haben ja nahezu alles institutionalisiert und an den Staat bzw. Unternehmen delegiert. Dann verlangt es ein gewisses Abstraktionsvermögen, z.B. Gemeinsinn durch Spenden, Proteste, Politik-machen, Freiwilligen-Arbeit zu zeigen – also über die vielleicht gerade ganz gute persönliche Situation hinaus zu sehen. Doch auch das schaffen recht viele Menschen immer wieder – indem sie einen persönlichen Bezug herstellen zum jeweiligen Thema. Z.B. wird jemand, der sich um Jugendliche kümmert, daran denken, dass es auch für die heute Erwachsenen besser ist, wenn diese in ein normales Leben statt einer Hartz4-Karriere finden etc. usw.

Ich selbst habe an vielen Stellen erfahren, dass es sehr wohl nützt, wenn man sich zusammen tut und gegen Missstände aktiv wird. In den 80gern war ich Teil einer Bewegung gegen Sanierungschaos, Leerstand, unbezahlbare Luxusmodernisierungen – und das war erfolgreich. Es gab Zoff, ein Senat trat zurück, Bauskandale wurden aufgedeckt – und es gabe dann eine Sanierung, die nichts kostete, es sei denn, die Mieter wählten einzelne Ad-Ons (und selbst die waren nicht teuer).

Ebenso hab ich an Verkehrsberuhigung, einem Jugendzentrum, Erhalt von Stadtgrün etc. mitgewirkt. Das heute so beliebte Chamissokiez in Berlin ist, was es ist, aufgrund der massiven Bürgerproteste und Beteiligung in den 80gern. Ansonsten hätte man da nämlich jede Menge Abriss gehabt, Entkernung, Mietervertreibung – und freie Fahrt für vielerlei Durchganzsverkehr.

Soweit für jetzt.

Diskussion

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6 Kommentare zu „Was ist Gemeinsinn? Brauchen wir mehr davon?“.

  1. @Claudia, es ist nicht so, daß mich dieses Thema nicht mehr interessierte. Doch was ich dazu zu sagen habe und hatte, erschien mir (wieder mal)unbedeutend. Dies Folgende hatte ich aufgesetzt:

    „Ok, Claudia, nun habe ich zumindest eine Teilantwort bekommen. Du hast offenbar sehr viele positive Erfahrungen mit eigenem Engagement in der Gesellschaft gemacht.
    Mein Gedanke hat mehr in die Richtung gezielt, ob da eine Wurzel in der Kindheit auszumachen ist, die ein solches Wirken begünstigt (hat)?
    Auch bei Susannes Äusserungen vermeine ich einen inneren Motor zu verspüren, etwas, das sie gerne in eine bestimmte Richtung argumentieren lässt. Manchmal meine ich Verletztsein durch ihre Worte zu spüren. Nun kann sie etwa sagen: Psychologischer Humbug! Oder „Ich bin durch so etwas nicht zu fassen“. Damit hat sie recht – aber dennoch:
    Es ist für mich spannend, daß die Art, wie ich argumentiere und was ich aufs Tapet bringe, von etwas gespeist ist, das mir nicht bewusst ist – und wenn das so ist, dann erübrigt sich m.E. fast das Analysieren des Inhalts des Gesagten.“

    Gruß
    Gerhard

  2. Abgesehen von den vielen Aussagen, die im Zusammenhang dieses und des Textes, auf den sich dieser bezieht, noch in meinem Kopf herum geistern (@Claudia: weswegen ich schlichtweg bisher nicht die Zeit fand, auf diesen Text zu reagieren) möchte ich zu dem, was Gerhard oben anspricht, auf die Schnelle etwas bemerken.

    Einmal sehe ich hier keinen Kommentar als ‚bedeutender‘ oder ‚unbedeutender‘ an – solange er sich zumindest bemüht, auf den Text und/oder andere Kommentare einzugehen und es vermeidet, sich in leeren Wort- und Satzhülsen zu ergehen. Was sicherlich nicht immer gelingt. Ein bloßes Herunter-Leiern von Meinungen und Aussagen wird schnell langweilig. Man merkt es den Folgekommentaren oft an, wie die Luft zusehends entweicht. Niemand ist gefeit dagegen, daß ihr/ihm solches passiert. Aber macht das etwas? Hier kommentiert doch keiner, um einen Blumentopf zu gewinnen, sondern aus Spaß an der Freude!

    Zum anderen stecken natürlich hinter allen Aussagen (und Schlüssen und Beispielen und Folgerungen usw.) die persönlichen Momente der Autoren. Ob ich nun ‚pessimistischer‘ bin als Claudia, deren Texte mir immer sehr wohlwollend, offen und nachdenklich vorkommen, während meine mir (im Nachhinein) dagegen eher einseitig und schrill und oberflächlich vorkommen, (das ist jetzt keine übertriebene Bescheidenheit, sondern ein Vergleich. Absolut gesehen bin ich selbstverständlich ein Hort der Reflexion und Sachlichkeit und überhaupt…) mag zutreffen oder nicht. Es färbt die Texte und trägt, wie ich hoffe, zur Lebendigkeit der Worte bei.

    Doch ein öffentlicher Blog ist für mich nicht der Ort, zu tief in diesen Bereich persönlicher Momente einzudringen. Weil ich das zum einen ohnehin nicht mag, denn ein einseitiger, expliziter Fokus auf Innerlichkeit ist mir so falsch wie der Blickwinkel eines Guck-in-die-Luft’s. Und zum anderen unterscheide ich gerne zwischen der Kommunikation via technischer Medien und jener von Angesicht zu Angesicht.

    Für mich können beide nicht konvergieren, wollen sie ihre jeweiligen Eigenheiten behalten. Und beide versagen kläglich, nimmt man sie für das je andere.

    Die Distanz des Netzes etwa bietet eine Menge Vorteile, weil sie das heimliche Interesse vermeiden helfen kann, das jedes direkte Miteinander oft zu einem Gerangel um Rang und Ansehen werden läßt. Das klappt sicherlich nicht immer. Ich habe schon oft auf Blogs gelesen, wo ich mir fast wie in der Schule beim (nicht nur) dort so beliebten Spiel Die-Guten-ins-Töpfchen-und-die-Schlechten-ins-Kröpfchen vorkam.

    Claudia’s Blog dagegen empfinde ich als einen der wenigen Orte im Netz, in denen die Vorteile der Netz-basierten Kommunikation sehr prominent zum Tragen kommen.

  3. Danke für die Ausführungen, Susanne.

  4. Hallo Ihr Lieben! Schön, dass hier doch noch was gesagt wird! :-) Bin im Moment ein wenig IT-behindert, da ich nur über einen Netbook „drin“ bin. Mein PC hat den Geist aufgegeben und der Service kommt erst morgen.

    @Gerhard: Wurzeln des gesellschaftspolitischen Optimismus in der Kindheit? Das wären reine Spekulationen… allenfalls fällt mir dazu ein, dass mein Vater sich gegen alles, was ihm missfiel, gewehrt hat: Leserbriefe an die Presse, Briefe an den Bundeskanzler (echt!), Widersprüche, Klagen… von „Gemeinsinn“ war das alles zwar nicht getragen, vermittelte mir aber offenbar die Grundüberzeugung: sich wehren ist ok und manchmal erfolgreich. Das Zusammentun mit Anderen hab ich dann wohl dem Zeitgeist und der Jugend in den 70gern und 80gern zu danken.

    @Susanne: schön, dass du Zeit gefunden hast! Ich empfinde, deine Kommentare immer als Bereicherung und sehr inspirierend, auch wenn ich zu vielem eine andere Haltung (besser: Stimmung?) habe. Witzig, wie du oft die Ego-Interessen durch explizite Ausstellung distanzierst!!

    Das Gerangel um Rang und Ansehen erlebe ich von Angesicht nicht stärker als online – eher im Gegenteil! Kann aber auch dran liegen, dass ich ja gar nicht so oft unter Leute gehe, bzw. mit denen, die ich (meist einzeln) treffe, schon ein sehr entspanntes Verhältnis habe. Sei es nun Freundschaft oder die klar definierte, meist aber auch sehr freundliche Kundenbeziehung.

    Jetzt seh ich mal zu, dass ich dieses Netbook mit meinen „Zugängen“ versehe, auf dass ich auch wieder „social“ mitklicken kann… :-)

  5. zitat aus „Netzpolitik.org“:

    Auch heißt es für die Parteien nun, ihre bundesweiten, netzpolitischen Scherbenhaufen zusammenzukehren. Aus koalitions- also machtstrategischen Gründen hatten quer durch die Republik Landtagsfraktionen aller Couleur den JMStV trotz “Bauchschmerzen” bereits verabschiedet.

    Für die Zukunft muss insbesondere das Zustandekommen solcher Gesetze überdacht und umgestaltet werden. Während Pro-JMStV-Lobbyisten die Neuregelungen bereits von Anfang an hinter verschlossenen Türen mit der Mainzer Staatskanzlei ausgearbeitet haben, ist etwa erst vor einem Jahr, im Dezember 2009, etwas davon an die Öffentlichkeit und an Kritiker wie z.B. den Arbeitskreis gegen Internetsperren und Zensur (AK Zensur) durchgesickert. Was dabei herauskommt, haben wir in den vergangenen Monaten leidvoll verfolgen müssen. Ein solch intransparentes Vorgehen schadet der Demokratie und darf es in Zukunft nicht mehr geben. “
    -zitat ende-

    :)
    VENCEREMOS!
    :)
    es gibt doch noch kräfte in diesem Land,
    die eine einigermassen nachvollziehbare
    Gesinnung auch im dicht verschlossenen
    „WIR-Politikcontainer“ für gelegentliches
    Grossreinemachen benutzen.

    noch ist NICHTS verloren…noch kanns
    irgendwie „vorwärts“ gehen.
    information must run free.

  6. @Ingo: freue mich riesig! Wenns auch der Hammer ist, dass das die CDU zustande brachte!

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